Wenn einem Social Network die Nutzer weglaufen

lunarstorm.gifEin interessantes Phänomen ist derzeit in Schweden zu beobachten. Wie das IT-Magazin Computer Sweden berichtet, verlieren zwei der größten Jugend-Communities des Landes, LunarStorm und playahead, dramatisch an Nutzern. Besonders für LunarStorm, das am 1. Januar 2000 ins Netz ging und als eine der weltweit ersten Online Communities überhaupt gilt, geht es in rasendem Tempo bergab. Noch 2005 besuchten fast 1,5 Millionen User pro Woche die hauptsächlich bei Teenagern beliebte Plattform, mittlerweile sind es 50 Prozent weniger. Wie auch immer man zu Alexas Reichweitenstatistik stehen mag – der Abwärtstrend ist eindeutig und stellt das über drei Jahre hinweg durch scheinbar unbegrenztes Wachstum verwöhnte Unternehmen vor eine völlig neue Situation, die sich unter ungünstigen Umständen zu einem regelrechten Existenzkampf entwickeln kann.

alexalunarstorm.gif
Reichweitenentwicklung von LunarStorm (blau) zwischen 2003 und 2007. Zum Vergleich studiVZ (rot).

Ganz ähnlich sieht es bei LunarStorms Konkurrent playahead aus. Die Community ist eine Art schwedisches MySpace mit einem besonderen Fokus auf Dating. Der Dienst wurde Schritt für Schritt auch in Dänemark, Norwegen und Großbritannien lanciert. Während vor zwei Jahren noch 450.000 Nutzer pro Woche die schwedische Version von playahead ansteuerten, so sind es mittlerweile nur noch 280.000 pro Woche.

Was sind die Gründe für diesen teilweise dramatischen Nutzerschwund? Zum einen liegt die Ursache natürlich in der Besonderheit der Zielgruppe beider Angebote. Sowohl LunarStorm als auch playhead richten sich hauptsächlich an junge Menschen zwischen 12 und 19 Jahren. Mittlerweile sind jedoch die meisten der Nutzer, die zu LunarStorms Glanzzeiten Anfang der Jahrtausendwende Mitglied in der damals hippen Community wurden, dem Teenager-Alter entwachsen und damit höchstwahrscheinlich auch nicht mehr bei LunarStorm zu gange.

Eine zweite wahrscheinliche Ursache ist die steigende Popularität großer internationaler Social Networks, die LunarStorm und playahead ganz einfach weniger cool erscheinen lässt. Während MySpace gerade seine schwedische Version online brachte, hat insbesondere Facebook mittlerweile eine regelrechte Allgegenwärtigkeit im schwedischen Alltagsleben erreicht. Am 17. Juli schrieb ich über die Facebook-Epidemie im Norden und erwähnte die Zahl von 72.000 Nutzern im Facebook-Network “Sweden”. Heute, nur zwei Monate später, hat das schwedische Netzwerk 250.000 Mitglieder! In der zehnmal mehr Einwohner als Schweden zählenden Bundesrepublik wäre ein vergleichbarer Anstieg von 720.000 Nutzern im Juli auf 2.500.000 im September eine Zuwachs, von dem selbst der deutsche Branchenprimus studiVZ nur träumen könnte.

Als Folge dessen kann angenommen werden, dass LunarStorm und playahead unter einer Art umgedrehtem Netzwerkeffekt leiden. So wie ein Social Network durch eine steigende Anwenderzahl auch attraktiver für die wird, die noch nicht dabei sind, so sorgt eine zunehmende Inaktivität der eigenen Kontakte in einem etablierten Netzwerk für einen verringerten Nutzwert, der sich dann schließlich auch negativ auf die eigene Aktivität auswirkt – ein Teufelkreis, den LunarStorm gerade am eigenen Leib erfährt.

