Geht die Gründungswelle dem Ende zu?

Martin Weigert, 3. Oktober 2007 08:14 Uhr, 15 Kommentare Kommentare

Wenn ich meine täglichen Lesestunden in nationalen und internationalen Web-2.0-Blogs und -Magazinen der letzten Wochen rekapituliere, so verstärkt sich mein Eindruck, dass wir den Höhepunkt der Gründungswelle im Web 2.0 überschritten haben. Dabei handelt es sich erst einmal um ein rein subjektives Bild, bei welchem ich mich auch gerne vom Gegenteil überzeugen lassen. Auch spreche ich nicht vom Platzen irgendeiner Blase oder davon, dass keine interessanten und spannenden Startups mehr das Tageslicht erblicken - ich weiß von einer Reihen von innovativen Anbietern, die derzeit ganz heimlich vor sich hin testen und wo ich nur auf das Ok warte, diese endlich in einem Posting vorstellen zu können. Was in meinen Augen jedoch merklich abgenommen hat, ist die reine Quantität an handfesten und ernstzunehmenden Web-Startups.

Und eigentlich ist dies auch gar nicht verwunderlich. Die Hochphase des Web-2.0-Hypes haben wir meines Erachtens nach überschritten. Der Begriff und das Konzept sind einige Jahre alt, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schon seit mindestens 12 Monaten gut und die Investorengelder für einigermaßen taugliche Ideen liegen seit Ende 2006 förmlich auf der Straße. Die Folge: Wer in irgendeiner Form selbst mit einem Web-2.0-Dienst ins Rennen gehen wollte und dafür aufgrund hoher Komplexität der Idee oder anderer Ausnahmevorkommnisse nicht eine besonders lange Vorbereitungszeit brauchte, hat sein Pferd spätestens in den vergangenen sechs Monaten gesattelt, andere schon früher.

Irgendwann muss das Potential an Gründern, die bereit sind, auf den Web-2.0-Hype zu setzen, ganz einfach aufgebraucht sein. Möglicherweise haben wir diesen Zustand jetzt erreicht. Das heißt zwar nicht, dass wir es in den nächsten Monaten nur noch mit langweiligen Trittbrettfahrern und den Trend verschlafenden Startups zu tun haben werden. Aber DIE Konzentration an gründungswilligen und motivierten Menschen im Internetbereich, die wir in den zurückliegenden Monaten erleben konnten, wird während der nun eintretenden Reifephase des Web 2.0 vermutlich nicht noch einmal stattfinden.

Was diese Reifephase kennzeichnet, ist eine Konsolidierung und Selektion. All die zahlreichen Seiten und Dienste, die innerhalb der letzten zwei Jahre das Licht der Welt erblickten und von denen die meisten noch in den roten Zahlen stecken, müssen sich nun behaupten und beweisen, dass sie überlebensfähig sind, den Geschmack der User treffen und ein funktionierendes Geschäftsmodell haben. Wer dies schafft, wird entweder aus eigener Kraft wachsen und eine Marke aufbauen, oder aber früher oder später unter dem Dach der weiterhin hungrigen Internet-, IT- und Medienriesen landen. Google, Microsoft, Yahoo, Apple, Amazon, eBay, Nokia, Adobe, News Corporation (MySpace, Photobucket), CBS und viele andere haben gezeigt, dass sie im Web 2.0 zumindest einen Teil ihrer Zukunft sehen.

Die anderen Startups und Services, die weder aus eigener Kraft wachsen können noch attraktiv genug für eine Übernahme sind, werden dagegen auf die eine oder andere Art und Weise verschwinden oder zumindest ihre Ausrichtung überdenken. Gerade die enorme Anzahl existierender Social Networks wird sich stark verringern, gleiches gilt für Videoportale, Social-News-, Social-Bookmarking- und Social-Shopping-Portale, für Microblogging-Dienste und viele andere Themenbereiche des Web 2.0.

