Newsquellen:
Komfort geht vor Qualität

Andreas Göldi, 15. September 2007 um 16.09 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Die Unternehmensberatung McKinsey hat in einer neuen Studie das Medienverhalten von US-Konsumenten untersucht, und zwar mit einem besonderen Fokus auf Nachrichtenquellen (Volltext nur gegen Registration; via Bruno Giussani). Die Ergebnisse sind recht bemerkenswert und decken sich mit vielem, was man in letzter Zeit aus anderen Quellen zu diesem Thema gehört hat. Als Vorbehalt sei erwähnt, dass nur die USA abgedeckt wurden, die einen etwas anders strukturierten (z.B. deutlich fernsehlastigeren) Medienmarkt haben als viele europäische Länder.

Zunächst mal stellte sich heraus, dass der Medienkonsum enorm fragmentiert ist. Die meisten Befragten nutzen pro Woche 12 bis 16 verschiedene Newsquellen. Dominierend ist weiterhin das Fernsehen, aber das Internet ist bereits klare Nr. 2, deutlich vor Printmedien. Besonders die fleissigsten News-Konsumenten nutzen das Web sehr stark als Quelle.

Recht erstaunlich sind die Kriterien für die Wahl einer bestimmten Quelle:

Mckmedia

Die Bequemlichkeit des Zugangs und die Breite der inhaltlichen Abdeckung wird von den Befragten als wesentlich wichtiger beschrieben als die Qualität der Inhalte. Kein Wunder, dass Internet-basierte Quellen da eine zunehmend wichtigere Rolle spielen.

Auch interessant: Alter, Einkommen und Bildungshintergrund haben einen weniger grossen Einfluss auf das Nutzungsverhalten, als man es vielleicht annehmen könnte. Sehr viel wichtiger ist die grundsätzliche Einstellung zur Wichtigkeit “informiert bleiben zu müssen” und die generelle Haltung zu Medien überhaupt. Wie immer stattete McKinsey die verschiedenen Meinungscluster mit knackigen Namen aus und identifizierte zum Beispiel die “Digital Cynics”, die traditionellen Medien gegenüber skeptisch eingestellt sind und sich lieber über Blogs oder die “Daily Show” informieren.

Diese Ergebnisse werfen ein interessantes Licht auf ein paar Themen, die ich in letzter Zeit hier diskutiert habe: Das spezifische Verhalten der User von Community-Newssites à la Digg scheint typisch für die Zielgruppe der “Digital Cynics” zu sein, die etwa 18% der US-Bevölkerung ausmacht. Wenn man dieser Studie hier glauben darf, bezieht diese Gruppe keineswegs nur ihre Tech-News auf Community-Sites; vielmehr scheinen solche alternativen Kanäle das mediale Zentrum für diese Zielgruppe zu sein.

Die gute Nachricht für die Internet-Strategie von Zeitungsverlegern ist, dass noch ein grosser Teil der Bevölkerung keine bevorzugte Online-Newsquelle hat. Man kann also noch grosse Marktsegmente erobern, und die vertrauten Marken der Zeitungen sind da sicher im Vorteil bei den Late Adopters. Ausserdem sind lokale Nachrichten die wichtigste inhaltliche Kategorie, und da haben Zeitungen traditionell ihre Stärke.

Die schlechte Nachricht ist, dass die inhaltliche Qualität anscheinend kein herausragend wichtiges Kriterium für die Kosumenten ist. Man kann sich aber auch fragen, ob diese relativ geringe Wertschätzung der journalistischen Qualität nicht auch damit zu tun hat, dass die meisten Online-Angebote (und auch viele Zeitungen) ihre wenigen inhaltlichen Juwelen in einem Meer kaum redigierter Agenturmeldungen verstecken. Es ist da für den Kunden oft schwierig, überhaupt echte Qualitätsunterschiede zu finden.

