Und noch ein Facebook-Fehltritt

Eigentlich denkt man ja, dass Startups gegenüber Grossunternehmen zumindest einen grossen Vorteil haben: Sie sind klein und nicht so hierarchisch, und daher können sie sich typischerweise intelligenter verhalten. Statt Bürokratie dominiert Flexibilität.

Das scheint allerdings nicht für Facebook zu gelten. Das Social-Network-Startup hält die Kadenz seiner Fehltritte auch im neuen Jahr hoch: Nach allerlei Skandälchen hinsichtlich der neuen Werbeformen auf Facebook noch in den letzten Wochen hat sich Mark Zuckerbergs Firma heute erfolgreich damit blamiert, A-List-Blogger Robert Scoble von der Website zu verbannen. Die ganze amerikanische Blogosphäre ist in Aufruhr, und natürlich gibt es auch schon die eine oder andere “Rettet Scoble”-Supportgruppe — auf Facebook, versteht sich.

Scobles Verbrechen? Er testete ein neues Feature des Konkurrenznetzwerks Plaxo, das die Facebook-Kontaktliste eines Users daraufhin überprüft, ob die Facebook-”Freunde” auch auf Plaxo zu finden sind. Harmlos, müsste man meinen, zumal Facebook selbst ähnliche Features für Gmail-Kontaktlisten, Outlook-Adressbücher und dergleichen anbietet. Aber Facebook sieht das anders. Eine Verletzung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen sei das, teilte man Scoble per automatisch generierter Standardmail mit.

Genau dieser Automatismus ist erstaunlich. Wohl gerade Facebook sollte wohl wissen, dass Online-Communities empfindliche Gebilde sind und Meinungsführer wie Scoble einen aussergewöhnlichen Einfluss haben. Ausgerechnet eine solche High-Profile-Person per Roboter abmahnen zu lassen, würde besser zu einem gehirntoten Telekommunikationskonzern passen als zu einem hippen Web-2.0-Startup.

Aber dieser Sturm im Wasserglas ist gar nicht das eigentliche Problem. Facebook demonstriert mit diesem PR-Fiasko nämlich zwei Dinge: Erstens ist der Laden nicht so gut gemanaged, wie er sein müsste, um seinen Ruf (und seine Bewertung) rechtfertigen zu können. Und zweitens ist Facebook (wie auch die meisten seiner Konkurrenten) offensichtlich wild entschlossen, sein streng geschlossenes Modell zu schützen und die einmal eingegebenen Daten, die ja eigentlich dem User gehören sollten, mit Zähnen und Klauen zu verteidigen.

Wird wohl langsam Zeit, den Facebook-Schergen zuvorzukommen und seinen Account gleich selbst zu löschen. Ganz offensichtlich lohnt sich ein zeitliches Investment in ein Facebook-basiertes Kontaktnetzwerk nicht.

9 Kommentare

  1. Markus Tressl
    schrieb am 3. Januar 2008 um 20:06 Uhr (#)

    Wenn Du den Link zum ‘Delete Account’ bei Facebook findest lass es mich wissen!

    Es hat naemlich nur einen ‘Deactivate Account’, und was danach mit Deinen Daten passiert kannst Du Dir denke ich vorstellen…

  2. Reto Hartinger
    schrieb am 4. Januar 2008 um 02:28 Uhr (#)

    ist mir auch passiert
    http://blog.internet-brie…/24/mord-in-facebook
    Es gibt kein Recht auf Existenz im Internet und das wird bei Sozialen Netzwerken zum Problem werden.

    Manch einer hat hunderte von Stunden in sein Sozialse Netz investiert und da schmeisst ihn ein Algorythmus einfach so raus. Allgemeine Geschäftsbedingungen sind ein wandelndes Geschöpf und bei Facebook übrigens unbekannt.

  3. Franz Robert
    schrieb am 4. Januar 2008 um 10:08 Uhr (#)

    Göldi pro Extrawurst für Scoble?

    Facebook ist doch gar nicht das Problem. Das Ende der Privatsphäre ist das Problem. Dazu gehört auch das Data Mining von Scoble. Facebook ist momentan prominent, aber das Problem ist bei allen Social Networks da.

    Und wer wie Göldi, Hartinger und Tressl reklamiert, aber selbst in diesen Social Networks sitzt, ist unglaubwürdig.

