Qualitätsjournalismus bringt Leser

Die Leserzahlen der Schweizer Presse 2007 sind da. Das Resultat zeigt stark wachsende Gratiszeitungen, stagnierende Bezahlzeitungen und einen Trend in Richtung Qualitätsjournalismus. Cash Daily fehlt bei der Auswertung, überraschend.

Die NZZ hat heute aus den nicht immer leicht lesbaren Zahlen der WEMF-Statistik ein PDF-File gemacht mit den Leserzahlen der Schweizer Presse 2007. Wir danken dafür herzlich, wundern uns aber etwas über diesen Satz im begleitenden Artikel:

Entspannter kann die Tagespresse, der zurzeit die Auguren öfters das Totenglöcklein läuten, auf den Lesermarkt blicken. Die Zahlen sind grossenteils stabil, sowohl im Einjahres- wie auch im Fünfjahresvergleich.

Entspannter? Wenn die aktuelle Nummer 1 aller Schweizer Zeitungen, die Gratiszeitung 20 Minuten, während alle Schweizer Bezahlzeitungen “grossenteils stabil” blieben, zwischen 2002 und 2007 einen sagenhaften Zuwachs von 130% verbuchen konnte, von 526’000 Lesern auf 1’212’000 Leser? Und eine andere Gratiszeitung, Heute, knapp vor einem Jahr gestartet, es von 0 auf 230’000 Leser schaffte? Und dazu zwei weitere Gratiszeitungen bald lanciert werden und eine dritte vielleicht?

Entspannt sehen können das wohl auch nicht Tageszeitungen wie der Blick (-6%) oder die Basler Zeitung (-10%), vor allem nicht die zweiwöchentlich erscheinende Bilanz (-47%). Bei den Ende Juni eingestellten Magazinen Cash und Facts sah die Lage wohl ähnlich aus.

Wer jetzt meint, das sind doch noch immer x hunderttausend Leser und ganz schön viel für ein Land mit um die 7 Millionen Einwohnern, naja, das sind “Leserzahlen”. Die Leserzahl, leider hab ich keine Quelle gefunden, ist die Zahl der Leser, die das Blatt tatsächlich oder angeblich lesen. Wenn ich es richtig verstehe, ist es so, dass wenn eine Ausgabe des Tages-Anzeigers in eine vierköpfige Familie geliefert wird, bei der beglaubigten Auflage +1, bei der Leserzahl +4 gezählt wird. Wie genau die Leserzahl von 20 Minuten gemessen wird, die überall rumliegt, manchmal von zehn verschiedenen Leuten gelesen wird, manchmal noch druckfrisch und falzfrei schon wieder entsorgt wird, entzieht sich auch meiner Kenntnis. Aber so wichtig ist das gar nicht.

Wichtig ist, welche kostenpflichtigen Printprodukte signifikant zulegen konnten, denn das ist sehr wohl eine Leistung bei so viel kostenloser Konkurrenz, unter anderem aus dem Internet. Es sind dies die Titel

- Mittelland-Zeitung +19% (hat einen oder mehrere Titel aufgekauft und zählt darum nicht)

- Berner Zeitung +34% (hat einen oder mehrere Titel aufgekauft und zählt darum nicht)

- Schweizer Familie +23%

- NZZ Folio +15%

- Das Magazin +36% (wurde zwei weiteren Zeitungen beigelegt und ist als Beilage nur begrenzt ein Produkt, für das man direkt Geld ausgibt – bzw. man gibt nur begrenzt Geld für die dabei liegende Zeitung aus)

- Weltwoche +26%

Diese Zuwächse in den letzten fünf Jahren können sehr wohl historische Gründe haben (was in der Zeit zuvor passiert ist beispielsweise). Dennoch ergeben sich daraus starke Gründe, in guten Journalismus zu investieren. Was guter Journalismus ist, wird jeder für sich selbst entscheiden können, aber wenn ich in den letzten fünf Jahren jemandem Schweizer Publikationen als lesenswert hätte empfehlen müssen, so wären das NZZ Folio, das Magazin und die Weltwoche dabei gewesen. Meines Erachtens machen diese drei Titel, jeder auf seine Art, intelligenten und hervorragenden Journalismus. Die Schweizer Familie lese ich nicht regelmässig, aber es ist eine unaufgeregte, typisch schweizerische Zeitschrift mit biederem, aber lebensnahem Journalismus (man nennt es “Heftli”). Wundert mich nicht, dass die zugelegt hat.

