Exklusivität und Aktualität auf dem Holzweg
In alten Filmen können wir sie noch bewundern: die glorreichen Zeiten der Aktualität. Aus den Eingängen der Pressehäuser stürzen die Zeitungsjungen heraus, ‘Eeeextrablatt!’ tönt ihr Schrei, während eine gierige Öffentlichkeit ihnen die druckfeuchten Zeitungen nur so aus den Händen reißt. Ach, was waren das für Zeiten, als die Aktualität noch der Abgott des Journalismus war!
Selbst der eherne redaktionelle Wert der Exklusivität ist inzwischen schwer angeschlagen: Mit spitzem Bleistift und aufgeschlagenem Block sahen wir noch zu Rühmanns und Heinz Erhardts Zeiten den Society-Redakteur im Salon des Grand-Hotels zu Davos erwartungsfroh auf dem Rand seiner Sitzfläche kippeln, während diese berühmte skifahrende Exzellenz, der Graf zu Schreckenburg-Tortenheim, jovial mit ihm parlierte, damit der devote Schreiberling hochbedeutende gräfliche Einsichten und Erlebnisse für die Annalen der guten Gesellschaft fixieren kann. Am Ende der Audienz klappt der ‘rasende Reporter’ den Block dann zu, er hastet zum Telefon, um der Heimatredaktion Dero Meinungen exklusiv kundzutun.
Wie putzig erscheinen uns derartige filmischen Klischees des Reporterlebens! Das letzte Extrablatt erlebte ich zu Zeiten von Tschernobyl. Um jedes Mikrofon, vor jeder Kamera drängen sich heute die eventsüchtigen Willi Wichtigs und die Bibi Bedeutsams wie die Ferkel um den Trog. Mit unseren zahllosen ‘Berühmtheiten’ lässt sich längst die Wüste Gobi pflastern. Die Folge: Exklusive Interviews in Zeiten grassierender Mediengeilheit sind so selten wie Senf in einer Imbissbude. Anders formuliert: Ausschließlichkeit, Aktualität und Exklusivität sind redaktionelle Alltagswaren, die um Raum im Blatt kämpfen müssen. Sie sind langweilig geworden.
Ferner findet relevante Aktualität inzwischen woanders statt, aber nicht in den Holzmedien. Blicke ich auf den druckfrischen Titel einer Zeitung, dann sehe ich nur das, was ich gestern schon aus dem Internet erfuhr. Durch altertümliche produktionstechnische Bedingungen hat der Print keine Chance beim Rattenrennen um ‘Novität’. Alles was mit Druckerschwärze aufs Papier geklatscht werden muss, um dann auf aufwendigen Vertriebswegen quer durch die Republik gekarrt zu werden, das besteht den Wettlauf mit TV, Radio und Online nicht.
Das heißt nun nicht, dass Zeitungen keine Chance hätten, sie haben in meinen Augen nur ‘so’ keine Chance mehr. Trotzdem betreiben allzu viele Zeitungen ‘Business as usual’, die Journalistenschulen lehren ‘Bericht’ und ‘Faktentreue’ als höchste Ideale, der Chef vom Dienst wiederum verlangt vor allem Masse statt Klasse: “3.500 Zeichen mit Leerzeichen”. Derweilen setzt sich auf breiter Front das gewohnte Anzeigengeschäft in gelesenere Gefilde ab.
Um es hier mal ketzerisch zu formulieren: Ich sehe den Hasen in die Gegenrichtung laufen – Online wird Offline noch Mores lehren. Auch wenn der Schüler widerstrebt. Ich zumindest glaube, dass Journalisten vom Blogbetrieb Wesentliches lernen könnten, allem elitären Abscheu zeternder Alphajournalisten zum Trotz: So könnten sie bspw. etwas über ihren ‘schriftstellerischen Marktwert’ erfahren. Denn wer bspw. in Blogs besteht, der hat sich sein Renommée höchstselbst erschrieben, ganz ohne Zeitungstitel im Wappen oder auf der Visitenkarte.
Dort, in den Blogs, lebten die Schreiber immer schon bewusst aus zweiter Hand, fern der Aktualität, sie hatten gar nicht die Manpower für große Recherchen vor Ort, von Presseausweisen ganz zu schweigen. Sie kannibalisierten daher gewohnheitsmäßig einen Neuigkeitsstrom aus Tickern, Medien und Pressestellen und verwandelten ihn sich an, um ‘trotzdem’ Leser zu finden. Indem sie nämlich Vorgefundenes ‘auf ihre Art’ und vor allem ganz anders als nach dem Journalistenkodex aufbereiteten.
Während der Journalismus eine möglichst monolithische ‘Öffentlichkeit’ zu formen trachtet, weil er sich als Teil einer massenmedialen Veranstaltung sieht, funktioniert das Bloggen eher über ‘Differenzbildung’: Die Texte ‘machen einen Unterschied’, dort zumindest, wo sie gut sind. Blogger führen gern – und manchmal auch verbissen – ihren fälschlich verspotteten ‘Metadiskurs’, indem sie über die ‘Neuigkeiten anderer Leute’ reden. Nur tut dies eben jeder anders. Da wiederum der Print-Journalismus auf der Ebene von Aktualität (wegen einer unausweichlich ‘verspäteten’ Produktionstechnik) und auf der Ebene von Exklusivität (wegen des dauerhaften ‘Überangebots’ an Sensationen und Sensatiönchen) mit anderen Medien immer weniger mithalten kann, könnte er da nicht bei den geleseneren Blogs etwas über diese ‘metadiskursiven Schreibformen’ lernen, die vielleicht Zukunftspotenzial enthalten?