Etwas unklar ist die zukünftige Rolle von reinen Aggregatoren wie Google News. Haben die Verleger, angesichts der Wichtigkeit von Vollständigkeit und Komfort im Urteil der Konsumenten, vielleicht doch recht mit ihrer Ablehnung von Suchmaschinen? Kein Zweifel, Aggregatoren könnten in Zukunft eine zunehmend wichtige erste Anlaufstelle für die Konsumenten sein. Aber offensichtlich ist auch, dass Klagen und inhaltlich eingeschränkte Gegenprojekte nichts helfen werden. Die Medienkonsumenten sind längst mündig und stellen sich ihr News-Menü selbständig aus einer Vielzahl von Quellen zusammen. Gewinnen kann man da nur, wenn man die richtige Mischung aus Komfort und Qualität bietet.

Bei Joost tut sich was:
jetzt mit “richtigen” Filmen

Martin Weigert, 15. September 2007 um 15.16 Uhr, 5 Kommentare Kommentare

joost.gifInternet-TV in Deutschland macht Fortschritte. Erst vor wenigen Tagen wurde Zattoo offiziell in Deutschland gestartet, und nun gibt es auch eine erfreuliche Meldung vom Frühjahres-Medienliebling Joost. War das bisherige Programmangebot von Joost hierzulande bisher wenig beeindruckend und umfasste hauptsächlich (englischsprachige) Special-Interest-Inhalte, so hat man nun Paramount Pictures ins Boot geholt und bietet damit in Deutschland zum ersten Mal eine Reihe bekannter Filme zum kostenlosen On-Demand-Abruf an. » weiterlesen

Verleger gegen Google News:
Die Antwort

Andreas Göldi, 14. September 2007 um 18.03 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Mein Beitrag von neulich über die Konflikte der Schweizer Verleger mit Google News hat auch in den Printmedien einen Niederschlag gefunden: Die Zeitschrift “Werbewoche” fragte mich an, einen Gastkommentar zu schreiben, der neulich auch tatsächlich publiziert wurde (in der Printversion sogar mit Bild!).

Die Redaktion liess mich ausserdem wissen, dass man einen Verleger suche, der eine Antwort verfassen sollte. Nun, einen schreibwilligen Verleger hat man leider (und vielleicht bezeichnenderweise) nicht gefunden, aber diese Woche wurde die indirekte Replik auf meinen Beitrag publiziert, verfasst von Josefa Haas, Leiterin des Medieninstituts.

Das Medieninstitut ist die Ausbildungsstätte des Verbands Schweizer Presse, und insofern ist Frau Haas als dessen Leiterin natürlich ausgezeichnet positioniert, die Meinung der Print-Branche wiederzugeben. In ihrer gerade erschienenen, sehr eloquenten Kolumne — da sieht man noch, welche Branche das Schreibhandwerk wirklich beherrscht — schreibt sie:

“Beim Aufbau von sogenannten Partnerschaften mit Win-Win-Situationen verhandelt der Konzern [Google] individuell. Dadurch werden die Anbieter von Inhalten unter Konkurrenzdruck gesetzt: Wer kann schneller die besseren Bedingungen aushandeln? Für die vielen, die darum feilschen, dass sie einen Teil der Erträge erhalten, bleibt jedoch eine Gemeinsamkeit: Der Verhandlungspartner am anderen Tischende ist immer der gleiche.

Go with the flow, lass dich treiben, empfehlen Internetspezialisten. Widerstand ist unnötig, aber auch unmöglich, wird suggeriert. Schmidt spricht gerne von Partnerschaft. In einer fairen Partnerschaft beeinflussen jedoch beide Seiten den Gang der Dinge.”

Nun ja, die internationale Geschäftswelt hat es halt so an sich, dass die stärkere Partei die Regeln bestimmt. Und da Google nun mal die dominierende Suchmaschinenfirma ist, überrascht es wohl kaum, dass das Unternehmen seine starke Position in Verhandlungen ausspielt.

