Zwei Kulturen

Journalisten sind Anwälte der Aufklärung, Retter der Entrechteten, Vermittler des Komplexen, Sprachrohre derer, die sonst gar keine Stimme hätten. – - – Ja, Pustekuchen!

Journalisten sind zumeist anonyme Schreiberlinge, die ohne Namensangabe in einem bürokratischen Kauderwelsch, das sie ‘objektivitäts- und faktenorientierte Schreibweise’ nennen, interessegeleitete Thesen zu Papier bringen, wofür sie sich alljährlich auf zahllosen Medienevents wechselseitig lobhudeln dürfen.

Ihre Texte sind untereinander austauschbar; ein Rausschmiss eines Journalisten aus einer Tageszeitung fiele seinem Publikum gar nicht auf, ja, er hat meist gar kein eigenes. Seine Texte sind durchgenormt, vorgestanzt und – sagen wir’s doch offen – oft auch so hanebüchen und schlecht, dass jedem Leser der Wechsel des Küchenpersonals bei diesem medialen Kantinenbrei herzlich schnurz ist.

Zum Beweis hier einfach mal das x-beliebige Lead eines Artikels aus dem Bremer ‘Weser Kurier’, ein Medium, bei dem es trotz Online-Auftritt bis heute nicht zum Permalink reichte, weshalb sich unglücklicherweise die dauerhafte Spurensicherung am Tatort für den Medien-Forscher schwierig gestaltet:

“Die Senatsentscheidung bietet nun die Sicherheit, dass ein neues Krankenhaus auf jeden Fall gebaut wird.” So kommentierte der grüne Fraktionschef Matthias Güldner den Beschluss, wonach Bremen mit einer “Standortsicherungserklärung” zusagt, dass es an der St.-Jürgen-Straße auf Dauer einen Krankenhausbetrieb gibt.”

Aha, Bremen bietet jetzt die Sicherheit (sagt dieser Güldner), dass es in Bremen eine Sicherheit geben wird (repetiert dieser Reporter). Ein Satz wie ein Autoreifen! Ich weiß auch nicht, warum ich gerade an diese mythologische Schlange denke, die sich in den eigenen Schwanz beißt.

Ob aber diesen Schnellschuss-Artikel nun ein Manfred Müller, ein Karl-Eduard Knickstil oder eine Roswitha Rosentod verfasst hat, das ließe sich anhand des Duktus nie im Leben entscheiden. Es ist die textliche Konfektionsware des Lokaljournalismus, ein Teller Wörter-Spaghetti ganz ohne jedes Merkmal, und noch nicht einmal ‘al dente’ gekocht. Eine Welt, wo ein Unterschied keinen Unterschied macht, weil so etwas gar nicht vorgesehen ist.

Ganz anders Blogs: Anonymität ist in Klein-Bloggersdorf Mangelware. Hier schreibt eine Person auf eigenes Risiko. Gefällt sie nicht, wird sie nicht gelesen. Punkt. Im Impressum finden sich Name und Adresse, ein Fressen für abmahnwütige Anwälte. Und die meisten Blogs sind voneinander so unterscheidbar wie der Storch vom Kragenbär. Einige bunt gemischte Beispiele, keineswegs alle aus der ersten Reihe, an deren – ähem! – ‘Tonality’ ich trotzdem nahezu blind das Blog erkennen könnte, weil die Schreiber ‘kenntlich’ sind:

1. “ich habe heute 10 minuten lang auf die titelseite des tagespropheten tagesspiegel gestarrt. es hat sich nicht bewegt. obwohl das bunte ding was heute auf der titelseite zu sehen war angeblich eine ?Computeranimation? sein sollte.

klar wie kleingedrucktes – konsequente kleinschreibung ohne interpunktion und der schreiber dabei blöd genug zehn minuten lang auf eine titelseite zu starren und altmedien beim wort zu nehmen das kann nur der ix sein.

2. “So, fettich. Datt Schwierichste war die Beschaffung vonne Gummibänder gewesen und datt Bekleben vonnen Schuhkatonk mitten Geschenkpapier. Als Kind war ich sehr begabt mit sowatt gewesen, aber als Erwachsenen verlernt man datt ja wieder “.

Ein Stil, auf den der olle Tegtmeier stolz gewesen wäre – dat wiederum kricht nur die Ingeborch so hin. Und es erzähle mir niemand, dass es einfach sei, einen überzeugenden Dialekt zu schreiben.

