Interview mit Charles Liebherr, Schweizer Radio DRS

Ronnie Grob, 24. Oktober 2007 10:53 Uhr, 4 Kommentare Kommentare

Charles Liebherr startete 2005 das Podcasting-Angebot des Schweizer Radio DRS. Ein Interview mit ihm am Rande des Zürcher Blogcamps.

Charles LiebherrDas Schweizer Radio DRS hat ja keine Probleme mit Qualität, weder beim Equipment, noch bei den Journalisten. Nur die Website macht etwas Mühe. Sie sieht zwar recht nett aus und hat viele Inhalte, aber wer konkret etwas verlinken möchte, muss schnell mal einsehen, dass das ziemlich umöglich ist. Darum wird die Website bei Bloggern kaum beachtet.

Podcasts aber funzen, und wie. Dafür verantwortlich ist unter anderem Charles Liebherr. Er war schon am Zusammenpacken, als ich ihn letzten Samstag am Blogcamp 2.0 in Zürich für ein Kurzinterview aufhalten wollte. Obwohl sein Zug schon auf dem Gleis bereit stand, zögerte er keine Sekunde, mir mit technischem Equipment auszuhelfen. Und ein paar Minuten mit mir zu plaudern.

Ronnie Grob: Wie mir eben erzählt wurde, warst Du Internet-Pionier bei Radio DRS und hast die ersten Podcasts eingeführt. Wann war das?

Charles Liebherr: Das war im Sommer 2005. Damals führte iTunes eben eine eigene Kategorie Podcasts ein. Wir dachten schon vorher daran, Podcasts zu lancieren. Das iTunes-Verzeichnis war für uns der letzte Push und wir nahmen das als Anlass, eine Test-Plattform aufzubauen. Das Echo der Zeit feierte sein 60jähriges Bestehen und wir schenkten die Podcasts dem Echo der Zeit gewissermassen zum Geburtstag. Wir machten das mehr im Sinne eines Tricks, denn wenn wir die offiziellen Wege durch alle Gremien hätten machen müssen, dann hätten wir das vermutlich nicht geschafft. So schenkten wir als Onlineredaktion (deren Leiter ich damals war) diese Podcasts dem Echo der Zeit.

liebherr charles 2
Charles Liebherr, Radio DRS

Echo der Zeit war der erste Podcast, den ihr gemacht habt – es folgten dann schnell weitere…

Ja, schweizweit war es einer der ersten Podcasts überhaupt, (sicher der erste eines grösseren Medienunternehmens). Unser Podcast war der erste, der täglich erschien. Nachher haben wir intern schnell überzeugt. Es war für uns sehr einfach zu erklären, warum Podcasts eigentlich eine gute Kombination ist, Multimedia und Radio. Die Möglichkeit, gute Sendungen runterzuladen, mitzunehmen und sich offline anzuhören, war so einleuchtend, dass sehr schnell weitere Redaktionen auf uns zugekommen sind, die auch mitmachen wollten.

So entstand das. Zuerst primär mit bestehenden Sendungen als mp3-Mitschnitte, nachher auch Podcast-only-Angebote. Unveröffentliche Radioinhalte in einem zusammengefassten Podcast beispielsweise. Inzwischen sind es etwa 30 bis 35 Podcasts, die entweder täglich oder mindestens wöchentlich erscheinen.

Ist das Ziel, irgendwann alle Sendungen als Podcasts anzubieten?

Aus urheberrechtlichen Gründen geht das schon mal nicht im Musikbereich. Sobald es ins Verwertungsrecht hineingeht und es komplexer wird, können wir das nicht mehr machen. Das Ziel ist aber schon, möglichst viele Sendungen anzubieten (für uns als Öffentlich-Rechtliche heisst das primär Informationssendungen, also da, wo wir eine Unique Selling Proposition haben). Gleichzeitig ist die Tendenz da, mit den Podcasts einen Mehrwert zu schaffen, zum Beispiel unveröffentlichte Interviews, die als Rechercheinterviews geführt wurden, zu veröffentlichen. Dazu Inhalte, die es, aus welchen Gründen auch immer, nicht auf den Sender geschafft haben. Die wir so neu- oder zweitverwerten können.

Ich kann mich daran erinnern, dass bei der Einführung der DRS-Podcasts 2005 das Echo bei den Bloggern ziemlich positiv war. Wie war das rückblickend bei den etablierten Medien?

