Große Aufregung um kleine Änderungen bei der FAZ

Ole Reißmann, 6. Oktober 2007 17:36 Uhr, 8 Kommentare Kommentare

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bleibt sich treu, weil der Leser das so will. Trotzdem entfallen Bildverbot auf der Titelseite und Frakturzwang bei Kommentar und Leitartikel – und schon schreiben die Medienseiten von Revolution.

Die Auflage sinkt, man passt sich an, die Stammleser sind ohnmächtig vor Wut und Verzweiflung. Kulturrevolution, Blattreform, neues Layout: So steht es auf den Medienseiten allerorten zum vorsichtigen Facelift der FAZ. Nur zaghaft findet Erwähnung, dass das so neu und aufregend dann doch nicht ist. Sicher, die Zeitung sieht aufgeräumter und moderner aus. Ein großer Schritt für die FAZ, aber nur ein kleiner Schritt auf die Leser zu. Noch immer zum Beispiel das typische überbordende Riesenformat, nicht wirklich kompatibel mit dem Alltag.

Die einhellige Meinung zur neuen alten FAZ: Luftiger und lesbarer. Panische Angst schiebt man hingegen vor den Stammlesern, für die stellvertretend die paar Fanatiker aus Internet-Foren herangezogen werden, die mit Veränderung so überhaupt nicht umgehen können. Warum die gedruckte Tageszeitung eine Zukunft hat – oder eben nicht – wird allerdings nicht gefragt. Unsere Medienlese:

faz neu

Titelseite der FAZ am Tag eins nach der Kulturrevolution (6.10.2007)

FAZ macht auf Leichtlektüre” schreibt Anne Meyer in der taz. Das Bild auf der Titelseite ist so etwas wie eine Revolution für die Leser: “Damit definierte man sich nach außen und schaffte Integration nach innen.” Mit der Layoutreform und dem Bild auf der ersten Seite könne man aber keine neuen Leser gewinnen, schließlich bleibt eine inhaltliche Modernisierung aus. Das Fazit sitzt dementsprechend: “Das Blatt verspricht etwas, das es nicht hält.”

In der Süddeutschen Zeitung munkelt Caspar Busse über die Auferstehung des FAZ-Magazins, das 1999 eingestellt wurde und laut Herausgeber D’Inka “keineswegs in der Schublade verschwunden” sei. Das neue Erscheinungsbild der FAZ findet er “luftiger, leichter” – und zitiert danach genüßlich Fanatiker aus dem Leserforum auf faz.net, die schon die Einführung der Schmuckfarbe rot für das Ende aller zivilisatorischen Anstrengungen hielten.

Jürgen Siebert geht im Fontblog ins Detail und unterzieht die FAZ einer typografischen Analyse. Getrauert wird um die Fraktur, die neue Type für Kommentare ist eine uralte, langweilige Schrift: “Fortschritt sieht anders aus”. Zwar wurden überfällige Änderungen vorgenommen – hinfort mit den Spaltenlinien, mehr Weißraum, längere Artikel endlich mit Lead – einen Designpreis werde die FAZ jedoch nicht gewinnen.

Gravierender Eingriff, Operation gelungen

Die Zeitungskultur sei Gefahr, schreibt Reinhard Mohr auf Spiegel Online, wer genieße schon noch intellektuell anspruchsvolle Texte? “So verstanden ist das vergleichsweise moderate Lifting der FAZ ein freundliches Angebot, eine wenigstens optische Herabsetzung der Schwelle für neue, interessierte Leser.” Mohr gefallen Bild und Layout der neuen FAZ: “Operation gelungen.”

Um die angestaubte angestammte Leserschaft der FAZ sorgt sich auch Ulrike Simon auf Welt Online. Das “Ende der Fraktur” erscheine “gravierend” und “verstöre” damit viele Leser. Dafür wirke die Zeitung nun “luftiger, lesbarer und eleganter”, womit sich immerhin zwei Drittel der FAZ-Abonnenten anfreunden könnten.

Ein Foto auf der Titelseite? “Willkommen im Club!” ätzt Arno Widmann in der jüngst gelifteten Frankfurter Rundschau. Man habe zwar die Unverwechselbarkeit aufgegeben, dafür aber erkannt, dass die klugen Köpfe von heute nicht mehr die wohlgenährten Anzugträger von damals seien. Für die Auswahl des ersten regulären Farbfotos auf der Titelseite findet Widmann deutliche Worte, das Bild werde nicht ernstgenommen.

Es zeigt nur: Das Treffen hat stattgefunden. Genau dazu taugen aber Fotos heute im Zeitalter der kompletten digitalen Manipulierbarkeit am wenigsten. Fotos, die nichts anderes zeigen als der Text sagt, sind überflüssig. Die Seite Eins der FAZ von gestern wirkt, als sei sie von Menschen gemacht worden, die nichts im Kopf hatten, als zu beweisen, dass man auf Bilder sehr gut verzichten kann. (Quelle)

Christian Meier schreibt im Tagesspiegel von einem “Revolutiönchen” – die großen Änderungen Foto und Fraktur seien bloß “absehbare Weiterentwicklung”. Die Initialzündung sei die Gründung der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vor sechs Jahren gewesen. Die kommt seit jeher bunt und modern daher – und gewinnt nicht nur Designpreise, sondern auch Leser. Das Gegenteil war bei der FAZ der Fall, doch: “Nach und nach schlichen sich in den vergangenen Jahren Farbbilder ins Blatt, tauchten rote Kästchen und bunte Infografiken als Orientierungshilfe auf.” Leider benutzt Meier dann doch noch das Wort “Blattreform”.

Letzte Ehrerbietung für die Fraktur

Die Financial Times Deutschland (die jetzt doch nicht vom Spiegelverlag gekauft wird) druckte am Freitag die Überschrift ihrer Kommentare und Leitartikel in Fraktur, auch die taz setzte auf der Medienseite “flimmern und rauschen” auf gebrochene Lettern und verzichtete auf bildliche Darstellung.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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8 Kommentare

  1. Hanspeter Trütsch
    schrieb am 7. Oktober 2007 um 16:31 Uhr (#)

    Welch’ interessante Biographie Sie nicht haben, Herr Reissmann …

  2. Petra Durak
    schrieb am 10. Oktober 2007 um 16:32 Uhr (#)

    Nach der Lektüre der Leserbriefe vom 10.Oktober bestätigt sich, was ich schon lange befürchtet habe, nämlich, daß zu viele Käufer gar keine Leser sind, sondern die FAZ nur als vermeintliches Statussymbol-selbstverständlich gut sichtbar-mit sich herumtragen. Nur der “echte” Leser weiß zu beurteilen, daß sich an der Qualität der Artikel, und zwar in allen Bereichen, rein gar nichts verändert hat. Und darauf kommt es schließlich bei einer Zeitung an!
    Wenn der eine oder andere durch das neue Layout sich dermaßen “verstört” fühlt (gar von “Selbstverstümmelung” schreibt), daß er es fürderhin ablehnt, die Zeitung zu lesen, stellt sich die Frage um dessen Seelenzustand bereits vor dem 5.Oktober 2007!
    Keineswegs hat mir das jetzt wohl obligatorische Foto auf der Titelseite Jubelschreie entrissen. Allerdings schließe ich mich gerne und mit ähnlicher Gelassenheit Uwe Rauschelbach an, der den Inhalt mehr liebt als die (immernoch seriöse) Verpackung.

    Petra Durak, Buchholz i.d.N.

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