Gastbeitrag:
Der Stand des Web 2.0 in Japan

Martin Weigert, 1. Oktober 2007 09:11 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

Das Web 2.0 in JapanHeute gibt es zum ersten Mal einen Gastbeitrag bei zweinull.cc. Serkan Toto, Deutscher mit türkischen Wurzeln, schreibt im Moment in Tokyo an seiner Doktorarbeit in Betriebswirtschaft. Er spricht fließend Japanisch und beschäftigt sich intensiv mit der japanischen Internet- und Web-2.0-Szene, deren Entwicklung er in seinem Blog Tokyotronic beleuchtet und analysiert. Für zweinull.cc gibt Serkan einen Einblick in das, was im Land der aufgehenden Sonne im Moment unter dem Label Web 2.0 abläuft.

Der aktuelle Stand des Web 2.0 in Japan

Japan genießt weltweit einen Ruf als absolutes Technologie-Mekka. Da scheint es umso verwunderlicher, dass abgesehen von Videospielen bisher nur wenige Anwendungen aus dem Software- und Internetbereich ihren Weg in den Westen gefunden haben.

Die Japaner haben sich bis vor kurzem auch mit dem Web 2.0 schwer getan. Momentan sind jedoch erhebliche Umwälzungen in der japanischen Internetlandschaft zu beobachten. Was folgt, ist eine kurze Darstellung der aktuellen Top 3 der Web-2.0-Sites in Japan, basierend auf dem Alexa-Ranking.

Mixi
Mixi LogoIn Japan ist das Social Network Mixi mit weitem Abstand die Nummer eins im Web 2.0 und eine der meistbesuchten Sites überhaupt. Als Zielgruppe nennt Mixi dann auch ganz unbescheiden die komplette Jugend Japans. Obwohl man nur über Einladung und offiziell nur als Erwachsener Mitglied werden kann, sind über zehn Millionen Menschen - und damit etwa jeder zehnte japanische Internet-Surfer – bei Mixi registriert.

Inhaltlich gehen die Japaner einen guten Mittelweg: Das Design ist durch die eingeschränkte Personalisierbarkeit nicht so chaotisch und schrill wie bei MySpace. Die Übersichtlichkeit erinnert dagegen entfernt an Facebook.

Sensationelle Funktionen sucht man bei Mixi zwar vergebens, doch ist die Zusammenstellung und Usability durchaus gelungen. Man kann Blogs einrichten, Fotos und Videos teilen, Messages schreiben, seine Lieblingssongs und –filme auflisten, in den hunderttausenden von Gruppen diskutieren usw. Nichts Spektakuläres also, aber auch kein unnützer Ballast.

Mixi

Geld wird bei Mixi hauptsächlich durch Werbung verdient. Allerdings können User auch Premium-Mitglied werden. Für 315 Yen im Monat (1,95 Euro) erweitert Mixi den Speicher für Videos, Fotos, Blogs usw.

Mixi wurde im September 2006 als erstes Web 2.0-Unternehmen der Welt an die Börse gebracht, was der Firma unglaubliche 1,5 Milliarden US-Dollar bescherte! Zum Vergleich: Xing brachte der Börsengang im Dezember des selben Jahres nicht einmal 36 Millionen Euro ein!

Nico Nico Douga
Nico Nico Douga LogoJapans Antwort auf YouTube trägt den schönen Namen Nico Nico Douga (etwa: Lächelnde Videos). Die Nutzerzahlen sind seit dem Launch im Januar dieses Jahres förmlich explodiert. Mittlerweile hat Nico Nico über zwei Millionen Mitglieder. Im Alexa-Ranking für Japan ist YouTube zwar noch vorne, aber das kann sich schon sehr bald ändern.

Nico Nicos Erfolg kommt nicht von ungefähr. Die gesamte Site spiegelt perfekt wieder, wie eine auf Japaner zugeschnittene Web-2.0-Seite (die in erster Linie Spaß machen soll) auszusehen hat: knallbuntes Design, viele lustige Manga-Icons und eine voll gestopfte, wild aufgemachte Starting Page.

Der Clou an Nico Nico: Die Mitglieder kommunizieren über Kommentare, die in die Videos selbst geschrieben werden. Man kann zu einer bestimmten Szene etwa eine Frage stellen, die dann zum entsprechenden Zeitpunkt von rechts nach links über das Video schwebt. Andere User können später auf dieselbe Weise antworten. Was vielleicht blöd klingt, wird exzessiv genutzt: Mittlerweile haben sich über 400 Millionen Kommentare auf der Site angesammelt!