3. “Erst nachdem eine sorgfältige Analyse der Ablagerungen durchgeführt wurde und somit feststeht, welchen Arten der Verunreinigung verstärkt und ggf. lokal entgegenzutreten ist, kann die Planung der erforderlichen Eingriffe in Angriff genommen werden. Wir unterscheiden verschiedene Phasen der BBM mit den ihnen jeweils zugeordneten, spezifisch-technischen Verfahrensweisen.

Das ist ja einfach: Ein Text, wo ich nicht weiß, ob ich gerade verkohlt werde oder in der neuesten Computerzeitschrift blättere, der kann nur von einem Großschriftsteller wie dem Huptus von Zapfendünkel stammen.

4. ” Mein Eindruck ist, dass die Erwinista von einem Orgasmus zum anderen hechelt angesichts der Tatsache, dass Hubsi Burda und sein Pferd Maria den wüchtügsten Medchenpreis Deutschlands in der schmucklosen Messehalle 8B (oder war es 8A?) verleihen lassen. … Da gibt es also einen – erfahrungsgemäß kitschigen – Auflauf von A-, B-, C- und D-Promis, und die Marketing-Mädels titschen aus. Der Satz, dass die Stadt sich freut, ist geradezu unverschämt, denn ich persönlich habe noch keinen einzige/n Düsseldorfer/in getroffen, der/die sich auf das goldene Reh freut.

Schwere Medienallergie, lautmalende Schreibweisen, manische Düsseldorf-Zentriertheit, gesunder Menschenverstand, hemmungslose Subjektivität – das muss einfach Rainer sein.

Bis das Mausrad qualmt, könnte ich jetzt fortfahren mit dem Nachweis, dass die netteren, besseren, individuelleren, lohnenderen, lustigeren Schreiber allesamt in der Blogosphäre zu finden sind. Gut nicht alle – und nicht alle sind alles auf einmal und manche (von mir aus sogar viele) sind auch gar nichts. Aber angesichts der Zahlenverhältnisse stimmt es dann schon. Ja, schlimmer noch, Klein-Bloggersdorf macht sogar aus staubtrockenen Redakteuren plötzlich gute Schreiber: Thomas Knüwer verwandelt sich online – auf der ‘Wrong Side of Media’ also – in einen höchst beachtlichen Schriftsteller, der eine Tanja-Anja und den Himbeer-Toni längst in Gestalten der Volkskultur verwandelt hat. Und ein Stefan Niggemeier sagt in zehn Zeilen seines Bloglebens öfter ‘Ich’ als zehn Wolf-Schneider-geschulte Seminarbesatzungen in ihrem ganzen Leben.

Kurzum – das bessere Lektüreerlebnis ist längst ‘downtown’ zu finden, und nicht in den feinen Vorstädten der Medienpinkel mit ihrem frischgewässerten Diskursrasen, den niemand mehr betreten mag, seit dort überall die PR-Kötel liegen. Unten am Fluss, in den Bars und Speak-Easys, wo das wahre Leben lockt und caféhausartiges Gequassel ertönt, da gibt es nämlich einfach mehr Spaß fürs Geld. Glücklicherweise (für die Printmedien) haben das große Teile des Publikums noch gar nicht so recht mitbekommen. Unglücklicherweise heißt das für sie aber auch: Alles wird demnächst noch schlimmer.

In der Realität steht es insgeheim um das Verhältnis der zwei Schreibkulturen längst so, dass die Journalisten ‘eigentlich’ von den Bloggern dazulernen müssten. Und zu den Absurditäten gehört es, dass diese grundlos arroganten Schüler sich noch immer aufführen wie die Oberlehrer, nur weil sie studiert haben und meinen, sie hätten terabyteweise alle textrelevanten Weisheiten gefressen. Weshalb diese dämlichen Blogger ihnen doch bitte erst einmal den Unterschied zwischen Meldung, Bericht, Artikel und Reportage zu erläutern hätten, bevor sie ein Wörtchen mitreden dürften. Eine freischwebende Überheblichkeit ganz ohne Fundament, denn immer öfter tritt selbst in den ‘Qualitätsmedien’ an die Stelle der Recherche die blanke Meinungsmache :

“Wenn Sie immer noch glauben, öffentlich-rechtliche TV-Magazine hätten etwas mit Recherche am Hut, dann lesen Sie bitte nicht weiter – es könnte sie desillusionieren.”