Auch wenn eine Zeit, in der es schwierig ist, den täglichen Überblick über die zahlreichen Neugründungen zu behalten, seinen Reiz hat, so ist die Trennung der Spreu vom Weizen nun notwendig. Zum einen, um Menschen, die jetzt noch mit der Gründung eines 0815-Social-Networks liebäugeln, noch einmal zum Nachdenken anzuregen, und vor allem, um die Usermassen im Web 2.0 bei ausgewählten (und hoffentlich den besten) Diensten zu konzentrieren und zu kanalisieren. Immerhin ist das bei vielen sozialen Webkonzepten Voraussetzung dafür, deren Potential vollständig nutzen und ausreizen zu können.

Davon abgesehen wird es auch weiterhin immer wieder vielversprechende, neuartige Dienste geben. Über die, die es wert sind, werdet ihr natürlich hier bei zweinull.cc lesen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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15 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Benjamin

    schrieb am 3. Oktober 2007 um 11:00 Uhr (#)

    Ganz so schlimm sehe ich das nicht. Grad läuft ja der Betatest einer (für meinen Geschmack) erfolgsversprechende Metal-Community die auf den Zug des user-powered Content aufspringt. http://bangr.net - mal schauen was daraus wird.

  2. Martin Weigert

    schrieb am 3. Oktober 2007 um 12:06 Uhr (#)

    Hey Benjamin. Wie im Beitrag eutlich gemacht, ist ein solcher Prozess auch gar nicht schlimm sondern eher natürlich und notwendig. Und selbstverständlich wird es nach wie vor Neugründungen geben.

  3. Oli

    schrieb am 3. Oktober 2007 um 12:49 Uhr (#)

    Ich bin wirklich gespannt was 2008 passiert. Aus meiner Sicht wird es das Jahr der “Bereinigung” - Combots ist hier der Vorreiter :-)

  4. Martin Weigert

    schrieb am 3. Oktober 2007 um 13:19 Uhr (#)

    Bereinigung ist ein sehr passendes Wort. Ich denke auch, dass 2008 nicht weniger spannend wird als 2006 und 2007 - nur eben auf eine ganz andere Art.

  5. abdul

    schrieb am 3. Oktober 2007 um 16:45 Uhr (#)

    also ich sehe das nicht so. auch wir starten jetzt demnächst mit einem spannenden web2.0 konzept. nur soviel vorweg, hierbei handelt es sich um ein socialnetwork für amateur-tischtennisspieler! denn im jahr werden etwa 10 mio tischtennisbälle in Europa verkauft, also hammer markt.

    Spass beiseite! Mal schauen was noch so kommt, das eine oder andere Konzept wird es auf jeden fall noch geben ;-)

  6. Martin Weigert

    schrieb am 3. Oktober 2007 um 16:51 Uhr (#)

    Der war gut! :D

  7. Yella

    schrieb am 3. Oktober 2007 um 16:52 Uhr (#)

    Ich sehe derzeit noch kein Ende, allerdings eine in meinen Augen wertvolle Nuance:
    Der unreflektierte Gründungshype flacht spürbar ab: Gut so! Nicht mehr jeder B-Klasse Gründer mit einer C-Klasse Idee stürzt sich mit Dollarzeichen in den Augen in’s Internet, sondern es wird wieder etwas mehr nachgedacht. Zumindest bis zum nächsten Exit, der pseudo-Gründer dann wieder wie Ratten anlockt.

  8. Dietmar

    schrieb am 3. Oktober 2007 um 17:58 Uhr (#)

    Hoffentlich platzt die Blase bald!
    Bei dem vielen Geld, das hier verbrannt wird, tut es mir
    mittlerweile nicht mehr leid um die Investoren.
    Anscheinend haben sie es auch nicht besser verdient, scheint
    ihre Gier nach mehr ihnen doch ganz offensichtlich den Blick
    verklärt zu haben. Ich behaupte einfach mal, dass die meisten
    Menschen, die Geld ins Internet pumpen, dieses hauptsächlich
    durch das Internet verdient haben.
    Gibt es denn schon vorzeigbare neu gegründete Internet-
    Unternehmen aus den letzten vier Jahren, die nicht in den
    Miesen stecken?

