Print vs. Online Die Anti-Journalisten

Schon wieder einer, dem ein gnädiger Gott die Stimme gab, zu sagen, wie’s ihm ums Herz ist. FAZ-Autor Jürgen Kaube, Pauschalreisender in Sachen Netzkritik, fordert in der Überschrift seines Artikels das, was er in diesem Fall leider nicht durchhielt: sachlich zu bleiben.

Beim Gebarme über den ‘Verlust der Fairness‘, über die ‘ungewaschene Subjektivität‘ von ‘Anti-Journalisten‘, die sich aufführen, als seien sie ‘am Tresen zu Hause‘, wäre unsereiner doch mal gespannt, zu erfahren, wo, an wem und auch an was er diesen Tatbestand einer unaufhörlichen Schmähkritik konkret verortet, die er wild daherschmähend anderen vorwirft. Ein einziges Zitat nur, mit Link oder Quellennachweis natürlich, das sollte doch einen Qualitätsjournalisten nicht überfordern. Darüber ließe sich anhand des (Kon-)Textes dann auch reden.

Kein Artikel ist jedoch wasserdicht. An einer Stelle verrät sich auch der Jürgen Kaube: Es geht ihm gar nicht ums Web 2.0, es geht ihm um die “Einträge in den Kommentarspalten der SZ“. Dort aber tummeln sich keineswegs ‘die Blogger’. Diese Kommentarspalten sind der Beritt deutscher ‘Online-Qualitätsmedien’, dort sind ‘traditionelle Zeitungsleser mit Internetanschluss’ zu finden. Aber keine Bewohner des Web 2.0. Wer also pöbelt hier?

Ein solches Missverständnis prägt journalistisches Denken oft: Weil sie mit ihrem Medium endlich ‘im Internet’ sind, deshalb muss das, was bei ihnen stattfindet, auch das Internet sein. Zirkelschlüsse dieser Art sind natürlich Bullshit! Blogosphäre und traditionelle Medienlandschaft liegen sehr weit von einander entfernt – im Normalfall kommen sie sich noch nicht einmal in die Quere.

Mir fällt in dieser Frage die gute, alte Mengenlehre ein: Wir hätten dann die Menge B der ‘Blogosphäre’ und die Menge J des klassischen ‘Journalismus’. In einer Randzone, der sogenannten ‘Schnittmenge’ überschneiden sich beide Mengen, jedes Element der Menge B ist da – und auch nur da – zugleich ein Element der Menge J: ein ‘Niggemeier‘ wäre in dieser ‘Schnittmenge BJ’ zu finden, ein ‘Knüwer‘, ein ‘Jakubetz‘, ein ‘strappato‘ mit seinen Special-Interest-Themen oder auch dieses medienzentrierte Blog hier.

Sie alle aber sind trotzdem nur eine verhältnismäßig kleine Schnittmenge, die ich – mit dem feuchten Finger in der Luft – auf allenfalls zehn Prozent aller Blogs schätze. Die meisten Blogger wollen dagegen gar keine Journalisten sein, ebensowenig wie die meisten Journalisten Blogger sein möchten.

Um diesen umkämpften Braten endlich einmal positiv zu wenden: Bei einer schnittmengenübergreifenden Kooperation beider Bereiche wäre eine produktivere Zusammenarbeit durchaus möglich. Denn alle großen Zeitungen steuern – nolens volens – auf einem Nebengleis mit ihren Portalen ins Internet hinein, weil sie der werten Leserschaft und den Werbeetats auf der Spur bleiben müssen. Die wiederum fliehen vor der Einöde des Print – ohne dass ich jetzt auf die sattsam erörterten Gründe für den großen Frust und Überdruss am ‘deutschen Qualitätsjournalismus’ mit seinem Meinungskartell hier näher eingehen will. Ein kleines, hoffnungsvolles Gegenbeispiel könnte da vielleicht produktiv wirken:

DerWesten, das langerwartete Blogportal der WAZ-Gruppe, lief bekanntlich schleppend an, die Resonanz war nicht überwältigend, die Vorschusslorbeeren für Frau Borchert welkten dahin. Textlich klang alles, wie es es auch in der WAZ schon klang, überdeutlich werkelten ‘im innovativen Raum’ wieder nur Journalisten vor sich hin, ‘Print-Artikel’ folgte auf ‘Print-Artikel’, wobei nach Ansicht von Bloggern deren fünf W sowieso nur der ‘Katzen-Content’ der Redakteurssippe sind.

