Kampagnen-Journalismus mit Kampusch-Potential

Seit Anfang Oktober beschäftigen die Selbstmorddrohungen eines 15jährigen Mädchens Österreich. Dunkelbraune Haare, ein hübsches Gesicht und rehbraune Augen: das Konterfei von Arigona Zogaj schaffte es in alle Zeitungen und Fernsehsender des Landes. Denn sollte sie in den Kosovo abgeschoben werden, so wie ihre Brüder und ihr Vater, wolle sie nicht mehr weiterleben. Sie tauchte ab und schickte eine Videobotschaft mit der Suizid-Drohung an den ORF.

“Natascha-Potenzial” habe das in breitem oberösterreichischem Dialekt sprechende Mädchen aus Oberösterreich, meinte der Chefredakteur der Zeitung Falter im Radio und spielte damit auf das mediale Charisma von Natascha Kampusch an, die vor über einem Jahr aus den Händen ihres Entführers fliehen konnte, der sie jahrelang in einem Kellerverlies hielt.

Tagelang thematisierten die österreichischen Medien ein Problem, das vielen Menschen schon lange unter den Nägel brennt: Der Umgang mit gut integrierten Ausländern, die trotzdem in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden sollen. In immer mehr Gemeinden wehren sich die Bürger dagegen, dass der Staat jene Menschen ausweisen will, die nach den Regeln der Integrationsgesetze kein Recht auf ein Leben in Österreich haben, obwohl sie alles getan haben, um sich anzupassen. Viele Österreicher wollen nicht mehr hinnehmen, dass Klassenkameraden, Arbeitskollegen, Nachbarn und Freunde in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehren sollen, wo sie meistens vor dem Nichts stehen.

Der “Fall Arigona” ist lediglich einer von vielen, der an die Öffentlichkeit gelangte – und das in einer Heftigkeit, die niemand erwartet hatte. Gefechte um Österreichs Integrationspolitik wurden nicht nur zwischen Politikern und Zeitungskommentatoren ausgefochten, sondern auch auf den Leserbriefseiten der Printmedien. Die Zeitung Österreich, vor über einem Jahr von Wolfgang Fellner gegründet, entledigte sich in ihrer Berichterstattung über den “Fall Arigona” sämtlicher journalistischer Grundsätze.

Österreich, das seit seiner Gründung wie ein schlecht kopierter Ableger eines Boulevardblattes gemacht wird, startete eine Kampagne:

Arigona Kampagne1

Unter dem Deckmantel großzügiger Hilfsbereitschaft forderte Österreich seine LeserInnen zur Tat auf:

Arigona Kampagne2

Diese Kampagne wurde lange vorbereitet und zwar mit heftigen Attacken auf den Innenminister Günter Platter (ÖVP). Das nahm Herausgeber und Chefredakteur Wolfgang Fellner persönlich in die Hand, und zwar in seinen täglichen Kolumnen. Anfangs wollte Fellner einen Kompromiss mit dem Minister aushandeln:

Herr Minister Platter, kommen Sie zur Besinnung!

Aus dem Appell wurde ein persönlicher Angriff:

Schluss mit dem Abschiebe-Terror à la Minister Platter.

Dann ein Plädoyer für die Rückkehr von Arigonas abgeschobenen Verwandten:

Lassen Sie die Kinder zurück, Minister Rambo

Innenminister Platter beharrte dennoch darauf, dass Gesetze eingehalten werden müssen. Fellner schießt sich auf Platter ein und verpasst dem Politiker noch heftigere Beinamen:

Wir haben Günther Platter seither ?Minister Gnadenlos? und “Minister Herzlos” genannt – und das war noch eine freundliche Bezeichnung.

Sogleich ernennt sich Fellner zum repräsentativen Sprecher der österreichischen Wählerschaft:

Die Stimmung der Wähler hat sich derart gegen den “Minister Gnadenlos” gewandt, dass sich Platter gestern weder ins Fernsehen noch zu seiner eigenen (!) Pressekonferenz wagte.

Fellner, die vierte Macht im Staate:

Es ist der Machtmissbrauch eines kaltschnäuzigen Politikers, der auf dem Rücken von Kindern rechte FPÖ-Stimmen gewinnen wollte – und der sich dabei (Gott sei Dank) völlig verspekuliert hat.

Zum Schluss hat Fellner es geschafft, den ganzen Integrations-Konflikt auf einen einzigen Sündenbock abzuschieben:

Dank der Hartherzigkeit des Innenministers steht Arigona ab heute ohne alles da: Ohne Familie, ohne Zukunft, vor allem aber ohne Geld. Der Vater, der das Geld verdiente, ist abgeschoben. Die Mutter, die für sie sorgte, ist nach wie vor krank.

Paralell dazu liefert Österreich die passende Berichterstattung dazu und versucht mit gefühlsbetonten Geschichten zu punkten, deren Wahrheitsgehalt stark zu bezweifeln ist:

Arigona text

Einen Kampagnenjournalismus a la Bild kannte man bisher höchstens von der Kronen-Zeitung. Österreich ist dabei, der Krone diesen Rang abzulaufen. Arigona mag kurzfristig geholfen sein – das Problem Integration bleibt jedoch bestehen. Und dem muss sich Österreich wohl stellen. Vereinfachungen, Unwahrheiten und ein Sündenbock mögen einer Zeitung Auflage bringen, vom Kern der Sache bleibt aber nicht mehr viel übrig.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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