Aktualität im Journalismus hieß allzu oft aber auch, vor allem das am schnellsten zu bringen, was demnächst alle bringen würden. Thematische Abwechslung dagegen – löst man einmal den stieren Blick vom redaktionellen Tagesgeschäft – die gäbe es wie Sand am Meer. Es gilt, die Aktualität gewissermaßen dort zu suchen, wo sie niemand vermutet, dort, wo niemand hinguckt. Wie es auch Blogger tun. Es muss ja nicht gleich ‘Katzen-Content’ sein – aber ein Anton Tschechow, befragt, wie er zu seinen unerhörten Themen käme, griff nach einem Aschenbecher auf dem Tisch und sagte: ‘Morgen habt ihr meine Geschichte dazu’. So nämlich geht es. Wo Tausende von Neuigkeits-Beamten dasselbe über Sarkozy und seine Kriegsdrohungen gegen den Iran in ein und demselben Stil und mit derselben gespielten Empörung in die Tastatur hämmern, bestünde die Kunst vielleicht tatsächlich darin, stattdessen bewusst mal über Magmakammern zu schreiben, über Schiffsregister oder über den Hexenglauben heute. Über das weite Feld abseits der Aktualität. Oder – gewissermaßen hautnah – vielleicht auch mal auf eine ganz andere Art über das Schwulsein, wie in diesem lesenswerten Blog. Nach Lichtenbergs bekannter Regel, wonach man nur mit dem Finger in ein beliebiges Buch tippen müsse, um ein Thema zu finden. Wozu allerdings der richtige Kopf erforderlich ist.
In jedem Fall aber wird die vereinte Journalistenschaft unsere moribunden Zeitungen nicht reaktivieren, wenn sie darauf hofft, dass in Zeiten der Umsatzrendite nur endlich wieder mehr Geld für Recherche, für aktuellere Themen und für noch exklusivere Stories aufzutun wäre. Auf absehbare Zeit, solange sie nämlich von Kapitalfonds-Gesellschaften statt von Verlegerdynastien bezahlt sind, wird genau das nicht geschehen: The days of vine and roses are over …
Unsere Welt ist ja auch längst aktuell und exklusiv genug. Eine halbe Stunde nach dem Flugzeugabsturz auf Madagaskar schon weiß ganz Bremervörde über die Zahl der Toten dort Bescheid. Und mit angeblichen Exklusivstories ist jeder Zeitungskiosk allmorgendlich gepflastert. Die Alternative zu der oben beschriebenen Leserzeitung, die in Stil und Können investiert, die hieße – neben den 9-Live-ähnlichen Instant-Plapperlapapp-Blättchen für die Woolworth’ler des Geistes – einzig und allein keine Zeitung. Zumindest keine auf Papier.
Auch das ist nach Ansicht von Insidern eine durchaus realistische Perspektive. Manchmal ist ja der Blick über den Teich hilfreich. Donald Graham, Vorstand der Washington Post, klingt fast schon resigniert:
Graham [warnt] in seinem Essay mit erkennbarem Zorn, dass die Fixierung der Finanzwelt auf die Profitmaximierung dem Journalismus den Garaus machen könnte.
Die Schuldfrage, falls dieser Nachruf irgendwann zutreffen sollte, ließe sich dann ganz einfach klären:
Die Zeitung hat sich – abgesehen von ein bisschen Farbe – in den letzten Jahrzehnten nicht weiterentwickelt.
Es könnte allerdings auch daran liegen:
Mich wundert sehr, dass viele mittelgroße Regionalblätter immer noch einen eigenartigen Dünkel pflegen. Den, dass sie eigentlich großen Journalismus machen und das Lokale nur so als lästiges Anhängsel mitschleifen. … Erstaunliche Diskrepanz – und für mich einer der entscheidenden Gründe für den anhaltenden Leserschwund von Regionalzeitungen: Noch immer scheinen viele Redaktionen solcher Zeitungen zu denken, sie würden wegen ihrer Politikberichterstattung gelesen. Oder wegen ihres chicen Feuilletons. Ich vermute, vom realen Leben draußen haben die allermeisten wenig Ahnung (und wollen sie vermutlich auch nicht haben).
Das reale Leben aber, das lag schon immer im Kleinen.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.


















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Auf den Punkt gebracht, Herr Jarchow! Der Artikel sollte Pflichtlektüre für jeden Herausgeber von regionalen Tageszeitungen werden (und von Lokalredakteuren, die Ihre Arbeit mehr gelangweilt und uninteressiert verrichten, sind sie doch eigentlich für Höheres berufen).