Bringt Facebook den Untergang des Abendlandes?

Andreas Göldi, 15. Januar 2008 01:46 Uhr, 12 Kommentare Kommentare

Dass das Social Network Facebook viele, viele User zur Zeitverschwendung mit Vampirspielen und virtuellem Schafewerfen animiert, ist bestens bekannt. Und dass diese vielgehypte Website an etwas krummen Businessmodellen leidet, wussten wir auch schon.

Neu hingegen ist, dass Facebooks dunkle Hintermänner doch tatsächlich vorhaben, die reale Welt zu zerstören und durch ein globales, virtuelles, neokonservativ-imperialistisches Netzwerk zu ersetzen. Das meint zumindest Tom Hodgkinson im Guardian von heute.

In der ersten Hälfte macht dieser Artikel einige zwar sehr kritische, aber durchaus noch plausible Aussagen:

“Clearly, Facebook is another uber-capitalist experiment: can you make money out of friendship? Can you create communities free of national boundaries – and then sell Coca-Cola to them? Facebook is profoundly uncreative. It makes nothing at all. It simply mediates in relationships that were happening anyway.”

Da kann man kaum widersprechen, aber vielleicht noch anmerken, dass Facebook (wie auch seine diversen Konkurrenten) seinen Usern ermöglicht, lockere soziale Beziehungen mit geringem Aufwand aktiver zu pflegen. Das ist vielleicht nicht wahnsinnig kreativ, aber gerade wenn man einen Bekanntenkreis hat, der sich über die Grenzen des eigenen Wohnortes hinaus erstreckt, durchaus nützlich.

Von da weg wird der Guardian-Artikel dann aber ziemlich paranoid und stellenweise etwas albern: Der politisch-philosophische Hintergrund von Peter Thiel, seines Zeichens erster grosser Investor (und, meinen viele, heimlicher Chef) von Facebook, wird durchleuchtet. Thiel ist ein libertärer, neokonservativer Kapitalist, erfährt man da. Das ist nun kaum eine dramatische Enthüllung, vermutlich könnte man das bei etwa 85% der Venture Capitalists feststellen. Da Thiel aber Philosophie studiert hat, hat er für diese relativ typische Einstellung auch eine solide intellektuelle Begründung und ist Mitglied bei allerlei mehr oder minder aktiven Gruppen, die solche Ideologien vertreten. Tja, jeder hat so seine Hobbies.

Der Guardian weiter: Thiel ist für freien Geldverkehr über alle Staatsgrenzen hinweg, Laissez-faire-Kapitalismus dank Internet und — unerhört und natürlich komplett unerwartet bei einem VC — gegen hohe Steuern! Und schliesslich kulminiert der Artikel in der Konklusion:

“So by his own admission, Thiel is trying to destroy the real world, which he also calls ‘nature’, and install a virtual world in its place, and it is in this context that we must view the rise of Facebook.”

Ach übrigens, der CIA hört auch noch mit bei Facebook. Was ein Geheimdienst ganz genau aus der Analyse von banalen Superwall-Posts gewinnen will, erfahren wir zwar nicht, aber der Guardian ist sich ganz sicher, dass Facebook nichts Geringeres ist als eine “Ausweitung des amerikanischen imperialistischen Programms, gekreuzt mit einem massiven Informationssammlungs-Werkzeug”. Ah ja. Endgültig verliert der Artikel dann seine Glaubwürdigkeit, als er auch noch behauptet, dass Facebook mit seiner legendären $15-Milliarden-Bewertung nicht etwa über-, sondern noch dramatisch unterbewertet wurde. Ist digitaler Imperialismus wirklich so viel wert?

Es ist allemal gut, dass die Presse mit dem Phänomen Facebook endlich etwas kritischer umgeht. Aber dass man hinter einem relativ banalen Social Network mit gelegentlichen Datenschutzproblemen gleich eine imperialistische Verschwörung des Klassenfeinds vermutet, ist einer vernünftigen Diskussion auch nicht gerade zuträglich. An Facebook ist vor allem eins falsch: Dass so viel Wind darum gemacht wird.

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12 Kommentare

  1. gis
    schrieb am 15. Januar 2008 um 02:35 Uhr (#)

    Ein klarer Fall von “uber-bullshit” würd ich mal sagen.

    Ach ja, kann mir bitte jemand erklären, was “neoconservative libertarianism” sein soll? Entweder das eine oder das andere…

  2. gis
    schrieb am 15. Januar 2008 um 02:40 Uhr (#)

    Ach ja, die “Hintergründe” zu Facebook und die CIA zeigt dieses “Aufklärungsvideo” auf:

    http://www.youtube.com/watch?v=B37wW9CGWyY

    Ohne Kommentar!