Deshalb, liebe Journalisten, etwas mehr Bescheidenheit – und auch mal anderen zuhören. Eure gut abgelagerten Textgenres sind, auch das solltet ihr zur Kenntnis nehmen, für die Blogwelt nicht mehr recht brauchbar. Da erfindet das Handwerk in Blogville sich lieber etwas Neues – oder wir halten uns an die Literatur statt ausgerechnet an den Journalismus. Die hat nämlich mehr Anregungen zu bieten. Und wer meint, dass diese Polemik auf gewisse Alphajournalisten antwortet – - – der soll das gern weiterhin meinen …

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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10 Kommentare

  1. Stefanie
    schrieb am 30. November 2007 um 16:59 Uhr (#)

    Lieber Klaus, ich finde du machst es dir mit der Journalistenschelte zu einfach – obwohl deine Beispiele ja sehr überzeugend sind. In den Redaktionen sind heute nur noch 2 Redakteure für das verantwortlich, was früher mindesten 5 gemacht haben. Der Zeit- und Arbeitsfdruck ist schon enorm – da bleibt die Sorgfalt natürlich auf der Strecke. Ich mag die Arroganz einiger Journalisten auch nicht – aber es sind wenige unter vielen, die versuchen einen guten Job zu machen. Beste Grüße stefanie berg

  2. Schreibt hier auf dem Blog Klaus Jarchow
    schrieb am 30. November 2007 um 17:15 Uhr (#)

    Mir ging es mit diesem Beitrag ein wenig darum, durch eine Umkehr der ‘Schimpfrichtung’ allzu elitär gestimmten Journalisten mal einen Eindruck davon zu vermitteln, wie es ist, wen einem ständig der Eimer voller Invektiven über den Kopf gestülpt wird, wenn also die Jörges’, die von Matts, die Schirrmachers usw. unklugerweise mit Lehmbatzen schmeißen, so als säßen sie noch immer am längeren Hebel. Ich bin hier sozusagen als Karnevalsprinz unterwegs, habe mich als Echo verkleidet und schmeiße doch auch nur mit Kamelle …

    Mir ist es dabei schon klar, dass insbesondere die Printmedien traditionell einen überproportionalen Anteil vom Werbekuchen kassierten (derzeit in etwa 4 % Leser, aber 25 % der Werbeeinnahmen). Sie sind in einem Ausmaß privilegiert, das ihrer wahren Bedeutung längst nicht mehr entspricht. Und da sind euch die Jungs mit den Excel-Tabellen jetzt auf die Schliche gekommen, als Redaktionsleiter in Print und Funk regiert der Rotstift. Wo man aber derzeit alle Unterstützung der Welt benötigen könnte, da ist es eben nicht klug, die Nase allzu hoch zu tragen und den Tucholsky zu spielen, wenn man keiner ist.

  3. Stefanie
    schrieb am 30. November 2007 um 17:21 Uhr (#)

    ich glaub es ist dir gelungen – auch wenn du Schirmacher damit nicht triffst ;-) Aber der hat heute schon wegen seiner unglaublichen Verherrlichung von Tom Cruise bei uns in Düsseldorf einen dicken Denkzeteel von Thomas Knüwer bekommen – zu meiner Freude ;-) Beste Grüße in die schöne Schweiz stefanie

  4. Schreibt hier auf dem Blog Wolf-Dieter Roth
    schrieb am 1. Dezember 2007 um 09:06 Uhr (#)

    Nun, wenn man vom Schreiben leben will oder muß (Standardsatz von Journalisten war schon vor 20 Jahren “hätten wir nur was Gscheit’s g’lernt!!”), dann darf man meist keine eigene Meinung haben, geschweige denn sie kundtun.

    Wenn in einer großen Computerzeitung z.B. ein Kasten “Meine Meinung” mit Foto des Redakteurs ist, dann ist das die Meinung der leitenden Redakteure, aber nicht die, dessen Foto daneben sitzt.