  4. herr kaliban
    schrieb am 4. Januar 2008 um 10:15 Uhr (#)

    scoble hat ein script für plaxo pulse getestet, facebooks system hat eine auffällige häufung von automatisierten abfragen bemerkt, fremdes datamining vermutet und prophylaktisch den accout gesperrt. scoble hat sich beschwert, jetzt ist er wieder drin. alles nicht den sturm im wasserglas wert, der durch die blogosphäre getobt ist.

    die frage, wem die daten gehören, mit denen studivz, facebook, linkedin, xing und all die anderen datensammelanstalten gefüllt sind, das ist die eigentliche frage.

    und die ist weiterhin ungelöst.

  5. Matthias
    schrieb am 7. Januar 2008 um 03:18 Uhr (#)

    Ich provoziere jetzt mal ein bisschen, natürlich in bester Absicht und Hoffnung auf eine gute Replik ;)

    Andreas, der Artikel ist unter deinem Niveau! Du argumentierst, Facebook wäre nicht gut geführt, nur weil der Herr A-List Blogger XY per automatischer Mail eine auf den Deckel bekommen hat.

    Natürlich kann man dieser Meinung sein, von irgendeinem 08/15-Blogger – so die basicthinking-liga – würde ich auch nichts anderes erwarten, die können es ja auch nicht besser. Aber du kannst es besser. Von dir erwarte ich brillante Analysen aus der Unternehmer- oder eben ganz analytisch aus der Vogelperspektive. Die Schmerzen von A-List-Bloggern sind Froschperspektive.

    Hier mal mein Ansatz für die Vogelperspektive zu Facebook:

    1. Klar ist FB krotesk überbewertet etc. Nur wessen Problem ist das eigentlich? Das von ein paar Investoren, die ihre Renditeerwartungen vielleicht mal von 50.000% auf 1000% bei einem Exit runterkorrigieren müssten? Oder der Portokasse von Microsoft? Who cares.

    2. Zwischen “FB wird das neue Google” und “FB wird nie Geld verdienen” liegt ja ne große Bandbreite. Keiner weiss im Moment wo FB da landen wird.

    3. Deshalb muss experimentiert werden. Hast du übrigens hier hervorragend beschrieben

    http://medienkonvergenz.c…der-businessmodelle/

    also die Suche nach dem “Dominant Design” für Social Networks ist in vollem Gange:

    4. grundsätzlich gibts 2 Businessmodelle: Gebühren über Premiumaccounts etc. oder Werbung

    5. Keines der beiden Modelle wird den Nutzern gefallen. Also fängt man erstmal mit Werbung an, dabei fasst man wenigstens nicht direkt in die Tasche der User

    6. Da die Werbung auf SNs nie so profitabel sein wird wie z.B. bei Suchmaschinen (Stichwort Transaktionsnähe, hast du ja ebenfallen prima analysiert), muss man wenigstens mit dem Pfund was man nun mal hat – den Nutzerdaten – entsprechend wuchern.

    7. Nichts was man tut wird den Nutzern gefallen. Deshalb macht mans trotzdem, und rudert dann bei zuviel negativer PR ein Stückchen zurück, dann kommt der nächste Vorstoß. Schließlich muss man die Grenzen erstmal austesten, und vielleicht auch erweitern.

    8. Die Aufregung der Nutzer ist halb so wild, denn die Aussage “SNs sind empfindliche Gebilde” stimmt insbesondere für die Marktführer ja nur noch bedingt, und das ist ein zentraler Knackpunkt: Stichwort Wechselkosten! Leute die sich 3x am Tag in FB einloggen um mit ihren 500 “Freunden” zu kommunizieren, haben ja erheblich investiert und werden die Plattform nicht so schnell verlassen. Und wenn sie zu einem anderen SN wechseln würden was noch kleiner ist, hat das ja in absehbarer Zeit exakt die gleichen Probleme. Wenn ich den verlinkten Artikel von dem Blogger richtig überflogen habe, hat er sich zwar echauffiert, aber ja nicht FB den Rücken gekehrt, sondern schön brav beim Support nachgefragt.

    9. Wenn dann bei den ganzen Werbegeschichten wirklich einer signifikanten Zahl von Usern der Kragen platzt, bietet man denen halt einen werbefreien Premiumaccount an, dann sind die auch wieder lieb.

    10. Ob daraus nun ein knapp unprofitables, ein knapp profitables oder ordentlich profitables Unternehmen wird, ist aus heutiger Sicht fast nicht absehbar. Das sehen wir 1-2 Jahren.

    Das sind meine 2 Cents zu FB. Comments, anyone?

  6. Schreibt hier auf dem Blog Andreas Göldi
    schrieb am 7. Januar 2008 um 10:38 Uhr (#)

    @Matthias: Danke fuer Deine Provokation :-) Deine Argumente haetten aber auch ohne das funktioniert.