DerWesten aber – das ist neu und lobenswert – ging jetzt das eingetretene Dilemma offensiv an: Sie holten sich ein ‘wirkliches Blog’ an Bord, und wählten klug. Zugleich lässt sich daran zeigen, wo der Unterschied zwischen Bloggern und Journalisten ‘wirklich’ liegt (*Watzlawick, verzeih!*).

Das kleine ‘Hackblog‘ war seit längerer Zeit für Eingeweihte schon eine überaus unterhaltsame Attraktion im Netz, zumindest für Pütt-Bewohner an Rhein und Ruhr. Vor allem auch dank ‘datt Ingeborch’, eine jener blogtypischen Kunstgestalten, wie sie in einer Szene, die an Rollenspielen geschult ist, zuhauf zu finden sind (nebenbei haben hier, in der Lust am Rollenspiel, auch die ‘noms de guerre’ ihren Ursprung, nicht in ‘feiger Anonymität’, wie es der durchschnittliche Alphajournalist so gern zu mutmaßen pflegt). Diese Ingeborch also ist jetzt bei DerWesten zu finden. Und das ist gut so.

Im Gegensatz zum Journalisten nämlich, der immer ein Etwas braucht, um daraus eine Story zu machen, genügt der Ingeborch ein Fast-Nichts. Es reicht ihr schon, ihren Mann beim Absägen des Tannenbaums zu beobachten. Das Resultat ist trotzdem allemal unterhaltsamer, als der Bericht des höchstdekorierten Alphajournalisten über einen Parteitag der Christdemokraten in Castrop-Rauxel oder Wanne-Eickel. Denn das ist immer nur eine Feld-Wald-Wiesen-Information, ein Text von Ingeborch aber ist Lesespaß.

Besonders interessant für jeden Medienvermarkter ist jetzt der Blick auf die Kommentare: Während selbst die Fußball-Blogs der WAZ-Tochter im kickversessenen Ruhrpott über die Zahl von 3 bis 5 Einträgen kaum hinauskommen, setzt bei der ‘Ingeborch’ vergleichsweise ein wahrer ‘Ansturm’ ein. Die Leute goutieren die sprachmimetische Kraft einer tollen Schreiberin – oder ist sie am Ende ein Mann? – sie lieben den Original Bottropper Tonfall, die Alltagssituationen, den Witz und das Anti-Sensationelle. Ideal für eine Veranstaltung, die sich als ‘Regionalportal’ positionieren will.

Zugleich zeigt sich, ‘what’s blogging all about’ – hier unterscheiden sich Blogger und Journalisten ähnlich fundamental wie Literatur und Berichterstattung: Der Journalist kommt prinzipiell immer vom Ereignis her. Der ‘Idealfall’ – wenn ich das mal so sagen darf – ist es für ihn, wenn zwei Flugzeuge ins WTC fliegen, und er dabei zugleich vor Ort ist. Er braucht ‘das Ereignis’ wie der Junkie die Spritze, sonst kann er nicht schreiben, nur dann hat er ‘eine Story’, nur dann winkt ihm der Pulitzer. Ganz wesentlich ist er also ein Berichterstatter, ein Zurückbringer (‘Re-Porter’), er ist das Auge und Ohr des Publikums am Tatort.

