Kann das Web 2.0 noch sozialer werden?

Martin Weigert, 26. Oktober 2007 13:48 Uhr, 11 Kommentare Kommentare

Seit zwei bis drei Jahren gehören soziale Web-2.0-Anwendungen zum Alltag vieler Internetnutzer. An jeder Ecke des Mitmach-Netzes wird sich mit Gleichgesinnten getroffen, kommuniziert und geteilt. Ob nun in Social Networks, bei Social-Bookmarking- oder Social-News-Diensten, in Blogs oder auf Videoportalen, in Musik-Communities oder auf Empfehlungsplattformen – die soziale Komponente des Web 2.0 ist allgegenwärtig. Doch entwickelt sie sich eigentlich noch nennenswert weiter? Mit jedem neuen, sozialen Webangebot entsteht zwar ein weiteres Forum für Kommunikation und Austausch unter Menschen mit ähnlichen Interessen, Hobbys oder Zielen, doch das Ergebnis ist im Prinzip das gleiche wie vor zwei Jahren: Man teilt Daten und Informationen unterschiedlicher Art mit anderen und versucht gleichzeitig, von deren Beiträgen zu profitieren.

Es scheint, als hätte die Weiterentwicklung des sozialen Aspekts im Web 2.0 ihre Grenzen erreicht. Zwar bringen neue Services neue Wege oder Nuancen der Interaktion, aber die Qualität der Kommunikation und Information wird dadurch nicht mehr sonderlich erhöht. Es ist kein zusätzlicher Mehrwert erkennbar. Beispiel Musik: Soziale Musik-Communities wie Last.fm helfen, bisher unbekannte Interpreten und Songs zu entdecken, die zum eigenen Musikgeschmack passen. Ein weiterer, neuer Anbieter, der dank einer innovativen Technik noch bessere Ergebnisse verspricht, kann einem zwar noch genauer abgestimmte Songvorschläge machen, doch eine 100-prozentige Übereinstimmung ist unwahrscheinlich und zumindest in meinem Fall nicht einmal gewünscht - manchmal ist es einfach spannend, selbst auf “Entdeckungsreise” zu gehen und manuell durch Titel zu hören, die weit von dem entfernt sind, was üblicherweise aus den Lautsprechern schallt. Der Sachverhalt lässt sich auf nahezu alle Themenbereiche des Web 2.0 übertragen - ob Bookmarks, Nachrichten, Videos, Bücher, Restaurant- und Shoppingtipps usw. Komplett will ich die Auswahl meiner zu konsumierenden Medien, Produkte und Informationen nicht der “Weisheit der Massen” überlassen.

Auch bezogen auf die reine Kommunikationsebene passiert eigentlich nicht mehr sonderlich viel. Natürlich werden Social Networks und virtuelle Welten technisch immer anspruchsvoller und ermöglichen Spielereien, die noch vor einigen Jahren undenkbar waren. Doch wer nicht Tag für Tag viele Stunden in Small Talk, Offtopic-Chats und das Versenden virtueller Drinks und Geschenke investieren will, der kann aus vielen Innovationen keinen persönlichen Nutzen ziehen. Letztlich dreht sich immer alles um den Austausch von Mitteilungen/Informationen mit Freunden/Bekannten/Kollegen. Nur die Wege und Möglichkeiten dafür werden immer vielfältiger.

Kurz gesagt - vom sozialen Web 2.0 erwarte ich mir in der stationären, auf den Heim- oder Büro-Rechner beschränkten Form keine großen Revolutionen mehr. Sozialer als das stationäre Netz derzeit ist, kann es meines Erachtens nach nicht mehr werden. Mit der langsam Einzug haltenden, mobilen Internetnutzung wird neuer Schwung in das Social Web kommen, aber das ist ein anderes Thema. Während der soziale Aspekt des Web 2.0 etabliert ist und ich mir von ihm nicht mehr viele grundlegende Überraschungen erwarte, so steht für mich immer mehr das Thema Effizienz im Vordergrund.

