Blick am Abgrund:
Gutgelaunt gegen Schnäuze

BlickPunkt heisst die neue tägliche Sendung auf der Website der Boulevardzeitung Blick. Sie kommt unerträglich gut gelaunt daher und verkleinert jedes Thema bis zur Belanglosigkeit. Es ist das Gegenteil von allen Boulevard-Schienen, die bisher funktioniert haben.

“Sind sie auch schon vor ihrem Compi ghöcklet und haben sich gekrümmt vor Lachen wegen einem witzigen Filmli auf einer Homepage?” Ja, das hab ich. Aber nicht, als ich mir die drei ersten Sendungen von BlickPunkt angeschaut habe. Dazu war nämlich echte Überwindung nötig.

“Käfeli”, “Märli”, “birrebitzli”, “Hösli”, “Fürzli”. Das sind nur einige der Worte, die die Moderatorin ihren Lesern andreht. Vielleicht ist ein halbes Jahr Berlin schon zu lange, um noch zu wissen, was in der Schweiz abgeht, aber ich ertrage diese mit Anglizismen gespickte Verkleinerungsmanie nur schlecht. Solche “Filmli” bereiten mir ein starkes körperliches Unbehagen.

Die Moderatorin, Elena Beltrame, die einen einwandfrei professionellen Auftritt hat, lächelt einen in Grund und Boden. Und sie wird auch weiterhin fröhlich sein, denn jede Kritik an einem strahlenden Lächeln steht auf verlorenem Posten. Was auch immer dagegen einzuwenden ist: Es muss einer schon ein chefzynischer Dauergriesgram sein, um überhaupt etwas dagegen zu sagen. Leute, die etwas gegen fröhliche Menschen haben, nehmen auch Kindern ihre Spielzeuge weg und lachen dabei.

Lächeln Blick 1
Screenshot blick.ch

Auch Argumente wie “kann man denn so lächeln in Anbetracht dieser zugrundegehenden Welt voller Ungerechtigkeiten” ziehen nicht.

Elena Beltrame sagt: “Ein Mann mit einem Schnauz” (ein Mann, der einen Schnurrbart trägt) “zu küssen, das wäre jetzt für mich persönlich nichts. Und den meisten Frauen geht es wohl ähnlich. Gewisse Herren interessiert das aber gar nicht. Ihr Gesicht, genauer ihr Schnauz, ist ihr ganzer Stolz. (…)” (Übersetzung von mir).

Ich weiss nicht, wieso Frau Beltrame Schnurrbärte nicht mag, aber ich dachte bisher immer, dass, wenn es überhaupt eine Gruppe von Leuten gibt, die den Blick kaufen, das Männer mit Schnurrbärten sind. Und genau die werden schon in der zweiten Folge in Frage gestellt? Ob sich gestandene Blick-Leser, die nun diese Folge des täglich um 11:55 Uhr ausgestrahlten Videos gesehen haben, eine weitere ansehen? Sich rasieren gehen? Zum Psychologen müssen?

Elena Beltrame kommt vom Radio und das merkt man. Die eine Minute dauernden News-Clips, die eingeblendet werden, wenn sie mal nicht im Bild ist, sind genau so langweilig, absehbar und standardproduziert, wie die stündlichen News, die man an jedem Lokalradiosender hören muss. Würde man zehn zufällige Zuhörer nach der Sendung fragen, was genau in der Welt nun passiert ist, ich wette, nicht drei könnten die Meldungen wiederholen.

Journalistisch sind die Beiträge mager. Dran ist einmal mehr die von den Medien gehetzte Britney Spears, man bringt die von einer österreichischen Künstlerin lancierte und von Anfang an als PR-Story durchschaubare Aktion mit dem Wahlzettelkauf und dann eine Schnauzbartmeisterschaft, die offenbar direkt aus YouTube herausgeschnitten wurde.

So sieht der Beitrag im Blick-Videoplayer aus:

Lächeln Blick 3 Schnauzbart
Screenshot blick.ch

Und so der Originalbeitrag auf youtube.com:

Blick Youtube geklaut
Screenshot youtube.com

Hochgeladen wurde er bei YouTube am 16.07.2007. Wer sich den Clip von Anfang an ansieht, merkt, dass der Beitrag von ITN Source die World Beard and Moustache Championships 2003 abhandelt.

Als Beweis ein Screenshot dieses Videos nach vier Sekunden:

Blick Youtube geklaut 2
Screenshot youtube.com

Ob blick.ch dafür bezahlt hat? Bei einem Beitrag, der mir einen Wettbewerb aus dem Jahr 2003 als News verkauft, kann es mir ja egal sein.