Ganz anders geht es zu, wenn es ‘bloggish’ wird. Blogger sind eher schlendernde Flaneure, ziellose Spaziergänger des Lebens. In jedem Ding am Wegesrand, und sei es nur ein Löwenzahn, steckt eine vollwertige Geschichte. Man muss sie nur zu erzählen wissen – wie die Ingeborch von ihrem Männe und dem Tannenbaum. Oder der Don Alphonso von seinem seltsamen Möbelgeschmack, der bomec von den schwulen Communities in Berlin, oder die Modeste von ihren mörikehaft verhangenen Melancholielandschaften mitten im Großstadtdschungel. Assoziativ geht es also zu – und wenn’s bei Bloggers daheim thematisch wird, dann dürfen wir Leser uns meist mit Abseitigem befassen, mit der Vorgeschichte Hamburgs vielleicht, oder mit langatmigen, aber keineswegs trockenen Exkursen in formaler Logik. Das wollten wir dann zwar gar nicht wissen – aber wollten wir denn wissen, dass da, wo Merkel ist, die Mitte ist?

Kurzum – in den Blogs finden wir das, was in einer Redaktionskonferenz keine fünf Minuten Diskussion überstünde, weil es nicht als ‘wichtig’ gilt und auf der dpa-Agenda steht. Den Lesern aber gefällt’s – jedenfalls wächst und wächst die Zahl der Umsteiger ins Netz, während die parallele Zeitungslandschaft rapide an Publikum verliert. Die Medienerwartungen der Gesellschaft wandeln sich fundamental – ‘news ain’t no news anymore’.

Faszinierend ist Klein-Bloggersdorf zudem deshalb, weil diese Bloglandschaft so uferlos und unübersichtlich ist: Wem das eine Blog nicht gefällt, den führt die nächstgelegene Blogroll zum nächsten ‘point of interest’: “Überall ist Wunderland, überall ist Leben, bei meiner Tante am Strumpfenband, und auch ein Stück daneben“. Hierin liegt die große Faszination der Blogwelt: Sie ist ein unendliches, täglich aktualisiertes und massiv fragmentiertes Magazin – komplett mit Modeteil, Auto-Motor-Sport, Politik, Theater, Technik, Psychokram, Design, tibetanischer Webkunst, Senfzubereitung …

Während also der alte Journalismus in seiner thematischer Einfalt dahinsiecht, weil alle irgendwo das Gleiche schreiben, vor allem aber auch – dank dpa und der Journalistenschulen – alle gleich schreiben, ist in der Blogwelt die ganze Vielfalt marginaler Themen daheim und – um diese Randständigkeit zu kompensieren – die Kunst des individuellen Erzählens. Mit einem gewissen Recht lässt sich sagen, dass Journalisten eher ‘Schrift-Steller’ sind, Blogger aber sind ‘Autoren’, sie schöpfen aus ihrem ‘Selbst’.

Bei solcher Verschiedenheit sollten sich beide notwendigerweise Konkurrenz machen müssen? Ach was, Ingeborch und Kaube würden sich letztlich schon vertragen: Datt heißt, wenn der Kaube endlich ma son büschen lockerer draufkommen tät …

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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3 Kommentare

  1. Ingeborch Schubiak
    schrieb am 14. Dezember 2007 um 14:22 Uhr (#)

    Vielen lieben Dank, ich bin mich sehr geschmeichelt am fühlen.

    “Fast nix” trifft übrigenz zimmlich genau, watt am Ende vonne stolze Tannenfichte übrich gewesen war.

    Abba… ähem… auch wennich vleicht meine Beine ma wieder rasiern müsste, binnich trotzdem noch kein Kerl, ne.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Wolf-Dieter Roth
    schrieb am 14. Dezember 2007 um 16:47 Uhr (#)

    Wie warb die SZ doch immer:

    “Jede Zeitung hat die Leser, die sie verdient.

    Schön für uns.”

    Der Spruch wird dort nun wohl abgesetzt…

  3. Schreibt hier auf dem Blog Klaus Jarchow
    schrieb am 15. Dezember 2007 um 10:00 Uhr (#)

    Weil dieser aktuelle Link so schön zu dem Beitrag zuvor passt: … Aber ich hab mein SZ-Abo jetzt gekündigt. Und ich hoffe mal, ich werde nicht der Letzte aus dem Netz sein, der das macht.

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