Die beeindruckendsten Webangebote im Jahr 2007
Es sind nur noch wenige Wochen bis zum Jahreswechsel. Webangebote, die bis jetzt nicht durchstarten konnten, werden ihre Blütezeit – so sie denn kommt – voraussichtlich erst 2008 erleben. Grund genug, die vergangenen elf Monate passieren zu lassen und einen Blick auf die Internetangebote zu werfen, die im Jahr 2007 am meisten beeindrucken konnten. Ich habe mir dafür drei Kategorien einfallen lassen: Top-Innovation 2007, Top-Marketing 2007 und Überraschung 2007, jeweils aus internationaler und nationaler Perspektive. Die folgende Auflistung stellt meine ganz persönlichen Favoriten für die Rubriken dar und ist rein subjektiv. Ich würde mich freuen, wenn ihr in den Kommentaren eure Kandidaten für die einzelnen Titel nennt und meine Vorschläge diskutiert.
Top-Innovation 2007 international: Facebook
Das Social Network aus dem kalifornischen Palo Alto ist für mich der absolute Top-Innovator und DAS Webangebot 2007. Seit der Öffnung des Dienstes für externe Entwickler im Mai diesen Jahres verging kaum eine Woche, in der Facebook nicht mit – mal kleinen, mal großen – Verbesserungen, neuen Features und technischen Gimmicks aufwartete. Die Mitgliederzahl hat sich im Jahresverlauf mehr als verdoppelt und liegt nun bei über 50 Millionen. Wenig verwunderlich, dass Facebook in den letzten Monaten tägliches Gesprächsthema in Blogs und Onlinezeitungen rund um den Globus war. Der Facebook-Hype hat sich wie ein Lauffeuer in vielen Ländern ausgebreitet. In manchen Regionen geht er auch gerade erst los. Ich nehme nicht an, dass sich die Popularität von Facebook in naher Zukunft abschwächen wird. Eine Fortsetzung des Erfolgs im Jahr 2008 ist sehr wahrscheinlich. Mehr zu Facebook
Top-Innovation 2007 national: Zattoo
Ist es ein schlechtes Zeichen, dass der in diesem Jahr aus meiner Sicht innovativste Dienst, der seinen Sitz im deutschsprachigen Raum hat, aus der Schweiz kommt und eigentlich nicht viel mit dem Web 2.0 zu tun hat? Die Zahl ernstzunehmender deutscher Startups, die in den vergangenen elf Monaten online gingen, ist zwar locker dreistellig. Einen richtigen Hit, der mein Surf- und Nutzungsverhalten grundlegend verändert und mich zu einer regelmäßigen Verwendung animiert hat, gab es darunter aber nicht. Zugegebenermaßen hat auch Zattoo das Peer-to-Peer-Streaming von Fernsehsendern nicht neu erfunden. Programme wie SopCast oder TVAnts machen das schon lange. Die Zattoo-Macher haben es aber geschafft, dem Konzept einen legalen Rahmen zu geben. Sie haben sich mühsam von Behörde zu Behörde und Land zu Land vorgearbeitet, um so viele Fernsehsender wie möglich mit im Boot zu haben und deren Angebote über ein schlankes Programm kostenlos streamen zu können. Mittlerweile ist Zattoo in der Schweiz, in Spanien, Dänemark, Deutschland sowie Norwegen verfügbar, weitere Länder sind geplant. Zattoo bringt das eigentlich etwas angestaubte, lineare Fernsehen unkompliziert und ohne zusätzliche Hardware auf den Desktop und macht es damit wieder spannend. Über eine Millionen Menschen nutzen den Dienst bereits. Mehr zu Zattoo
Top-Marketing 2007 international: Google
Innerhalb weniger Jahre ist Google von einer kleinen Suchmaschine zu einem Internetriesen mit mehr als 16.000 überall auf der Welt verstreuten Mitarbeitern gewachsen. Es ist eine richtige Meisterleistung, wie das Unternehmen, dass an vielen unterschiedlichen Fronten gleichzeitig entwickelt und laufend neue Dienste hervorbringt, in der Kommunikation nach außen ein so organisiertes und einheitliches Bild abgibt. Egal ob die Handyplattform Android, die OpenSocial-Initiative, verschiedene Projekte zur Ausweitung von Googles Werbeprogramm auf andere Medien, die Übernahmen von Doubleclick und Jaiku oder die zahlreichen kleinen Neuerungen bei Google Docs, Google Mail, Google Maps und all den anderen hauseigenen Diensten – sämtliche Ankündigungen zu den unterschiedlichen und voneinander völlig unabhängigen Bau- und Entwicklungsstellen erscheinen meist perfekt geplant und aufeinander abgestimmt. Wer es schafft, ein Vorhaben wie OpenSocial ein Jahr lang geheim zu halten (aber gleichzeitig erfolgreich die Gerüchteküche anheizt), der ist ein wirkliches Genie sowohl hinsichtlich interner als auch externer Kommunikation. Mehr zu Google
Top-Marketing 2007 national: studiVZ
