Haptische Erotik auf der Titanic

Es ist schon etwas her, aber ich möchte nochmal auf diesen Bericht von den Münchner Medientagen zurückkommen. Als ich sie genau durchlas, kam mir der Begriff “Titanic” in den Sinn. Eine Parabel.

Schiff Printprodukt Internet

Das alte Holzschiff heisst Printprodukt und die lachenden und tanzenden Gäste drauf heissen Zeitungsverleger. Die Printprodukt ist ein grosses, ein schwerfälliges Schiff mit einem streng reglementierten Zugang, den man in der Regel nur durch jahrelanges Studium oder durch sehr gute Beziehungen erhält. Es fährt eher langsam, hat gigantische Druckerpressen an Bord und ist, jedenfalls in Teilen, die ab und zu geputzt und als neu verkauft werden, über 200 Jahre alt. In den letzten Jahren wurde das Schiff von vielen Leuten verlassen. Weil sie es nicht mehr schick genug fanden. Weil sie sich von Offizieren schikaniert fühlten. Weil sie meinten, nicht mehr genug zu verdienen. Oder weil sie schlicht nicht mehr gebraucht wurden. Die Printprodukt ändert seit Jahren kaum seinen Kurs. Sie fährt geradeaus.

Nebenan wird ein neues, ein flottes Schiff gebaut. Es heisst Internet, ist für fast alle frei zugänglich und sieht jeden Tag neu aus. Es tummeln sich viele junge Leute drauf, von denen zwar keiner den Anschein macht, etwas vernünftiges zu tun, die sich aber gegenseitig helfen und inspirieren. Obwohl jeder was Eigenes im Sinn hat, wächst die Internet , denn alle auf dem Schiff sind miteinander vernetzt und bauen ständig daran rum. Wohin das Schiff fährt, kann man gar nicht so genau sagen, denn immer wenn man meint, man wüsste es, dann merkt man, dass man sich getäuscht hat. Allerdings kümmert sich auf dem Schiff gar niemand darum, wohin es fährt. Es fährt einfach irgendwohin und alle drauf finden das gut.

Der Titel der Meldung lautet “Internet sichert Überleben von Zeitungen“. Das heisst, auf der Printprodukt späht man ab und zu rüber, auf die wunderliche Internet, auf der Leute kooperieren, die sich gar nicht kennen. Die nicht mal weiss, wohin sie fährt. Die man zwar sieht, aber nie in voller Gänze. Die nicht mal einen Kapitän hat.

Man weiss auf der Printprodukt , wo die Rettungsboote stehen. Man geht ab und zu vorbei, guckt sie sich an – die besonders Mutigen setzen sich sogar mal rein. Die meisten wissen aber nicht genau, wo die Ruder sind und auch nicht, wie man die Boote ins Wasser lässt. Wenn es hart auf hart kommt, wird es einem dann sicher gesagt, denkt man sich und geht wieder zurück an die Bar oder in seine Kabine.

Kommen wir zum Untertitel der Meldung: “Experten allerdings uneins über ideales Geschäftsmodell”. Das heisst, auch wenn sich zusammen in eines der Boote setzt und hinüber zur Internet fährt, weiss man nicht recht, was man dort tun soll. Man war jahrelang ein stolzer Mitarbeiter auf einem stolzen Schiff und hat seine Arbeit abgeliefert, mehr als recht.

Doch auf der Internet gelten plötzlich andere Regeln. Die Leute wollen miteinander reden. Sie wollen Ratschläge geben, obwohl sie niemand gefragt hat. Sie erlauben sich, selbst altgediente Offiziere zu kritisieren. Manchmal arbeiten sie einfach einen Tag nicht. Und dann wieder drei Tage nacheinander. Manchmal sind sie grundlos beleidigend, dann wieder verstörend nett.

Auf der Printprodukt berät man sich. Man bestätigt einander, dass es kein “einheitliches Patentrezept” gebe, dass man “nicht jedem x-beliebigen Trend folgen” dürfe. Einer sagt: “Fakt ist aber, dass die Verlage in irgendeiner Weise mit der Onlinewelt in Kontakt treten müssen, denn das Kerngeschäft stagniert und wird zum Überleben allein nicht reichen.”

Aber wie bloss? Es schauen sich alle an und hoffen, dass der andere die zündende Idee hat. Aber keiner hat sie. Einer warnt vor “halbherzigen Aktionen”. Ein anderer, der als Berater tätig ist, meint, “die Strategien müssen ganz individuell passend” gefunden werden.

Als die Stimmung auf dem Tiefpunkt ist, hisst man die weisse Flagge und beginnt zu singen. Der Tenor stimmt an: “Damit die Zeitungsverleger künftig multimedial aktiv sein können, seien aber auch entsprechende politische Maßnahmen erforderlich.” Eine Wahnsinnsarie, das muss man sagen. Man ruft also die Seepolizei an, den Gewässerschutz, die internationale Marineoberaufsicht. Wer bloss kann der Printprodukt behilflich sein, auf der wunderlichen Internet zu reüssieren? Das Parlament? Angela Merkel? Der liebe Gott?

Wohl niemand. Die alte Printprodukt wird weiter vor sich hin tuckern. Und irgendwann auslaufen, ins Leere. Nicht in zwei Jahren, nicht in fünf Jahren, aber irgendwann. Dann, wenn es elektronische Träger gibt, die leichter zu lesen sind als die Produkte der Printprodukt. Und die “bestechende haptische Erotik” (Standard -Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmidt) der toten Bäume nur noch ein müder Witz sind. Oder was für Nostalgiker, wie Vinylplatten.

“Sich mit dem Medium Internet zu arrangieren”, wie es in der Meldung heisst, wird gelingen, da ist man sich auf der Printprodukt sicher. Auch wenn man keine Ahnung hat, wie. Und kein Jota von der Meinung abweichen will, dass Journalismus auf der Printprodukt stattfindet. Und unmöglich auf der Internet.

Bild: Flickr-User Ganymedes Costagravas

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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1 Kommentar

  1. Fabi
    schrieb am 20. November 2007 um 13:35 Uhr (#)

    Geniale Geschicht die ein Lachen entlockt. Ich denke es ist nicht nur im Printbereich so. Jeder, der mal in einem grossen Konzern, zB. bei einer Bank! gearbeitet hat, erkennt sich darin wieder.

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