    Und wenn Du Dich als Redakteur etwas weiter vorwagst, auch Gags einbaust in die Artikel, riskierst Du viel. Da schreibt dann ein Blogger was über Altherrenwitze und das bekommst Du dann den Rest Deiner Laufbahn vom Chef vorgehalten. Daß der Blogger kurz darauf Deine etwas ausführlicheren Artikel lobt, merkt natürlich keiner mehr, zumal der Chef die so gelobten Essays längst als “zu geschwätzig” verboten hat…

    Der Blogger hat vieles einfacher, er hat keinen Chef. Andererseits bekommt er für sein Blog nicht mehr als Anerkennung (ok, ist bei vielen Journalisten inzwischen auch schon ähnlich) und riskiert, per Abmahnung ruiniert zu werden. Es hat ja seine Gründe, daß ich nicht blogge – nicht nur fehlt mir die Zeit, es gibt halt auch immer wen, dem ein Text von mir nicht gefällt und in D klagt man nun mal, ob um reale oder virtuelle Maschendrahtzäune. Es reicht mir schon, wenn ich mich mit sowas beruflich rumschlagen muß und wegen eines besoffenen Neonazis, der nachts um 3 komisches Zeug über mich verzapft, zum Chef zitiert werde. Das muß ich nicht privat auch noch haben.

    In der Schweiz ist das alles noch entspannter. In D ist Bloggen praktizierter Masochismus. (Ok, Journalismus auch).

    Und die, die sich auf Medienevents lobhudeln…das ist doch nur eine handverlesene Kaste. Das hat mit dem täglichen Job nix zu tun. Das sind Leute wie Fritz Pleitgen, die auf unsereins sogar noch neidisch sind und glauben, wir verdienen mehr als sie. Und wenn man doch mal auf so einem Event einem solchen Medienzar die Hand schüttelt, bekommt man vom Chef anschließend noch gesagt, man sei bestechlich, weil man zuvor auf Kosten des Hauses ##### eine Bockwurst mit Senf gegessen hat (nein, nur eine Bokwurst, denn den Senf hatte es über die Finger gegeben statt über die Wurst). Grund für die Attacke ist aber nur, daß der Chef in dem Haus nicht mehr eingeladen wird, wobei alle Beteiligten über die Gründe peinlich berührt schweigen, es aber wohl etwas mit einem zu heftig attackierten Buffet zu tun haben muß…

    Ja, das ist schon manchmal verquast, wie in allen Branchen. Aber mit dem Journalistenalltag hat es weniger zu tun. Wer glaubt, Journalisten treiben sich dauernd nur auf irgendwelchen Bühnen vor Kameras rum, verwechselt Häuptlinge mit Indianern. Wenn Vorgesetzte in anderen Branchen einen dicken Benz als Dienstwagen bekommen, schimpft dafür doch auch keiner ihre Angestellten.

  5. Schreibt hier auf dem Blog Klaus Jarchow
    schrieb am 1. Dezember 2007 um 09:46 Uhr (#)

    Nichtsdestotrotz, Wolf-Dieter, glaube ich, dass die einzige Zukunft des (Print-)Journalisten in der ‘Re-Literarisierung’ seines Produkts liegt (blöder Begriff, ich weiß). Ein Journalist muss wieder ‘gern’ gelesen werden, er muss ‘erzählen’ können und auch ein Gesicht erhalten. Und wenn jemand, wie jüngst unser Frank ‘Bambi’ Schirrmacher, sich um Kopf und Kragen quasselt, dann erhält er eben auch ein Gesicht. Die Zeiten einer beamtenmäßigen anonymen Informationsverwaltung jedenfalls, diejenigen der stumpfen Exekution einer zumeist ziemlich schlicht gestrickten Verlegermeinung, sind allein schon deshalb vorbei, weil das Publikum zunehmend autonomer wird. Die ‘großen Tore von Kiew’, die exklusiven Gatekeeper-Modelle also, zerbröseln zu Staub. Wohin gehen die Leute dann, wenn blanke Informationsvermittlung nicht länger das Monopol der Altmedien sein kann? Sie gehen gern dahin, wo die besseren Schreiber die Ansichten ihres Publikums überzeugend vertreten. Und nicht diejenigen von Gestütsbesitzern usw. …

