“Krieg und Frieden” im ZDF:
Version Schwarzwaldklinik

Robert Dornhelm verflimt den größten Roman aller Zeiten: Krieg und Frieden von Lew Tolstoi. Das ZDF zeigt den “26 Millionen teuren Europudding” in vier Teilen. Die Kritiken sind vernichtend – von jenen, die die Produktion überhaupt gesehen haben.

Krieg und Frieden
(Bild ZDF)

Für bild.de meldete Uli Schüler aus St. Petersburg:

Es ist die teuerste, aufwendigste und größte deutsche TV-Produktion des Jahres!

Aber wurden die 26 Millionen Euro, die der Gebührenzahler jedenfalls teilweise finanziert hat, sinnvoll ausgegeben?

Vermutlich lautet die Frage falsch. Was sind schon 26 Millionen Euro? Das 26fache von dem Betrag, den man in der vielbeachteten Sendung “Wer wird Millionär” maximal gewinnen kann – was offenbar so wichtig ist, dass sueddeutsche.de 2004 ein noch immer funktionierendes Quiz mit dem ersten Gewinner erstellte. 26 Millionen Euro sind aber auch nur rund ein Zehntel der Produktionskosten von Spiderman 3 (-> Wikipedia: List of most expensive films). Und inflationsbereinigt nur rund ein Zwanzigstel von den Kosten des überstrahlenden Vorbilds Voyna i mir von Sergei Bondarchuk.
Ist es nun viel oder wenig? Für eine Fernsehproduktion wohl eher viel – wogegen es kaum Einwände gäbe, wenn sie denn gut wäre. Doch ist sie das? Auf spiegel.de ist zu lesen:

Sie alle aber können nicht überspielen, dass Tolstois Gefühlswirren vor historischem Hintergrund im wohltemperierten Euro-TV-Format doch ab und an nach Rosamunde Pilcher aussehen. “Bete zu Gott, die besten Ehen werden im Himmel geschlossen”, rät da Hannelore Elsner ihrer schmachtenden Tochter, während die Männer im Feld nach Ruhm streben. Zwischendurch werden fröhliche Hüpftänze auf aristokratischem Parkett dargeboten.

Wer die ganze dramatische Wucht des ausladenden Epos? ermessen und in die viel beschworene Seele des “heiligen Mütterchens Russland” blicken will, der muss wohl weiter auf die monumentale Kinoversion von Sergej Bondartschuk zurückgreifen – oder eben den Roman zur Hand nehmen.

Noch etwas deutlicher wird das (wie ZDF) gebührenfinanzierte Deutschlandradio. In einer hörenswerten Tirade (mp3-Datei) lässt Rezensent Peter Claus kaum ein gutes Haar am Werk des österreichischen Regisseurs Robert Dornhelm. Einige Auszüge:

Krieg und Frieden
(Bild ZDF)

Mit Kino hat es gar nichts zu tun, es ist nicht mal Fernsehen. Es ist Tolstoi, eingedampft auf einen kleinen geistigen Pseudorealismus, der mich erschaudern lässt. Ein Sofakissen mit Knick wird serviert.
(…)
Stilistisch ist das angesiedelt zwischen “Schwarzwaldklinik” und “Der Kongress tanzt”, allerdings nur auf kopierendem, sehr flachem Niveau.
(…)
Wo Tolstoi von Krieg und Frieden im Grossen anhand des nur scheinbar kleinen privaten erzählt, schliddert dieser Kostümschinken in oft erstaunlich pappig wirkenden Kulissen durchs Kleinliche von Liebeshändel und Familienintrigen – das erinnert auch ein bisschen an “Dallas”.
(…)
Ich sehe nichts als Kleiderpuppen und keinerlei Charaktere.
(…)
Jede Traumschiff-Folge, jede Rosamunde-Pilcher-Verfilmung hat sehr viel mehr Esprit als das, was hier aus Krieg und Frieden gemacht wurde. Das ist nur noch ein bisschen Krieg und ein bisschen Frieden.

