Verband Schweizer Presse:
Faxen!

Wo von der Erotik und Haptik des Papiers geschwärmt wird, da wird auch noch gefaxt. Kommunikation 2008 mit dem Verband Schweizer Presse ist ein wahres Vergnügen, allerdings nur, wenn man nicht selbst davon betroffen ist.

Fax Verband Schweizer Presse
Screenshot schweizerpresse.ch

Der Verband Schweizer Presse ist ein lustiger Verein. Im September 2007 sagte der aktuelle Verbandspräsident, der Südostschweizer Verleger Hanspeter Lebrument, Google fürchte sich vor der Schweizer Presse. Mit etwas “Nachhilfeunterricht” werde Google “auf die Welt kommen”.

An der aktuellen Dreikönigstagung des Verbands (590 Franken für Nichtmitglieder und 440 Franken für Mitglieder) nannte er die Gratiszeitungen eine “Seuche“. Das könnte stimmen, denn auch VSP-Präsidiumsmitglied Peter Wanner wird vermutlich im Mai 2008 die sechste oder siebte (sie sind bald nicht mehr zu zählen) lancieren. Auch wenn ihm Präsident Lebrument davon ausdrücklich abgeraten hat.

Selbst die VSP-Präsidiumsmitglieder Martin Werfeli (Ringier, verantwortlich für die Gratiszeitungen Cash Daily und Heute) und Pietro Supino (Tamedia, verantwortlich für die Gratiszeitungen 20 Minuten und News) sind offenbar bereits unheilbar von der Seuche befallen. Letzterer sagte aber zum Glück, die Seuche Gratiszeitung sei nicht Totengräber der bezahlten Tagespresse. Und mahnte, es sei nicht das Patentrezept für die Zukunft.

Ach, wie sind wir da beruhigt. Dann machen wir doch weiter wie bisher. Und setzen da an, wo das letzte Jahr aufgehört wurde. Mit der Unterzeichnung eines Verhaltenskodex (Code of Conduct). Ein Dokument, das auf der ästhetisch durchaus ansprechenden neuen Website des Verbands zu finden ist, es trägt das Datum Januar 2007. Daneben das Formular, um sich dazu zu bekennen. Es nennt sich “Fax-Antwort”. Das Fax, die Älteren unter uns werden sich erinnern, ist ein Telekommunikationsgerät, das Papierseiten über das Telefonnetz überträgt. Im Internetlexikon Wikipedia heisst es dazu:

Mit der allgemeinen Verbreitung des Internets ab Mitte der neunziger Jahre wurde der Telefaxdienst zunehmend durch E-Mail verdrängt.

Hm ja, offenbar nicht überall. Doch, man muss es erwähnen, ganz klein unten rechts auf dem Formular, steht die E-Mail-Adresse. Wenn man das Formular nun ausdruckt, von Hand (oder mit der Schreibmaschine!) ausfüllt und dann wieder einscannt, so könnte man es ja doch schicken. Allerdings – ob das akzeptiert würde?

Wie dem auch ist – 147 Einzeltitel (von insgesamt wie vielen?) haben so innert Kürze (offenbar innerhalb von einem Jahr) ihren Weg in den Verband gefunden und nun, als wäre es etwas Neuartiges und nicht eine Selbstverständlichkeit, ist die Umsetzung dieser Forderung geplant (persoenlich.com: “Nun steht die Umsetzung in die Praxis an” / “Jetzt geht es um die Umsetzung”).

Einen ersten Tipp hätte ich schon mal und zwar an einem Ort, wo man beim Verband Schweizer Presse vermutlich nicht täglich ist: im Internet.

Zum Beispiel auf der ehemals meistbesuchten und nun kürzlich erstmals zweitmeistbesuchten Schweizer Zeitungswebsite, blick.ch. Der Grundsatz des Code of Conduct, er lautet so,

Alle Akteure – Redaktionen, Verleger und Werber – betonen in ihren
Verhaltens- oder Standesregeln uneingeschränkt das Prinzip der vollen Transparenz gegenüber dem Publikum. Für den Medienkonsumenten muss demnach immer klar erkennbar sein, welche Inhalte redaktionell verantwortet und welche kommerziell beeinflusst, also von Dritten bezahlt sind. Werden die Formen in der Absicht vermischt, die Medien-Konsumenten zu täuschen, leidet die Glaubwürdigkeit sowohl der Redaktion, der Verleger als auch der Anzeigenkunden der Gattung Zeitungen und Zeitschriften.

wird meiner Meinung nach hier nicht nur ab und zu, sondern täglich verletzt.

Wer kann zum Beispiel anhand dieses Ausschnitts vom 09.01.2007 sagen, bei welchen Angeboten es sich um bezahlte Werbung und bei welchen es sich um redaktionelle Angebote handelt?

Blick Werbung
Screenshot blick.ch

Oder hat ausgerechnet der grösste Verlag der Schweiz den Fax für seinen grössten Titel noch nicht abgeschickt?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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3 Kommentare

  1. Teja Bernardy
    schrieb am 12. Januar 2008 um 15:40 Uhr (#)

    Na, das ist doch mal ein Verhaltenscodex! Und wer tritt wen, der sich nicht so verhält, mit was in den Podex? Faxen, nix als Faxen!

  2. Schreibt hier auf dem Blog Wolf-Dieter Roth
    schrieb am 12. Januar 2008 um 16:28 Uhr (#)

    Na die versteckte redaktionelle Meldung ist ganz eindeutig “Amoklauf”: Das machen die Leute bislang gratis, unbezahlt! (Obwohl, vielleicht kann man bald auch Amokläufer online buchen…).

    Zum Faxen: Ich hasse es, wenn ich E-Mails bekomme mit einer Einladung zu irgendeiner Veranstaltung, denen ein fettes Attachment beiliegt, das man ausdrucken und mit “ja, toll, ich komme” oder “nein, ich habe keine Lust” zurückfaxen soll. Grund ist wohl, daß die Pressestellen gerne einen Redaktionsstempel sehen wollen. Nur ist bei mir an dem Rechner, der E-Mail macht, halt überhaupt kein Drucker!

    Normalerweise geht es auch mit E-Mail-Antwort. Aber beim Imax sind wir dann mal zu zwei angerückt und die Presseveranstaltung war abgesagt. “Wir haben eine Schulvorstellung gebucht und haben allen, die uns per Fax geantwortet haben, Bescheid gesagt. Wenn Sie uns per E-Mail antworten, sind Sie selbst schuld, wir lesen doch keine E-Mail.” Klar, E-Mail ist nur zum Spammen, nicht zum Kommunizieren! :-( Wundert mich deshalb auch nicht, daß die Bude kurz darauf pleite ging: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19426/1.html

  3. Oliver
    schrieb am 14. Januar 2008 um 16:58 Uhr (#)

    Auch ich nerve mich, wenn ich per E-Mail Einladungen bekommen und dieses per Fax zurückschicken muss.

    Beim “Code of Conduct” habe ich aber die Vermutung, dass die Fax-Antwort in irgendeinem Zusammenhang mit der “Handschriftlichen” Unterschrift steht, die man aufs Dokument setzen muss.

    Allerdings: Ich bin kein Jurist und habe auch keine Ahnung, welche rechtliche Verbindlichkeit der “Code of Conduct” hat.

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