Neue Gratiszeitung .ch:
Der Zeitungskrieg ist eröffnet

Seit heute erscheint .ch, die “Zeitung der Schweiz”; Gratiszeitung Nummer 3, wenn man Cash Daily mitzählt, sogar schon Nummer 4. Ein Qualitätsmedium will .ch sein. Schau’n wir mal.

punktch_kopf.jpg

6.55 Uhr: Rund um den Helvetiaplatz keine Spur von .ch. Vor einem Hauseingang neben dem “Hooters” steht einer der Verteilständer – leer. Dafür platzt gegenüber an der Haltestelle die 20minuten-Box aus den Nähten.

7.58 Uhr: Rund um den Helvetiaplatz keine Spur von .ch. Der Ständer neben dem Hooters ist weg. Die 20minuten-Box zu drei Vierteln leer.

8.10 Uhr: Am Stauffacher stehen drei Leute mit .ch. Und etwa zwanzig mit 20minuten. Einer liest heute von gestern abend. Die .ch-Box ist leer.

Aber eine Stunde früher waren noch zehn Exemplare drin; zwei davon hat Peter mitgenommen. Und die sehen wir uns jetzt mal genauer an.

Boulevardisierung, so könnte man meinen, müsste eine erfolgreiche Strategie sein, wenn man sich auf einen Markt mit bereits einer erfolgreichen Morgen-Gratiszeitung begibt. .ch will aber offenbar tatsächlich in die andere Richtung gehen: Nicht größere Buchstaben, lautere Headlines, schreiendere Bilder als beim Konkurrenten 20minuten gibt es, sondern klassischere Schriften, gedecktere Farben und gesetztere Themen. Das zeigt ein schneller Vergleich der heutigen Titelseiten:

Auf dem Titel von 20minuten: Ylenia, Champions League, Dignitas-Sterbezimmer, “Krieg der Pannenhelfer”, Videowettbewerb der Fantastischen Vier.

Auf dem Titel von .ch: Wirtschaftsunterricht “für Kids”, Zinssenkung, Ökostrom, Starkoch, Wintermode.

vgl_20min_punktch.jpg

Und das setzt sich auf den ersten Seiten des Innenteils fort: Zu den Titelthemen gesellen sich bei 20minuten Artikel um ein “kontroverses Alkoholverbot um das Letzigrund-Stadion” und eine mit Sexangeboten terrorisierte Ex-Miss-Ostschweiz; bei .ch ist die zweite Seite mit der Debatte um die Krankenkassen-Initiative der SVP belegt – inklusive eines Interviews mit SVP-Nationalrat Bortoluzzi. Ein Auszug:

.ch: “Sie wollen, dass Krankenkassen nicht mehr für Geburten bezahlen.”
Bortoluzzi: “Das ist absurd und eine blosse Behauptung unserer Gegner.”
.ch: “Keineswegs, der Bundesrat geht davon aus, dass die Initiative nur so umsetzbar ist.”
Bortoluzzi: “Er täuscht sich.”

Hoppla. Journalismus!

.ch glänzt zwar als Gratiszeitung im Tabloid-Format auch nicht mit langen Analysen und hintergründigen Dossiertexten, aber man nimmt dem Blatt tatsächlich ab, dass es mehr will als ein möglichst effizient produziertes Anzeigenumfeld zu schaffen.

Sogar der Artikel über das neue Chanel-Anzeigenmodel K*ira Kn*ghtley (um mal zu vermeiden, dass wieder 10.000 Googlebesucher von diesem Artikel hier enttäuscht werden), der mit ebenjener Chanel-Anzeige bebildert wurde, versucht, dem Ganzen noch einen journalistischen Dreh zu geben, indem das Prinzip der Testimonials psychologisch erklärt wird.

Möglicherweise wird zwar genau diese Ausrichtung zum Fehler, weil von den Anzeigenkunden nicht goutiert, aber als Leser lautet das schnelle Urteil: Für ein Gratisblatt ein erstaunlich ernsthafter Start.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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5 Kommentare

  1. mm
    schrieb am 19. September 2007 um 09:49 Uhr (#)

    ein ähnliches bild in bern…

    http://2xm.org/?p=226

  2. Schreibt hier auf dem Blog Florian Steglich
    schrieb am 19. September 2007 um 10:42 Uhr (#)

    » MM: Es gibt die heutige Ausgabe auch als PDF: http://punkt.ch/e-paper.html

  3. Michèle
    schrieb am 19. September 2007 um 10:48 Uhr (#)

    “.ch” wirkt auf mich sehr magazinig, aber vielleicht ein bisschen zu frauenmagazinig. Der Titel ist ein Reinfall, finde ich, eine sogenannte Qualitätszeitung kann sich der Aktualität nicht verschliessen und dafür mit einem mittelsoften aber auch mittellangweiligen Thema wie “Wirtschaftsunterricht für Kinder” aufmachen. Die Fotos sind ja vielleicht süss, vielleicht sind sie aber auch einfach nur läppisch. Dass innen versucht wird, tatsächlich Journalismus zu machen, ist lobenswert und gefällt mir gut. Allerdings habe ich bisher noch kein “.ch”-Gefühl: Was ist das für eine Zeitung? Am ehesten würde ich sagen: Eine auf den Tag umgelegte “Sonntagszeitung”, allerdings mit dem Trendbund als Frontseite.

  4. Lovelly
    schrieb am 19. September 2007 um 12:14 Uhr (#)

    .ch sieht gut aus, doch die langweiligen Schlagzeilen haben mich vom lesen abgehalten: “Kraftwerke: Zürcher wollen mehr Ökostrom” muss ich nicht mehr lesen, die Schlagzeile sagt alles. “Parlament: Es mangelt an Gelassenheit” – da würd ich sagen “Schreiber: Es mangelt an Punch. Und “Werbung: Hollywoods schönste Verführerinnen” – da kann man nicht anders als einschlafen. Dabei wäre die Story ja, dass immer mehr Hollywood-Schauspieler den Models Jobs wegnehmen. (Ok, das war nun der Beweis, dass ichs trotzdem gelesen habe.) Ich wünsch dem Blatt trotzdem Glück. Und eben – bessere Schlagzeilen.

  5. Birgitte W.
    schrieb am 17. November 2007 um 13:16 Uhr (#)

    Zur Gratiszeitung “.ch” muss man leider sagen, dass sich in den letzten Wochen die Reklamationen von Mietern und Hausbesitzern massiv gehäuft haben.

    Das im Vorfeld von “.ch” versprochene geordnete Verteilkonzept mit Mini-Zeitungsständern vor den Wohnhäusern ist nie wirklich umgesetzt werden.

    Solche Mini-Zeitungsständer wurden nur bei einer kleinen Minderheit der Wohnhäuser aufgestellt. In den allermeisten Fällen allerdings, werden die Zeitungen einfach vor der Wohnhaustür am Boden gelegt.

    Als Betreuerin in einer grösseren Zürcher Immobilien-Verwaltung konnte ich mir persönlich ein Bild davon machen, was für eine regelrechte Zeitungs-Sauerei mittlerweile herrscht.

    Auch das im Vorfeld versprochene Einsammeln oder Aufräumen der Vortages-Zeitungen hat sich als leeres Versprechen entpuppt. Die Zeitungen beigen sich tagelang einfach auf.

    “.ch” hat wohl nicht begriffen, dass nicht alles was Gratis ist, auch wirklich erwünscht ist.

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