Das Zeitalter des offenen, hackbaren Gadgets

Andreas Göldi, 6. Januar 2008 13:16 Uhr, 4 Kommentare Kommentare

Basteln war schon immer eine Leidenschaft der Menschheit. In steinzeitlicher Umgebung war der Drang zum Erfinden neuer Dinge vermutlich sogar eine Voraussetzung zum Überleben. Ob Modelleisenbahn, Strickdecken, getunte Autos oder MySpace-Seiten: Der moderne Mensch kanalisiert seine kreativen Instinkte gern in Selbstgemachtem. Das macht nicht nur Spass, sondern ist auch eine Form von Persönlichkeitsäusserung.

Bei elektronischen Geräten (abgesehen vom Über-Universalgerät PC) waren diesem Drang freilich bisher enge Grenzen gesetzt. Videorekorder, Mobiltelefone, Kameras, Stereoanlagen, MP3-Player — all diese Geräte kauft man als fertige Produkte, die sich ohne grossen Aufwand so gut wie gar nicht verändern und auf eigene Bedürfnisse anpassen lassen. Im Gegenteil: Manche Hersteller haben sogar enorme Fähigkeiten darin entwickelt, die Käufer von der Veränderung der Geräte abzuhalten. Als Beispiel sei nur der anhaltende Rüstungswettlauf zwischen Apple und den veränderungswilligen iPhone-Hackern genannt. Auch Router-Hersteller Cisco war nicht glücklich, als Hacker dank neuer (Open Source-)Firmware einem 60-Dollar-WLAN-Router plötzlich die Fähigkeiten eines zehnfach teureren Geräts verliehen und gibt sich seither alle Mühe, dieses unerhörte Treiben zu unterbinden.

Aber eine neue Generation von Gadget-Herstellern sieht das ganz anders: Diese Firmen bringen Produkte heraus, die explizit dafür gedacht sind, von den Benutzern verändert oder eben gehackt zu werden.

Chumby

Da gibt es beispielsweise das niedliche Digital-Kissen Chumby vom gleichnamigen Hersteller. In diesem knuffigen Gerät mit seinem 3.5-Zoll-Bildschirm und einem ungewöhnlichen Quetsch-Sensor verbirgt sich ein kleiner Linux-Rechner. Der Chumby tritt per WLAN mit der Aussenwelt in Verbindung und zeigt auf seinem Screen Inhalte, die sich der Besitzer per Baukasten aus allerlei vordefinierten Widgets selbst zusammenstellen kann. Vom Wetterbericht über Schlagzeilen und Webcams bis zu einem “Shakespeare Insult Generator” gibt es alle möglichen und unmöglichen Beispiele. Und wer Widgets selber schreiben und publizieren will, kann das auch tun.

Noch interessanter: Der Hersteller liefert gleich Anleitungen mit, wie sich auch die Hardware verändern lässt, samt kompletten Schaltplänen. Einige Hacker haben den Chumby darum unter anderem schon zum intelligenten Lichtschalter, Security-Monitor oder zum Wetterballon-Kontrollrechner umgebaut.

NeurosÄhnliche Wege geht die Firma Neuros Technology mit ihrem digitalen Videorekorder Neuros OSD (für “Open Source Device”). Gleich so aus der Schachtel kann dieses Gerät eine beliebige Video- oder Audioquelle digital in MPEG4 aufzeichnen, und zwar auf Flash-Karten oder externen Harddisks. Und an den Fernseher angehängt gibt der Neuros OSD diese Inhalte auch schön wieder. Bei einem Preis von 199 Dollar kann man da eigentlich nicht meckern.

Interessant ist das Gerät aber vor allem, weil Neuros ebenfalls eine ausführliche Dokumentation zu allen Innereien publiziert. OSD-Besitzer werden ausdrücklich zum Hacken aufgefordert. Auch hier hat sich schon eine Entwickler-Community gebildet, die laufend allerlei nützliche Features hinzufügt, beispielsweise Youtube-Zugriff direkt über den Fernseher. Bei all der Funktionsvielfalt sieht ein deutlich teureres Gerät wie der Apple TV ziemlich alt aus.

