Anarchie – Die Schattenseite des Facebook-Booms
Nahezu 50 Millionen Menschen weltweit sind aktive Facebook-Anwender, gut die Hälfte davon Nordamerikaner. Die andere Hälfte der User kommt aus einer Vielzahl von Ländern dieser Erde, ohne dass Facebook dort jemals auch nur einen Cent in Werbemaßnahmen gesteckt hat. Der Dienst wird zur Zeit noch komplett vom Unternehmenssitz im kalifornischen Palo Alto betrieben. Internationale (und europäische) Büros gibt es bisher offiziell nicht (für die geplante Londoner Europazentrale werden gerade Mitarbeiter gesucht).
Dem Anschein nach existieren bis heute auch noch keine Verantwortlichen für einzelne Länder außerhalb Nordamerikas, die sich um die jeweiligen nationalen Netzwerke kümmern. Bei knapp 170.000 Mitgliedern im Germany-Netzwerk besteht daran hier vielleicht noch kein akuter Bedarf. In Norwegen und Schweden, wo Facebook sich zu einem Massenphänomen entwickelt hat, sieht dies jedoch ganz anders aus. 20 Prozent aller Norweger (!) sind bei Facebook registriert, in Schweden sind es mit fast einer Million Mitgliedern (bei neun Millionen Gesamtbevölkerung) mehr als zehn Prozent. Auch in den beiden skandinavischen Ländern scheint es keine Länderverantwortlichen auf Facebook-Seite zu geben. Die Folge ist ein Hauch von Anarchie.
Mehr als 600 000 Schweden sind Mitglied im Ländernetzwerk “Sweden” und darüberhinaus in einer Vielzahl von Gruppen aktiv. Das Resultat sind tausende öffentliche Postings jeden Tag in den Diskussionsforen – und niemand ist da, der für Ordnung sorgt und notfalls Beiträge entfernen kann. Das führt nicht nur dazu, dass viele Spam-Postings dauerhaft stehen bleiben, sondern es hat einige Male für bedenkliche Situationen gesorgt. Mehrmals gingen Berichte über “Fake-Profile” landesweit durch die Zeitungen und Fernsehnachrichten (!). Unbekannte hatten Profile von B- oder C-Prominente angelegt, also von solchen “Stars”, bei denen man eine Facebook-Präsenz tatsächlich für möglich halten würde. Die Übeltäter sammelten hunderte Freunde, schrieben Mitteilungen und Forenpostings und zogen so nicht nur den Zorn der imitierten Personen auf sich, sondern auch den der getäuschten Kontakte und Facebook-Freunde. In allen Fällen hatten die Betroffenen Probleme, die Fake-Accounts und die damit verbundenen Postings löschen zu lassen, weil die Beschwerden stets ins weit entfernte Palo Alto gingen.
Noch heikler wurde es, als vor einigen Wochen bei einer Schlägerei unter Jugendlichen in Stockholm ein Teenager ums Leben kam. Schnell tauchten Namen und Fotos vermeintlicher Verdächtiger in Beiträgen innerhalb des Schweden-Netzwerkes auf. Die darauf folgenden Beschuldigungen und Androhungen gegen die Betroffenen gingen so weit, dass sich einer der Jugendlichen samt seiner Familie an einem unbekannten Ort verstecken musste. Ein schnelles Eingreifen von der schwedischen Sprache mächtigen Facebook-Mitarbeitern hätten eine solche Eskalation verhindern können. Selbst im dem Klischee nach so friedlichen und konsensorientierten Schweden geht es also nicht ohne “Aufpasser”. Im Rest Europas/der Welt wird das nicht anders sein.
In Anbetracht der steigenden Facebook-Nutzerzahlen in vielen (europäischen) Ländern wird es nicht nur aus Gründen der effektiveren Werbevermarktung und optimierten Zielgruppenansprache Zeit, dass für einzelne Märkte regionale Anpassungen vorgenommen und Verantwortliche einberufen werden, die in ernsten Situationen eingreifen und anarchistische Zustände in den öffentlich zugänglichen Bereichen der Facebook-Netzwerke verhindern. Sonst sind Facebook bei weiterem Wachstum in Deutschland die gleichen negativen Schlagzeilen sicher, wie sie studiVZ erleben durfte.
