Verleger gegen Google News:
Die Antwort

Mein Beitrag von neulich über die Konflikte der Schweizer Verleger mit Google News hat auch in den Printmedien einen Niederschlag gefunden: Die Zeitschrift “Werbewoche” fragte mich an, einen Gastkommentar zu schreiben, der neulich auch tatsächlich publiziert wurde (in der Printversion sogar mit Bild!).

Die Redaktion liess mich ausserdem wissen, dass man einen Verleger suche, der eine Antwort verfassen sollte. Nun, einen schreibwilligen Verleger hat man leider (und vielleicht bezeichnenderweise) nicht gefunden, aber diese Woche wurde die indirekte Replik auf meinen Beitrag publiziert, verfasst von Josefa Haas, Leiterin des Medieninstituts.

Das Medieninstitut ist die Ausbildungsstätte des Verbands Schweizer Presse, und insofern ist Frau Haas als dessen Leiterin natürlich ausgezeichnet positioniert, die Meinung der Print-Branche wiederzugeben. In ihrer gerade erschienenen, sehr eloquenten Kolumne — da sieht man noch, welche Branche das Schreibhandwerk wirklich beherrscht — schreibt sie:

“Beim Aufbau von sogenannten Partnerschaften mit Win-Win-Situationen verhandelt der Konzern [Google] individuell. Dadurch werden die Anbieter von Inhalten unter Konkurrenzdruck gesetzt: Wer kann schneller die besseren Bedingungen aushandeln? Für die vielen, die darum feilschen, dass sie einen Teil der Erträge erhalten, bleibt jedoch eine Gemeinsamkeit: Der Verhandlungspartner am anderen Tischende ist immer der gleiche.

Go with the flow, lass dich treiben, empfehlen Internetspezialisten. Widerstand ist unnötig, aber auch unmöglich, wird suggeriert. Schmidt spricht gerne von Partnerschaft. In einer fairen Partnerschaft beeinflussen jedoch beide Seiten den Gang der Dinge.”

Nun ja, die internationale Geschäftswelt hat es halt so an sich, dass die stärkere Partei die Regeln bestimmt. Und da Google nun mal die dominierende Suchmaschinenfirma ist, überrascht es wohl kaum, dass das Unternehmen seine starke Position in Verhandlungen ausspielt.

Dass die Medienbranche das unfair findet, ist ziemlich ironisch. Ich habe vor Jahren als kleiner Internetunternehmer mehrmals das eher zweifelhafte Vergnügen gehabt, mit alteingesessenen Verlagen über Partnerschaften zu verhandeln. Immer liessen einen die Medienhäuser ziemlich schnell spüren, dass sie in ihrer Region die dominierende Kraft sind und es absolut nicht nötig haben, mit jedem dahergelaufenen Internet-Unternehmen zu kooperieren. Und wenn überhaupt, dann zu ihren Bedingungen.

Frau Haas’ Beitrag zeigt auf, wie tief das Misstrauen der Verleger gegenüber Google und dem Internet generell sitzt und wie diffus diese Skepsis gleichzeitig ist. Sie schreibt aus der Perspektive einer Branche, die seit Jahrzehnten Dominanz gewohnt ist und nicht damit umgehen kann, dass in einem wichtigen Bereich plötzlich jemand anders am längeren Hebel sitzt. Schadenfreude ist da nicht angebracht, aber man würde den Verlegern schon eine etwas realistischere Einschätzung der Lage und entsprechend angepasste Strategien wünschen.

Weiter schreibt Frau Haas:

“Zwar sieht [Google-CEO] Schmidt seine Leistung darin, den Zugang zu Information weltweit zu ermöglichen und damit Transparenz zu schaffen. Sucht man jedoch detaillierte Informationen, stösst man auf verschlossene Türen.
[...]
Doch welche Daten wie abrufbar sind, weiss niemand. Wo die Server stehen, ist ein Geschäftsgeheimnis.”

Natürlich kann man Google berechtigterweise Intransparenz vorwerfen, aber das ist ein ziemlich starkes Stück aus Richtung einer Branche, die an Kartellisierung grenzende Marktmacht-Strategien praktisch erfunden hat. In den meisten Regionen der Schweiz (und anderer Länder) dominiert inzwischen ein einziges Medienunternehmen praktisch alle traditionellen Medien. Dass der Steuerzahler zudem durch reduzierte Mehrwertsteuersätze und verbilligte Posttarife für Zeitungszustellung die immer noch ansehnlichen Gewinne der Verlage mitfinanziert, ist da nur eine störende Tatsache von vielen (über die in der Presse natürlich eher selten kritisch berichtet wird). Meines Wissens kriegen Internet-Suchmaschinen keine vergleichbaren Vergünstigungen.

Die Schlussfolgerung meines ursprünglichen Beitrags ändert sich nicht: Die Verlage müssen akzeptieren, dass die Online-Welt deutlich anders funktioniert als ihr traditionelles Umfeld. Mehr Kundenorientierung und eine Strategie, die echte Werte schafft, sind der einzige Weg zum Erfolg. Nur über böse Suchmaschinen zu lamentieren, hilft wirklich nicht weiter.

Noch eine Bemerkung am Rande: Beide Seiten verstehen die Welt der anderen offenbar immer noch nicht gut, und das reflektiert sich in der Sprache. Es ist möglicherweise bezeichnend, dass offenbar weder Frau Haas noch die Redaktion der “Werbewoche” wissen, wie man den hochtechnischen Begriff “Algorithmus” richtig schreibt. Kleiner Tipp: Auch Fremdwörter kann man googeln… :-)

2 Kommentare

  1. Jürg Stuker
    schrieb am 16. September 2007 um 20:47 Uhr (#)

    Ich hielt mich mit Zynismus bezüglich dem Plan der Schweizer Verleger “Google zu verbieten” zurück. Nun hast Du es aber aus meiner Sicht so treffend gemacht, dass ich nur unterschreiben kann.

    Der Kommentar von Frau Haas ist tatsächlich sehr brachentypisch und kaum in der Nähe der (Internet-)Realität. Insb. auch die Aussage, dass Internetspezialisten “Go with the flow” empfehlen ist wohl geträumt… Die Leute ich kenne (auch solche die bei Google arbeiten), haben differenziertere Argumente die sich nicht einfach so abkanzeln lassen.

    Ach wie war die Zeit noch schön als zweimal täglich nur das offiziell erstellte News-Bulletin der Depeschenagentur verlesen wurden :-)

  2. mds
    schrieb am 22. September 2007 um 12:58 Uhr (#)

    Heute Vormittag äusserte sich Hanspeter Lebrument auf DRS 1 zum Thema… so stelle ich mir das Interview mit einem Dinosaurier vor, falls man ein Dinosaurier-Skelett wieder zum Leben erwecken könnte! ;)

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