Über virale Videos, schauspielerende Blogger und hitzige Diskussionen
In den USA wird derzeit Thanksgiving gefeiert. Entsprechend ruhig ist es auf den großen US-Techblogs. Die Zahl der dort heute und gestern veröffentlichten Meldungen liegt bei nicht mehr als zehn Prozent des für einen Werktag üblichen Nachrichtenaufkommens. Doch trotz des Feiertags hat TechCrunch (der Blog, der im Monat über 220.000 Dollar einnimmt) es geschafft, auf einen einzigen Artikel über 300 Kommentare zu sammeln und eine ordentliche Kontroverse auszulösen. Der Beitrag, ein Gastartikel eines Experten für virales Videomarketing, und die Reaktionen darauf verdeutlichen, in welchem Maße die US-amerikanische Web-2.0- und Techblog-Szene auf den Unterhaltungs- und Show-Faktor setzt und gleichzeitig subtilstes Marketing betreibt.
Im Beitrag mit dem Titel “The Secret Strategies Behind Many «Viral» Videos” offenbart Dan Ackerman Greenberg die zum Teil sehr fragwürdigen Praktiken seines Unternehmens, um für YouTube-Videos eine virale Verbreitung zu erzielen. Er berichten über massenhaftes Veröffentlichten des Clips in Blogs und Foren, über fingierte Diskussionen rund um das entsprechende YouTube-Video sowie über die gezielte Veränderung von Schlagworten, Überschriften und Beschreibungen des Clips zu unterschiedlichen Zeitpunkten, um eine maximale Anzahl von Views zu erhalten. Über die Namen seiner Kunden schweigt sich Dan Ackerman Greenberg aus, gibt aber an, dass sowohl Hollywood-Studios, Plattenfirmen sowie bekannte Konsumgütermarken und unterschiedlichste Startups die Dienste seines Unternehmens in Anspruch nehmen. Die Quintessenz: Bei Videos, die im Netz populär werden, hat nicht selten einer wie er nachgeholfen. Sein wichtigstes Erfolgsrezept: Eine Diskussion auslösen, dann ist die Chance einer viralen Verbreitung groß.
Offenbar scheint dies nicht nur für YouTube-Clips zu gelten. Denn was in den Kommentaren zum Artikel folgt, ist eine handfeste Kontroverse mit unzähligen empörten Nutzern, die das zweifelhafte Vorgehen anprangern. Doch damit nicht genug: Als einer der ersten Kommentatoren meldet sich TechCrunch-Boss und Star-Blogger Michael Arrington mit folgender Aussage zu Wort: “I will post a longer response to this later, but frankly I’m disgusted by this. I think it would have been better to have published this anonymously, and certainly without the links to Dan’s business.” Dass der Chef von TechCrunch angeblich nichts von dem Artikel wusste und so deutlich ausdrückt, wie sehr er die Aktivitäten von The Comotion Group verachtet, war für viele der eigentlich spannendste Aspekt der ganzen Diskussion. Arrington hat bis jetzt noch nicht die versprochene, längere Stellungnahme geliefert. Auch über die Grunde dafür wird nun von den Lesern spekuliert, was die Dimension der Reaktionen immer umfangreicher und unübersichtlicher werden lässt.
Man könnte mutmaßen, dass Dan Ackerman Greenberg für die Veröffentlichung des Beitrags bezahlt hat, um sein selbstverständlich verlinktes Unternehmen zu bewerben, und dass er und Arrington auf die Idee kamen, mit der vorgespielten, überraschten und angewiderten Reaktion des TechCruch-Chefs dem Thema zusätzliche Brisanz zu verleihen. Ob es jemals eine glaubhafte Auflösung gibt, weiß ich nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass hinter allem pure Berechnung steckt, halte ich für nicht gering. Ackermann Greenberg hat bewiesen, dass eine lebhafte und über die Stränge schlagende Diskussion nicht nur für die Verbreitung von Videoclips im Netz ein Erfolgsgarant ist, sondern auch für Blogbeiträge, und dafür alle Leser instrumentalisiert. Auch mich, wie dieses Posting hier zeigt.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.




















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