Siehe auch
Wird schülerVZ bald Holtzbrincks neuer Star?
Exklusiv: Demographie der deutschen Facebook-Nutzer
Von wegen Englisch-Abneigung – Facebook wächst in Frankreich
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.
» Mehr lesen: Facebook (83), Social Networks (152)
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12 Kommentare zu diesem Artikel
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marcel weiß
Interessanter Artikel. Das ist in der Tat ein nicht zu unterschätzendes Problem.
paulinepauline
ich frag mich sowieso immer, wie solche riesigen netzwerke auch nur ansatzweise moderiert werden wollen.
und auf der anderen seite der welt beschweren sich die leute, dass facebook accounts löscht ;)
http://getsatisfaction.com/facebook/topics/13_reasons_your_facebook_account_will_be_disabled
Martin Weigert
Ich denke, zumindest in den Forenbereichen des jeweiligen Ländernetzwerkes ist es sinnvoll, jemanden zu haben, der ein Auge auf die Postings wirft. Eine Moderierung würde hier dann aber doch zu weit gehen.
Andreas Stephan
Interessante Fragen. Eine zusätzlich hätte ich: wie viele Module braucht der Mensch? Ich fand diese Apps am Anfang auch ganz toll. Und was steht bei mir jetzt in meinen Requests?
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Nerviger gehts ja wohl kaum.
Martin Weigert
Stimmt. Einfach permanent ignorieren. Ich habe nicht eine dieser Apps installiert. Dafür aber diverse coole Musik-Applikationen und andere, nützliche oder zumindest nette Tools.
Facebook-Apps sind nicht nur Vampire, Oktoberfest und Hot-or-Not.
Was Facebook aber schon längst hätte machen sollen, ist eine Möglichkeit einzuführen, bestimmte Apps auf eine Blocklist zu setzen. Damit man eben nicht 50 Mal mit solchen ungewollten Einladungen bombardiert wird.
marcel weiß
@andreas such Dir vernünftige Freunde :D
@martin Hm? Man kann doch Apps blocken? Hab ich zumindest schon gemacht.
@paulinepauline man kann den nutzern die Möglichkeit geben, Kommentare/Postings zu markieren, wenn eine genügende Anzahl an Markierungen erreicht ist, bekommt der zuständige Mitarbeiter automatisch ne Mail oder so. Ist, glaube ich, der einzige auch ökonomisch sinnvolle Weg, wenn eine Community die Größe einer mittelgroßen Nation erreicht.
Martin Weigert
Na dann! Irgendwie nerven mich meine Kontakte nicht mit übermäßig vielen App-Requests, so dass ich diese Funktion noch nie benötigt habe. Aber Andreas, da hast du deine Lösung!
marcel weiß
Ja, wenn die Kontakte techsavvy sind, hat man da nicht so starke Probleme. Hab da auch keine Probleme weiter, musste nur damals die Zombieapp blocken. (die war echt die Pest)
Andreas Stephan
@marcel: Danke für den Tipp mit dem Blocken. Ich hab in Facebook in erster Linie alte Studienkollegen ausm Ausland und weniger “normale Kontakte”. Die haben anscheinend noch zu viel Zeit ;)
gis
Gute Analyse. Nur: Der beschriebene Zustand sollte besser Chaos genannt werden. Anarchie ist eben nicht gleichbedeutend mit Chaos…
Martin Weigert
Stimmt, da gibt es Unterschiede. Wobei auch nicht wirklich Chaos herrscht. Eher ein Zustand, in dem niemand wirklich “aufpasst”.
Tobi
Ich sehe das Problem auch eher im Chaos, das aus der Summe der Beiträge und der resultiert. Jeden Tag steht ein einsamer Moderator einer Tausendschar neuer Forenmember gegenüber. Auch das Thema Datenschutz scheint sich bei den Jugendlichen noch nicht rumgesprochen zu haben. Ein Fehler, der später einmal negative Auswirkungen haben kann. Da werden private Fotos von nächtlichen Saufgelagen ins Netz gestellt. Blöd nur, wenn der zukünftige Arbeitgeber diese Daten in die Finger kriegt.