“Das Autobahn-Argument!”

Ronnie Grob, 10. Oktober 2007 13:13 Uhr, 9 Kommentare Kommentare

Eklat in der Sendung “Kerner”, gestern abend im ZDF. Weil Senta Berger die Gesprächsrunde zu verlassen drohte, sah sich der Moderator dazu gezwungen, Eva Herman rausschicken. Dabei war das Thema vergleichsweise harmlos: Familienpolitik.

Es ist schon eine Strafe, sich eine Sendung mit Johannes Baptist Kerner anschauen zu müssen. Die wahre Strafe ist aber, sich diese Sendung in der ZDF-Mediathek anschauen zu müssen, die zwar hochaufgelöst und supercool daherkommt, aber mit hin- und herspulen grösste Mühe hat und mindestens fünf Mal abstürzt. Einmal geht mitten im Film einfach der Browser zu.

ZDF Screenshot
Screenshot zdf.de

Die Sendung lief so ab. Zuerst die Begrüssung der Gäste. Dann wurde Eva Herman mit den Zitaten konfrontiert, die ihr den Job beim NDR gekostet haben. Darauf erklärte ein Professor aus dem Publikum, was genau das Frauenbild in der Hitler-Zeit war. Ein gemäss Kerner ausgewiesener und anerkannter Experte für historische Fragen, der ihr eine “Verschwörungs-Pathologie” unterstellt, weil sie sie RTL dafür kritisiert, die Bänder der Pressekonferenz, die ihre Entlassung provoziert haben, nicht herauszugeben.

Es geht hin und her, es wird debattiert, wie genau Frauen und Kinder in der heutigen Zeit glücklich werden. Als das Gespräch auf den Begriff “Gleichschaltung” kommt (der, wie der Historiker erklärt, ein klar nationalsozialistischer ist), sagt Eva Herman, sichtlich genervt, dass sie über die gesamte Sendung über angegriffen wird:

Sie müssen nur Google eingeben und dann können sie jede Zeitung durchgehen. Welche Zeitung diesen Begriff bereits benutzt hat. Natürlich ist er da benutzt worden. Aber es sind auch Autobahnen damals gebaut worden und wir fahren heute drauf.

Der Historiker ruft:

Das Autobahn-Argument!

Margarethe Schreinemakers sagt:

Es kann nicht sein. Das kann nicht sein, was du hier sagst. Tut mir leid. Egal, wer hier auch immer applaudiert, es tut mir leid. Nein. Das kannst du so nicht sagen. Es geht nicht.

Mario Barth kann dann die Gemüter vorübergehend beruhigen und sagt etwas später zum Thema:

Ich war in der Schule ein Chaot. Und nun sitz ich in ner Fernsehsendung. Ist doch toll!

Als Eva Herman dann zum x-ten Male aufgefordert wird, ihr Zitat zu wiederrufen und es wieder nicht tut, ist die Geduld der Runde zu Ende. Eva Herman soll die Sendung, die schwer an das frühere RTL-Format “Der heisse Stuhl” erinnert, nur im Unterschied, dass nicht nur der Moderator kritische Fragen stellt, sondern mindestens zwei der anderen Gäste sich dauernd genervt abwenden und dabei die Augen rollen, verlassen. Das geht so.

Senta Berger sagt:

Ich muss jetzt gehen. Es tut mir wirklich leid. Ich kann diese Diskussion nur wirklich ernsthaft führen. Da muss ich mich vorbereiten, muss ihre Bücher kennen. Oder aber wir machen, was wir eigentlich (…). Ich geh jetzt gern. Ok?

Es wird ausdauernd geklatscht. Dann sagt Kerner:

Das sind nun doch die besonders spannenden Momente, wo man sich selbst so ein bisschen Gedanken macht. Und überlegt, wie man weiter macht. Und die hab ich mir jetzt gemacht. Und hab mich entschieden, dass ich mit meinen drei Gäste weiterrede und dich, Eva, verabschiede.

Eva Herman läuft aus der Sendung und auch das Video der ZDF-Mediathek endet überraschend.

Update am 11.10.2007, 20:00 Uhr: Die Welt hat das Gespräch abgetippt. Teil 1, Teil 2.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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9 Kommentare

  1. Mathias
    schrieb am 10. Oktober 2007 um 14:06 Uhr (#)

    Dabei wurde es doch nachher mit Mario Barth nochmal richtig lustig…

  2. Martin Hiegl
    schrieb am 10. Oktober 2007 um 14:31 Uhr (#)

    Sie wurde zum Glück aufgerufen ihre Äußerungen zu widerrufen und nicht wieder zu rufen. ;-)

  3. Jean-Claude
    schrieb am 10. Oktober 2007 um 15:51 Uhr (#)

    Das hatte hysterische Züge. Ich muss diese Eva Hermann und ihre Thesen ja nicht mögen – ich kann ihr da auch nicht zustimmen -, aber das Kerner-Verhör gestern fand ich irgendwie peinlich. Aber für Kerner.

    Gestehe! Widerrufe! Uebe Selbstkritik! Und dann geh in Sack und Asche!

    Fast wie bei der chinesischen “Kulturrevolution”.