Dass die Medienbranche das unfair findet, ist ziemlich ironisch. Ich habe vor Jahren als kleiner Internetunternehmer mehrmals das eher zweifelhafte Vergnügen gehabt, mit alteingesessenen Verlagen über Partnerschaften zu verhandeln. Immer liessen einen die Medienhäuser ziemlich schnell spüren, dass sie in ihrer Region die dominierende Kraft sind und es absolut nicht nötig haben, mit jedem dahergelaufenen Internet-Unternehmen zu kooperieren. Und wenn überhaupt, dann zu ihren Bedingungen.

Frau Haas’ Beitrag zeigt auf, wie tief das Misstrauen der Verleger gegenüber Google und dem Internet generell sitzt und wie diffus diese Skepsis gleichzeitig ist. Sie schreibt aus der Perspektive einer Branche, die seit Jahrzehnten Dominanz gewohnt ist und nicht damit umgehen kann, dass in einem wichtigen Bereich plötzlich jemand anders am längeren Hebel sitzt. Schadenfreude ist da nicht angebracht, aber man würde den Verlegern schon eine etwas realistischere Einschätzung der Lage und entsprechend angepasste Strategien wünschen.

Weiter schreibt Frau Haas:

“Zwar sieht [Google-CEO] Schmidt seine Leistung darin, den Zugang zu Information weltweit zu ermöglichen und damit Transparenz zu schaffen. Sucht man jedoch detaillierte Informationen, stösst man auf verschlossene Türen.
[...]
Doch welche Daten wie abrufbar sind, weiss niemand. Wo die Server stehen, ist ein Geschäftsgeheimnis.”

Natürlich kann man Google berechtigterweise Intransparenz vorwerfen, aber das ist ein ziemlich starkes Stück aus Richtung einer Branche, die an Kartellisierung grenzende Marktmacht-Strategien praktisch erfunden hat. In den meisten Regionen der Schweiz (und anderer Länder) dominiert inzwischen ein einziges Medienunternehmen praktisch alle traditionellen Medien. Dass der Steuerzahler zudem durch reduzierte Mehrwertsteuersätze und verbilligte Posttarife für Zeitungszustellung die immer noch ansehnlichen Gewinne der Verlage mitfinanziert, ist da nur eine störende Tatsache von vielen (über die in der Presse natürlich eher selten kritisch berichtet wird). Meines Wissens kriegen Internet-Suchmaschinen keine vergleichbaren Vergünstigungen.

Die Schlussfolgerung meines ursprünglichen Beitrags ändert sich nicht: Die Verlage müssen akzeptieren, dass die Online-Welt deutlich anders funktioniert als ihr traditionelles Umfeld. Mehr Kundenorientierung und eine Strategie, die echte Werte schafft, sind der einzige Weg zum Erfolg. Nur über böse Suchmaschinen zu lamentieren, hilft wirklich nicht weiter.

Noch eine Bemerkung am Rande: Beide Seiten verstehen die Welt der anderen offenbar immer noch nicht gut, und das reflektiert sich in der Sprache. Es ist möglicherweise bezeichnend, dass offenbar weder Frau Haas noch die Redaktion der “Werbewoche” wissen, wie man den hochtechnischen Begriff “Algorithmus” richtig schreibt. Kleiner Tipp: Auch Fremdwörter kann man googeln… :-)

Wenn einem Social Network die Nutzer weglaufen

Martin Weigert, 14. September 2007 um 15.47 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

lunarstorm.gifEin interessantes Phänomen ist derzeit in Schweden zu beobachten. Wie das IT-Magazin Computer Sweden berichtet, verlieren zwei der größten Jugend-Communities des Landes, LunarStorm und playahead, dramatisch an Nutzern. Besonders für LunarStorm, das am 1. Januar 2000 ins Netz ging und als eine der weltweit ersten Online Communities überhaupt gilt, geht es in rasendem Tempo bergab. Noch 2005 besuchten fast 1,5 Millionen User pro Woche die hauptsächlich bei Teenagern beliebte Plattform, mittlerweile sind es 50 Prozent weniger. Wie auch immer man zu Alexas Reichweitenstatistik stehen mag - der Abwärtstrend ist eindeutig und stellt das über drei Jahre hinweg durch scheinbar unbegrenztes Wachstum verwöhnte Unternehmen vor eine völlig neue Situation, die sich unter ungünstigen Umständen zu einem regelrechten Existenzkampf entwickeln kann. » weiterlesen