Wer Beruf, Privatleben/Familie, Hobbys und Freunde unter einen Hut bekommen und außerdem die gewaltige Informationsmenge bewältigen möchte, die das Web täglich hervorbringt, der muss effizient sein. Das heißt, so viele Informationen in so kurzer Zeit wie möglich aufnehmen, nach Relevanz selektieren und verarbeiten. Gleiches gilt für die Kommunikation. Der zwischenmenschliche Austausch im Internet sollte nicht zu kurz kommen. Er darf aber auch nicht mehr Zeit kosten, als man angesichts aller anderen Verpflichtungen hat. Während mich nur noch wenige neue Web-2.0-Dienste beeindrucken, die “sozial” sind, so erhalten immer mehr auf Zeitersparnis, Produktivität und Effizienz ausgerichtete Angebote meine Aufmerksamkeit. Ich möchte nicht mehr Zeit aufwenden müssen, als ich bisher investiert habe, um eine bestimmte Information zu erhalten, sondern weniger. Darin sehe ich das noch weiter erschließbare Potential des Web 2.0. Es soll mir das Leben erleichtern. Viele Internetangebote zielen daran noch weit vorbei.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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11 Kommentare zu diesem Artikel

  1. marcel weiß

    schrieb am 26. Oktober 2007 um 15:20 Uhr (#)

    Hatte ich vor Monaten schon mal so ähnlich beleuchtet (Ich war schneller! ;D).
    Die Sättigung der Early Adopter kann man als eine Form des SocialMediaBurnout-Syndroms bezeichnen. Das ist übrigens der Hauptgrund (wie ich damals auch ausführte), warum ich glaube, dass Facebook mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem wenn nicht dem Majorplayer schlechthin im Netz wird:
    Weil es durch das Zusammenführen der Interaktionen Vereinfachung und Effizienz schafft. _Das_ ist auch der wahre Grund, warum nahezu jeder Techblogger, der sich damit beschäftigt, facebook so hypt.

    Man sollte da nicht den Fehler machen und die augenblicklich dominierenden Unsinnsapps dort als das Maß aller Dinge für Facebookapps zu sehen.

    (Aus den von Dir angesprochenen Gründen werden es auch viele deutsche Startups bald sehr schwer haben. Viel zu viele von ihnen verstehen sich mehr als Zeitvertreib denn als wirkliche Unterstützung des [täglichen] Lebens)

  2. Pat Riot

    schrieb am 26. Oktober 2007 um 16:45 Uhr (#)

    …so steht für mich immer mehr das Thema Effizienz im Vordergrund…

    Bei mir auch(!), daher habe ich meinen Xing Account gelöscht (zu viele Blender).

  3. Marc

    schrieb am 26. Oktober 2007 um 16:56 Uhr (#)

    In der jetzigen Situation stelle ich tatsächlich auch Stagnation fest. Es fehlt an neuen Schlagworten, das vielbeschworene “Mitmach-Netz” ist inzwischen zum Feature geworden und Features sind uninteressant.

    Grundsätzlich stell ich in meinem privaten Surfverhalten zwei Trends fest:

    1. Die schiere Masse an Usern spielt keine Rolle mehr, sie wirkt eher abschreckend. Die großen Netzwerke leben von Mikrokosmen von 20,30 Leuten, die wahrscheinlich auch offline miteinander auskommen würden. Das Netz überbrückt hier bisweilen nur die Distanz. Ich stelle fest, dass die Oberflächlichkeit großer Massen zunehmend zum Abturner wird. Was vor ein, zwei Jahren noch als großes Potenzial galt (z.B. um den eigenen Bekanntenkreis zu erweitern), ist inzwischen nur noch nervig.

    2. Spezialisierung rückt wieder in den Vordergrund, die klassischen Foren erfahren einen zweiten Frühling. Hier find ich schnell Kontakt, wenn ich Fragen habe, sehr schnell Antworten, die Usability ist in der Regel ausgereift und viel unnötiger Schnickschnack bleibt mir erspart.

    Als Trend für die Zukunft, sehe vor allem eine Zunahme an Geschwindigkeit, Netzwerke müssen ihren Instant-Faktor erhöhen, Gästebücher, Private Messages, alles ein bisschen überholt, zu langsam, zu träge - Aktion, Reaktion muss schneller abgebildet werden. Der Facebook-Mini-Feed kann da nicht der Weisheit letzter Schluß sein.

