Falsche Blogs (flogs)
EU will nur noch Lauterkeit
Flogs und von Firmen unter falschen Angaben geschriebene Kommentare und Rezensionen im Web sollen rechtswidrig erklärt werden. Die EU verschärft die Direktive gegen unlauteren Wettbewerb.
Immer dann, wenn es um kalte, harte Münze geht, kriegt die Wahrheit ein Gewicht. Im Web 2.0 kann jedermann (fast) alles veröffentlichen, was er will – ob wahr oder unwahr – wo kein Kläger ist, ist kein Gericht. Reputation ist alles im neuen Netz, und namentlich im gigantischen Binnenmarkt USA setzen zwielichtige Händler deshalb unzählige Webshops auf und erteilen sich kreuz und quer hervorragende Noten.
Oder sie bezahlen ein PR-Pärchen, das quer durch die USA trampt, auf den Parkplätzen eines Grossverteilers übernachtet und dabei bloggt, was das Zeug hält, immer wieder die Freundlichkeit Supermarktkette und ihrer Angestellten lobend, bis jemand nachweist, dass die beiden genau dafür bezahlt werden.
Oder sie erfinden fünf jugendliche Freunde, die in der Deutschen Blogosphäre plötzlich überall kommentieren, in eigenen Blogs Romanzen abwickeln und immer mal wieder nebenbei ein paar Parfüm-Namen fallenlassen.
Dass solche Guerilla-Aktionen bei den Konsumenten zwar eher Unwillen als Sympathien auslösen, ist inzwischen bis in die Teppichetagen der PR-Konzerne hochgedrungen. Aber so manche der Herrschaften werden sich sagen: Man darf sich bloss nicht erwischen lassen.
Nur sehen sie sich längst nicht mehr nur mit investigativen Bloggern konfrontiert, welche allzuglatte Kommerzfiktionen zu entlarven versuchen. Inzwischen hat auch die Konkurrenz erkannt, dass Heerscharen von bezahlten Rezensenten den Wettbewerb arg beeinflussen können.
Deren Wehklagen ist jetzt wohl bis Brüssel vernehmbar geworden, und dort will man dem kunterbunten Treiben ein Ende bereiten. Der englische Newsdienst The Register meldet, dass die EU ihre Direktive gegen den unlauteren Wettbewerb dahingehend erweitert hat, dass ab kommendem Jahr gefälschte Blogs und selber geschriebene Kommentare illegal sind.
“Irreführende” und “aggressive” Praktiken sollen demnach einklagbar werden. Juristische Personen “werden nicht länger “individuelle Blogger oder Agenturen dafür bezahlen können, falsche oder irreführende Postings zu veröffentlichen”, schreibt The Register.
Wer unter falschen Angaben – “Ich bin ein bloggender Teenager und finde den Duft XY soooo geil” – falsche oder irreführende Angaben macht, riskiert sowohl zivile als auch strafrechtliche Anklagen. Anders ausgedrückt: Konzerne – aber auch Tante-Emma-Läden – müssen ihre Identität offenlegen, wenn sie im Web Marketing treiben.
In der Theorie klingt das alles wunderbar. In der Praxis könnte es zu neuen Fragwürdigkeiten führen, grade wenn es stimmen sollte, dass die Behörden Testkäufe machen und Geschäftsräumlichkeiten ohne richterlichen Beschluss betreten dürfen, wie das Phillip Carnell in The Register beschreibt.
Denn ab wann sind die Kommentare von Verlagsangestellten, die in Foren und auf Buchhandelsseiten zufällig halt grade ihre eigenen Produkte in den Himmel loben, irreführend? Wenn die Konkurrenz das so empfindet, wenn das Buch in Tat und Wahrheit schlecht ist oder nur, wenn sie die Kommentare während der Arbeitszeit geschrieben haben? Welche Kommentare sind Marketing, und welche sind Meinung? Macht sich ein Corporate Blogger, der aus Unwissenheit falsches Zeug über ein Produkt seiner Firma schreibt, strafbar? Ist es unlauter, Blogger für Rezensionen zu bezahlen, oder ist es nur unlauter, Blogger für irreführende oder aggressive Rezensionen zu bezahlen?
Und wollen wir eine Behörde, die das – womöglich ungebeten – überprüft?
