Annus horribilis für Zeitungsaktien:
Die Disruption schlägt zu
Wie neulich schon mal beschrieben: Wer Geld an der Börse machen will, sollte derzeit vermutlich nicht in Aktien von Zeitungskonzernen investieren.
Eine Analyse von “Newsosaur” Alan D. Mutter für den amerikanischen Markt zeigt aber erst auf, wie gross das Problem wirklich ist. 2007 verloren die börsennotierten amerikanischen Zeitungsunternehmen nicht weniger als 26% ihres Wertes — oder total die Kleinigkeit von $11 Milliarden. Über die letzten drei Jahre gerechnet summiert sich die Kapitalvernichtung sogar auf volle $23 Milliarden oder einen Wertverlust von 42%. Das wohlgemerkt in einer Zeitspanne, in der die Konjunktur brummte und der Gesamtmarkt um mehr als 20% anstieg. Einzige Ausnahme waren die Aktien von Dow Jones (Herausgeberin des Wall Street Journal), deren Preis im Übernahmekampf mit Rupert Murdoch hochgetrieben wurde.
Im deutschsprachigen Markt sieht es nicht viel besser aus, auch wenn die Transparenz da sehr reduziert ist, weil die meisten Zeitungskonzerne nicht börsennotiert sind.
Axel Springer verlor 2007 fast 30%, nicht zuletzt natürlich durch die Quasi-Pleite der Post-Konkurrenz Pin, an der Springer beteiligt war (womit uns der Markt vermutlich sagen will, dass Herumtransportieren von bedrucktem Papier in keinem Fall eine sehr zukunftsträchtige Idee ist — egal, ob man das Papier selbst bedruckt oder nicht). Dass anderswo kurz vor Weihnachten schnell noch der Süddeutsche Verlag verkauft wurde, war wohl auch kein Vertrauensbeweis in die Branche.
In der Schweiz verloren die Grossverlage Tamedia und Edipresse je 9 bzw. 15%. Und der Werbevermittler PubliGroupe, der trotz eines heftigen Konzernumbaus den überwiegenden Teil seiner Umsätze immer noch im Print-Bereich erzielt, liess ebenfalls Federn: minus 14.5% (Disclosure: Ich habe mal für PubliGroupe gearbeitet und bin nach wie vor Aktionär und Verwaltungsrat in einer Firma, die mehrheitlich dem Konzern gehört). Fairerweise muss aber festgehalten werden, dass der Gesamtmarkt auch etwa 3.5% verlor.
Ein paar unentwegte Finanzanalysten behaupten immer noch, dass das lediglich ein zyklischer Abschwung für die Zeitungsaktien sein könnte. Wobei man sich dann fragen muss, wodurch denn genau der Aufschwung getrieben werden soll, falls er mal käme. Natürlich hatte das Jahr 2007 mit der Kreditkrise, hohen Ölpreisen usw. seine Probleme, aber die Gesamtkonjunktur gerade im deutschsprachigen Europa lief so gut wie schon lange nicht mehr. Das müsste sich historisch gesehen auf ein blütendes Werbegeschäft für die Zeitungen ausgewirkt haben. Hat es aber wohl nicht.
Nein, viel wahrscheinlicher haben wir es mit der ersten wirklich deutlichen Konsequenzen der Disruption der alten durch die neuen digitalen Medien zu tun. Jahrelang konnten sich die Zeitungsverlage noch in Sicherheit wiegen, weil die Internet-Branche mit ihren heftigen Aufs und Abs nie auch nur annäherend auf die Umsatz- oder Profitgrössen des Printsektors kam. Aber jetzt werden die Probleme offensichtlich. Wenn eine ganze Branche so offensichtlich schlechter als die Gesamtwirtschaft performt, liegt ein grundsätzliches Problem vor, auch wenn es erst ein Jahrzehnt nach dem Auftreten der Ursache sichtbar wird.
Eine solche Zeitverzögerung ist sehr typisch für grundlegende Disruptionen. Ein klassisches Beispiel ist IBM (und die anderen Grosscomputerhersteller, die aber mehrheitlich nicht mehr existieren): 1977 erschienen die ersten Personal- bzw. Heimcomputer auf der Bildfläche. 1981 stiegt IBM selbst in diesen Bereich ein und schien diese neue Welle erfolgreich abgefangen zu haben. Aber das stellte sich als Trugschluss heraus: 1988 performte die IBM-Aktie erstmals deutlich schlechter als der Markt. Und keine fünf Jahre später, etwa 1993, war IBM fast am Boden. Die Aktie war erheblich weniger wert als 1977, der Konzern ging fast in Konkurs.

Immerhin hat sich IBM als ehemals stärkster IT-Player wieder einigermassen erholt, aber nur als Schatten seiner selbst. Und vom Rest der Grosscomputerbranche ist schlicht und einfach nichts übrig. Burroughs, Univac, Control Data, Digital Equipment, NCR: All diese Firmen kamen in der ersten Hälfte der neunziger Jahre in massive Schwierigkeiten, verloren ihre Unabhängigkeit oder mussten sich komplett neu ausrichten.
Mit anderen Worten: Vom ersten richtigen Auftreten der Disruption (1977) bis zu den ersten deutlichen Problemen der IBM-Aktie (1988) hat es elf Jahre gedauert. Schon fünf Jahre später stand die stolze IBM kurz vor der Pleite. Die Disruption brauchte also sechzehn Jahre, um sich richtig auszuwirken.