Ja, das wurde zur Kenntnis genommen und es half uns auch, zu erklären, warum sich der Öffentlich-rechtliche Rundfunk im Internet engagieren muss. Die Vorteile, unsere Sendungen nicht nur hören zu können, wenn sie am Radio ausgestrahlt werden, waren ja sehr offensichtlich und darum stiess das auf ein sehr positives Echo.

Gibt es auch Vorbehalte?

In diesem Bereich eigentlich nicht. Vorbehalte im Online-Bereich gibt es da, wo es Berührungspunkte gibt mit den klassischen, kommerziellen Medien wie Zeitungen, da, wo es um viel Text geht. Für uns vom Radio war das aber auch nie so zentral. Wir sagten immer: Wir machen die besten Audios, wir setzen auf Audio on Demand, auf Streaming und dann eben auf Downloads, also Podcasts. Und dort waren wir immer relativ unbestritten.

Wie sind die Nutzerzahlen?

Anfangs, nur mit Streaming-Audio on Demand, waren die Zahlen und Wachstumsraten eher schmal. Podcasts dagegen haben eingeschlagen und haben sehr schnell sehr hohe Nutzerzahlen generiert. Das liegt sicher auch am hohen Nutzen, den sie schaffen können. Alleine im September wurden fast 450.000 Sendungen heruntergeladen. Monatlich nutzen mehr als 150.000 User unser Podcast-Angebot.

Wie muss man diese Zahl verstehen?

Das ist die Zahl derer, die sich den Podcast herunterladen – ob sie es sich dann auch jedes Mal anhören, ist eine andere Frage. Wir gehen davon aus, dass es keinen Grund gibt, etwas im Abo regelmässig herunterzuladen, das man sich dann gar nie anhört. Vermutlich werden die Podcasts nicht immer in voller Länge angehört, aber das ist ja auch der Vorteil dieses Formats. Man kann hin- und herspulen, man kann sich etwas mehrmals anhören, etwas überspringen.

Ist die Nutzung zwingend mit iTunes verbunden?

Nein, unser Podcast-Angebot war nie alleine auf iTunes ausgerichtet. Es ist unser Anspruch als öffentlich-rechtliches Unternehmen, dass man unsere Sendungen mit jedem anderen Player auch hören kann. Es ist einfach so, dass iTunes gegen 80% von unserem Traffic generiert. iTunes hat einen sehr hohen Marktanteil und darum wollen wir dort auch gut präsent sein. Wir sprachen deswegen früh mit Apple und versuchten, einen eigenen Channel zu kriegen, was uns auch gelang. Wir waren die ersten in der Schweiz – kurz nach der BBC (worauf wir auch etwas stolz sind). Unterdessen ist das Usus und alle SRG-Abteilungen haben ihre eigenen Auftritte bei iTunes.

Was bringt die Zukunft?

Schweizer Radio DRS lanciert am 5. November einen Newskanal, ein 24-Stunden-Informationsprogramm. Es soll dort einen starken Podcast-Pfeiler geben. Es ist geplant, täglich drei aktuelle Podcast-Angebot, morgens, mittags, abends, anzubieten. Mit aktuellen News, News-Analysen und den Hintergründen zu den News.

Das erscheint auf drs.ch?

Ja, drs.ch, das 24-Stunden-Infoprogramm dann auf www.drs4news.ch.

Bilder: wiki.drs.ch und Charles Liebherr

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Weiterempfehlen

Mehr lesen

7.5.2009, 30 KommentareG wie Google:
"Wenn wir nur noch die Hälfte der Journalisten hätten, wären es immer noch zu viele"

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung widmet sich am 8. Mai 2009 der Zukunft der Medien. In Kooperation mit dem SZ-Magazin stellen wir hier ein Interview mit Jeff Jarvis zur Diskussion.

5.5.2009, 14 KommentareJournalismus 2.0:
Die Diskussion mitgestalten

Die Digitalisierung verändert mehr als das Medium. Was Journalisten tun können.

Biographien im Web 2.0: Niemand ist ein unbeschriebenes Blatt

7.4.2009, 23 KommentareBiographien im Web 2.0:
Niemand ist ein unbeschriebenes Blatt

In Zeiten des Web 2.0 entkommt man seiner Biographie nicht mehr. Es heißt, wie das im Dorf nun mal so ist, wieder mit der eigenen Vergangenheit zu leben - statt gegen sie.

