Tumblr:
Mini- statt Microblogging

Martin Weigert, 18. Januar 2008 09:52 Uhr, 7 Kommentare Kommentare

TumblrDie zwei gängigsten Erscheinungsformen von regelmäßig veröffentlichtem User Generated Content sind Blogging und Microblogging. Beide haben nicht nur Vorteile. Selbst wenn Blogs technisch weit weniger komplex sind als professionelle Content-Management-Systeme, setzen sie dennoch gewisse Grundkenntnisse in der Web-Gestaltung voraus und brauchen ihre Zeit, bis sie optisch und strukturell den eigenen Wünschen entsprechen. Microbloggingdienste wie Twitter und Jaiku dagegen leiden unter dem Makel der Banalität und dienen meist als Plattform für kurze, über den Tag verteilte Statusberichten ihrer Nutzer – bei 140 maximal zugelassenen Zeichen pro Eintrag ist auch nicht viel mehr möglich. Was aber machen Menschen mit Mitteilungsbedürfnis, denen das Bloggen zu zeitintensiv oder kompliziert ist und Twitter zu oberflächlich? Sie könnten Tumblr nutzen.

Wenn zweinull.cc ein Blog ist und Twitter Microblogs anbietet, dann lässt sich Tumblr am besten als Anbieter für Miniblogs beschreiben. Tumblr spart sich viele der Funktionen, die Blogs zwar bis ins Detail individualisierbar, aber auch komplex machen, und gesteht seinen Nutzern trotzdem viele Freiheiten zu, die Microblogging nicht bietet. Wer einen kostenlosen Tumblr-Blog anlegen möchte, muss sich dafür kurz registrieren, was nicht länger als zehn Sekunden dauert. Anschließend kann man sofort loslegen und von seinem Dashboard aus Texte, Fotos, Zitate, Links, Audiodateien oder Videos in seinem Miniblog publizieren, der über eine beliebige Adresse (z.B. http://zweinull.tumblr.com) für alle Internetnutzer erreichbar ist und als RSS-Feed abonniert werden kann. Veröffentlichte Inhalte erscheinen chronologisch absteigend, Zeichenbegrenzungen gibt es nicht. Wer mit dem Aussehen seiner Präsenz nicht zufrieden ist, kann aus verschiedenen Themes wählen oder seinen eigenen gestalten. All das geht mit minimalem Zeitaufwand.

Obwohl Tumblr viel blogtypischen “Ballast” wie Tags, Unterseiten, Blogrolls und Kommentare (extern integriertbar z.B. mit Disqus) weglässt, stehen den Nutzern verschiedenste nützliche Extras zur Verfügung. So kann man mit einem Browser-Bookmarklet in Nullkommanichts einen Verweis bei Tumblr posten oder per Mail vom Handy aus Inhalte oder Medien veröffentlichen. Ein Widget ermöglicht Mac-Usern das direkte Publizieren vom Desktop aus. Wer möchte, kann seinen “Tumblelog” sogar auf einer externen Seite oder in einen anderen Blog integrieren. Diese Features machen deutlich, dass Tumblr nicht nur etwas für Blog-Laien ist (die mit Tumblr tatsächlich klarkommen sollten). Auch für fortgeschrittene User, die ungezwungen und ohne viel Aufwand ihre Gedanken niederschreiben wollen, kommt Tumblr in Frage. Selbst manche Vollblutblogger haben den Dienst mit dem für Deutsche unaussprechlichen Namen für sich entdeckt: Mein werter Blogger-Kollege Marcel Weiß nutzt Tumblr als Zweitblog für interessante Links, die er bei neunetz nicht oder erst später unterbringen kann.

In der Onlineausgabe des New York Observer erschien am Mittwoch ein Porträt des 21-jährigen Gründers von Tumblr. David Karp erzählt, dass der Dienst, der erst wenige Monate online ist, schon 170.000 registrierte Nutzer vorweisen kann. Der junge Unternehmer hofft, dass Ende 2008 eine Million Menschen weltweit Tumblr verwenden werden. Über ein Geschäftsmodell denkt Karp im Moment noch nicht so richtig nach. Das Startup verfüge über genug Kapital, um weitere 15 Monate ohne Umsätze zu laufen. Diese Zeit möchte er für das Wachstum der Plattform nutzen. Man kann verstehen, dass er es nicht eilig hat — für 750.000 Dollar hat er vor kurzem 25 Prozent von Tumblr an Investoren verkauft und damit eigentlich schon gewonnen. Zu hoffen ist, dass Karp nicht den gleichen Fehler begeht wie viele andere US-Startups und die Märkte außerhalb des englischsprachigen Raums vernachlässigt. Mit Versionen auf Deutsch, Französisch und Spanisch könnte Tumblr hundertausende neue Fans finden, denen es zum heutigen Tag nicht im Traum einfiele, einen “richtigen” Blog zu starten.

Update: Eine gute, ergänzende Betrachtung zu Tumblr gibt es bei web-mastered.

Update 2: Eine ähnlicher Dienst ist Soup.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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7 Kommentare

  1. HAMBURG STARTUPS
    schrieb am 18. Januar 2008 um 11:44 Uhr (#)

    Interessant! Bin gespannt, ob tumblr seinen festen Platz findet zwischen Twitter und WordPress. (Halte es für wahrscheinlich)

  2. ikonos
    schrieb am 18. Januar 2008 um 12:08 Uhr (#)

    Wieviele tumblr Clone gibts schon in Deutshcland? ;)

  3. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 18. Januar 2008 um 12:11 Uhr (#)

    Ehrlich gesagt, ich weiß nicht. Mir ist keiner bekannt, was aber nichts zu bedeuten hat. Sollte es wirklich noch keinen geben, dann wird sich dies sicher zeitnah ändern.

  4. SuckMySocks
    schrieb am 18. Januar 2008 um 13:55 Uhr (#)

    den für mich wichtigsten vorteil hast du grade mal übergangen: bei tumblr bekommt man (spätenstens mit der einführung von der v3) ein social network mitgeliefert. durch die reblog-funktion (man kann einträge anderer tumblelogs mit 2 mausklicks duplizieren – mit eingefügtem via-link und der möglichkeit zu kommentieren). und jeder sieht wer wen wie oft “rebloggt” hat. so entstehen – verdammt schnell im gegensatz zu einem wp-blog – verbindungen zu postern die ähnlichen inhalt verbreiten.

  5. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 18. Januar 2008 um 13:57 Uhr (#)

    Da danke ich dir für deine Ergänzung.

  6. SuckMySocks
    schrieb am 19. Januar 2008 um 11:15 Uhr (#)

    mir sind noch ein paar dinge eingefallen, die erwähnt werden sollten. ist ausführlicher geworden als ich eigentlich dachte ;-)
    http://web-mastered.de/post/24114358

  7. Micro Blog Freie Gedanken Pleo Fan
    schrieb am 4. April 2008 um 09:03 Uhr (#)

    170.000 registrierte Nutzer sind echt nicht schlecht! Da bin ich mal gespannt wie sich das ganze weiterentwickelt!

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