    Dass alle Journalisten in großer Abendgarderobe allwöchentlich zwischen Schnittchen-Bergen und Möchtegern-Models weltläufig auf das Ende der Redezeiten warten, das wollte ich nicht behaupten. Und ich bedaure, wenn ich missverständlich war. Da aber, auf Pressebällen und Preisverleihungen, wird jenes glamouröse Bild erzeugt, das der Journalismus gern von sich zeichnet. Die Realität sieht völlig anders aus, das ist klar. Aber wo lese ich davon in den Medien? Dort erfahre ich nur, dass irgendwer der Christiansen aufs Kleid getreten sei. Wie aufregend! Zum journalistischen Alltag aber muss ich die Blogs befragen …

  6. Schreibt hier auf dem Blog Wolf-Dieter Roth
    schrieb am 1. Dezember 2007 um 10:38 Uhr (#)

    Klaus, da sind wir uns einig. Deshalb schreibe ich ja auch hier. Mein Kommentar war nicht speziell gegen Deinen Beitrag gerichtet, sondern allgemein. Habe in den letzten Jahren ja so einiges erlebt, über das ich aber auch nicht in einem Blog schreiben könnte, weil ich sonst gerupft würde. Und andererseits kann man auch aus diesen “Media-Events” was machen. So habe ich z.B. auch immer von den Münchner Medientagen berichtet – auch so eine Veranstaltung, die viel Selbstbeweihräucherung hat, doch wenn man sich die Zeit nimmt (und nehmen darf!), sieht man da hoch interessante Sachen, die den meisten entgehen. Und so manches Statement, das die Kollegen überhören, weil sie gar keine Zeit erhalten, die Panels anzusehen und nur die offiziellen Pressemitteilungen des Veranstalters abschreiben.

    Daß es für den Leser besser ist, wenn Journalisten ein Gesicht zeigen, statt anonyme “Amtsblätter” zu füllen, steht völlig außer Zweifel. Der Journalist kann dafür aber auch das Gesicht bzw. den Kopf verlieren. Ja, Verleger erzählen immer wieder, kritischer Journalismus, das sei, was sie wollen. Nur stimmt es oft nicht. Schreibe ich lebendig und kritisch, riskiere ich immer, daß Leser meine Texte nicht nur fad, sondern ärgerlich finden – 10 – 20% werden nie Deiner Meinung sein. Früher gabs dann böse Leserbriefe, heute böse Kommentare. Damit könnte man leben, doch wenn man dann zur Personalabteilung dackeln darf, nur weil einen jemand nachts um 3 sturzbesoffen als Faulpelz beschimpft hat, ist es mit der Souveränität vorbei. Dann schreibt man lieber stromlinienförmig ohne Gesicht. Oder verzichtet ganz auf Öffentlichkeit, die nur Bekanntheit und Ärger bringt, aber kein Geld, und schreibt andereres Zeug, über das sich nicht gelangweilte Besserwisser aufregen.

    Die Arroganz der Journalisten, die Du beschreibst, mag es geben. Oft ist es aber nur Selbstschutz. Beim Fußball sitzen auch immer 10.000 bessere Trainer im Stadion. Und wenn Du einfach aus Langeweile ständig unter der Gürtellinie attackiert wirst, dann machst Du entweder wie Howard Stern oder Michael Moore eine Kunstform daraus oder machst dicht und nur noch das, was Dein Chef will – und nicht mehr, was die Leser wollen.

    Auch in Print war es immer mein Ziel, dem Leser Freude zu machen. Eben mal was Auflockerndes in den Text zu schreiben. Wenn ein Elektronikentwickler 10 Fachzeitschriften zur Auswahl hat, welche wird er nehmen? Die langweilige oder die lustige? Jammern und meckern könnte man den ganzen Tag, aber wer soll Geld dafür ausgeben, sowas zu lesen?

    Sensationsgier und Oberflächlichkeit à la Boulevard ist nicht die Lösung, Artikel mit Herz sind es schon. Leider riskiert man dabei halt auch mehr. Bislang habe ich z.B. noch keinen Chef gefunden, der meinen Schreibstil auf Dauer erträgt. Und ich schreibe ja nicht krachig wie Don Alphoso, aber halt auch nicht wie Schirrmacher. Und muß am Ende des Tages von was leben – und das kann nicht alleine “Ruhm” und Anerkennung sein. Im Gegenteil, die sind eher schädlich, dann kannste nicht mal mehr selbst zum Brötchenholen gehen und hast irgendwann auch noch irgendwelche Irren an der Backe. Manchmal denke ich mir, anonym in einem Verlag zu werkeln, hätte auch so seine Vorzüge. Ausgelebt habe ich mich ja schon, aber daran, sich mit einem eigenen Blog selbstsändig zu machen, glaube ich wegen der massiven Neider nicht (Deutschland ist das Land der Neidhammel!), da hätte man ständig Streß. Und in einem größeren Verlag sind “Paradiesvögel” überhaupt nicht gefragt. Da nahm man es mir schon übel, daß ich noch eigene (wenn auch uralte) Webseiten habe.

