Ein paar weitere Kommentare zum Amazon Kindle
Auch wenn es um den Kindle, den neuen eBook-Reader von Amazon, nicht so viel Aufregung gibt wie damals zum iPhone, hat dieses Produkt doch ziemlich viele emotionale Meinungsäusserungen ausgelöst.
Was mir dabei auffällt, ist vor allem eins: Die meisten Leute mit stark negativen Meinungen besitzen keinen Kindle, haben noch nie einen in natura gesehen und das Gerät dementprechend auch noch nie benutzt.
Bestes Beispiel sind die Kommentare auf Amazons Produktseite zum Kindle: Da gibt es sehr viele “Customer Reviews” mit vernichtender Ein-Stern-Bewertung. Wenn man die Kommentare liest, wird schnell deutlich: All diese Leute…
- finden den Preis viel zu hoch
- hassen das Design (das, wie hier auch schon erwähnt, auf Fotos schlechter aussieht als in natura)
- vermissen irgendwelche Features
- finden DRM verwerflich
- finden eBooks generell doof
Und allen gemeinsam ist ganz offensichtlich, dass sie das Ding noch nie selbst benutzt haben. In nicht wenigen Fällen (etwa der Hälfte) werden ausserdem negative Punkte angeführt, die schlicht und einfach nicht korrekt sind. Hingegen findet man unter den Vier- und Fünf-Stern-Bewertungen lauter Leute, die das Produkt besitzen, teilweise seit Wochen als Betatester benutzt haben und sehr glücklich damit sind. Interessant eigentlich.
Nun, wir leben ja zum Glück im Zeitalter der freien Meinungsäusserung. Neben den zahlreichen total substanzlosen Kritiken gibt es durchaus auch gut begründete negative Meinungen. Aber selbst da gehen einige Punkte am Kern der Sache vorbei.
Ganz offensichtlich hat Amazon mit diesem Produkt einiges an Verwirrung ausgelöst. Ich glaube, das hat zwei Gründe: Erstens beherrscht Amazon manipulatives Massenmarketing nicht so gut wie Apple. Und zweitens ist der Kindle in einigen Ansätzen tatsächlich so andersartig, dass er nicht in die üblichen Denkschemen passt.
Zunächst mal: Der Kindle ist bewusst kein Universalgerät (wie ein PC oder ein Smartphone), sondern eine “Appliance”, also ein Gerät, das für einen einzigen Zweck optimiert ist. Und das ist nichts Schlechtes. Bei einem Navigationssystem oder bei einer Digitalkamera regt sich auch keiner auf, dass man damit nicht emailen oder bloggen kann. Manchmal ist ein Gerät dann am besten, wenn es nur ganz wenige Dinge kann, die aber dafür gut. Theoretisch könnte ich eBooks auch mit einem iPhone lesen, aber da sind die Seiten noch viel kleiner, die Batterie wäre nach spätestens 5 Stunden alle, und das Blättern mit dem Touchscreen ist völlig unpraktikabel.
Aber ist der Preis mit $400 nicht viel zu hoch? Warum? Für ein High-End-Navigationssystem oder einen der grösseren iPods geben Leute auch locker über 300 Euro aus. Und diese Geräte haben im Vergleich weniger Funktionalität.
Ist es nicht schlimm, dass die Bücher mit DRM geschützt sind? Nicht unbedingt. Karten auf dem Navi-System und legal gekaufte Musikstücke auf dem iPod sind das (meistens) auch, und da stört sich auch niemand an der “proprietären Architektur”. Amazon hätte nie im Leben die digitalen Vertriebsrechte für Bücher ohne DRM bekommen. So lange die Businessmodelle der Verlage so sind, wie sie halt sind, gibt es kaum einen Weg um DRM herum. Das finde ich persönlich auch nicht gut, aber es ist die Realität.
Sind die Zeitungen und Zeitschriften, die auf dem Kindle erwerbbar sind, nicht viel zu schlecht formatiert? Nun ja, auch nicht schlechter als in einem typischen RSS-Feed. Und die Bequemlichkeit, eine ganze Zeitungsausgabe drahtlos geschickt zu bekommen, ist schwer zu schlagen. Hinzu kommt: Man liest mit diesem ePaper-Display anders als auf einem normalen PC-Screen. Auch längere Texte liest man geduldig und bewusst, statt ständig schon nach dem nächsten Link zu schielen.
Kein Zweifel, man kann dem Kindle viele Schwächen und Kinderkrankheiten vorwerfen. Aber einen effizienten, problemlosen eBook-Reader mit drahtlosem Zugriff zu haben, finde ich exzellent.
UPDATE: Es scheinen noch mehr Leute so zu denken. Offenbar war der Kindle schon nach 5.5 Stunden ausverkauft und wird erst wieder Ende Monat ab dem 3. Dezember geliefert.
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5 Kommentare zu diesem Artikel
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ben_
Fair enough! Völlig richtig. Auch ich habe noch keinen Kindle in der Hand gehabt. Und der DRM-Punkt ist vom Argument her auch richtig. Solange es keinen besonderen Marktvorteil bietet DRM-frei zu sein, wird das keiner gegen die Rechteinhaber durchsetzen können. Und da Amazon mit der Kindle wohl schnell und mit Abstand Marktführer werden wird, muss schon Konkurrenz her, wie wir bei Itunes vs. Amazon-MP3 gesehen haben.
Den “Appliance”-Punkt verstehe ich, wenn man ihn aus Sicht der Amazon-Produktentwicklung betrachtet oder aus Sicht des Ebook-Aficionados. Aber ich glaube, dass Bücher, Zeitungen, und Blogs, von ihrem Wesen her sooo nah an HTML/Hypertext sind, und wenigsten die Letzteren ja nicht mal mehr analoge Pendants haben, dass eine “Ent-Netzung” oder “Ver-Ebookung” wie es der Kindle macht ein Rückschritt sind.
Aber - und da hast Du völlig recht - der Kindle wird zumindest etwas anstoßen und sei es eine bessere Lesbarkeit eine Rückbesinnung auf die Tatsache, das 90% allen Inhalts im Netz Text und Typographie sind, die GELESEN werden. Und genau da liegt die Stärke des Kindle.
ben_
Mir ist gerade erst aufgefallen, dass “… am Kern der Sache vorbei” eine ganze ordentliche Untertreibung ist für meine Polemik. Trotzdem oder gerade deswegen: Danke!
Broker
dieser beitrag hat mich weiter gebracht!
mds
Wieso eigentlich immer «E-Book»? Mit einem Buch haben Kindle & Co. beim besten Willen nichts zu tun, da mögen sie noch so gute Lesegeräte sein … ich hoffe, Amazon und die anderen Anbieter konzentrieren sich darauf, ihre Lesegeräte zu verbessern und strapazieren nicht ständig die Buchmetapher.
nan Hua
Ich finde den Kindle saugeil ;D
ich hatte son teil schon ma in der Hand und finde das Design is annehmbar,neben dem Iphone wrikt es echt schlecht aber man sollte ja nich Fisch und Fleisch vergleichen und aufm Iphone zu lesen macht sicherlich keinen Spaß.
Das mit dem Preis is verständlich im großen und ganzen is der Kindle ja ein Buch mit Onlineanbindung. Das kommt aber wahrscheinlich wegen E-ink(die Technik is sehr jung und auch teuer) und wegem dem ständig online sein. Vielleicht in der nächsten Generation.
Vielleicht kann er dann auch Farbe anzeigen(juhuu bunte Bildchen ;D)und dann mit Internet wär des Teil ein brauchbarer Browser(man hat also alles was ein normaler PDA hat) + Buch.