    Meinem Vorredner kann ich nur zustimmen, wenn er Symptome eines Burnouts zu erkennen glaubt. Das betrifft nicht nur early adopters, sondern ist auch längst im Mainstream angekommen. Klassische Medien blocken/winken ab, die Redaktionen sind genervt. Aber ohne Berichterstattung, keine User - die Presseberichterstattung ist die einzige kostenerträgliche Methode eine Internetplattform groß zu machen. Wenn dieser Kanal wegbricht, ist ein Startup lebendig begraben. Wer die grass root Methode dem entgegen halten will, braucht bei perfektem Produkt immer noch mindestens ein Jahr.

    …und meiner Freundin brauch ich auch gar nicht erst versuchen, ein neues Netzwerk vorzustellen… soviel zum Burnout im Mainstream

  4. RW

    schrieb am 26. Oktober 2007 um 17:24 Uhr (#)

    stimme ich zu: der Mehrwert, der Nutzen, einer Webanwendung, beispielsweise in Form einer Zeitersparnis, wird deutlich an Bedeutung gewinnen

  5. Martin Weigert

    schrieb am 26. Oktober 2007 um 23:47 Uhr (#)

    Selten war man sich hier so einig. Schön! :)

    Marcel, bezüglich
    “Weil es durch das Zusammenführen der Interaktionen Vereinfachung und Effizienz schafft.”
    Gut auf den Punkt gebracht. Schade, dass diese Zentralisierung von Kommunikation und Informationsaustausch auch eine negative Seite hat (Konzentration bei einem Anbieter). Aber nach dem aktuellen Stand lieber Facebook als Google.

    Marc, “Geschwindigkeit” ist auch ein gutes Stichwort, denke ich. Aber mal schauen, wie lange der Mensch Informationsvermitlung in Hochgeschwindigkeit ertragen kann. Auch hier besteht ja die Gefahr eines Information Overflows und Burnouts.

  6. Andreas Schneider

    schrieb am 27. Oktober 2007 um 01:28 Uhr (#)

    Lieber Herr Weigert, im letzten Absatz Ihres Beitrags, schreiben Sie Seelenworte. Gerade, weil diese in sich widersprüchlich sind und damit das Dilemma des Web 2.0 an der Schnittstelle zum realen Leben ganz gut veranschaulichen. Beruf, Privatleben/Familie, Hobbys und Freunde unter einen Hut zu zaubern, ist so schon schwierig genug. Sagen wir, im Umkreis von 10 realen Kilometern. Durch Social Networks wird dieser Umkreis um das viertausendfünfhundertfache erhöht. Der Erdball als persönliche Spielwiese. “Hey, ich kenn da jemand in China, in Russland, Californien, sogar in Burkina Faso habe ich Freunde. Wo, die “altbackenen Medien” wie Film, Funk und Fernsehen machen das ja auch, soll persönliche Effizienz greifen. Und: Welche Informationen werden letztlich gesucht, die einen nicht auf Abwege führen auf Grund all der Schlagwortwolken, rss-feeds und so weiter?

    Im Grund müsste nach und nach eine Art Emanzipation vom Information-Overkill erfolgen, gleichbedeutend mit der Förderung von Individualität. Fokussierung der Interessen. Andererseits: Ohne Mister Wong währe ich vermutlich nicht auf Ihren Beitrag aufmerksam geworden, und schon gar nicht hätte ich mich die zurückliegenden Augenblicke mit dieser Thematik beschäftig.

    Ich wünsche euch allen ein wunderbares Wochenende.
    Andreas

  7. Martin Weigert

    schrieb am 27. Oktober 2007 um 16:56 Uhr (#)

    Hallo Herr Schneider,

    um diese Widersprüche kommt man tatsächlich nur schwer herum. Da Sie im Falle einer Emanzipation vom Information-Overkill möglicherweise nicht bei Mister Wong gestöbert und diesen Blog in der Folge nicht entdeckt hätten, muss man sich fragen: Wäre dies ein hinnehmbarer Verlust oder nicht. Und damit beziehe ich mich nicht auf zweinull.cc sondern im Prinzip auf jeden Blog, auf jede Seite und auf alle Informationen, auf die man erst als Konsequenz eines permanenten, proaktiven Informationskonsums stößt.

