Schweizer Verleger geben Vollgas und … entscheiden Mitte Dezember
Und hier etwas Denksport: wer entdeckt in den folgenden Statements einen kleinen stilistischen Unterschied?
“This is the new iPod Touch, and it’s availabe TODAY”.
— Steve Jobs, Apple-Chef und angeblich mächtigster Geschäftsmann der Welt, 5.9.2007
“Wir entscheiden Mitte Dezember, ob wir ein Meta-Portal für Regionalzeitungen realisieren wollen.”
— Eine Gruppe von Schweizer Regionalverlegern, 29.11.07
Letztere Ankündigung ist die neuste Episode im anhaltenden Fortsetzungsdrama “Schweizer Verlagshäuser gegen Google News”. Wir erinnern uns: Die Schweizer Verleger finden es nicht gut, dass Google News einfach so die Headlines aus ihren Online-Zeitungen aggregiert, sondern möchten gern selbst daran verdienen. Aus diesem Grund wurde im August die Gründung einer Arbeitsgruppe angekündigt, die prüfen sollte, ob ein gemeinsames Newsportal der Verlage Sinn machen würde. Gehört hat man davon nicht mehr viel, weil inzwischen die dreisten Zürcher aus dem Hause Tamedia (zusammen mit ihren Juniorpartnern aus Basel und Bern) vorgeprescht sind und derzeit ein Online-Newsnetzwerk für ihre Titel vorbereiten.
Damit stehen nun die übrigen Regionalverleger unter Leitung der “alten Tante” NZZ im Regen. Und weil es sich da nicht gut steht, haben diese Verlagshäuser knallhart gehandelt und — eine weitere Arbeitgsgruppe gegründet, um die Realisierbarkeit eines Newsportals zu prüfen. Darüber entschieden werden soll eben im Dezember. Beim letzen Mal war die Entscheidung übrigens für September angekündigt, wovon man aber nichts mehr gehört hat.
Auch mit der Formulierung der Value Proposition scheint man sich noch etwas schwer zu tun. Verleger Norbert Neininger, Herausgeber der Schaffhauser Nachrichten und Leiter des Online-Projektes dazu:
“Google aggregiert bloss News. Wir aber beabsichtigen ein Portal zu lancieren, welches unsere regionalen und lokalen Inhalte bündelt”
Aha. Was war der Unterschied zwischen Aggregieren und Bündeln gleich noch? Nun, immerhin soll die neue Website über eine eigene 5-10-köpfige Redaktion verfügen. Damit tritt man dann gegen die 50 Redakteure aus dem Tamedia-Projekt und die geballte algorithmische Power von Google an.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich glaube absolut, dass die Zeitungsverlage im Online-Markt mitspielen sollten und auch eigentlich gute Chancen hätten. Aber dieses Projekt kommt mindestens etwa fünf Jahre zu spät und ist falsch angelegt.
Was mich besonders verwirrt: Warum denken Zeitungsverleger eigentlich, dass konsolidierte Newsportale unter einer neuen Marke eine gute Idee sind? Im Moment macht das in Deutschland gerade die WAZ-Gruppe mit “Der Westen” vor. Sicher eine gut gemachte Website, aber warum mutet man den Lesern zu, eine neue Marke zu akzeptieren? Damit stellt man sich wieder auf eine Stufe mit allen anderen Online-Playern, statt auf das über Jahrzehnte aufgetraute Vertrauen in die etablierten Zeitungsbrands zu setzen.
Hier lohnt sich wieder mal ein Blick nach Amerika, wo der Markt wie immer etwas weiter fortgeschritten ist (in positiver wie auch negativer Hinsicht). Was sind die erfolgreichsten Online-Zeitungen? New York Times, Wall Street Journal, USA Today, Washington Post. Kein neuer Brand, kein Konsolidierungsportal.
Kleiner Hinweis: Das Internet ist ein sehr flexibles Medium. Man kann ein Newsportal wunderbar so bauen, dass spezifische Inhalte von der gleichen Plattform einmal unter “St.Galler Tagblatt” und einmal unter “Schaffhauser Nachrichten” ausgeliefert werden, im professionellen Layout, mit allen modernen Features, aber mit einem spezifisch lokalen Fokus. Noch ein nationales Newsportal ohne klare Ausrichtung braucht wirklich niemand.
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2 Kommentare zu diesem Artikel
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Matthias
ok, ernst nehmen kann man das agieren dieser leute eigentlich nicht mehr.
auf der anderen seite muss man natürlich auch fair sein: eine regionale tageszeitung besteht ja typischer weise (zumindest in deutschland) aus einem normalen überregionalen teil, und dem eigentlichen regionalteil. der überregionale teil bearbeitet ja die gleichen themen wie die großen überregionalen tageszeitungen auch. nur halt mit weniger mitarbeitern. sprich die informationsbasis - agenturmeldungen - wird halt umgeschrieben mit einem bruchteil der manpower die die großen zeitungen haben. mit diesem content hat man im internet schlichtweg gar keine chance, wenn die gleichen themen besser aufbereitet einen mausklick entfernt sind.
bleibt halt der regionale teil, eigentlich nur noch die hälfte des ursprünglichen produkts - allerdings der grund, warum das produkt “regionalzeitung” überhaupt eine daseinsberechtigung hat. diese regionalthemen im internet auszubauen und zu stärken, das ist vermutlich der einzige weg. nachteil: riesige reichweiten kann man damit nicht erzielen.
insofern halte ich “derwesten” für einen interessanten versuch, ein bisschen lokalkolorit in ein eher überregionales angebot reinzubekommen. wird vermutlich nicht funktionieren, aber probieren kann mans ja mal.
und wegen den marken: naja, “alt” und “altehrwürdig” sind halt zwei verschiedene sachen. die meisen regionalen tageszeitungen haben ja namen a la “xy kurier”, “abc tagblatt”… beim eintippen von solchen urls fühlt man ja förmlich die 50er jahre.
das grundproblem läßt sich aber eh nicht lösen: das geschäftsmodell “regionale tageszeitung” funktionierte jahrzentelang hervorragend, weil in den einzelnen städten nur noch 1-2 zeitungen übrig geblieben waren, die letztlich wie monopolisten agierten. die waz ist ja das beste beispiel, wieviel geld man mit lokalen monopolstellungen verdienen konnte. diese zeiten sind vorbei und kommen auch nicht wieder.
Simon
Bei “DerWesten” war das Problem, das unter der neuen Marke nicht nur eine, sondern ca. 15 Zeitungsredaktionen residieren sollen. Von den vielen gut eingeführten Marken passt meines Wissens aber keine einzige auf die Zielgruppe von “DerWesten”. Insofern kann ich die Entscheidung verstehen, lieber unter neuem Branding anzufangen.
Davon abgesehen bin ich aber deiner Meinung: Etablierte Marken sind ein hohes Gut im flüchtigen Internet. Kein Grund, sie ohne Not aufzugeben.