Und jetzt rechnen wir mal nach: Das Web wurde 1996 mit dem Erscheinen von Netscape erstmals richtig populär. 2007, also elf Jahre später, sind die disruptierten Firmen (Zeitungskonzerne, aber auch Musiklabels) erstmals in klar spürbaren wirtschaftlichen Problemen.
Wer weiss, was in fünf Jahren sein wird? Die eine oder andere Pleite vielleicht? Klar, die starken Player werden auch hier überleben, und einige Medienkonzerne werden sicher flexibel genug sein, um einen IBM-artigen Turnaround mit kompletter Neuausrichtung zu überstehen. Aber wenn sich diese Disruption so ähnlich auswirkt wie die PC-Revolution, sieht es nicht gut aus für die Zeitungsbranche.











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Man kann auch bei fallenden Kursen Geld verdienen.
Ganz traditionell kann man ausserdem Aktien auch halten und Dividenden einstreichen.
Seltsam finde ich die Trennung in alte und neue Medien. Viele geben alte und neue Medien heraus!
Die Gesamtwirtschaft performt also. Ein Teil sicher. Vor allem jener Teil, der sich von Bubble zu Bubble rettet. Der Rest stagniert seit Jahren, man achte auf die Massenarmut in vielen westlichen Ländern. Wirklich Sorgen mache ich mir um das Platzen der letzten Bubble, in die man sich gerettet hat!
An fallenden Kursen Geld zu verdienen ist sicher lustig. Weniger lustig dürfte so etwas für die Mitarbeiter der betroffenen Unternehmen sein, weil man vermutlich mit Werkschließungen und Arbeitplatzabbau konfrontiert wird.
Ich frage mich, wann und in welchem Ausmaß die Disruption weitere Branchen treffen wird, etwa den in Deutschland starken Maschinenbau. Dort wird immer noch zum größten Teil in “mechanischen” Dimensionen gedacht und viel zu wenig beachtet, dass die Elektronik auch hier zuschlagen und etwa mit der Robotik vieles auf den Kopf stellen wird.
nicht zuletzt natürlich durch die Quasi-Pleite der Post-Konkurrenz Pin, an der Springer beteiligt war (womit uns der Markt vermutlich sagen will, dass Herumtransportieren von bedrucktem Papier in keinem Fall eine sehr zukunftsträchtige Idee ist
Naja, die Idee war ev. gut, allerdings ist der Idee ein neues Gesetz für Mindestlohn in Deutschland dazwischen gekommen. Damit sehen wahrscheinlich auch die anderen Mitbewerber wie TNT und wie sie alle heissen, alt aus. Diese Entwicklung hat für mich deshalb nur sehr wenig mit dem Abschwung der Printbranche zu tun und sollte damit nicht als Beispiel für den Abschwung benutzt werden.
@LMB: Na ja, das mit dem Mindestlohn ist natuerlich die offizielle Story, die Springer & Co. jetzt auftischen. Wenn das Geschaeftskonzept von Pin derart empfindlich war auf kleinere Lohnerhoehungen, war das wohl doch kein so guter Plan (gerade in Deutschland, wo man mit so etwas rechnen muss). Ausserdem sieht man auch in anderen Laendern mit laengerer Liberalisierungserfahrung (z.B. USA), dass ein privater Briefdienst kaum profitabel machbar ist.
Der Markt fuer physische Post geht schon seit Jahren zurueck (dank E-Mail etc.) und wird weiter stark zurueckgehen. Dass Verlage in so etwas hunderte von Millionen Euro reinbuttern, aber an der Digitalfront sehr konservativ sind, ist leider wohl typisch.
Das man den Mindestlohn zum Anlass genommen hat ein unrentables Unternehmen zu liquidieren mag gut sein. So hat Springer zumindest einen Sündenbock dafür. In diesem Licht gesehen kann man dies durchaus in den Kontext stellen wie du es gemacht hast.
Der Vergleich mit IBM holpert gewaltig. Es ist ja nicht so, dass der Journalismus grundsätzlich neu Erfunden werden müsste, oder gar durch technologischen Fortschritt zur sprudelnden Geldquelle mutieren könnte. Abgesehen davon klagen Verleger gerne auf hohem Niveau – in guten und in schlechten Zeiten…
Wachsende Profitgier in der Verlegerzunft? Nicht nur, aber auch.
@Ugugu: Die Zeitungsbranche war in vielen Faellen bis vor einigen Jahren ausserordentlich profitabel (wenn auch typischerweise nicht fuer die Journalisten). Von Renditen wie im Zeitungsmarkt konnten andere Branchen nur traeumen.
Es geht bei der Disruption natuerlich nicht darum, den Journalismus neu zu erfinden. Der PC hat ja auch nicht neu erfunden, wie Computer physisch funktionieren, sondern hat bekannte Elemente neu verpackt und erweitert. Das erleben wir auch derzeit in der Medienwelt. Ein Aequivalent zu Blogs, RSS, Digg, Google News etc. gibt es in den Printmedien nicht.
Auch typisch fuer Disruptionen ist, dass die Gewinne ploetzlich in einer anderen Wertschoepfungsstufe anfallen. Bei Grossrechnern haben die Systemhersteller wie IBM verdient, beim PC waren es ploetzlich die Komponentenlieferanten wie Microsoft und Intel. Dito bei den neuen Medien: Die grossen Gewinne fallen bei den Aggregatoren wie Google an, teilweise auch bei den Telco-Firmen, die die Basisinfrastruktur bauen.