    Daß all das ärgerlich ist und sich ändenr sollte, darüber sind wir uns einig. Nur an Trägheit der Redakteure, wie auch Ronnie es neulich (natürlich nicht in dieser Sprachwahl) monierte, liegt es nicht. Da wird man eher aus Schaden klug: von den Lesern geliebt (aber nie von allen!) und vom Chef oder/und Verleger gehaßt zu sein, bringt einen nicht wirklich weiter. Die Blogger, die recht offen reden, wie Don Alphonso, müssen ja nicht hauptberuflich vom Schreiben leben. Dann kann man sich “Undiplomatie” auch mal leisten. Dafür ist man auch durchaus dankbar, daß es diese Leute gibt. Nur deshalb darf man auch die nicht verdammen, die nicht so können…

    Was die Gestütbesitzer betrifft: Manche Leute wollen diesen Schmarrn aus der Welt der Reichen lesen. Das Zeug schreibt sicher keiner, weil er es so toll findet. Der Gestütbesitzer selbst, der kümmert sich kaum um die Presse. Weder als Darsteller noch Konsument. Und der Journalist, der so ein Zeug schreiben muß, bekommt dafür auch kein Pferd zum Freundschaftspreis. Was sollte er auch damit? Weder hat er Zeit für solche Hobbys, noch kann er das Pferd im Verlag in die Kaffeeküche stellen. Solche Sachen funktionieren solange, wie sie einen Markt haben. Würde keiner so ein Zeug kaufen, würde auch nicht mehr so geschrieben. Klar gibt es Kollegen, die gerne “Lifestyle” schreiben, weil sie selbst das so toll finden. Wenn aber keiner ihre Zeitschrift kauft, ist es auch schnell wieder vorbei. Dummerweise findet sowas aber mehr Käufer als das anspruchsvolle Zeug. Das wird gelobt, aber nicht gekauft. Der schwarze Peter liegt also auch beim Konsumenten, nicht nur beim Produzenten.

  7. Kufu
    schrieb am 1. Dezember 2007 um 21:53 Uhr (#)

    Hallo Jungs, jetzt schreibt ihr euch aber doch etwas zu viel von der Leber weg, das hier ist online, nicht seitenlanger Print. Bin hier unten bei 19 Bildschirmseiten angelangt. Also kurz fassen, auf den Punkt bringen, oder dann gleich beim Weser-Kurier anheuern. Thx
    Hein Kurzfutter

  8. Schreibt hier auf dem Blog Klaus Jarchow
    schrieb am 1. Dezember 2007 um 23:47 Uhr (#)

    Solch ‘nen kleinen Bildschirm hatte ich auch mal …

  9. Schreibt hier auf dem Blog Wolf-Dieter Roth
    schrieb am 2. Dezember 2007 um 00:04 Uhr (#)

    Seit wann darf man in Print lang schreiben? Grad da kostet jede Zeile…

  10. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 3. Dezember 2007 um 07:08 Uhr (#)

    KUFU: Genau darum gehts doch. Dieser Popcorn-Journalismus ist sowas von öde. Ich verwende meine Zeit inzwischen fast ausschliesslich für PBS (Amerikas öffentlich-rechtlich-Spendenfinanziertes Fernsehen), die Schwester NPR (analog: Radio), Blogs und den “New Yorker”, alles Medien, in denen hervorragende Leute auch mal 20 seitige Reportagen schreiben oder eine stündige Recherche über Blackwater ausbreiten können, die zu konsumieren sich lohnt, weil man hernach etwas MEHR weiss und sein Urteil revidieren kann. Das Schlagzeilen-Kurzfutter, das alle andern machen, kriege ich nebenbei mit ohne irgendeines der gleichgeschalteten Produkte konsumieren und dabei meine Zeit für endlose Teaser-Serien und Fanfaren-Embleme zu vergeuden, denen mehr Zeit/Platz eingeräumt wird als der Nachricht selbst.

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