    Daneben sassen zwei selbstgerechte Tanten, von denen die eine einräumte, sie hätte Hermanns Bücher nie gelesen. Und die andere , Eva Schreinemakers, schien sichtlich eifersüchtig auf die Verkaufserfolge der Hermann-Bücher.

    Im “Verhör” verwendete Hermann das Wort “Gleichschaltung”, was tatsächlich ein von den Nazis erfundener Begriff ist. Sinngemäss sagte sie auf Kerners Vorhalt, dieses Begriff dürfe sie aber nicht benützen: Wieso? Man benütze ja schliesslich auch die von den Nazis gebauten Autobahnen.

    Etwas salopp, aber das muss man doch noch sagen dürfen, ohne gleich Gevierteilt zu werden. Begriffe wie “Anschluss” (für die Okkupation Oesterreichs), “Machtergreifung” (für die, notabene, demokratisch erfolgte Wahl Hitlers zum Reichskanzler, was in Deutschland heute kaum jemand mehr wahrhaben will), “Reichskristallnacht” – alles Nazi-Begriffe, die durchaus auch verwendet werden, ohne dass man deswegen ein Hitler-Verehrer sein müsste. Auf den Zusammenhang kommt es an.

    Vor etwa 20 Jahren musste der Bundestagspräsident Philipp Jenninger zurücktreten, weil er in einer Rede die Formulierung gebrauchte, von den Masseninszenierungen der Nazis sei “ein Faszinosum” ausgegangen. Er meinte das weder zustimmend noch bewundernd – ich hatte mir seinerzeit extra das Redemanuskript besorgt. Es war absolut o.k. und nur dann missverständlich, wenn man es missverstehen wollte oder nicht richtig zuhörte.

    Derweil hatte der Korrespondent des Corriere della Sera, der miserabel Deutsch sprach, bereits nach Mailand gefaxt: “Deutscher Spitzenpolitiker “fasziniert” von den Nazis”. Nach dieser Schlagzeile war kein vernünftiges Argumentieren mehr möglich.

    Der Corriere-Korrespondent hat sich später für den eindeutigen Uebersetzungs- und Interpretationsfehler entschuldigt – da war Jenninger aber schon seinen schönen Job los.

    Wollte damit nur sagen: Man kanns mit Political Corectness auch masslos übertreiben. Mit sowas züchtet man Neonazis. Man schreckt sie nicht ab.

  4. Die Gans
    schrieb am 10. Oktober 2007 um 18:24 Uhr (#)

    Autobahn, Autobahn, Autobahn. Gleichschaltung, Gleichschaltung, Gleichschaltung, ZDF Abschaltung… Nein, nun im Ernst: Man hätte die Schreinemakers rauswerfen sollen. Das reinste Geschnatter! Und wenn Frau Berger das Studio verlassen will: Bitte, nach Ihnen! (Ist Kerner eigentlich eine Satire-Sendung?)

  5. Spectator
    schrieb am 11. Oktober 2007 um 00:36 Uhr (#)

    Für mich sollten die ZDF-Tage dieses Herrn Kerner zwingend gezählt sein. Ich sah die Sendung zufälligerweise, weil beim Zappen hängengeblieben, und erlebte in der Folge einen bemerkenswerten fernseherischen Highspot der unteren Schublade: Schreinemakers eine Katastrophe (wie erwartet), Berger auch eine Katastrophe (wider Erwarten), der Historiker etwa gleich blasiert wie dieser Comedian-”Star” – und Eva Hermann? Ja, ich hätte nicht in ihrer Haut stecken mögen in dieser unsäglichen Inquisitionsrunde, sie musste einem phasenweise leid tun. Immerhin bewahrte sie auf höchst erstaunliche und vorbildliche Weise die Contenance – Chapeau!
    PS: Ich habe Hermans Bücher nicht gelesen, ziehe keine Tantiemen aus ihren Verkäufen und bin mit ihr weder verschwägert (leider) noch verwandt.

  6. Daniel Große
    schrieb am 11. Oktober 2007 um 21:35 Uhr (#)

    Erstmal danke für Deine Meinung zur Mediathek, die ich nur bestätigen kann. Nutzt man Quicktime, stürzt der Browser dauernd ab, bei Windows Media (im Forefox) geht gar nichts. Habe dann IE (würg) starten müssen, um dort mit Windows Media und einigen Video-Standbildern bei laufendem Ton etwas sehen zu können. Hoffentlich kriegt das Aperto bald mal besser gebacken.

    Das Video endete übrigens nicht überraschend, Du hättest dann nur “Mario Barth bei Kerner” gucken müssen.

  7. seb
    schrieb am 12. Oktober 2007 um 03:37 Uhr (#)

    Schrecklich, diese Runde.. Und kaum war Eva Herman weg durfte der Mario witzeln damit das Publikum nicht zum Nachdenken kommt, was Eva eigentlich gemeint hat (im Gegensatz zu dem was ihr in den Mund gelegt wurde, besonders von dem “tollen” Historiker, der auch in Wikipedia steht und auch gleich in Bild weiter über sie gehetzt hat)

    Naja, wirklich enttäuschende Sache, die ganze Geschichte.

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