Die eigenartigen Strategien der Zeitungswelt

Andreas Göldi, 14. September 2007 um 15.21 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Interessantes tut sich in der Suchmaschinenbranche, wie man folgender Meldung entnehmen kann:

Google kündigt neue Suchmaschine an
Google, der Marktführer bei Internet-Suchmaschinen, kündigte heute die Lancierung einer neuen Suchmaschine unter dem Namen ‘Look’ an, die parallel zur bisherigen Google-Site betrieben werden soll. Das neue Angebot, das Ende Jahr auf dem Markt erscheinen wird, soll über praktisch identische Funktionalität wie die bisherige Google-Suche verfügen, aber ein leicht anderes Layout aufweisen und 12 statt 10 Suchresultate pro Seite anzeigen. Google wird das neue Angebot in Zusammenarbeit mit Canuckster.com betreiben, der führenden regionalen Suchmaschine in Kanada. ‘Mit diesem neuen Angebot werden wir unsere Marktführerschaft bei Suchmaschinen weiter ausbauen’, sagte Google-CEO Eric Schmidt.

Diese Produkteinführung wird von vielen Analysten als Reaktion auf die Ankündigung der kalifornischen Startup-Firma Cuill.com interpretiert, demnächst mit einer eigenen Suchmaschine auf den Markt zu kommen. Cuill.com wurde von ehemaligen Google-Mitarbeitern gegründet.

Keine Angst, Google ist nicht verrückt geworden. Diese ziemlich absurd erscheinende Meldung habe ich natürlich frei erfunden.

Aber sie ist inspiriert von der neusten Ankündigung aus der Schweizer Pressewelt: Die Verlage Tamedia, Espace Media (zu Tamedia gehörend) und Basler Zeitung wollen die neue Gratiszeitung “News” im Schweizer Markt lancieren (Details drüben bei Medienlese). Dass dies eine Gegenmassnahme gegen die bald erscheinende neue Gratiszeitung “.ch” ist, wird gar nicht erst bestritten.

Damit werben nun bereits bald vier kostenlose Zeitungen (20 Minuten, heute, .ch, News) um die Aufmerksamkeit des Pendlers. Interessanterweise erscheint die deutlich führende Gratiszeitung “20 Minuten” auch bereits im Hause Tamedia. Warum man sich nun im eigenen Haus selbst Konkurrenz machen will, wurde bisher nicht so ganz klar erläutert.

Natürlich würden die Verleger solche Produkte nie ohne eine klare Differenzierung auf den Markt bringen: Die bisherigen Gratiszeitungen sind für sehr kurze Texte bekannt, wohingegen “News” angeblich mehr Substanz bieten will, also dem Layout der Nullnummer nach zu schliessen vermutlich bis zu einem Satz mehr pro Meldung.

Ausserdem ist die Zielgruppe völlig anders. “News” spricht laut Pressemitteilung “eine junge, urbane und kaufkräftige Leserschaft” an, während “20 Minuten” sich laut Produktseite an “junge, urbane Pendler mit guter Bildung und überdurchschnittlichem Einkommensniveau” wendet. Klarer könnte der Unterschied wohl kaum sein. Zudem werden die Verteilboxen voraussichtlich in einer anderen Farbe gestrichen. Welche Farbe die “News”-Boxen verwenden werden, wurde aber aus strategischen Gründen noch nicht bekanntgegeben. Zweifelsfrei wird man aber dem Grau von “.ch” und dem Grün von “heute” eine aggressiv positionierte Alternative entgegensetzen.