Den wohl extremsten Ansatz hat aber vermutlich die Firma Bug Labs aus New York. Dieses Startup hat den Anspruch, das Lego der Gadget-Welt werden. Zu diesem Zweck stellt Bug Labs eine modular aufgebaute und völlig offene Gadget-Plattform her.
Buglabs

Bisher gibt es an Elementen neben dem Basisrechner ein Kameramodul, einen GPS-Empfänger, einen Bewegungssensor und einenTouchscreen. Mit diesen und den für die Zukunft angekündigten Modulen (u.a. Tastaturen und diversen Schnittstellen) können sich Bug-Besitzer ein Gadget ihrer Wahl zusammenbauen, mit bis zu vier Modulen pro Basisplattform. Für die Softwareseite ist mit einem ausgebauten SDK natürlich auch gesorgt. Auch hier tut unter der Haube ein kleiner Linux-Rechner seinen Dienst.

OpenmokoDa wir gerade bei Mobilität sind: Auch bei Mobiltelefonen muss man sich bald nicht mehr mit geschlossenen oder halb-geschlossenen Geräten zufriedengeben. Die Openmoko-Community entwickelt schon seit einiger Zeit eine Open-Source-Plattform für Handies. Mit dem Neo1973 liegt auch bereits ein erstes Gerät vor, das diese Software verwendet.

Allerdings ist Openmoko noch in Entwicklung und im derzeitigen Zustand ausdrücklich nicht für Endkonsumenten gedacht. Aber dass eine solche Plattform bald marktfähig sein könnte, kann man sich anhand der bisher vorliegenden Ergebnisse gut vorstellen.

Auf der Softwareseite darf man einen wichtigen Player nicht vergessen: Google mit seiner neuen Mobil-Plattform Android, die im Laufe des Jahres auf den Markt kommen soll. Zwar will Google damit primär die Hersteller von Mobiltelefonen ansprechen, aber auch für andere Gadgets eignet sich dieses neue Open-Source-Betriebssystem durchaus. Auf den Geräten von Bug Labs beispielsweise läuft Android bereits.

Natürlich liegt eine Frage nahe: Sind diese hackbaren Gadgets nur ein Nischenphänomen, das höchstens eine kleine Geek-Community anspricht? Oder können modifizierbare elektronische Geräte tatsächlich zum Mainstream-Phänomen werden? Sind die hier genannten Firmen gar die Pioniere einer ganz neuen Welle in der Elektronikbranche?

Nun, es ist wohl kaum zu erwarten, dass die Mehrheit der Bevölkerung bald einmal neue Linux-Treiber für exotische Gadgethardware schreiben wird. Die meisten Konsumenten wollen möglichst einfach bedienbare Geräte, die ohne Konfigurationsaufwand einen bestimmten Zweck erfüllen.

Aber genau da liegt die Krux: Jeder hat andere Vorstellungen davon, was die wichtigsten Features sein sollten. Softwareprodukte wie Microsoft Office sind nicht ohne Grund so aufgebläht. Jeder User hat andere Ansprüche und andere Lieblingsfeatures. Und die Summe all dieser Wünsche ist dann eben sehr komplex und ressourcenfressend.

Bei Gadgets gab es aufgrund des geschlossenen Entwicklungsmodells und begrenzter Gerätekapazität bisher nur die Möglichkeit, einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Der Hersteller definierte, was der Durchschnittsuser zu wollen hat. Benutzerfreundlichkeit war sowieso Nebensache. Darum hassen die meisten Leute ihr Mobiltelefon und ihren Videorekorder.

Zwei technologische Entwicklungen könnten dieses Problem lösen helfen: Erstens ist Rechnerintelligenz heute so billig geworden, dass schon ein 200-Euro-Gadget eine Leistung aufweist, die vor zehn Jahren noch bei einem High-End-PC üblich gewesen wäre. Damit steigt die Flexibilität enorm an. Zweitens steht mit Linux eine universell verfügbare Softwareplattform zur Verfügung, dank der mit geringen Kosten viele Produktvarianten auf Softwareebene entwickelt werden können.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass in ein paar Jahren der Gadget-Markt eher funktioniert wie heute der PC-Markt: Man kauft sich nicht einfach ein abgepacktes Produkt, sondern stellt sich individuell seine Wunschkonfiguration zusammen, installiert neue Applikationen und Hardware-Modifikationen bei Bedarf oder verändert das System nötigenfalls sogar sehr grundlegend. Das eröffnet auch neue Marktchancen für Gadget-Dienstleister und -Reseller, die aus Standardmodulen massgeschneiderte Lösungen für bestimmte Zielgruppen bauen können. In Ansätzen sieht man das heute beispielsweise schon bei High-End-Heimkinolösungen, die die wenigsten Leute ohne fremde Hilfe installieren können oder wollen.