Man mag von studiVZ halten, was man will – niemals zuvor konnte ein anderes deutsches Webangebot in so kurzer Zeit ein derartiges Mitgliederwachstum verzeichnen. Zu Beginn des Jahres waren etwas mehr als eine Million Mitglieder bei studiVZ registriert, nun sind es rund vier Millionen. Das kleine Töchterchen schülerVZ, das im Februar startete, steht dem Erfolg von studiVZ in nichts nach und zählt mittlerweile mehr als zwei Millionen registrierte Schüler. Das sind beeindruckende Zahlen, vor denen man den Hut ziehen muss. Im Gegensatz zu Google hatten Holtzbrincks Social Networks nie ein konsistentes Markenbild. Stattdessen fielen sie regelmäßig durch Probleme und kleinere Skandälchen auf. Manche davon waren technischer (Datenschutzprobleme und Hacker-Angriffe), andere kommunikativer Natur (umstrittene Werbemaßnahmen, eigensinniges Auftreten eines der Gründer in der Öffentlichkeit). Im Nachhinein lässt sich nur schwer sagen, was tatsächliche Pannen darstellte und was reines Kalkül war. Fakt ist: Ein Zufall ist der enorme Erfolg von studiVZ und schülerVZ nicht. Fakt ist auch, dass nicht technische Innovationen für das Mitgliederwachstum verantwortlich waren – diese gab es nämlich nicht. Einiges muss im Marketing daher richtig gemacht worden sein. Mehr zu studiVZ / Mehr zu schülerVZ
Überraschung 2007 international: Twitter
Mitte März entdeckte die Web-2.0-Szene in den USA Twitter als neues Spielzeug und sorgte für einen Hype, den viele als kurzfristiges Phänomen ansahen. Dass das auf 140 Zeichen begrenzte Publizieren von Meldungen darüber, wo man gerade ist oder was man macht, dauerhaft viele Fans finden würde, daran zweifelten viele. Doch Twitter bewies allen Kritikern das Gegenteil und erfreut sich heute sowohl auf dieser als auch auf der anderen Seite des Atlantiks großer Beliebtheit bei aktiven und technologieaffinen Internetnutzern. Zahlreiche Unternehmen verwenden Twitter als News- oder Marketingkanal. Nutzer können aus einem breiten Angebot an Tools und Programmen wählen, die das Twitter-Erlebnis noch praktischer und besser machen. Inspiriert vom Erfolg des Newcomers entstand eine Schar ähnlicher Anbieter, von denen jedoch keiner dem Pionier wirklich gefährlich werden konnte. Einzige Ausnahme: Der finnische Service Jaiku, der im Oktober schließlich von Google übernommen wurde. Mehr zu Twitter
Überraschung 2007 national: Verwandt.de
Es liegt im Konzept des Online-Stammbaum- und Hobby-Ahnenforschungsdienstes Verwandt.de, dass dieser sich viral im Netz verbreitet. Indem User Familienmitglieder in den Stammbaum eintragen und deren E-Mail-Adressen angeben, werden diese darüber benachrichtigt und können ihrerseits weitere Verwandte hinzufügen. So gesehen ist der Erfolg von Verwandt.de eigentlich nicht sehr verwunderlich. Überraschend ist aber die Geschwindigkeit, mit der die Expansion von Verwandt.de stattfand. Am 26. Juni startete man in Deutschland die öffentliche Beta-Phase. Nicht einmal sechs Monate später hat Verwandt.de neben der deutschen eine polnische, eine italienische, eine spanische und eine portugiesische Version. Nutzer haben über 500.000 Stammbäume und beachtliche 7,5 Millionen Profile angelegt. Wie lange Verwandt.de dieses Wachstum fortsetzen kann und wie man mit dem Dienst Geld verdienen möchte, steht auf einem anderen Blatt. Als unabhängiges Startup aus Deutschland kann Verwandt.de stolz auf ein mehr als erfolgreiches 2007 zurückblicken und ist für mich die deutsche Web-2.0-Überraschung in diesem Jahr. Mehr zu Verwandt.de
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.
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Gründernet
Hey Martin, also da kann ich nicht viel hinzufügen, das ist ist ja schon perfekt von Dir aufbereitet, nicht einfach nur “Wer wird StartUp des Jahres?”, sondern ne richtig kleine Analyse des Geschehens. Ich wähl Dich deshalb mal zum Blogger des Jahres in der Kategorie “Web 2.0 Wissensvermittlung” ;-) VG, René
Martin Weigert
Danke, sowas hört man gern ;)
Tim
Dem kann ich nur zustimmen. Schae täglich vorbei und freue mich über jeden neuen Beitrag. Im Gegensatz zu manchen Blogs, die alles ungefiltert rausposaunen bekommt man hier einen kritischen und fachmännischen Blickwinkel geboten. Weiter so :-)
beredt
Zattoo ist aber eine amerikanische Firma:
http://zattoo.com/people
Martin Weigert
Tim, vielen Dank ;)
Zattoo ist eigentlich halb schweizerisch, halb US-amerikanisch (einer der Gründer [Sugih Jamin] ist aus den USA, der andere [Beat Knecht] aus der Schweiz). Entwickelt wurde die Technik zwar an der Uni Michigan, aber so wie ich das bisher mitbekommen habe, läuft mittlerweile das Meiste aus Zürich, und auch Zattoos Markt beschränkt sich derzeit nur auf Europa. Somit hoffe ich, dass ihr es als Dienst aus Zürich gelten lasst ;)
Sven
Hallo Martin,
ich kann mich den Vorgängern nur anschließen - mittlerweile lese ich öfters hier als auf allen anderen einschlägigen web20-blogs und Infoseiten zusammen. Die Aufbereitung Deiner Artikel ist vorbildlich, nicht zuviel und nicht zuwenig Informationen und immer up2date.
Weiter so,
Sven
Martin Weigert
Wow, der Artikel war ja eigentlich gar nicht darauf angelegt, positives Feedback zum Blog einzuheimsen. Umso mehr freue ich mich über euer Lob und darüber, dass ich mit der Themen- und Artikelwahl euren Geschmack treffe!