Nun, im Ernst: Die Strategien der Verlegerwelt sind schon nicht immer so einfach nachzuvollziehen. Nachdem sich Gratiszeitungen als Erfolg herausgestellt haben, jagen alle dieses Konzept und überfluten den Markt mit fast identischen Produkten, die sich gegenseitig das Wasser abgraben. Dabei weiss man aus vielen internationalen Beispielen recht gut, dass pro städtischem Grossraum kaum mehr als eine solche Zeitung wirtschaftlich überlebensfähig ist. In Zürich hatten wir das Spiel vor Jahren schon mal, jetzt gehen alle in eine neue, wohl sehr kostspielige Runde.

Tamedia will mit dem neuen Produkt natürlich wohl primär das demnächst startende “.ch” abblocken. Hinter “.ch” stehen auch noch Leute, auf die man in der Verlegerszene aus verschiedenen Gründen nicht gut zu sprechen ist, und solche persönlichen Faktoren haben meiner Erfahrung nach bei solchen Strategien einen grösseren Einfluss, als man annehmen könnte.

Klar, dass Tamedia ihr bisheriges Erfolgsprodukt lieber selber kannibalisiert, als das einem Konkurrenten zu überlassen, ist durchaus nachzuvollziehen. Aber was man bisher von “News” gesehen hat, lässt nicht gerade auf ein Produkt schliessen, das die Presselandschaft mit neuen Ideen erheblich bereichern würde. Die Leser bekommen nicht wirklich mehr Auswahl, sondern nur mehr vom gleichen Einheitsbrei.

Zu erwartendes Resultat: Geld werden beide, “News” und “.ch”, nicht verdienen, und am Schluss stellt sich nur die Frage, wem als erstes die Luft ausgeht. Dass nach kurzer Zeit beide Produkte wieder vom Markt verschwinden werden, ist nicht auszuschliessen. Und damit hat die Zeitungsszene dann erfolgreich wieder ein paar Dutzend Millionen Franken verlocht, die man zum Beispiel auch in vorausschauende Online-Projekte hätte investieren können…

Internet-TV-Dienst Zattoo offiziell gestartet

Martin Weigert, 13. September 2007 um 18.49 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Nach einer kurzen Beta-Phase ist der Internet-TV-Dienst Zattoo heute offiziell gestartet. Wer also bisher keinen Zugang erhaschen konnte, kann sich nun auf der Zattoo Website registrieren, die Software herrunterladen und ab sofort kostenlos diverse Fernsehsender über das Internet empfangen. Mehr Infos im Zattoo Blog und bei FTD.de.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

“Web 2.0 existiert nur im Kopf, dafür aber in vielen”

Martin Weigert, 13. September 2007 um 13.54 Uhr, 5 Kommentare Kommentare

usergeneratedcontent.gifDas ist mein Lieblingszitat, welches Daniel Verst in seiner Diplomarbeit zum Thema User Generated Content wiedergibt (Es stammt übrigens von Sascha Lobo aus dem Jahr 2006, Verfasser des Buches “Wir nennen es Arbeit”). Gestern erhielten wir eine Mail von Daniel, in der er uns auf seine im August abgelieferte Abschlussarbeit unter dem Titel “Auswirkungen von nutzergenerierten Inhalten - Wie neue Interaktivitätsmöglichkeiten Marktransaktionen ändern” aufmerksam machte. Daniel hat an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Witten/Herdecke studiert und gibt in seiner Arbeit einen sehr umfassenden Einblick in das, was in den letzten Jahren im Netz passiert ist. » weiterlesen

Wenn User Redakteur spielen:
Warum guter Journalismus immer noch eine Zukunft hat

Andreas Göldi, 12. September 2007 um 20.18 Uhr, 4 Kommentare Kommentare

Eine neue Studie vom “Project for Excellence in Journalism” hat untersucht, welche Arten von Newsmeldungen von den Benutzern von user-selected Newssites — Digg, Reddit, etc. — bevorzugt werden. Ausserdem wurde auch untersucht, wie sich diese Auswahl zu der Selektion von traditionellen Medienkanälen verhält.