  3. mds
    schrieb am 15. Januar 2008 um 09:02 Uhr (#)

    Ach ja, kann mir bitte jemand erklären, was “neoconservative libertarianism” sein soll? Entweder das eine oder das andere…

    «English 101» verpasst? ;)

    Ach übrigens, der CIA hört auch noch mit bei Facebook. Was ein Geheimdienst ganz genau aus der Analyse von banalen Superwall-Posts gewinnen will, erfahren wir zwar nicht, […]

    Stichwort «Netzwerk-Analyse»? Wieso sollte man nur die «banale» herkömmliche Telekommunikation überwachen, nicht aber die Social Networks?

  4. gis
    schrieb am 15. Januar 2008 um 09:11 Uhr (#)

    @MDS
    Ich will ja hier keine politische Diskussion vom Zaun brechen, aber Libertarianism und Neocon sind einfach nicht kongruent.

  5. mds
    schrieb am 15. Januar 2008 um 09:49 Uhr (#)

    Ach ja, die “Hintergründe” zu Facebook und die CIA zeigt dieses “Aufklärungsvideo” auf:

    http://www.youtube.com/watch?v=B37wW9CGWyY

    Ohne Kommentar!

    Das Video besteht im Wesentlichen aus Auszügen aus der Privacy Policy von Facebook sowie Erklärungen über In-Q-Tel – keine Geheimnisse, sondern Allgemeinwissen, wenn man sich für die entsprechenden Themen interessiert.

  6. mds
    schrieb am 15. Januar 2008 um 10:58 Uhr (#)

    Ich will ja hier keine politische Diskussion vom Zaun brechen, aber Libertarianism und Neocon sind einfach nicht kongruent.

    Ich würde mich trotzdem über Deine Erklärung freuen … und Dir auch das letzte Wort lassen, sprich keine Diskussion dazu beginnen.

    (Ein weiterer Kommentar hängt noch in der Moderation, der YouTube-Link liess wohl den Spamfilter bellen …)

  7. ben_
    schrieb am 15. Januar 2008 um 11:50 Uhr (#)

    Ich glaube ja, dass das Netz selber dem Kapitalismus entgegensteuert. Facebook wird schon in weniger Jahren irrelavant werden. Alle die Millionen und Millarden werden verloren sein, so wie AOL heute nur noch eine verrottender Kadaver ist.

    Es gibt im Netz kein Privateigentum, dass zu kapitalistischen Zwecken verwendet werden kann.

  8. Andi
    schrieb am 15. Januar 2008 um 12:56 Uhr (#)

    Obwohl ich sonst begeistert von Ihren Beiträgen bin, muss ich an dieser Stelle eine Kritik anbringen. Denn über ein Social Network zu berichten, dessen einziger Fehler Ihrer Aussage nach der viele Wind darum ist entbehrt jeglicher Logik.

  9. Schreibt hier auf dem Blog Andreas Göldi
    schrieb am 15. Januar 2008 um 15:15 Uhr (#)

    @Andi: Stimmt absolut. Auch sonst schreibe ich hier eindeutig mehr dazu, als es das Thema eigentlich rechtfertigen wuerde. Aber ich finde es einfach so unterhaltsam und gleichzeitig tragisch, wie hysterisch meistens ueber Facebook berichtet wird, besonders in den USA. Wenn man einigen durchaus renommierten Medienquellen glauben wuerde, waere Mark Zuckerberg eine Kombination aus Steve Jobs, Bill Gates und Larry/Sergey. Mindestens. Und das ist dann doch wohl ein bisschen uebertrieben.

    Also, interpretieren wir’s lieber als Meta-Interesse.

  10. Ugugu
    schrieb am 15. Januar 2008 um 22:50 Uhr (#)

    @GIS
    Und was sagst Du zur Tatsache, dass die Neocons bei Facebook den Libertären Präsidentschaftskandidaten Ron Paul zensurieren? Immer noch überzeugter Fakebooker?

  11. Ugugu
    schrieb am 15. Januar 2008 um 22:52 Uhr (#)

    Nochmals den Link

  12. gis
    schrieb am 15. Januar 2008 um 23:02 Uhr (#)

    @UGUGU:
    Ich persönliche halte gar nichts von Ron Paul – er ist ein Politiker wie jeder andere auch. Und überzeugter FBer bin ich auch nicht. Nur Nutzer der Seite.

    @MDS:
    Erklärung folgt…

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