Erziehungscamp für Max und Moritz

Die Rheinische Post feiert Wilhelm Busch – und vergibt die Chance auf einen passenden Kommentar zur Debatte um “Erziehungscamps” und “Warnschussarrest”.

?Ach, was muss man oft von bösen Kindern hören oder lesen!? Gemeint sind damit zur Abwechslung nicht jugendliche U-Bahn-Schläger sondern Max und Moritz. Jene beiden Lausbuben aus Wilhelm Buschs bitterböser Bildergeschichte, die erst ihren Opfern grandiose Streiche spielen, dann aber erwischt, zu Mehl gemahlen und Gänsen zum Fraß vorgeworfen werden.

Rheinische Post 5. Januar
Rheinische Post am 5. Januar

Anlässlich des Dichters 100. Todestages widmet die Rheinische Post ihm das Magazin der Wochenendausgabe. Dort geht?s natürlich auch um die respektlosen Streiche von Max und Moritz, bei denen Lehrer Lämpel fast zu Tode gesprengt wird und Schneidermeister Bock beinahe ersäuft. Nur gut, dass die beiden für ihre respektlosen Übergriffe schließlich büßen müssen.

Die Rheinische Post ist mit einer verbreiten Auflage von knapp 400.000 Exemplaren die zweitgrößte Abo-Zeitung Deutschlands. Die ?Zeitung für Politik und christliche Kultur? hat ihren Hauptsitz in Düsseldorf und erscheint in 29 Lokalausgaben, das Verbreitungsgebiet reicht vom Bergischen Land bis zur niederländischen Grenze.

Vollkommen ironiefrei steht schon auf der ersten Seite demgegenüber die Nachricht um die Einrichtung des ersten ?Erziehungscamps? für straffällig gewordene Jugendliche in Nordrhein-Westfalen. Der Leitartikel dazu jubelt, hoffentlich werde das Projekt nicht von der Politik zermalmt. Und was werden hier für Chancen vergeben! Boshafte jugendliche Racker, hier wie dort, ohne Mitgefühl, ohne Skrupel.

Mit einem Augenzwinkern könnte man Wilhelm Busch bemühen und entsprechend kommentieren: Wenn dann die ersten zwanzig Jugendlichen mit Dreck am Stecken in das Lager einziehen wird man jubeln können: ?Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei mit der Übeltäterei!? Und was wäre das für ein treffender Kommentar auf eine endgültig hysterische Wahlkampf-Farce.

Das ist dann aber wohl zuviel der Ironie, schließlich heißt man die ?Erziehungscamps? gut. Da passt Busch dann vielleicht doch nicht, denn wie ernst es Wilhelm Busch mit der Moral seiner Max-und-Moritz-Geschichte (?Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe?) gewesen sein könnte – und was für ein ironischer Autor und pessimistischer Zeitgenosse er gewesen sein mag – klingt im Magazin durchaus an.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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2 Kommentare

  1. Dorothee Vohl
    schrieb am 6. Januar 2008 um 17:59 Uhr (#)

    Die ?Rheinische Post?, unter Kennern eher als ?Rheinische Pest? bekannt, ist frei von jeglicher Denkakrobatik. So vergehen Chancen ungenutzt, bzw. ironische Verlinkungen bleiben ungesehen. Andererseits ist die RP immer schon gern ein willfähriger Wahlkampf-Büttel der so genannten ?Christlichen? Parteien gewesen.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Klaus Jarchow
    schrieb am 6. Januar 2008 um 19:42 Uhr (#)

    Welche volkspädagogischen Chancen ergäben sich erst, würde man die Geschichte ‘Krischan mit der Piepe’ mit dem heutigen Thema des Drogengebrauchs unter Jugendlichen verknüpfen? Falls ihr einen Busch zur Hand habt, schaut euch das saukomische Ding mal an …

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