Ergebnis: Die Vielfalt auf den Community-Sites ist deutich breiter, aber der Fokus ist auch ganz anders. Es werden ganz klar Technik-News, Lifestyle und Kuriositäten bevorzugt (also so etwa das, was in Zeitungen immer in den hintersten Teil verbannt wird). Themen, die die Mainstream-Presse beherrschten, wie etwa politische Entscheidungen, internationale Konflikte oder Naturkatastrophen, fanden praktisch keinen Niederschlag. Die Top-Stories der untersuchten News-Woche (Irakkrieg, Einwanderungsdebatte, fehlgeschlagene Terroranschläge in Grossbritannien) tauchten gar nicht oder nur ganz marginal auf.

Auch interessant: 70% der von Usern gewählten Meldungen kamen nicht aus traditionellen Medienkanälen, sondern von Blogs, Youtube und anderen Websites. Ausserdem konzentrierte sich die Auswahl eher auf nationale (US-)Themen statt auf internationale Ereignisse. Und zudem wurden Themen kaum über längere Zeit verfolgt. Viele Meldungen verschwanden schon nach kurzer Zeit total vom Radarschirm.

Nun ist diese Studie nur begrenzt repräsentativ, weil nur eine einzige Woche untersucht wurde und die gewählten Sites ausserdem ein klar Geek-lastiges Publikum bedienen. Aber wer selber Digg & Co. regelmässig benutzt, kann diesen Erkenntnissen ehrlicherweise wohl nicht gross widersprechen.

Natürlich ist es prima, wenn die User auf diese Weise signalisieren können, woran sie wirklich interessiert sind. Aber mal im Ernst: Ein bisschen sind diese Präferenzen ja schon beunruhigend. Wie kann eine demokratische Gesellschaft funktionieren, wenn die Stimmbürger nur noch solche nichtpolitischen (und nichtwirtschaftlichen und nichtkulturellen) Themen mitverfolgen?

Vielleicht sind “wichtige” News ja ein bisschen wie gesundes Essen: Es schmeckt nicht unbedingt, aber man sollte es trotzdem konsumieren, weil sonst was fehlt. Und oft braucht man jemanden, der einen dazu motiviert oder gar sanft zwingt. Traditionelle Newsmedien sind genau so aufgebaut: Erst gibt’s mal gesundes, aber wenig schmackhaftes Gemüse (Politik), dann was Nährstoffhaltiges (Wirtschaft und Kultur) und zum Schluss folgt als Belohnung das Dessert (Lifestyle, Vermischtes etc.).

Und das zeigt, wie sehr auch die Epoche von user-generated Content immer noch guten Journalismus braucht (über die Art und Weise, wie der sich positionieren sollte, habe ich hier auch schon reichlich geschrieben). Ganz klar, Sites wie Digg und Reddit sind eine Bereicherung der Medienszene. Aber sie sind eine Ergänzung, kein Ersatz für hochwertige redaktionelle Arbeit. In all dem News-Lärm mit vielleicht unterhaltsamen, aber recht irrelevanten Meldungen ist es wichtiger denn je, dass jemand die wirklich wichtigen Dinge hervorhebt.