    Ahoi!
    DJH

  9. Martin Weigert

    schrieb am 3. Oktober 2007 um 18:04 Uhr (#)

    Hallo Dietmar. Bevor das hier zu einer weiteren Blasendiskussion wird, hier etwas Lesestoff:

    Robert Basic hatte sich letztens Gedanken über die von dir aufgeworfene Frage gemacht:
    http://www.basicthinking.de/blog/2007/07/23/neues-web-neues-glueck-who-is-who

    Klar, die Ergebnisse bei den meisten “etablierten” Web-2.0-Dienste sind noch mau. Aber welche Offline-Unternehmen werfen sofort Geld ab? Dass man einige Jahre investiere muss, bevor man Profite sieht, halte ich für völlig normal. Und da die Investitionen bei den meisten deutschen Webunternehmen noch nicht astronömische Höhen erreicht haben wie in den USA, denke ich, sollte man hier noch nicht vom Geldverbrennen sprechen. Letztlich bewegt sich alles noch immer in einem verhältnismäßigen Rahmen und die baldige Bereinigung wird alles Unbrauchbare verschwinden lassen. Vergessen darf man nicht: Das Internet ist die Zukunft - in welcher Form auch immer. Investitionen ins Netz sind also pauschal erst einmal nichts Verwerfliches.

  10. Martin

    schrieb am 3. Oktober 2007 um 18:23 Uhr (#)

    Das spannende ist doch, dass den meisten noch garnicht klar ist, was die letzten Jahre passiert ist. Als ich 2000 DSL bekam (mit 786kbit) hat mich jeder gefragt wofür man das braucht ISDN reicht doch dick. NUR 5 Jahre später waren 2 MBit Leitungen schon STANDARD!! Das Internat hat sich innerhald kürzester Zeit in das Leben der Menschen integriert und die meisten haben es noch nicht einmal bewußt gemerkt.
    Eine Blase habe wir natürlich nach der 20 Sport Comunity oder dem 30 Videoportal, aber nur auf diesem einen Bereich. Eine Blase bei Startups haben wir wenn mir meine Oma oder der Taxifahrer erzählt (gilt auch für Aktien) das man in Startups investiern muss. Stand heute kann ich euch sagen ist das nicht der Fall. Erzält doch einfach mal jemand um die 40 das Ihr im Internet ein Startup habt um damit das grosse Geld zu verdienen…

  11. Martin Weigert

    schrieb am 3. Oktober 2007 um 18:56 Uhr (#)

    Da ist viel Wahres dran. Martin, maile mir doch bitte einen Aktivierungscode für filista. Würde das gerne ausprobieren.

  12. Martin

    schrieb am 3. Oktober 2007 um 19:17 Uhr (#)

    Kommt :)

  13. Sergej

    schrieb am 3. Oktober 2007 um 21:08 Uhr (#)

    Wenn Web 2.0 an uns vorbei zieht, kann ich deine Domain haben, Martin?

    :)

  14. Martin Weigert

    schrieb am 3. Oktober 2007 um 22:11 Uhr (#)

    Klar, ich mache dir einen blasentauglichen Preis von einer Milliarde Euro.

  15. Norman

    schrieb am 3. Oktober 2007 um 23:07 Uhr (#)

    60% der neuen web2.0 Start-ups gehen bald unter. Quelle.


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  1. Noch zwei Verweise « Startupstarters
    (3. Oktober 2007 15:55)
  2. Die tägliche Dosis Web-2.0-Startups » Beitrag » zweinull.cc
    (6. Oktober 2007 15:05)

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