Erdbeben! Breaking News! Aktueller Bürgerjournalismus
Wenn Medien statt auf Recherchen auf Material ihrer Zuschauer setzen, gerät das Nachrichtenwesen rasch zur Parodie seiner selbst. Vor allem, wenn jedermann das Ereignis am eigenen Leib erfahren hat. Ein (fast) Live-Bericht vom aktuellen “South Bay-Erdbeben” in Kalifornien.

Schadenbild nach dem 5.6-Erdbeben vom Dienstagabend: Breaking News der Bürgerjournalisten zur Primetime.
Es war das schwerste Erdbeben seit dem “mittelgrossen” von Loma Prieta im Jahr 1989 in der San Francisco Bay Area: Das Beben der Stärke 5.6 und einigen Sekunden Dauer kurz nach 20 Uhr am Dienstagabend ist das Medienthema in der Region der Bucht um San Francisco.
Und wie alle Ereignisse, über die voraussichtlich in den kommenden Tagen weiter berichtet werden wird, kriegte das Beben sofort einen Namen. Und zur Primetime um 22.00 Uhr hatte das “Southbay-Quake” auf den meisten lokalen TV-Stationen auch bereits ein CNN-gerechtes Emblem. Fehlen nur noch die Fanfaren.
Der Informationsstand? Mit ein paar Klicks abrufbar auf der Webseite des geologischen Dienstes der USA: Stärke 5.6, rund 10 Nachbeben, Tiefe gegen 10km, Epizentrum in den Hügeln östlich von San Jose.

Stärke 5.6 – die Schadenstabelle auf einer andern Webseite des US-geologischen Dienstes zeigt, dass bei einem derart moderaten Beben mit “kleinen Schäden” zu rechnen ist. Kein Futter für die TV-Crews.
Schäden? Viele, viele aus Regalen gepurzelte Dosen, Shampoo-Flaschen und Bücher. Von den Wänden gefallene Bilder. Eine zerbrochene Micky-Maus. Zerrüttete Nerven.
Das Problem der TV-Newsleute: Sie haben kein Bildmaterial. Überhaupt haben sie kaum Berichtenswertes. Nicht wegen des Chaos, welches das Beben hervorgerufen hat – sondern weil das genaue Gegenteil eingetroffen ist. Also rufen sie die Zuschauer auf, ihre Fotos einzusenden – und zeigen die zertöpperte Micky-Maus gleich nach der Zeugenaussage einer geschockten Supermarkt-Verkäuferin, welche die Panik unter den Kunden beschreibt.

Kaum nennenswerte Information, aber bereits ein dramatisches Logo: Der verzweifelte Kampf des lokalen TV gegen Youtube und Britney-Spears-Footage auf TMZ.
Nach einer Woche voller dramatischer Bilder abfackelnder Luxusvillen im Süden Kaliforniens kommen die lokalen News aus dem Norden daher wie ein satirisches Sonderprogramm zur Entlarvung der absurden Mediengesellschaft des 21. Jahrhunderts.
Die “Daily Show” wird aus dem Material der Dutzenden lokaler TV-Stationen nichts mehr herausholen können. Deren Realsatire ist an unfreiwilliger Komik kaum mehr zu überbieten, und phasenweise hat man den Eindruck, den Moderatoren wird erst beim Ablesen der Berichte ihrer Korrespondenten über “den Geruch von Gewürzgurken und Rotwein im ganzen Supermarkt” mit Ausrufezeichen an jedem Satzende bewusst, wie ausserordentlich lächerlich das alles wirkt.
Für die mediale Glaubwürdigkeit ist das doppelt verheerend, weil für einmal jeder und jede unter den Zuschauern eine eigene, unmittelbare Vorstellung von dem Ereignis hat, über das berichtet wird. Auch wenn diese Erfahrungen sehr unterschiedlich sind (hier in San Francisco rollte der Boden ein paar Sekunden lang und das Geschirr klapperte im Küchenschrank, laut USGS hatten die Bebenwellen noch eine Stärke 4), die Überhöhung durch die “Breaking News” der Sender mit ihren Emblemen und Zeugen und aus jeder Ecke der südlichen Bucht – “live!” – berichtenden Korrespondenten geht wohl an niemandem vorbei.
Nach dem fünften Augenzeugenbericht aus San Francisco – eine Mutter und ihre Tochter, zu Besuch aus Colorado, waren “ziemlich erschrocken” – sagt ein Einheimischer den ersten bedenkenswerten Satz der zehnminütigen Sonderberichterstattung: Das Beben sei eine gute Sache, denn mit vielen kleinen Beben entlade sich die Spannung der tektonischen Platten.
Statt einem Interview mit den Geologen des im Silicon Valley ansässigen USGS kriegt CBS 11 von seiner dorthin entsandten Mitarbeiterin Videos der historischen Fotografien vom Beben von 1989, die im Gang an den Wänden hängen.