    Ich denke, letztlich hängt es auch viel vom Beruf und den Karrierezielen ab, ob man es sich leisten möchte/kann, auch mal uninformiert zu sein.

  8. Stephan Baumann

    schrieb am 28. Oktober 2007 um 22:58 Uhr (#)

    Aggregation + Effizienz durch semant.Technologien + Semiclosed und Closed Networks + Hyperlocal:

    auch wenn jetzt hier manche evtl. gähnen, aber ich sehe anhand dieser Liste noch jede Menge “Musik” auf zu uns kommen, aggregierte SocialNetworks jedweder Couleur gepaart mit effizienter Hochpersonalisierung - Twine von Radar Networks ist aussichtsreich-, Semantic Technologies, NLP werden hier helfen,
    es dauert noch ein wenig …

    ansonsten daccord, der Speed da draussen bringt mich um :(

  9. RolfW

    schrieb am 30. Oktober 2007 um 23:44 Uhr (#)

    Wenn ich Dich richtig verstanden habe, dann vermisst Du seit zwei Jahren, dass soziale Netzwerke auf 2.0-Basis einen qualitativen Sprung machen und noch sozialer werden. Ich glaube, wir machen da alle einen Fehler, weil wir wie die Laien auf Netzwerke gucken. Die werden üblicherweise grafisch als Punkte dargestellt, die Personen, Webseiten, einsame Blogbetreiber oder sonstwas darstellen können. Wir Laien gucken immer auf die Punkte mit den meisten Pfeilen auf die anderen Punkte und sagen: Donnerwetter, das muss ein Meinungsführer sein. Doch die meisten Pfeile zeigen in beide Richtungen. Und diese Netzwerkbeziehungen sind, wenn ich die Netzwerktheorie richtig verstanden habe, redundant, völlig uninteressant. Warum? Weil die beiden Punkte d’accord sind und sich ansonsten nicht viel weiter zu sagen haben. Interessanter sind die einseitigen Pfeile. Übersetzt heißt das: Wenn Du Dich immer in den gleichen Kreisen bewegst, wirst Du nichts Neues erfahren, was Dich persönlich weiterbringt. Soziale Netzwerke a la 2.0 müssten also offener, durchlässiger und auch für weniger geübte Personen handhabbarer sein. Dein Beispiel über soziale Musik-Communities erinnert mich einerseits an das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens: Du kannst mit relativ geringem Aufwand 80 Prozent erreichen, mit dem doppelten Aufwand 90 Prozent - und brauchst unendlich viel Aufwand für die restlichen zehn Prozent. Andrerseits heißt das: Keine Software, keine noch so raffinierten Algorithmen ersetzen Dir den Meinungsaustausch über Musik mit Freunden und Bekannten. Das Web 2.0 mag Dich ganz nett unterhalten - aber es wird Dir nie das Leben erleichtern.

  10. Pat Riot

    schrieb am 31. Oktober 2007 um 02:17 Uhr (#)

    NLP über SN da bin ich ja mal gespannt wie Sie ssch das vorstellen - wehrter Herr Baumann.

  11. Martin Weigert

    schrieb am 31. Oktober 2007 um 10:02 Uhr (#)

    Hallo Rolf. Sofern sich dein Kommentar auf meinen Beitrag bezieht: Ich denke schon, dass mir das Web 2.0 das Leben erleichtern kann. Es macht es ja jetzt schon auf unterschiedliche Weise (primär durch Zeitersparnis und bessere Möglichkeiten zur Verwaltung von Informationen). Allerdings hat der “soziale Teil” des Web 2.0 darauf nur einen geringen Einfluss. Sprich, ich verwende z.B. Social Bookmarking für die Verwaltung meiner Bookmarks, aber nutze nur selten Empfehlungsmöglichkeiten, um Bookmarks anderer zu entdecken. Ich glaube einfach an eine gewisse Individualität jeder Person, die dafür sorgt, dass wirkliches Matching selten vorkommt.


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  1. Netvouz: Social Bookmarking so, wie es sein soll » Beitrag » zweinull.cc
    (4. November 2007 19:15)

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