66 Stunden Serverausfall in drei Monaten

Martin Weigert, 12. September 2007 um 13.58 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

storage.jpgFast jeder regelmäßig im Netz aktive Mensch benötigt irgendwann einmal Webspace, um Freunden oder Kollegen auf bequeme Art Daten zukommen zu lassen. Dank sinkender Unterhalts- und Wartungskosten sowie guter Ertragsaussichten durch Onlinewerbung existieren im Netz mittlerweile Hunderte, wenn nicht Tausende Dienste, die Usern kostenfrei und unkompliziert Webspace bieten, um Daten aller Art online zu lagern und anderen verfügbar zu machen. Neben einfacher Bedienung und schneller Upload- bzw. Downloadgeschwindigkeit ist die Erreichbarkeit des Webhosters ein entscheidendes Kriterium für dessen Qualität. Was nutzt einem unbegrenzter Speicherplatz oder anderer Schnickschnack, wenn die abgelegten Daten aufgrund häufiger Serverausfälle nicht heruntergeladen werden können? » weiterlesen

Krieg der Definitionen, oder:
Was ist eigentlich eine Bubble?

Andreas Göldi, 11. September 2007 um 21.45 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Mein Beitrag zur Rückkehr der Internet-Bubble hat Widerspruch ausgelöst: Einige Kommentatoren sehen keineswegs eine neue Blase und finden, ich sollte nicht so gemein zu armen Startups sein. Und Marcel Weiss schreibt auf seinem Blog ausführlich darüber, warum wir keine neue Bubble haben.

Auch wenn sich die Diskussion teilweise mehr um Definitionen dreht als um die eigentliche Substanz, bin ich mit Verlaub immer noch der Meinung, dass wir schon voll wieder in einer Internet-Bubble sind, wenn auch zugegebenermassen in einer etwas kleineren als im Jahr 2000.

Wikipedia definiert eine ökonomische Bubble (renommierte Autoren zitierend) als “trade in high volumes at prices that are considerably at variance from intrinsic values». Das ist quasi die technische Definition für den Finanzmarkt. Platter ausgedrückt: Eine Blase liegt vor, wenn viele Leute deutlich mehr für etwas zahlen, als es eigentlich wert ist.

Testen wir doch mal die heutige Situation anhand dieses Kriteriums und schauen wir uns vor allem mal die Gegenargumente an, die oft vorgebracht werden, um die Abwesenheit einer Bubble zu beweisen (mehrheitlich übernommen von Marcel Weiss’ sehr ausführlichem Artikel dazu):

“Es gibt heute keine Börsenspekulation im Internet-Bereich wie damals.”
Na ja. Wenn man sich mal die aktuellen Börsenbewertungen von Internetfirmen anschaut, wäre ich da nicht ganz so sicher. Google ist an der Börse derzeit 44mal seinen Jahresgewinn wert. Yahoo 46mal. eBay 36mal. XING 54mal. Amazon.com 119mal(!). Zum Vergleich: für die Aktien des obszön profitablen Quasi-Monopolist Microsoft wird nur 20mal der Gewinn bezahlt. Und die ganz klassische BWL-Faustregel sieht eher eine Firmenbewertung von 8 mal Jahresgewinn als langfristig realistisch an. Da steckt wohl doch immer noch mehr als genug Phantasie in diesen Internet-Börsenkursen. Und die implizit dahinter steckenden Zukunftserwartungen sind fast unmöglich zu erfüllen.

Aber es stimmt schon: Es gibt heute praktisch keine total blödsinnigen IPOs mehr wie damals in der ersten Internet-Bubble. Aber ist das wirklich besser?

Die wirklich abnorm hohen Preise werden heute von Venture-Capital-Firmen und Private-Equity-Firmen bezahlt, in der Hoffnung, das Zeug möglichst bald für noch mehr Geld wieder loszuwerden. Man braucht nur mal eine Woche lang VentureBeat zu lesen und sieht, was ich meine.

Wer sind die Geldgeber dieser VC- und PE-Firmen? Institutionelle Investoren. Und was ist die mit Abstand bedeutendste Art von institutionellen Investoren? Pensionskassen. Und wo haben die Pensionskassen ihr Geld her? Von uns allen. Aus unseren Ersparnissen fürs Alter.