Warum sollte man sich gerade bei intensiv genutzten Gadgets wie Mobiltelefonen, Navigationssystemen oder Mediaplayern mit weniger Flexibilität zufrieden geben? Die ökonomischen und technologischen Voraussetzungen für grössere Produktvielfalt sind inzwischen eindeutig da. Eine stärkere Marktnachfrage ist wohl auch nur eine Frage der Zeit, da die Leute erst einmal erkennen müssen, was ohne die bisherigen Beschränkungen noch alles möglich wäre. Ich glaube, dass flexible elektronische Intelligenz in den nächsten Jahren sich über den PC hinaus auf ganz neue Klassen von Geräten ausdehnen wird. Umfassende Konfigurierbarkeit und Vernetzungsfähigkeit werden Standard und Voraussetzung für den Markterfolg sein.

Wichtig wird es aber sein, die richtige Balance zwischen Konfigurierbarkeit und Benutzerfreundlichkeit zu finden. Die Mehrheit der Elektronikhersteller befindet sich derzeit noch in der traurigen Doppelmisere von fehlender Flexibilität und mangelhafter Bedienbarkeit. Im Moment sind die Gewinner diejenigen Firmen (wie Apple oder RIM/Blackberry), die relativ geschlossene, aber dafür einfach bedienbare Geräte anbieten. Die Gewinner der Zukunft werden diejenigen sein, die extrem flexible Lösungen bieten, die trotzdem einfach sind.

Weiterempfehlen

4 Kommentare

  1. gis
    schrieb am 6. Januar 2008 um 13:37 Uhr (#)

    Hervorragendes Posting, danke! Besonders der letzte Satz hat es mir angetan. Solange OSS und Co. nur etwas für Geeks, Bastler usw. sind, haben Apple, M$ und all die anderen (noch) die Nase vorn. Das wird sich aber ändern. Zum Glück.

  2. Marc
    schrieb am 6. Januar 2008 um 15:08 Uhr (#)

    Ich schliesse mich meinem Vor-Poster an: hervorragendes Posting! Der beschriebene Sachverhalt ist (für mich) mal wieder einer, bei dem man denkt “ja, klar – logisch. Ganz klar das Ganze. Warum ist da bisher niemand drauf gekommen?” Nun ja, es sind ja nun schon ein paar Firmen drauf gekommen, aber ich denke meine Message ist klar.

    Und dem letzten Satz kann ich auch nur volle Zustimmung beipflichten. Für mich wäre auch eine neue Welle hochspezialisierter Fachhändler denkbar, die auf der einen Seite in absoluter Harmonie mit den Herstellern leben und auf der anderen Seite hochangepasste Produkte an die Endkunden verkauft.

    Eine zusätzliche persönliche Wunschvorstellung meinerseits in diesem Szenario wäre es, wenn die Produkte allesamt leicht zu reparieren und zu upgraden wären. Damit könnte man zu einem guten Teil dem Wegwerfwahn entgehen. Wenn mir dann also das Gehäuse meines Fernsehers gefällt, könnte ich es über Jahrzehnte behalten – ohne Einbussen beim technologischen Fortschritt.

  3. Jürgen
    schrieb am 6. Januar 2008 um 19:57 Uhr (#)

    Sehr interessantes Posting! Ich freue mich schon auf die Zeit, wo ich nicht mehr ne Menge “Apparate” im Wohnzimmer haben “muss” sondern eines, das ich beliebig erweitern und modifizieren kann!

  4. FLOG
    schrieb am 15. Januar 2008 um 15:43 Uhr (#)

    danke für die infos, via LEU bin ich schon auf chumby aufmerksam geworden und bei neuerdings.com haben sie ja vor kurzem auch so was ähliches vorgestellt, Pixxa. Hast du den Chumby selbst ausprobiert? ist der Screen genug gross?

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.