Was reichweitenstarke Communities betrifft, ist Schweden Deutschland und anderen europäischen Ländern um einige Jahre voraus. lokalisten, studivZ, MySpace – alle Social Networks, die heute den Großteil der deutschen Netzwerker auf sich vereinen, entstanden erst in den vergangen zwei-drei Jahren. Wir haben also noch gar nicht miterlebt, wie sich ein Social Network entwickelt, wenn es die Reifephase im Produktlebenszyklus überschritten hat. Auch die derzeit noch stark wachsenden Marktführer in Deutschland werden irgendwann das Potential möglicher Neunutzer ausgereizt haben. Dann geht es darum, die Loyalität der registrierten User sicherzustellen und sie mit Innovationen an den Dienst zu binden. Momentan habe ich nicht den Eindruck, dass die, die das betreffen wird, ihre Hausaufgaben schon gemacht haben.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

Mehr lesen

Facebooks Börsengang: Die Internetwirtschaft frohlockt

3.2.2012, 2 KommentareFacebooks Börsengang:
Die Internetwirtschaft frohlockt

Facebooks Börsengang wird bis zu 1000 Angestellte des Unternehmens zu Millionären machen. Die gesamte Internetwirtschaft profitiert davon.

Der nächste Interessenkonflikt: Wie die Facebook-Aktie  dem Tech-Journalismus schadet

2.2.2012, 11 KommentareDer nächste Interessenkonflikt:
Wie die Facebook-Aktie dem Tech-Journalismus schadet

Viele die Technologie- und Internetbranche bewachende Blogger und Journalisten rund um den Globus werden sich dieser Tage die Frage stellen, ob sie sich mit Aktien von Facebook eindecken sollten. Ein Interessenkonflikt ist programmiert.

Nicht nur wegen des Börsengangs: 2012 ist Facebooks  wichtigstes Jahr bisher

2.2.2012, 3 KommentareNicht nur wegen des Börsengangs:
2012 ist Facebooks wichtigstes Jahr bisher

Facebooks Börsengang kommt zu einer Zeit, in der sich das Unternehmen an eine veränderte Social-Networking-Landschaft anpassen muss. Jetzt wird sich entscheiden, wie stark das Fundament der Plattform tatsächlich ist.

Die Folge der Facebook-Dominanz: Deutsche Social Networks  am Scheideweg

10.6.2010, 28 KommentareDie Folge der Facebook-Dominanz:
Deutsche Social Networks am Scheideweg

Die zwei einstmals führenden Social Networks in Schweden sind bald Geschichte - an die Wand gedrängt von Facebook. Schlechte Nachrichten für hiesige Anbieter.

Heimlicher Adressbuch-Abgleich: Path zeigt sein wahres Gesicht

8.2.2012, 12 KommentareHeimlicher Adressbuch-Abgleich:
Path zeigt sein wahres Gesicht

Das aufstrebende soziale Netzwerk Path hat sich mit dem ungefragten Abgleich der Smartphone-Adressbücher seiner Nutzer einen groben Schnitzer erlaubt. Für diese bei Startups übliche Leichtfertigkeit gibt es Gründe.

Nicht nur wegen des Börsengangs: 2012 ist Facebooks  wichtigstes Jahr bisher

2.2.2012, 3 KommentareNicht nur wegen des Börsengangs:
2012 ist Facebooks wichtigstes Jahr bisher

Facebooks Börsengang kommt zu einer Zeit, in der sich das Unternehmen an eine veränderte Social-Networking-Landschaft anpassen muss. Jetzt wird sich entscheiden, wie stark das Fundament der Plattform tatsächlich ist.

Aufmerksamkeitsökonomie: Warum Google+ an seinem  eigenen Erfolg scheitert

31.1.2012, 12 KommentareAufmerksamkeitsökonomie:
Warum Google+ an seinem eigenen Erfolg scheitert

Die Vereinigung von Google+ und Google Suche belebt erneut den Diskurs um die künftige Bedeutung dieser Plattform. Skepsis ist angebracht.

2 Kommentare

  1. marcel weiß
    schrieb am 14. September 2007 um 17:32 Uhr (#)

    Die letzten zwei Sätze- sehe ich genauso. Das wird noch interessant, besonders bei studivz.

  2. Martin Weigert
    schrieb am 15. September 2007 um 10:35 Uhr (#)

    Ich wollte ausnahmsweise mal keine Namen nennen… ;)

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.