Österreichs Web 2.0-Spaß in Second Life

Gastautor, 2. Oktober 2007 11:07 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Österreichs “virtuelle Amtsstube” in Second Life ist so aktuell wie die Zeitung vor einem halben Jahr. Dennoch behauptet der Bundeskanzler, Österreich beweise dadurch “einmal mehr seine Vorreiterrolle auf dem Sektor E-Government”. Bleibt zu hoffen, dass dieses Beispiel nicht Schule macht.

Von Markus Kirchsteiger

Das österreichische Bundekanzleramt hat eine “virtuelle Amtsstube” (SLURL ) im Online-Spiel Second Life eingerichtet. Auch wenn dafür ein Pauschalbetrag von 9,600 ? sowie laufende Kosten von 300 ? pro Monat anfallen: Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) ist begeistert vom Web 2.0 und beantwortet eine parlamentarische Anfrage des Nationalrates mit Euphorie. Das Bundeskanzleramt sei ständig bemüht, “innovative neue Technologien anzuwenden und damit neue Zielgruppen zu erschließen”:

Daher wurde auch als erste Behörde weltweit eine virtuelle Amtsstube im SL eröffnet. Österreich beweist dadurch wieder einmal mehr seine Vorreiterrolle auf dem Sektor von E-Govemment.

Ein Blick auf die Inhalte dieser “virtuellen Amtsstube” lässt allerdings den Wunsch aufkommen, dass das virtuelle Österreich in Second Life nicht zum Beispiel für andere Staaten wird. Next Horizon, das dafür zuständige Unternehmen, hat nämlich ein wichtiges Prinzip des Internets nicht wirklich verinnerlicht: Aktualität.

So ist Vizekanzler Wilhelm Molterer im virtuellen Österreich nämlich nicht gewählter, sondern erst designierter Bundesparteiobmann der ÖVP. Dass dieser Fehler seit 21. April besteht, bejaht Bundeskanzler Gustenbauer zwar, aber:

Aus dem Umstand, dass das angesprochene Faktum mir bekannt ist, kann nicht zwingend abgeleitet werden, dass es allgemein bekannt ist.

Weiters meint Gusenbauer:

Der Vize­kanzler wird im Austria House vorgestellt. Dieses wurde vom privaten Unternehmen Next-Horizon errichtet und wird von diesem betreut.

Das Bundeskanzleramt habe lediglich “im Austria House einen Raum angemietet und in diesem die virtuelle Amts­stube einrichten lassen”. Dieses “Austria House” wiederum hat Next-Horizon auf drei von Linden Lab gekauften Inseln errichtet.

Auch Informationen zur Studienbeihilfe sind zum Zeitpunkt der Anfragebeantwortung (31.8.) nicht aktuell. Und das weder in der “virtuellen Amtsstube”, noch auf der Serviceseite help.gv.at. So bindet man wohl kaum eine Zielgruppe, die sich genau wegen tagesaktueller Informationen über das Internet informieren möchte.

Daher weicht Gusenbauer zum Schluss auch geschickt aus, als er die Höhe der Nutzerzahlen für den teuren Web 2.0-Spaß in Second Life angeben soll:

Diese Informationen liegen dem Bundeskanzleramt nicht vor. Diese Frage wäre an die Firma Next Horizon als Betreiber dieser Fläche in Second life zu stellen.

Immerhin, die Hoffnung bleibt: Eines Tages wird man tatsächlich so gut wie alle Amtswege online erledigen können. Österreich wird allerdings nicht zu den ersten Ländern gehören, die diesen Service anbieten.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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