Die eigenartigen Strategien der Zeitungswelt

Andreas Göldi, 14. September 2007 15:21 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Interessantes tut sich in der Suchmaschinenbranche, wie man folgender Meldung entnehmen kann:

Google kündigt neue Suchmaschine an
Google, der Marktführer bei Internet-Suchmaschinen, kündigte heute die Lancierung einer neuen Suchmaschine unter dem Namen ‘Look’ an, die parallel zur bisherigen Google-Site betrieben werden soll. Das neue Angebot, das Ende Jahr auf dem Markt erscheinen wird, soll über praktisch identische Funktionalität wie die bisherige Google-Suche verfügen, aber ein leicht anderes Layout aufweisen und 12 statt 10 Suchresultate pro Seite anzeigen. Google wird das neue Angebot in Zusammenarbeit mit Canuckster.com betreiben, der führenden regionalen Suchmaschine in Kanada. ‘Mit diesem neuen Angebot werden wir unsere Marktführerschaft bei Suchmaschinen weiter ausbauen’, sagte Google-CEO Eric Schmidt.

Diese Produkteinführung wird von vielen Analysten als Reaktion auf die Ankündigung der kalifornischen Startup-Firma Cuill.com interpretiert, demnächst mit einer eigenen Suchmaschine auf den Markt zu kommen. Cuill.com wurde von ehemaligen Google-Mitarbeitern gegründet.

Keine Angst, Google ist nicht verrückt geworden. Diese ziemlich absurd erscheinende Meldung habe ich natürlich frei erfunden.

Aber sie ist inspiriert von der neusten Ankündigung aus der Schweizer Pressewelt: Die Verlage Tamedia, Espace Media (zu Tamedia gehörend) und Basler Zeitung wollen die neue Gratiszeitung “News” im Schweizer Markt lancieren (Details drüben bei Medienlese). Dass dies eine Gegenmassnahme gegen die bald erscheinende neue Gratiszeitung “.ch” ist, wird gar nicht erst bestritten.

Damit werben nun bereits bald vier kostenlose Zeitungen (20 Minuten, heute, .ch, News) um die Aufmerksamkeit des Pendlers. Interessanterweise erscheint die deutlich führende Gratiszeitung “20 Minuten” auch bereits im Hause Tamedia. Warum man sich nun im eigenen Haus selbst Konkurrenz machen will, wurde bisher nicht so ganz klar erläutert.

Natürlich würden die Verleger solche Produkte nie ohne eine klare Differenzierung auf den Markt bringen: Die bisherigen Gratiszeitungen sind für sehr kurze Texte bekannt, wohingegen “News” angeblich mehr Substanz bieten will, also dem Layout der Nullnummer nach zu schliessen vermutlich bis zu einem Satz mehr pro Meldung.

Ausserdem ist die Zielgruppe völlig anders. “News” spricht laut Pressemitteilung “eine junge, urbane und kaufkräftige Leserschaft” an, während “20 Minuten” sich laut Produktseite an “junge, urbane Pendler mit guter Bildung und überdurchschnittlichem Einkommensniveau” wendet. Klarer könnte der Unterschied wohl kaum sein. Zudem werden die Verteilboxen voraussichtlich in einer anderen Farbe gestrichen. Welche Farbe die “News”-Boxen verwenden werden, wurde aber aus strategischen Gründen noch nicht bekanntgegeben. Zweifelsfrei wird man aber dem Grau von “.ch” und dem Grün von “heute” eine aggressiv positionierte Alternative entgegensetzen.

Nun, im Ernst: Die Strategien der Verlegerwelt sind schon nicht immer so einfach nachzuvollziehen. Nachdem sich Gratiszeitungen als Erfolg herausgestellt haben, jagen alle dieses Konzept und überfluten den Markt mit fast identischen Produkten, die sich gegenseitig das Wasser abgraben. Dabei weiss man aus vielen internationalen Beispielen recht gut, dass pro städtischem Grossraum kaum mehr als eine solche Zeitung wirtschaftlich überlebensfähig ist. In Zürich hatten wir das Spiel vor Jahren schon mal, jetzt gehen alle in eine neue, wohl sehr kostspielige Runde.

Tamedia will mit dem neuen Produkt natürlich wohl primär das demnächst startende “.ch” abblocken. Hinter “.ch” stehen auch noch Leute, auf die man in der Verlegerszene aus verschiedenen Gründen nicht gut zu sprechen ist, und solche persönlichen Faktoren haben meiner Erfahrung nach bei solchen Strategien einen grösseren Einfluss, als man annehmen könnte.

Klar, dass Tamedia ihr bisheriges Erfolgsprodukt lieber selber kannibalisiert, als das einem Konkurrenten zu überlassen, ist durchaus nachzuvollziehen. Aber was man bisher von “News” gesehen hat, lässt nicht gerade auf ein Produkt schliessen, das die Presselandschaft mit neuen Ideen erheblich bereichern würde. Die Leser bekommen nicht wirklich mehr Auswahl, sondern nur mehr vom gleichen Einheitsbrei.

Zu erwartendes Resultat: Geld werden beide, “News” und “.ch”, nicht verdienen, und am Schluss stellt sich nur die Frage, wem als erstes die Luft ausgeht. Dass nach kurzer Zeit beide Produkte wieder vom Markt verschwinden werden, ist nicht auszuschliessen. Und damit hat die Zeitungsszene dann erfolgreich wieder ein paar Dutzend Millionen Franken verlocht, die man zum Beispiel auch in vorausschauende Online-Projekte hätte investieren können…

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2 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Yabadabadu

    schrieb am 14. September 2007 um 19:24 Uhr (#)

    Hoi Andreas, News ist nichts anderes als eine Abwehrmassnahme gegen .CH. Kall war mit so etwas schon sehr erfolgreich als er eine Alternative zu 20min lancieren wollte und die Übung abgebrochen hat als dann der Eigentümer von 20min wohl sehr zähneknirschend die Zeitung an ihn verkauft hat. So hat er sich die Cashcow 20min gesichert ohne selbst der Innovator zu sein. Ist hart, aber eine klassische Abwehrstrategie aus dem Lehrbuch. Klar kann man tamedia vorwerfen, dass sie nicht in wirklich neue Produkte investieren, aber auch ein Follower kann sehr gut sein, wenn er die richtigen Rosinen später pickt.

  2. origami

    schrieb am 15. September 2007 um 20:19 Uhr (#)

    “Blogwerk lanciert weiteren Blog”. Absurd? Erfunden? Nein, Realität. Weil sich unterschiedliche Medien eben nicht nur konkurrenzieren sondern auch ein zusätzliches Publikum ansprechen. Deshalb lanciert Tamedia News. Das ist nur konsequent.


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