Nico Nico Douga

Nico Nico setzt sich neben dem extrem Japanophilen Design, einem eigenständigen inhaltlichen Aufbau und besagter Kommentarfunktion durch die coole Videoauswahl von YouTube ab. Viele der Clips (auch eine «ab 18«-Rubrik ist dabei) gibt es nur bei Nico Nico zu sehen. Eine zeitliche Einschränkung der Videolänge– wie die zehn Minuten beim amerikanischen Vorbild – existiert übrigens nicht.

Geld verdient Nico Nico durch Werbung und durch die Vergabe von Premium-Mitgliedschaften. Für 525 Yen im Monat (3,25 Euro) verfügen zahlende User z. B. über einen größeren Upload-Speicher oder können dann Schriften in verschiedenen Farben über die Videos fliegen lassen.

Hatena
Hatena LogoHatena ist eine der meistbesuchten Portale in Japan und vereint mehrere Features wie etwa eine umfassende Search Engine, Blog Hosting, ein Messaging-System, Fotoalben usw. Das integrierte Hatena Bookmark ist der meistgenutzte Social Bookmarking Service des Landes. Ausländische Dienste wie etwa deli.cio.us oder Mister Wong spielen in Japan keine Rolle.

Herausragende Funktionen bietet Hatenas Bookmarking Service jedoch nicht. Nach der kostenlosen Registrierung können URLs gespeichert und getaggt werden. Die URLs werden in verschiedene Rubriken wie Videos, News oder Produkte eingeordnet. Die beliebtesten Bookmarks schaffen es in ein Ranking.

Hatena

Hatena legt daneben Wert auf den Community-Aspekt. Die User können von anderen Mitgliedern gebookmarkte URLs kommentieren und auch miteinander in Kontakt treten.

Allerdings hat sich Social Bookmarking in Japan noch nicht recht durchsetzen können. Hatena gibt für seinen Bookmarking Service keine genauen Zahlen heraus. Schätzungen zufolge liegen die Nutzerzahlen jedoch im mittleren fünfstelligen Bereich. Problematisch ist hier wohl, dass auch Mixi-User ihre Bookmarks in ihre Profilseite integrieren und sie ausgesuchten Mitgliedern zu Verfügung stellen können.

Fazit
Insgesamt ist in Japan noch viel Markt für Bewegung und Wachstum im Web-2.0-Bereich. Westliche Internetfirmen, die in Japan erfolgreich sein wollen, müssen die Japaner direkt ansprechen und dürfen sich auch vor eventuell notwendigen Anpassungen (Design, Aufbau etc.) nicht scheuen. «Unsere Idee ist cool genug« reicht in Japan nur in Ausnahmefällen.

Deswegen ist auch davon auszugehen, dass Nico Nico bald Youtube einholen wird und MySpace Japan kein Bein auf die Erde bekommt. Man darf gespannt sein, welcher westliche Web-2.0-Dienst als erstes eine lokalisierte (nicht nur übersetzte) in Japan zum dauerhaften Erfolg führt.

Die japanische Internet-Szene ist nicht zuletzt durch die Sprachbarriere eine Welt für sich. Tokyotronic bietet jedoch auch geneigten “Gaijin” die Möglichkeit, sich zukünftig über die neuesten Ideen, News und Web-2.0-Sites aus Japan informieren.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

» Mehr lesen: Mixi (2)

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1 Kommentar zu diesem Artikel

  1. Markus Naumann

    schrieb am 5. Dezember 2007 um 11:35 Uhr (#)

    Ein sehr interessanter Beitrag , vielen Dank dafür . Mich würde die Einschätzung von Euch über die Internet Firma Livedoor sehr interessieren , weil die doch auch in diesen Bereichen Tätig ist , und wie der dort der Stand der Entwicklung im Bereich Web 2.0 gesehen wird .

    Vielen Dank


2 Trackbacks

  1. kopfkribbeln » Webnews #5
    (5. Oktober 2007 08:32)
  2. Gastbeitrag: Größtes Social Network Japans macht sich unbeliebt » Beitrag » zweinull.cc
    (7. März 2008 13:11)

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