Ich glaube, es ist nicht nur 11:55 Uhr, es ist tatsächlich 5 vor 12 für den Blick. Die Strategie, dass sich irgendwann auch junge und überdurchschnittlich ausgebildete Frauen diese Zeitung kaufen oder auf dem Portal blick.ch tummeln werden, wird nicht aufgehen. Denn Blick ist eine Marke, die unverbrüchlich mit (mitunter hartem) Boulevard zusammenhängt, mit Witwenschüttlern und Sport. Kann sich noch jemand an den Blick für die Frau (1985-1990) erinnern? Warum gibt es den nicht mehr? Eben.

Elena Beltrame kann aber nicht nur lächeln, sie kann auch knallhart nachfragen. Nachdem sie dem aktuellen Mister Schweiz, Tim Wieland, beschieden hat, er könne seine Tasse Kaffee auch abstellen, will sie ganz genau wissen, mit wem er denn jetzt am Liebsten eine Nacht verbringen möchte. Tim Wieland ist das etwas peinlich, er liebt seine Freundin und würde höchstens mal mit Angelina Jolie um die Häuser ziehen.
Nichts gegen solche Fragen und ein Mister Schweiz ist ja auch dazu da, diese zu beantworten. Jedoch kann man sich auch mal fragen, wie das gewirkt hätte, wenn die Reporterin männlich und der Befragte weiblich gewesen wäre.

Lächeln Blick 2
Screenshot blick.ch

Es gibt aber Hoffnung für den Blick. Walter de Gregorio (neuer Chefredaktor-Stv.) zum Beispiel wird wohl kaum einen Blick machen wollen, der sich nur mit Promis und ihren sexuellen Präferenzen befasst. Und Bernhard Weissberg (neuer Chefredaktor) hat mit Heute bewiesen, dass man durchaus etwas Neues machen kann, wenn man will.

Vermutlich aber glaubt man im Ringier-Verlag weiterhin das von Frank A. Meyer verbreitete Märchen vom Blick-Leser als Citoyen, der sein Geld dafür ausgibt, wichtige Essays von und über andere Citoyens zu lesen. Das ist Blödsinn. Der Blick-Leser ist die Beizerin in Brig. Der Spengler in Weinfelden. Und der Rentner in Boniswil. So gibt der Verlag das Geld, das er in anderen Ländern verdient, in der Schweiz wieder aus.

Sicher gibt es unterschiedliche Wege zum Erfolg. Und es wäre vermessen, zu behaupten, die seit Jahren eingeschlagene Citoyen-Strategie, die von einer stark sinkenden Auflage begleitet wird, würde nicht doch noch zum Erfolg führen. Aber Boulevard funktioniert in aller Regel so, dass man kleine Dinge gross aufbläst und sie über Tage von allen Seiten beleuchtet. Und nicht so, dass man alltägliche Dinge bis zur kompletten Belanglosigkeit verkleinert. Wir werden ja sehen, was wird. Geld und Geduld scheint Ringier genug zu haben.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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3 Kommentare

  1. bugsierer
    schrieb am 4. Oktober 2007 um 12:24 Uhr (#)

    mir ist beim wieland interview auch fast die tasse aus der hand gefallen. der hammer.

  2. N.N.
    schrieb am 4. Oktober 2007 um 18:12 Uhr (#)

    [...] Der Blick-Leser ist [...] – Vor allem SVP-Wähler! Und er will – nomen es omen – “rechten” Boulevard und nicht FAMs blöde Moral.
    Mit dem neu eingeschlagenen Weg, einen Lifestyle/Promi-Blick/SoBli zu machen, kanibalisiert Ringier nur seine eigenen Zeitschriften und wird sich keine neue (grünliberal, urbane) Leserschaft erschliessen.
    Aber solange es der Michi spannend findet und es ihm Spass macht … soll er doch seine Kohle zu verlochen. Jedenfalls: Blick-TV braucht keine Sau!

  3. oli
    schrieb am 8. Oktober 2007 um 10:52 Uhr (#)

    Naja, die geschmäker sind ja bekanntlich verschieden und dies betrifft ja sicher auch den Videobereich. es ist doch klar, dass diese Sendung mehr einen unterhaltungswert hat, als knallharte News. Diese werden ja auch überall abgefeiert und publiziert bis wir umfallen. Ich finde Blickpunkt eine unterhaltsame Infotainment Show, welche auch von den Blick Usern sehr gut angeschaut wird. zum Glück haben wir alle verschienden Meinungen und können uns so weiterentwickeln. Grüsse nach Berlin. Oli

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