Wer das Buch gelesen hat und nun am Sonntag die erste Folge gesehen hat, muss leider zugeben, dass Peter Claus mit seinem Urteil trifft. Vielleicht liegt es auch daran, dass der 60jährige Dornhelm gemäss sueddeutsche.de diesen nicht ganz unbekannten Roman erst mal lesen musste. Hm, gibt es da nicht eine Reihe von Regisseuren, die das Buch sowohl kennen, als auch lieben und so eine Aufgabe mit Handkuss übernommen hätten?

Der Deutlichkeit von Peter Claus kann nur die Rezension in der taz von Helmut Höge das Wasser reichen.

Diese TV-Verbumfiedelung eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur könnte ein Auftragswerk der Hannoveraner Familien-, Ehe- und Kitaministerin sein. Sich diesen Wörthersee-Kostümfilm-Mist anzugucken, ist reine Zeitverschwendung.

Andere sehen das nicht so kritisch. In einigen Besprechungen findet sich allerdings überhaupt kein Urteil – man muss davon ausgehen, dass diese geschrieben wurden, ohne dass die acht Stunden vor dem Fernseher verbracht wurden.

tvblogger.de:

Große Gefühle, schöne Kostüme, größtenteils überzeugende Schauspieler und dramatische Schlachten. Man hat das Gefühl, dass einfach alles zusammenpasst. Und so ist es auch.

sueddeutsche.de (im Lead):

“Krieg und Frieden”, das beste öffentlich-rechtliche Melodram seit Jahren.

welt.de (im Lead):

Die aufwendige Neuverfilmung der schon öfters filmisch umgesetzten Thematik hat sich jedoch gelohnt.

faz.net:

Dennoch, dieses europäische Fernsehunternehmen namens ?Krieg und Frieden? verdient Respekt. Übrigens nicht zuletzt deshalb, weil man sich im Verlauf seiner vierhundert Minuten zunehmend weniger fragt, weshalb man heute einen solchen Romanriesen überhaupt noch einmal verfilmen sollte. Der Sinn des Unterfangens liegt also in ihm selbst. Das ist nicht wenig.

Der Spiegel (in der gedruckten Version 52/2007):

400 Minuten ohne Kitsch, 400 Minuten auf dem sicheren Boden der weltberühmten Vorlage.

Hm, während die Online-Ausgabe “in 360 Minuten keine überzeugende künstlerische Antwort” findet? Da ist man sich nicht einig.

Krieg und Frieden
(Bild ZDF)

Das ZDF hingegen dreht fast ab in der Begeisterung für die eigene, mit Partnern realisierte Produktion. Warum auch nicht, Begeisterung ist gut. Ich zum Beispiel bin begeistert, dass der erste Teil bereits in voller Länge online zu sehen ist. Nach ein paar Stunden Gefrickel an den Einstellungen hat man die ZDF-Mediathek dann soweit, dass man eine verpasste Folge per Beamer in Höchstschärfe geniessen kann.

Mein Tipp: Legt die Zeitungen weg, schaltet das TV-Gerät aus, lest das Buch. Die Jahreszeit ist ideal für 1500 Seiten, über die Daniel Kehlmann sagt (via taz):

Wenn ich an den Möglichkeiten der Literatur zu zweifeln beginne, lese ich Tolstois ‘Krieg und Frieden’. Es gibt keine stärkere Medizin. Danach kommt es einem vor, als hätte man an Welterfahrung gewonnen. Ich kenne keinen anderen Roman, der das vermag.

Ich auch nicht. Legt also den Schinken unter die Leselampe, schlüpft unter die Bettdecke und guckt ab und zu raus, ob es schon schneit. Dazu einen grossen Krug Tee und schon ist man bereit für die selbstgemachten Bilder von echten Menschen mit den gleichen Problemen wie man selbst. Naja, fast den gleichen. Mit 10 Euro seid ihr dabei.

