Google der Quasi-Monopolist

Andreas Göldi erläutert im Blog Medienkonvergenz, warum Google nicht als Monopolist bezeichnet werden kann. Er zieht dafür sowohl die ökonomische als auch die juristische Perspektive des Monopolbegriffs heran, nennt gängige Definitionen und Monopol-Indikatoren der Wirtschaftswissenschaft und des Kartellrechts und belegt eindeutig und nachvollziehbar, warum Google aus keiner der beiden Sichtweisen ein monopolistisches Handeln, also ein Missbrauch seiner marktbeherrschenden Stellung, vorzuwerfen ist. Während ich seine Analyse als solche für völlig korrekt halte, so wird in meinen Augen diese sehr klassische, “quadratische” Sichtweise auf das Treiben des Internetkonzerns den Zusammenhängen des globalen Internets und dessen Wirtschaft nicht gerecht und erzählt damit nicht die ganze Wahrheit.

Google bereichert und erleichtert das Interneterlebnis für die meisten von uns. Nicht nur mit etablierten Produkten wie der Suchmaschine, mit YouTube oder dem Bloggerdienst Blogger, sondern auch durch die vielen Funktionserweiterungen der bestehenden Angebote und dem Starten neuer und vor allem kostenloser Services. Google ist meiner Ansicht nach derzeit der Top-Innovator im Netz. Gleichzeitig sorgt Google mit dem regelmäßigen Kauf kleiner Web-Startups auch indirekt für Innovation: Viele talentierte Gründer speziell im englischsprachigen Raum träumen davon, irgendwann einmal die eigene Entwicklung an den Internetriesen aus Mountain View verkaufen und einen ansehnlichen Scheck entgegennehmen zu können. Sowas motiviert.

Doch wieso kann Google dies alles eigentlich so machen? Wieso kann es sich ein gewinnorientiertes Unternehmen leisten, das Motto “Sei nicht böse” als Grundlage seines Handelns anzusehen und seine Produkte zu verschenken, während die meisten anderen Wirtschaftsunternehmen tendenziell soviel vom Kunden nehmen, wie sie bekommen können? Die Suchwort- bzw. Textanzeigenvermarktung ist es, die Google jedes Jahr Milliardengewinne beschert und all dies möglich macht. Dank explodierender Onlinewerbebudgets und dem sowohl für Werbende als auch für Werber attraktiven AdWords/AdSense-Programm befindet sich Google in der komfortablen Lage, großzügig sehr viel Geld investieren zu können – in eigene Webdienste, die man kostenlos zur Verfügung stellt, und in interessante Startups, die aufgekauft werden.

Während die meisten von Googles Konkurrenten bei jeder Akquisition über den Return on Investment nachdenken müssen (oder dies zumindest tun sollten), hat Google dank ausreichender Finanzmittel einen erheblich längeren Atem und kann es sich wie beim YouTube-Deal leisten, 1,6 Milliarden US-Dollar zu überweisen, ohne noch am selben Tag damit beginnen zu müssen, das Geld wieder reinzubekommen (mittelfristig ist natürlich auch Google bestrebt, dass sich eine solche Investition auszahlt). In der Folge hat Google bei Übernahmekandidaten stets bessere Karten als andere Interessenten, weil man am meisten Geld auf den Tisch legt, die Gründer auch gleich mitnimmt und ihnen viele Freiheiten und kreativen Spielraum zusichert. Gleichzeitig kann Google Fehlkäufe besser verkraften als seine finanziell schlechter ausgestatteten Konkurrenten. Durch die reine Quantität an Akquisitionen erhöht sich automatisch die Wahrscheinlichkeit, dass dabei Anbieter ins Netz gehen, die sich später für Google als großer Erfolg erweisen. Eine Liste aller von Google übernommenen Unternehmen gibt es hier.

Obwohl Google also aus ökonomischer und juristischer Sicht seine marktbeherrschende Stellung nicht missbraucht, so bringt die Querfinanzierung der kostenlosen Dienste und der Akquisitionen aus den Einnahmen der Suchwort- und Textanzeigenvermarktung Google in eine Position, wo es in individuellen Situationen deutlich mehr Handlungspielraum und Entscheidungsfreiheit hat als seine Konkurrenten. Das mag aus VWLer- oder Juristen-Sicht nicht den Monopol-Vorwürf erfüllen, die Folge ist jedoch die gleiche: Konkurrenten werden sowohl am externen Wachstum (schlechtere Chancen bei Übernahmen) als auch am organischen Wachstum (ausbleibendes Umsatzwachstum aufgrund übermächtiger Konkurrenz durch Googles Gratis-Dienste; ausbleibendes Nutzerwachstum durch Googles aus den Milliardengewinnen finanzierte Innovationsstärke) gehindert.

Das Kartenhaus fällt erst zusammen, wenn Google schwerwiegende strategische Fehler begeht, erstzunehmende Konkurrenz im Bereich der Suchwort- und Textanzeigenvermarktung bekommt oder wenn der Onlinewerbemarkt einbricht. Selbst bei einem weltweiten Konjunktureinbruch würden aber wahrscheinlich primär die Werbeinvestitionen in klassische Medien schrumpfen, während Online als wachsstumsstarkes Medium der Zukunft und dank immer besser steuerbarer Werbung wenig Schaden nehmen würde. Möglicherweise werden wir uns also noch ein Weilchen mit dem Quasi-Monopolisten Google beschäftigen müssen.

Siehe auch
Google kauft Twitter-Konkurrent Jaiku
Google: Währt Ehrlichkeit wirklich am längsten?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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3 Kommentare

  1. RW
    schrieb am 13. Oktober 2007 um 19:59 Uhr (#)

    … wir haben bereits ein Monopol, welches sich für mich dadurch definiert, dass sich der normale Internetuser dem Monopolisten nicht mehr entziehen kann oder aus Unwissenheit über die Ausnutzung des Monopols nicht entziehen will (Bsp.: Suchmaschinennutzung in Deutschland).

    Und interessant wird vor allem was zukünftig mit der erhobenen Datenbasis passiert, es werden ja praktisch quer über diverse google Dienste Daten fürs “behavior targeting” eingesammelt. Das ist solange lustig, solange sich der User diesem System entziehen kann. Aufgrund google`s Netzwerk kann er das aber, bewusst oder auch unbewusst, nicht.

    Und hier “kann” das Monopol zur Gefahr werden, welche durch überalterte Monopoldefinition nicht erklärbar sind. Die vorliegende Datenbasis pro User oder pro IP kann dann noch für ganze andere Sachen genutzt werden, als für dass scheinbar nützliche behavior targeting. So könnte google dann das Werk von Herrn Milke aus den 70er und 80er Jahren weltweit zur Perfektion bringen. Um das zu regulieren, müsste langsam mal was passieren, wenn es nicht schon zu spät ist…

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 14. Oktober 2007 um 11:26 Uhr (#)

    “welche durch überalterte Monopoldefinition nicht erklärbar sind”
    Wichtiger Aspekt.

  3. businessplan
    schrieb am 1. November 2007 um 15:17 Uhr (#)

    na dann auf gehts zum google burst –> alternativen: http://blog.tiracon.com/g…schinen-alternative/

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