Mit anderen Worten: Da zocken hochbezahlte Assetmanager, die praktisch kein eigenes Risiko eingehen, mit unserem Geld, ohne dass wir es wissen oder direkt viel dagegen tun könnten. In der ersten Internet-Bubble hat man sein Geld wenigstens noch selber in den Sand setzen können, heute machen das Profis für einen. Vielleicht können sich ja nicht mehr viele dran erinnern, aber schon nach dem Platzen der Bubble 2000/2001 mussten viele Pensionskassen saniert werden. Das könnte angesichts der zuletzt mehr als bescheidenen Performance der VC-Firmen diesmal noch schlimmer werden.

“Wir haben keine Bubble, weil das Internet heute ein Massenmedium ist, d.h. ein Markt wie jeder andere.”
Ja. Und? Kaum jemand wird bestreiten, dass die Immobilen- und Kreditmärkte in den USA kürzlich eine Bubble erlebt haben, die gerade am Platzen ist. Und einen viel mehrheitsfähigeren Markt als Immobilien gibt es wohl kaum. Eine Bubble kann nicht nur entstehen, wenn ein kleiner Markt für zu gross gehalten wird.

Grosse Märkte mit hoher Durchdringung haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie nicht mehr so schnell wachsen können, und das limitiert das ökonomische Potential erheblich. Das sollte sich in Firmenbewertungen niederschlagen, aber das tut es im Moment bei Internetfirmen nur sehr bedingt.

Anders gesagt: Die Prognosen, auf denen die Firmenbewertungen aufbauen, sind ähnlich falsch wie damals 2000. Damals überschätzte man, wie schnell das Internet kurzfristig wachsen würde. Heute ist man nach der Dotcom-Krise überrascht, dass es doch so schnell gewachsen ist und projiziert dieses rasante Wachstum eines unreifen Marktes unbegrenzt in die Zukunft, obwohl da gar nicht mehr so viel Luft für weiteres Wachstum ist. Beides ist falsch und resultiert in zu hohen Firmenbewertungen.

“Die Kosten für Startups sind heute viel geringer.”
Das sind sie zweifelsfrei. Umso schlimmer, denn hohe Einstiegskosten in einen Markt würden wenigstens Barrieren errichten, die den Wert der Firmen in dem Markt tendenziell steigern. In der ersten Internet-Bubble musste man wenigstens noch etwas Kapital haben, um eine richtig grosse Website aufzuziehen. Heute, wo jeder Hobbyprogrammierer mal schnell aus Open-Source-Versatzstücken ein weiteres Social Network zusammennageln kann, sind die Einstiegshürden sehr viel niedriger geworden. Und das müsste eigentlich nach elementaren ökonomischen Gesetzen zu niedrigeren Firmenbewertungen führen. Müsste. Tut es aber kaum.

Zusammenfassend gesagt: Eine Bubble entsteht nicht, weil mit wilden PR-Behauptungen herumgefuchtelt wird oder weil es viele blödsinnige Geschäftsideen gibt. Das sind nur die Symptome. Wir haben eine Bubble, weil die Fundamentaldaten nicht zu den bezahlten Bewertungen für Internetfirmen passen, weder an der Börse noch in der VC- oder M&A-Szene.

Aber andererseits: Bubbles sind historisch gesehen immer ein Teil fast jeder wichtigen technischen Entwicklung gewesen. Es gab eine Eisenbahn-Blase, eine Telegrafen-Bubble, eine Radio-Manie usw. Dabei verlieren viele Leute viel Geld, und andere gewinnen viel. Am Schluss bleibt im Idealfall eine Infrastruktur übrig, die für alle nützlich ist, bezahlt von den Verlierern der Bubble. Schlecht für das Individuum, gut für die Gesellschaft. Vielleicht ist das auch bei der Web-Bubble 2.0 so.

Oder, um es mit dem im Silicon Valley beliebten Bumper Sticker zu sagen: “Please God, just one more bubble!”.

 
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