9.4.2009, 0 KommentareEin Jahr nach Gründung:
AG Social Media, der Unverband

Ein Jahr nach Gründung zählt die Arbeitsgemeinschaft Social Media 100 feste Mitglieder. Bei der re:publica’09 haben wir mit drei Vereinsvorständen über den Stand der Dinge gesprochen.

Journalisten und Twitter: \

11.2.2009, 7 KommentareJournalisten und Twitter:
"Mitkriegen, was sich Leute zurufen"

Warum Twitter wichtiger ist als alle anderen Web-2.0-Hypes und welche Potentiale das Internet noch für den Journalismus birgt, erklärt Medienberater Ewald Wessling im Interview.

Präventive Überwachung: \

23.1.2009, 1 KommentarePräventive Überwachung:
"Nicht vom Büro aus anrufen"

Wer mit wem: Seit Anfang des Jahres werden in Deutschland Verbindungsdaten gespeichert. Wie Journalisten darauf reagieren können, erklärt Markus Beckedahl im Interview.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

7.5.2009, 30 KommentareG wie Google:
"Wenn wir nur noch die Hälfte der Journalisten hätten, wären es immer noch zu viele"

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung widmet sich am 8. Mai 2009 der Zukunft der Medien. In Kooperation mit dem SZ-Magazin stellen wir hier ein Interview mit Jeff Jarvis zur Diskussion.

5.5.2009, 14 KommentareJournalismus 2.0:
Die Diskussion mitgestalten

Die Digitalisierung verändert mehr als das Medium. Was Journalisten tun können.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

1.5.2009, 19 KommentareUnd noch'n Gedicht:
Als Dank an meine Leser

30.4.2009, 8 Kommentaremedienlese.com:
Eine vorläufige Bilanz

Nach fast drei Jahren eingestellt, die Rubrik “6 vor 9” mit 2000 Euro Spenden in drei Tagen gerettet. Was soll dieses Blog? Wie hat sich die Medienlandschaft verändert in der Zeit?

Tückische Fotolizenzen: Haltbar bis 26. August 2010

12.9.2008, 5 KommentareTückische Fotolizenzen:
Haltbar bis 26. August 2010

Vermeintlich kostenlose Pressefotos können teuer werden: Immer öfter ist die Nutzung nur auf eine bestimmte Zeit erlaubt. Für Online-Medien ein Problem.

25.8.2008, 26 KommentareMainstreaming media:
Wozu Herausgeber?

Chefredakteure und Herausgeber waren einst die Wächter über die Qualität des Printprodukts. Online übernehmen diesen Job aber die Leser - wozu also brauchts den "Editor" noch?

1.8.2008, 1 KommentareZusammenarbeit:
Flickr-Bilder bei Getty

Vernetztes Automobil: Das Ende des Dudelfunks

2.3.2010, 14 KommentareVernetztes Automobil:
Das Ende des Dudelfunks

Verglichen mit anderen Mediengattungen hat sich Radio bisher als relativ immun gegen die Auswirkungen der Digitalisierung gezeigt. Mit dem Einzug des mobilen Internets in das Automobil wird sich dies ändern.

Musikportal MX3: Öffentlich-rechtliches MySpace

24.2.2009, 3 KommentareMusikportal MX3:
Öffentlich-rechtliches MySpace

Radiosender der SRG SSR idée suisse betreiben ein eigenes Musikportal. Nutzer können eigene Songs hochladen, nachts läuft das Programm im echten Radio. Wir testen Mx3.

Audio im Netz: Ton fürs Internet

5.12.2008, 8 KommentareAudio im Netz:
Ton fürs Internet

Voll auf die Ohren: Vorschläge für den Einsatz von Audio im Netz. Im ersten Teil: Warum nur Jingles, wieso Interviews, bessere Podcasts und Musik nie ohne Musik.

4 Kommentare

  1. mds
    schrieb am 24. Oktober 2007 um 11:29 Uhr (#)

    Zwei Bitten an die staatlichen Podcaster von Radio DRS:

    1. Betitelung aller Sendung, so dass man auch auf dem iPod erkennt, was Thema der Sendung ist, denn den Namen der Sendung selbst kennt man bereits;

    2. Keine Downloads mit dem Hinweis, die Sendung könne aus urheberrechtlichen Gründen nicht ausgestrahlt werden (bzw. im Minimum schon ein entsprechender Hinweis im Titel der Sendung, siehe oben).

    Danke!

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.