Bisher haben selbst Marketingstrategen auf die Selbstreinigungskraft der Gesellschaft geschworen. Die geltenden Gesetze reichten, um gegen Verleumdungen und Lügen vorzugehen – das Problem ist weniger die Rechtslage als deren Beschränkung auf geographische Räume.
Und daran ändert die zivilen Einklagbarkeit von “aggressiven” und “irreführenden” Postings und Flogs wenig. Sie führt allenfalls zu einer höchst fragwürdigen Klagewelle. Und in Deutschland zur nächsten Flut von Abmahnungen.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

















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Sehr gut formuliert! Äußerst guter Artikel über etwas, worüber man nicht schreiben darf.
Auch ich habe mit meiner Post SEO Web 2.0 – Mehr Manipulationsmöglichkeiten als je zuvor dieses Thema angedeutet und erhielt heftigen Widerspruch, gerade auch von erfolgreichen Optimierern der deutschen Wirtschaft.
Danke für den Beitrag. Interessantes Problem, gerade auch für mich.
Wenn ich die kostenlosen Informationen auf der DHV-Seite anpreise, ist dass ja auch Werbung für ein Lobbyunternehmen. Darf ich das zukünftig nicht mehr, auch wenn die Infos vielleicht richtig und nur bei uns zu finden sind? Ist am Ende schon der Eintrag des eigenen Blogs in Sozial Networks eine unerlaubte Form der Werbung?
Klingt für mich alles noch nicht recht ausgegoren…
Mit hanfigen Grüßen
Steffen
Es ist immer wieder dasselbe. Egal ob gewaltverherrlichende Spiele oder eben virales Marketing. Wenn Politiker glauben, dass es ihrer Reputation dient, dann lassen sie irgend einen unausgegorenen Schwachsinn ab.
Natürlich klingt es immer gut, wenn die Politik gegen die bösen Konzerne vorgeht, die ja immer und überall ihre Produkte verkaufen wollen. Wie Du schon richtig bemerkt hast, bieten die vorhandenen Gesetze genügend Ansatzpunkte, allzu aggressiver Werbung den Boden zu entziehen und wird gerade in Deutschland auch zu genüge betrieben.
Die aufgeführten Beispiele sind doch Entgleisungen einzelner Unternehmen. Natürlich treibt die freie Marktwirtschaft teilweise sehr ungewöhnliche Blüten und zu heftige Verfehlungen werden ja auch vom Markt oder der Werbeaufsicht abgestraft. Ein Unternehmen kann es sich schlicht nicht leisten, beim Marketing daneben zu greifen, denn ist der Ruf erst einmal ruiniert, dann kann man schnell seinen Laden dicht machen.
Ich persönlich finde die viralen Marketingaktionen nicht sonderlich störend, sie sind einfach Teil des Internet. Wenn mich die Werbung in den Blogs stört, dann brauche ich sie ja nicht zu lesen. Meist sind diese Aktionen ja durchaus ganz lustig. Und wenn sich hinterher herausstellt, dass die Pannenvideos eines Fussballtrainings von einem Sportartikelhersteller ins Netz gestellt wurde, prima, wir haben trotzdem gelacht.
Wer ein sauberes Internet will, der muss das Internet abschaffen oder eine weltweite Militärdiktatur einführen und jeden hinrichten, der seine Meinung frei äußert. Und auch diese weltfremden EU-Politiker sollten sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, sonst werden sie abgewählt.
Ich stimme meinem Vorredner zu. Alles nur populistisches Getöse, um sich mit neuen Gesetzen und angeblichen Verbesserungen ein Denkmal zu schaffen. Man erinnere an frühere Geschehnisse wie den Amoklauf von Erfurt. Kaum einen Tag nach der Tragödie war mit der Spieleindustrie der Schuldige gefunden, ohne sich Gedanken darüber zu machen, dass eine völlig fehlgeleitete Familienpolitik der eigentliche Auslöser gewesen sein könnte. Es werden eben immer nur die Massnahmen propagiert, die man der breiten Masse als glaubwürdig und ursächlich verkaufen kann. Das ist Politik, wie die auf EU- und auch deutscher Ebene tattäglich praktiziert wird.