Verleger in Verlegenheit
Statt Google News zu bekämpfen, würden die Verleger besser auf Journalismus setzen.
Dieser Artikel erscheint heute in der Schweizer SonntagsZeitung.
Gegründet wurde die Firma in einer Garage in Menlo Park bei San Francisco. Vor nicht einmal zehn Jahren. Heute ist die Suchmaschine Google die stärkste Marke der Welt. Sie konkurrenziert fast alle Branchen, die etwas mit Medien oder Kommunikation zu tun haben. Geld verdient der Suchmaschinengigant zurzeit hauptsächlich als Vermittler von Werbung. 2006 kletterte der Umsatz auf über 10 Milliarden Dollar.
Seit geraumer Zeit sehen sich die Zeitungsverlage dem Dienst Google News gegenüber. Und fragen sich besorgt, wann die Suchmaschine sich auch mit Nachrichten eine goldene Nase verdienen wird. Google News ist ein kostenloses und werbefreies Angebot, das Online-Zeitungen durchsucht und aus den dort angebotenen Artikeln die Schlagzeile übernimmt, manchmal auch noch die ersten paar Zeilen. Die Suchresultate werden auf news.google.ch versammelt und mit einem Link auf den Artikel versehen. Auf die Portale grosser Zeitungen soll so ein Drittel aller Besucher kommen. Was die einen freut, die anderen nicht.
Vom Verband Schweizer Presse war zu lesen, er erwäge, wegen Verletzung des Urheberrechts gegen Google zu klagen. Und Verbandspräsident Hanspeter Lebrument meinte am Jahreskongress im September selbstbewusst, Google komme langsam auf die Welt, brauche aber noch ein wenig Nachhilfeunterricht. Google habe nämlich Angst. Angst vor den Schweizer Verlegern. Den aufkommenden Widerspruch aus dem Plenum konterte der Chef der Südostschweiz-Mediengruppe mit: «Wenn es uns nicht mehr gibt, haben sie bei Google auch keine Inhalte mehr.»
Zeitungsverleger sind im Netz längst nicht mehr allein
Das ist nur die halbe Wahrheit. Die Zeitungsverleger sind nämlich im Internet nicht allein. Weil seit einigen Jahren jeder Internetnutzer auf einfache Art selbst Inhalte erstellen kann, sind durch Blogs, Wikis, Websites und soziale Netzwerke viele Inhalte hinzugekommen, die direkt oder indirekt eine Konkurrenz darstellen. Noch sind die etablierten Medienangebote bei Google News mehr oder weniger geschützt.
Auch da sind Änderungen absehbar. Google kündigte an, Meldungen von Associated Press, Agence France Presse, Canadian Press und der britischen Press Association direkt anzubieten. Mit der Schweizerischen Depeschenagentur soll das nicht passieren. Norbert Neininger, Chefredaktor der «Schaffhauser Nachrichten»: «Wir werden alles unternehmen, damit die Depeschenagentur nicht mitmacht.»
Und man will Google Paroli bieten mit einer eigenen Lösung. Sieben Schweizer Verlage, darunter die «Schaffhauser Nachrichten», «Die Südostschweiz», die NZZ und die «Mittelland-Zeitung» entscheiden Ende November, ob ein gemeinsames Online-Newsportal realisiert wird. Wie sagte Neininger diesen Sommer? «Man kann eine erfolgreiche Website wie Google nicht nur bekämpfen, sondern muss auch versuchen, sie mit einer Alternative zu schlagen.» Und nun ist sie gemäss Neininger bereits da: «Die Gestaltungsidee ist etwas anders als bei Google News. Wir haben eine sehr gute Software, die es ermöglicht, eine schnelle Übersicht zu gewinnen. Auch der ganze Vermarktungsteil ist spannend.»
Es wäre besser, auch online Journalismus zu liefern
In Belgien, wo Verleger den rechtlichen Weg beschritten haben, wurden die Online-Präsenzen der klagenden Zeitungen vorübergehend bei Google komplett aus dem Index genommen; inzwischen sind sie nur noch auf Google News nicht mehr zu finden. Was solche Aktionen ausser weniger Leser und Aufmerksamkeit bringen, ist schwer einsehbar. Google sagte den belgischen Verlegern auch prompt nach, es ginge ihnen gar nicht um Urheberrechte, sondern nur um Geld – man wolle vom Erfolg von Google News profitieren.
Die Verleger wiederum behaupten, vielen Lesern reiche die von Google News gebotenen Anrisse der Artikel und sie würden darum gar nicht auf die eigenen Portale kommen. Eine Aussage, die nicht für das Vertrauen in die Qualität der eigenen Beiträge spricht.
Google will in Zukunft eigene Inhalte belohnen und Agenturmeldungen gleich selbst anbieten. Was den Google-News-Lesern zugute kommt, kann durchaus als Aufforderung an die Zeitungsverleger verstanden werden, sich auf ihre Kernkompetenz, den Journalismus, zu konzentrieren. Josh Cohen, Business Product Manager für Google News: «Dieser Ansatz verbessert nicht nur die Qualität unserer Site für den Nutzer, sondern weist auch korrekt auf die harte Arbeit der Journalisten und Verleger hin, die eine Nachricht zuerst veröffentlichten.»
Viel mehr kann man den Verlegern auch gar nicht raten. Anstatt sich auf einen Rechtsstreit mit dem Informationsgiganten Google einzulassen oder den Deutschschweizer Lesern eine siebte Gratiszeitung mit modifizierten Agenturmeldungen zuzumuten, würde man besser daran tun, auch online das zu liefern, wofür man da ist: Journalismus.
Warum investiert man nicht in ein Online-Portal, das auch eigene Inhalte produziert? Während in Deutschland alle Online-Sites so gross und wichtig wie «Spiegel online» werden möchten, hat die Schweiz noch nicht einmal eine klare Nummer 1. Gewinnen wird, wer zuerst und richtig auf die Inhalte im Internet setzt.
*Ronnie Grob, 32, lebt in Berlin und schreibt für das medienkritische Weblog medienlese.com
(Veröffentlichung hier mit freundlicher Genehmigung der SonntagsZeitung)
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.


















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Gratulation – an Ronnie für diese präzise Analyse, und an die SonntagsZeitung, die den Artikel abgedruckt hat. So können ihn auch diejenigen Verleger lesen (und sich zu Herzen nehmen), die sich nicht für das Internet interessieren.
Apropos SonntagsZeitung: Wie gefällt Euch die neue Website?
@mds: Besser als vorher. Aber kaum so revolutionär, als dass man sich länger damit beschäftigen müsste. Oder doch?
@Ronnie: Ich vermisse immer noch Inhalte ? habe ich etwas übersehen? Die E-Paper-Version sieht immer noch genau gleich aus, sprich sie ist immer noch kaum lesbar und nervt mit zahlreichen Darstellungsfehlern. Nun ja, SonntagsZEITUNG halt, nicht mehr, nicht weniger ? ;)