Update am 09.01.2007, 12:10 Uhr: Die stets korrekte Bild-Zeitung hat schon “im ersten Teil des ZDF-Mammut-Werks” vier Fehler gefunden. Mehr unter Krieg und Fehler.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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4 Kommentare

  1. Teja Bernardy
    schrieb am 9. Januar 2008 um 11:22 Uhr (#)

    Also gut, ich nehme die 10,- Euro! Einmal mehr überzeugt Fernsehkritik und/oder Vorabberichterstattung von der Wichtigkeit des Abschaltknopfes. Der sympathischste Schalter bleibt wohl doch der der Leselampe, wenn es um Literatur geht. Das Verlangen nach Mitsehen ist außerordentlich begrenzt. Tv-Verweigerer nehmen dann eben billigend in kauf, nicht mitreden zu können.

  2. Krusenstern
    schrieb am 9. Januar 2008 um 14:18 Uhr (#)

    Wenn ein Kritiker die Verfilmung mit dem 1600 Seiten dicken historischen Roman vergleicht, dann hat er nicht verstanden, dass eine Fernsehverfilmung das Buch beim besten Willen nicht abbilden kann. Dies ist ein eigenes Medium, so wie die NZZ und dieses Weblog eigene Medien sind und nicht miteinander verglichen werden können.

    Zur BILD-Zeitung muss man wohl nichts sagen. Dass aber ausgerechnet diese “Qualitätszeitung” kritisiert, dass ein Regisseur seine Schauspieler zwar an den (mit Ausnahme der Schlachtenszenen) historisch korrekten Locations in 2000 historische Originalkostüme steckt – aber im Garten eine falsche Rosensorte (sic!) blüht, entbehrt nicht einer gewissen Komik.

    Und ob diese Kritiker erstens alle vier Teile der Neuverfilmung gesehen haben und zweitens alle drei früheren Verfilmungen im Original und in voller Länge – daran wage ich jetzt auch mal zu zweifeln. In Zürich hatte man dazu übrigens im Herbst 2007 im Rahmen einer Reprise eine gute Gelegenheit…

    Zur Qualität der Neuverfilmung möchte ich mich erst äussern, wenn ich alle vier Teile gesehen habe.

  3. Teja Bernardy
    schrieb am 9. Januar 2008 um 16:04 Uhr (#)

    @Kursenstern: Sehr einverstanden für die Terminierung des Endurteils in Sachen Quality! Der Korinthenkram der inkorrekten Rosen, und das bei unseren blühenden Landschaften, ist heiliges Vier-Buchstaben-Gedöns. Vermutlich wäre denen bei “Regietheater”-Verfilmung der Griffel eingefroren. Frag nach bei Schlingensief.
    Trotzdem unkorrekt gefragt: Warum versucht sich das abbildende Medium an einem Stück Literatur,wenn es genau die nicht abbilden kann? Ist nun der Vergleich Apfel versus Apfel, oder derjenige von Apfel und Birne die korrekte Metapher? Wer mit einem unzureichenden Medium einen erstklassigen Stoff erarbeitet, darf sich doch nicht wundern, daß er einerseits am Stoff gemessen wird, andererseits auch sein eigentliches Handwerk hinterfragt wird. Die Trennungsunschärfe liegt auf der Hand, hat aber doch ihre Ursache im gegenständlichen Werk, respektive in der Anmaßung, das Unmögliche versucht zu haben. Sofern dann festgestellt werden muß, das Ergebnis ist unmöglich, voila, es lag an der Prämisse.

  4. arbiter
    schrieb am 5. Februar 2008 um 10:45 Uhr (#)

    Nun isses also rum, das 26 Mio Spektakel, nehme ich mal an. Zum Start gleich “medien-gelesen” in die Pfanne gehauen. KRUSENSTERN warnte vor Vorverurteilung, und jetzt das große Schweigen? Was denn nun? Lags daran, daß das Medium Film/TV Literatur nicht abbilden kann? War die Literatur nicht mediengerecht genug? Oder hat sich einfach nur wer um 26. Mio verhoben? Und dann noch drei Filmversuche als Muster mit Wert.

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