Offensichtlichstes Opfer des Bebens: Die Rechtschreibung.
Gleich danach zeigt der lokale CBS-Ableger nochmals die eingesandten Bilder von Zuschauern, die zerbrochene Micky-Maus und eine umgekippte Topfpflanze, und kommt dann zu einem “Nebenaspekt” des “South Bay-Quake”: Die Telefonverbindungen waren bis zu 50 Minuten nach dem Beben noch immer unbrauchbar.
Nicht, weil irgendwo ein Sendezentrum oder ein wichtiger Leitungsbackbone zusammengestürzt ist.
Sondern weil alle ihre Liebsten, den geologischen Dienst oder die Reporter erreichen wollten, um ihnen ihre Erlebnisse mitzuteilen.
Und das, scheinen die Journalisten mit einem Achselzucken als “Aussteiger” zu verkünden, ist nun mal höhere Gewalt.
Ob der Jagd nach den knalligsten, aktuellsten Bildern geht dem Journalismus offenbar die Zeit verloren, seine eigentliche Aufgabe zu erfüllen: Schnell die richtigen Fragen zu stellen und sie von kompetenten Leuten beantworten zu lassen.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.
















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@Peter, was soll man denn als hilfloser Medienkonsument machen? Soll man diesen Medienidioten auf die Bude steigen, ins Studio oder in die Redaktionen, und einen nach dem andern persönlich abwatschen, bis sie kapieren, dass man diesen kindischen Quatsch nicht mehr will?
Ich weiss, ist nicht gerade eine qualifizierte Meinung. Aber eine ehrliche.
Also ich das letzte Mal in der Bay Area war, begrüsste mich auch gleich ein 4.4… meine Kollegen in Hayward dürfte es diesmal etwas mehr geschüttelt haben als auch schon. Historisches Material von 1989 hätt ich sonst auf meinem YouTube-Space auch noch zu bieten…
@Jean-Claude:
Wie wärs mit: Abschalten, umschalten, nicht mehr kaufen?
Warum blühen die Gratiszeitungen? Weil sie dem Quotenwettbewerb nicht ausgesetzt sind.
@Peter: Abschalten, umschalten nicht mehr kaufen?
Was machst du, wenn dich allmählich das Gefühl beschleicht, von allen Seiten medial zugemüllt zu werden? Du beschreibst das ja mit dem Erdbeben sehr anschaulich: auf allen Sendern zum gleichen Thema derselbe Quatsch.
Man muss natürlich immer hinzufügen: Klar gibts Abweichler und Ausnahmen unter Medien und Medienmachern. Aber mir fällt auf, dass es immer schwieriger wird, diese aufzuspüren.
Die Gratiszeitungen unterliegen übrigens sehr wohl einer Quote. Für sie ist die Werbung die einzige Einnahmequelle. Daher bemisst sich die Quote daran, wem es gelingt, möglichst viel Werbung zu generieren.
Da Werbung ähnlich funktioniert wie Journalismus – alle rennen in die gleiche Richtung – ist in der Regel der am besten dran, der zuerst auf dem Markt ist: das ist dann der Quotenking bez. der Chef-Lemming. Der ist dann – um das Bild von der nordischen Lemmingwanderung noch etwas zu strapazieren – als erster am Abgrund. Lemmminge stürzen sich bekanntlich nach einer rätelhaften Massenwanderung kollektiv über Felsklippen…