    Der Artikel hier war auch nur als punktueller Kommentar zu einem aktuellen Newsitem gedacht, nicht als fundierte Analyse. Zu Facebook habe ich in den letzten Monaten wirklich schon genug geschrieben.

    Aber: Ja, ich bin der Meinung, dass ein gut gefuehrtes Startup diesen Fehler nicht gemacht haette. Und zwar deswegen, weil Facebook (und andere hippe Startups) sich immer so verkaufen, dass sie die Blog- und Social-Network-Szene besonders fundiert verstehen, im Gegensatz zu den “alten Saecken” in den traditionellen Medienkonzernen. Facebooks Technologiebasis und selbst seine Userbasis alleine wuerden noch lange nicht die exorbitante Bewertung rechtfertigen. Dieses zusaetzliche “Magie”-Element waere eben das tiefe Verstaendnis des Markts, und das scheint Facebook zumindest in der Umsetzung nicht auf den Boden zu bringen. Das hat man schon bei Beacon und anderen Faellen gesehen, und jetzt eben wieder in der Scoble-Affaere. Myspace hat vor gut einem Jahr aehnliche Fehler gemacht (z.B. temporaere Sperrung von Youtube-Videos) und unter anderem das hat zum Aufstieg von Facebook gefuehrt.

    Dass das Businessmodell eines Social Networks aus anderen Gruenden problematisch ist, hast Du sehr gut beschrieben. Gerade die Wechselkosten sind im Prinzip die einzige objektive Einstiegshuerde fuer neue Konkurrenten, und darum verteidigen Facebook & Co. ihre Daten auch mit Zaehnen und Klauen und versuchen die User einzusperren.

    Mein Argument dazu: Das haben AOL und andere geschlossene Netzwerke auch versucht. Damals waren die Wechselkosten sogar noch viel hoeher, weil man seine E-Mail-Adresse nicht zu anderen Providern mitnehmen konnte. Aber wie wir alle wissen, ist AOL seit vielen Jahren im dramatischen Sinkflug.

    In der Technologiegeschichte haben sich am Schluss fast immer die offenen Standards durchgesetzt, wenn auch nicht ueber Nacht. Denk nur an Internet-Mail, HTML, GSM, MP3, SD, usw. Zu all diesen Technologien gab es starke proprietaere Alternativen mit erheblichen Wechselkosten. Klar, ein paar Gegenbeispiele gibt es auch, beispielsweise Microsoft Office. Aber ich glaube, dass der Drang zur Offenheit bei Social Networks ziemlich dramatisch sein wird. Und dann werden die einen oder anderen heutigen Businesskonzepte nicht mehr so gut aussehen.

  7. Matthias
    schrieb am 7. Januar 2008 um 13:04 Uhr (#)

    Danke für deine ausführliche Antwort. Das Thema hat drei Ebenen, lass uns die trennen: die eine ist das Thema der Öffnung, da bin ich im Grunde bei dir.

    Ebene 2 ist die Management-Frage, die interessiert mich mehr. Ich habe ein kleines Unternehmen (10 Leute), und wenn ich eines bitter immer wieder lernen muss, dann, dass Micromanagement zwar immer wünschenswert ist, aber ab einem bestimmten Punkt nicht mehr funktioniert. Sprich: Wenn ich einem automatisierten Prozess habe (bzw. haben muss), dann mag das sein dass in 0,1% der Fälle irgendwas nicht so läuft wie es wünschenswert wäre. Dagegen kann man aber an der Stelle der Automatisierung nichts machen, sonst wird das nichts. Sondern man muss die Probleme zulassen und sie dann lösen wenn sie auftreten. Nicht optimal, aber sonst kriegt man gar nichts automatisiert.

    Du hast ja nun Erfahrung mit noch deutlich größeren Firmen. Stell dir vor du wärst CEO von FB – würdest du eine Abteilung gründen, sagen wir 10 Mann, die – meinetwegen halbautomatisch – die FB-Profile auf VIPs bzw. Meinungsmultiplikatoren prüft, diese in der Datenbank markiert, und so z.B. den Versand einer Abmahnungsmail wie im Falle dieses Bloggers erstmal blockiert, und den Vorgang dann von Hand prüfen zu lassen?

    Ich würde das nicht tun. Denn wie stellst du sicher, das diese Abteilung denn nun fehlerfrei arbeitet? Letztlich hast du hier einen Prozess, der ist entweder allen Nutzern zumutbar oder nicht. Ich würde schauen dass der Support bei aufgetretenen Problemen schnell reagiert, das schon. Aber den Prozess würde ich so laufen lassen. Du nicht?

