Über die Relevanz von Tech-Blogs
Ein Thema beschäftigt mich schon seit einer Weile und nun ist es Zeit, meine Gedanken in Worte zu fassen: Die Relevanz von Blogs. Immer wieder wurde darüber im Jahr 2007 diskutiert: auf der einen Seite Zeitungen und Medienhäuser, auf der anderen die Blogger selbst. In diesem Posting möchte ich von einer persönlichen Feststellung berichten, die mein Internetnutzungsverhalten der vergangenen Monate betrifft: Während ich für “klassische” Nachrichtenthemen wie Politik, Ausland oder Wirtschaft auch im Jahr 2007 ausschließlich etablierte, journalistische Onlineangebote nutze, beziehe ich meine Informationen rund um das Internetgeschehen mittlerweile fast komplett von Blogs!
Der Grund: Schätzungsweise 90 Prozent der professionell geführten Onlinemedien weisen nach meinem Empfinden große Schwächen in der Berichterstattung über Internet-Themen auf. Fast immer sind Artikel unaktuell (von einigen Stunden bis hin zu mehreren Tagen) und inhaltlich mangelhaft. Dabei kritisiere ich nicht, dass die Redakteure versuchen, Tech-Themen in Laiensprache zu vermitteln – logisch, dass dem durchschnittlichen Leser von Welt Online, Handelsblatt Online & Konsorten ohne übermäßige Netzaffinität ein Artikel über Facebook, YouTube oder Joost anders serviert werden muss als einem Experten auf dem Gebiet. Nicht selten werden in derartigen Veröffentlichungen jedoch Zusammenhänge falsch dargestellt, wichtige Fakten unterschlagen oder andere, für die Meldung völlig unbedeutende Sachverhalte hinzugefügt. Derartige Mängel treten selbst bei den Onlineausgaben vieler Computerfachmagzine auf (löbliche Ausnahme: heise online, wo der schwierige Balanceakt zwischen journalistischem Anspruch und korrekter Darstellung komplexer Zusammenhänge meist gelingt).
Warum ist das so? Weil viele Redakteure im Gegensatz zu den dynamischen, aber vollständig “erforschten” Themen wie Politik oder Wirtschaft die rasend schnelle und technisch komplexe Entwicklung im Netz selbst nicht durchschauen. In Kombination mit der häufig verspäteten Berichterstattung macht das die Meldungen eines Großteils der verlagsgeführten Nachrichtenangebote zum Thema Internet völlig unbrauchbar. Das ist der Grund, warum Blogs im Jahr 2007 für mich persönlich traditionelle Medienanbieter innerhalb dieses speziellen Themengebiets abgelöst haben. Der Vorteil der Blogs: Dort schreiben Menschen über Themen, für die sie sich begeistern, mit denen sie tagein, tagaus zu tun haben, die häufig sogar Teil ihres Berufs sind. Diese Personen mögen keine journalistische Ausbildung genossen haben, lieben das Schreiben aber trotzdem, wollen es verbessern und dazu zu lernen. Das ist dann mehr als die halbe Miete.
Ich beziehe mich hier zwar nur auf Blogs, die die Entwicklung im Web beobachten, bin mir aber sicher, dass es auch diverse andere Fachgebiete gibt, in denen entsprechend spezialisierte Blogs interessierten Lesern erheblich mehr und bessere Informationen geben können, als dies reichweitenstarke Zeitungen im Netz tun. Zugegeben, mehrere hunderttausend Leser lassen sich im deutschsprachigen Raum sicherlich mit keinem Blog erreichen. Die etablierten Anbieter werden die meisten ihrer Domänen nicht verlieren – die, wo sie ihre Stärken haben. Bei den Nischen und spezielleren Ressorts jedoch werden sie zunehmend Konkurrenz durch Blogs (oder wie auch immer das Publizieren von Inhalten durch User in Zukunft heißen wird) bekommen. Dort ist ihre Nachrichtenhoheit bedroht. Dort stellt sich dann zurecht die Relevanzfrage.
Foto via Flickr
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.












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Dem kann ich zustimmen, selbige Beobachtung konnte ich letztens im Technikteil der FAZ machen, die eine ganze Seite über die zukünftigen Geschäftstätigkeiten der Firma Nokia im Hinblick auf die Veröffentlichung von Google Android brachte. In nahezu jedem technikverwandten Blog ließen sich, wenn man mehr als nur einen Artikel dazu liest, deutlich tiefgehendere und akuratere Analysen anstellen, als es in diesem Artikel getan wurde. Es kratzte leider nur an der Oberfläche, als Leser bekam man den Eindruck, als könne ein statisches Medium der Dynamik der Technologieentwicklung nicht mehr Rechnung tragen. Dies soll jetzt keine grundlegende Kritik an dem Format Zeitung sein, aber es kommt auf die vielen kleinen Meinungen, Meldungen und Details an, die in einer Zeitung so schnell nicht berücksichtigt werden können, die aber entscheidend sind, aktuelle Entwicklungen zu verfolgen.
Einen angenehmen Tag noch.
Joerg
Gute Ergänzung!
