Verblassende Medien

Distanz kann so erhellend sein: Gestern saß ich mit meinem Onkel zusammen, der eine ziemlich bewegte Vergangenheit als Polit-Hippie hinter sich hat. Irgendwann, als wir uns diskursiv in die Haare gerieten, holte er ein altes, verstaubtes Buch aus dem Regal: Es ist von einem gewissen Jerry Rubin, nennt sich ‘Do it!’ und schildert die Unruhen 1968 in Chicago während des Parteitages der amerikanischen Demokraten aus Sicht der ‘Yippies’, der radikalsten Gruppe unter all den kiffenden ‘Revolutionären’ und Sexmaniacs, die in dieser Zeit der Provokation und der absolut gesetzten Devianz jung waren.

Das Buch lag damals in jeder besseren WG auf dem Klo“, sagte mein Onkel, “auf einem Stapel mit Gilbert Shelton und dem ‘Medizinrad‘. Die erste Ausgabe trug das chinesisch-revolutionäre Gelbrot des März-Verlages, meine Ausgabe hier ist ein Nachdruck aus dem Trikont-Verlag“. Heute, sagte mein Onkel, halte er nicht mehr viel von den Puffmais-Ansätzen solcher Spontanrevolutionäre, spannend aber sei es, die Medienstrategien dieser Gruppen zu verfolgen, die damals virtuos und voller Innovationsfreude eingesetzt wurden, die so aber heute einfach nicht mehr umsetzbar wären.

JerryRubin

Wir alle setzten damals voll und ganz auf das Bild, das wir boten. Wer lange Haare trug, war revolutionär, der Afghan-Mantel und das bestickte Stirnband machten dich zum Staatsfeind“, sagte mein Onkel: “Kaum jemand macht sich heute noch einen Begriff davon, wie neu und wirkungsvoll das Fernsehen damals war, tagelang diskutierten wir über irgendetwas, was wir GESEHEN hatten“. Oder in Jerry Rubins Worten ‘himself’: “Das Medium ist nicht ‘neutral’. Die Gegenwart einer Kamera verwandelt eine Revolution, macht uns zu Helden. Wir riskieren mehr, wenn die Presse da ist, weil wir wissen, daß dann all unser Unternehmungen innerhalb von Stunden der ganzen Welt bekannt sein werden“.

In solchen Passagen zeigte sich Jerry Rubin, selbst ein Journalist, als hellsichtiger Beobachter: Damals, im Umfeld der großen Vietnam-Demonstrationen, hörte Politik tatsächlich zunehmend auf, eine Sache klandestiner Verhandlungen in schallgedämmten Hinterzimmern zu sein. Die Politik musste jetzt vor die Kameras und Mikrofone treten, sie wurde öffentlich. Aus Politikern wurden nolens volens Rampensäue, nicht umsonst stellten die Yippies öffentlichkeitswirksam ‘Pigasus‘, das Schwein, als ihren Präsidentschaftskandidaten auf.

Rubin begriff auch, wie wichtig es war, alle Unterschiede in der Meinung optisch umzusetzen. An die Stelle der Argumente trat das Outfit: “Ich habe nie den Radikalen verstanden, der sich mit Schlips und Kragen auf dem Bildschirm präsentiert. Man dreht den Ton ab, und er sieht aus wie der Bürgermeister! … Wer begreifen will, was TV ist, der schalte den Ton ab. Niemand erinnert sich an die Worte, die er gehört hat; das Gehirn ist ein Technicolorfilm aus Bildern nicht aus Worten“.

Vielleicht solle jemand mal Anzugständer wie Steinmeier, Tiefensee und Jung auf die Existenz solcher Phänomene hinweisen, meinte an dieser Stelle mein Onkel mit einer gewissen Süffisanz, Rubins Sicht der Dinge sei aber sicherlich auch durch halluzinogene Drogen beeinflusst, die damals wie Smarties eingeworfen wurden: “Die Drogen machten doch uns alle – ‘boah, ej!’ – zu einer Horde wortarmer Autisten, der ‘eigentliche Sinn’ jedes Satzes wurde gleich von zahllosen Metaebenen an Bedeutung sozusagen ‘kosmisch’ überlagert”. Übrigens sei diese bildhaft zentrierte Auffassung von der Welt konstitutiv für die halbe Pop-Welt geworden. Figuren wie die Sex Pistols, Kiss, Nina Hagen oder später Marilyn Manson seien überhaupt nur aus ihrer Ikonographie heraus zu erklären, während die intellektuell-argumentative Unterfütterung ihrer radikalen Bildlichkeit zumeist auf ziemlich ärmlichem Niveau sich bewegt habe. Dass die Hagen mit den Rasputins und Wunderheilern der Jetztzeit turtele, wundere ihn, sagte mein Onkel, nicht im Geringsten: “Wo soll sie denn sonst hin mit ihrem hippiesken Anderssein als Trademark?“.

Wir kamen gemeinsam zum Befund, dass die politische ‘Pop-Strategie’ des Ikonographischen heute schon wieder überholt sei. Der ‘Bürgerschreck’ lasse sich gar nicht mehr überbieten: bunte Haare, Nacktheit, Blut, Sex, selbst Nekrophilie – alles sei ‘durch’. Selbst prügelnde Polizisten auf Demonstrationen und rote Fahnen brächten den Zuschauer nur noch zum Wegzappen. Tianmen-Platz und Mauerfall seien die letzten ‘TV-Großereignisse’ dieser Kategorie gewesen, die noch ‘Quote’ gebracht hätten.

Bei der Frage, was an die Stelle treten werde, verzankten wir uns dann. Mein Onkel, insgeheim wohl ein Polit-Romantiker, träumt unentwegt von einer ‘Renaissance’ der Straßenpolitik alter Schule: Die Menschen würden irgendwann “von dem mundgerechten Marshmallow-Kram des Talk-Talk-Talk-Journalismus die Fresse voll haben und wieder selbst den A… hochkriegen“. Ich sah dagegen keine Besserung voraus, nur eine immer weitere “Verzettelung” und “Spektakulisierung” der Vorgänge, um sie den anzeigenrelevanten Formaten werbepausengerecht anzupassen. Das TV, und damit auch die politische Ikonographie, sei längst ein irrelevantes Medium geworden – wie zuvor schon das Radio. Die Welt, nachdem sie sich längst nicht mehr in Worte fassen lässt, sei heute auch nicht mehr ins Bild zu bringen …

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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