    Die dritte Ebene ist die PR-Ebene. Da hast ja schon bewusst oder unbewusst die Formulierung “…das sich Startups immer so *verkaufen*” verwendet. Eben, genau das ist es – ein verkaufen. Aber es kommt doch auf die Phase an, in der das Unternehmen steckt. Am Anfang macht man einen auf “wir haben alle lieb und sind die Guten”, Google hat sogar das PR-Kunststück mit diesem “don´t be evil” geschafft (sensationeller PR-Coup, unfassbar im Grunde). Am Anfang ist man davon auch abhängig, und baut so sein Produkt auf.

    Nur irgendwann ist halt auch Schluss mit lustig. Wann passen den die Interessen eines Unternehmens denn 100%ig zu den Interessen seiner Kunden? Das ist doch Sozialromantik. Nur, wenn man es richtig gemach hat – Google ist ein prima Beispiel – stört einen die irgendwann auch einsetzende auch kritische / negative PR gar nicht mehr so sehr, der Produktnutzen kombiniert mit der aufgebauten Markenstärke strahlt das bei der Masse der Nutzer weg. Deshalb ist das, was du und andere Blogger als PR-Fehltritte von FB geiselst, aus meiner Sicht einfach eine unvermeidbare Begleiterscheinung der Phase “Monetarisieren / Experimente dazu”. Natürlich kannst du das kritisieren. Nur aus deiner Erfahrung als Unternehmer: glaubst du wirklich man kann das verhindern, im Sinne von das ist eine Anforderung an gutes Management?

    Ich glaube nicht. Bin aber sehr an deiner Meinung interessiert.

  8. Schreibt hier auf dem Blog Andreas Göldi
    schrieb am 7. Januar 2008 um 17:37 Uhr (#)

    @Matthias: Facebook hat eindeutig jetzt schon eine Abteilung, die manuell Profile überprüft. Mehrere Leute, die sich unter Pseudonym angemeldet haben, sind schon ausgeschlossen worden. Ausserdem werden alle Werbeeinträge manuell freigegeben. Es ist also nicht eine Frage der Ressourcen, sondern nur der sorgfältigen Umsetzung. Gerade eine Sperrung aufgrund von ungewöhnlichen Aktivitäten hätte unbedingt manuell geprüft werden müssen und auch können, zumal es ja nicht um eigentlichen finanziellen Schaden ging. Eine “White List” mit bekanntermassen experimentierfreudigen Bloggern oder Journalisten zu machen, die nicht einfach so gesperrt werden sollen, ist nun wirklich nicht Rocket Science.

    Zu Unternehmensinteressen vs. Kundeninteressen: Klar, da gibt es immer einen inhärenten Konflikt. Aber es hängt von der Stellung eines Unternehmens, der Marktstruktur (z.B. Wechselkosten) und der Art der verkauften Leistung ab, was sich eine Firma diesbezüglich erlauben kann. Das Pricing von etwa Banken oder Telekommunikationsfirmen hat eher etwas mit organisierter Wegelagerei als mit Kundenfreundlichkeit zu tun, weil diese Branchen stark konzentriert und die Einstiegshürden für neue Konkurrenten riesig sind.

    Bei Social Networks wäre ich da nicht so sicher. Stichwort Friendster — gestern noch der Star, heute praktisch tot. Dito bei AOL und anderen. Die eigene Marktmacht zu überschätzen ist ein klarer Fall von schlechtem Management, und das hat Facebook in den letzten Wochen gleich mehrfach eindeutig getan. Auch beispielsweise Google und Amazon experimentieren laufend mit ihrer Monetarisierung, aber nicht so plump, dass sie sich alle paar Wochen öffentlich entschuldigen müssen.

  9. Matthias Saner
    schrieb am 9. Januar 2008 um 11:40 Uhr (#)

    Und schon Schnee von gestern. Vom “PR-Fiasko” zum PR-Coup würde ich sagen.

    Nachdem nun Facebook zusammen(!) mit Google und Plaxo der DataPortability Workgroup beigetreten sind, kommt Hoffnung auf. Und Facebook geht nach meiner Auffassung gestärkt aus der Affäre hervor:

    - Sie wissen automatisierten Bot-Zugriff effizient und unverzögert zu verhindern
    - Sie behandeln den Oberblogger wie jeden andern auch (Naja, vielleicht auch nicht.)
    - Sie reagieren zügig indem sie nun den Anschein erwecken, auf das geschlossene Modell zu verzichten

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