Lieber Martin Weigert, genauso schwarz-weiß, wie viele Artikel in klassischen Medien über die Blogs berichten, ist dein Beitrag hier. Genauso falsch, wie allen Blogs Belanglosigkeit vorzuwerfen, ist deine Behauptung, 90 Prozent der Beiträge in “professionell geführten Onlinemedien” über Internetthemen weisen große Schwächen auf, seien inaktuell und inhaltlich mangelhaft. Onlinemedien richten sich nun mal an eine andere Zielgruppe als Blogs und müssen daher andere Schwerpunkte setzen. Fehler machen all. Behauptungen dieser Art bringen die Diskussion nicht weiter.
Ich kann Dir nur zustimmen, Martin. Vereinfachung für das nicht technikaffine Publikum ist nachvollziehbar. Aber dieses Jahr sind mir in den Massenmedien so viele faktische Fehler in Artikeln über das Web untergekommen, dass mein Vertrauen in die Arbeitsweise der alteingesessenen Redaktionen nachhaltig erschüttert ist (von den zukunftsfeindlichen Polemiken in SZ und FAZ ganz zu schweigen).
heise als Insel der Ausnahme in einem Meer von Halbwahrheiten sehe ich ebenfalls so. Ich wünschte nur, man würde dort per Feed mehr ausliefern als nur die Überschriften.
Martin, 100% Zustimmung. Ich würde sogar ergänzen, dass mittlerweile viele wichtige Themen fast gar keine Beachtung mehr finden in den etablierten Medien. In diese Lücke springen dann Blogs oder eben die schon von Dir erwähnten Heise. Übrigens halte ich Deinen Artikel nicht für schwarz weiss Zeichnung. Eher für eine berechtigte Kritik, die sich Medienmacher hoffentlich zu Herzen nehmen.
@ Holger
Das ist zwar nicht ganz falsch, aber dann stellt sich mir schon die Frage: sollten Medien, die die breite Masse ansprechen, ungenau und falsch berichten (wie sie es teilweise tun) oder es bleiben lassen und stattdessen (wenn sich die zuständigen Redakteure nicht in der Lage sehen, es besser zu machen) lieber eine zwar kurze und knackige, aber zumindest korrekte Zusammenfassung schreiben und den an weiterführenden Infos interessierten Leser auf ein Fachmedium verweisen (muß ja nicht unbedingt ein Blog sein)?
Also daß zb. in der FAZ ein Artikel über irgendein Social Network steht, das nur über Handys abläuft (mal so als Beispiel), der enthält dann aber nur die wichtigsten Grundlagen, und unten steht ein Hinweis: mehr erfahren Sie zb. bei TechCrunch [link], Mashable [link] usw.
Der für den Kunden ideale Weg ist demnach auch hier wieder: Kooperation statt (reine) Konkurrenz.
Hallo Holger. Als Redakteur einer großen deutschen Zeitung kann ich verstehen, dass du dich angesprochen fühlst. Auf der anderen Seite schreibst du als einer der wenigen Online-Redakteure selbst in einem Blog und scheinst regelmäßig englischsprachige und deutschsprachige Tech-Blogs zu lesen (und gelegentlich sogar Kommentare zu schreiben). Damit unterscheidest du dich von vielen deiner Kollegen, weil du Blogs offensichtlich eine gewisse Relevanz zumisst und im Lesen dieser die Möglichkeit siehst, an zusätzliche “Insider-Informationen” zu gelangen, die in deiner journalistischen Arbeit hilfreich sein können.
Ich finde, genau dies ist eine gesunde Einstellung. Die beschriebene, häufig mangelhafte Berichterstattung der etablierten Medien macht aber deutlich, dass viele Online-Redakteure offensichtlich nicht so denken.
@ Marcel
Beim Thema Feed halte ich lieber meinen Mund und ergreife keine Partei ;)
@ Francis
Danke :)
yeah, you better do :)
Hier habe ich einige sehr beispielhafte Schlagzeilen zum Thema studiVZ-Werbung der letzten Tagen, die für sich sprechen:
StudiVZ will Werbung einführen (tariftip.de)
Studi-VZ plant angeblich Werbung nach Facebook-Vorbild (ZDNet)
studiVZ: Wer seine Daten nicht rausrückt, fliegt (SWR.de)
Falsche Schreibweise, inhaltliche Fehler und maßlose Übertreibung – ist das sorgfältige, journalistische Arbeit?
ist zwar schon ein paar tage alt das thema aber ich möchte meinen senf noch dazu geben.
zuerst sollte man bei den insel noch golem.de anfügen, die haben zwar ab und an mal nen artikel der stark in richtung werbung geht aber sonst gute news.
dann möchte ich die kritik an den zeitungen auch nicht so unwidersprochen stehen lassen. die themen welche blogs besprechen sind meist sehr speziell. dass die zeitung da nur mangelhaft drüberberichtet ist nur verständlich. wir tech-blog-leser sind doch in unserem gebiet dem mainstream sehr weit enteilt.
zu guter letzt noch nen punkt der mir blogs so ans info-herz wachsen lässt, in den kommentaren findet man oft soviel weitere gute infos. damit kann man auch andere feinheiten noch vertiefen.
frohes neues jahr :-)
Golem.de lese ich zwar nicht, aber das ist von der Ausrichtung schon so ähnlich wie heise online, oder?
Auch dir ein frohes Neues ;)