Was sind die Verlagshäuser dahinter? Einmal der Weltwoche-Verlag, einmal der NZZ-Verlag, zweimal Tamedia. Und nullmal Ringier, immerhin das grösste Schweizer Verlagshaus.

Zum grossen digitalen Zukunftsprodukt von Ringier, Cash Daily, konnte man am 05.09.2007 lesen:

Für den Ausbau der Wirtschaftszeitung wurden acht neue Mitarbeiter ins Boot geholt. Eingestellt wurden Journalisten, aber auch Leute für die Bildredaktion, das Layout und die Produktion. Im Moment werden nach den Worten Bauers täglich 110’000 gedruckte Exemplare verteilt. 31’500 Personen sind zudem für das Live-Paper registriert. Die ersten beglaubigten WEMF-Leserzahlen werden am 11. September publiziert.

Wurden sie aber offenbar nicht. Die NZZ:

Noch keine offiziellen Zahlen gibt es für «Cash Daily»; gemäss einer Sonderauswertung des Verlags erreicht es 67 000 Leser.

Vielleicht macht Ringier ja im Ausland alles richtig. Im Inland macht Ringier aber, die erfolgreiche Lancierung von Heute ausgenommen, alles falsch. Wenn jemand meint, eine grosse Redaktion führe zu Qualitätsjournalismus, dann ist das nicht immer richtig. Hier ein von der Schwesterzeitung Heute ausgegrabenes Beispiel.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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16 Kommentare

  1. mds
    schrieb am 11. September 2007 um 21:33 Uhr (#)

    Wie wichtig ist der Einzelverkauf eigentlich fürs «NZZ Folio»?

  2. Daniel Weber
    schrieb am 11. September 2007 um 23:03 Uhr (#)

    Ökonomisch kaum relevant – das Folio kann ja einzeln nur am NZZ-Schalter gekauft oder bestellt werden. So verkaufen wir monatlich eher ein paar hundert als ein paar tausend Einzelexemplare. Auch mit den paar Tausend Separatabonnements, die wir haben, könnten wir uns nicht über Wasser halten.
    Entscheidend sind für uns tatsächlich die Leserzahlen bzw. die “hohe Qualität” unserer Leserschaft (Bildung, Interessen, Einkommen etc.). Sie sind unser stärkstes Argument im Kampf um die Inserate, mit denen wir unsere Zeitschrift finanzieren.

  3. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 11. September 2007 um 23:10 Uhr (#)

    Also ich hab demzufolge öfters zu den paar hundert Einzelexemplarkäufern gehört. Für hier in Deutschland müsste ich wohl das Abo lösen.

  4. schrieb am 11. September 2007 um 23:10 Uhr (#)

    messung? so ghets: die wemf ruft an und fragt: was haben sie gestern gelesen. dann müssen die leute antworten.

    dann fragen sie: wo haben sie die (gratis)zeitung her. wenn die leute sagen:
    box = 1 leser
    im tram aufgelesen = 2 leser
    (vereinfachte darstellung)

    ps: der geneigte medienleser muss wissen, dass die 230’000 HEUTE-leser von anfang an ermittelt wurden. also seit frühling 2006, wo HEUTE noch ein kleines pflänzlein war. man kann sich also auf die nächste (erste) richtige wemf-erhebung freuen.

  5. mds
    schrieb am 11. September 2007 um 23:11 Uhr (#)

    @Daniel Weber: Vielen Dank für die schnelle und kompetente Antwort! :)

  6. Bünzli
    schrieb am 11. September 2007 um 23:16 Uhr (#)

    die wemf ermittelt die mach leserzahlen durch telefoninterviews. es werden jährlich 24000 personen zu ihrem medienverhalten befragt, so können die leser pro ausgabe hochgerechnet werden.

  7. Bünzli
    schrieb am 11. September 2007 um 23:18 Uhr (#)

    läck du mier, geht das hier schnell. habe angefangen zu schreiben, ein kurzes telefongespräch geführt, auf absenden gedrückt und schon ist mir jemand zuvor gekommen.

  8. Daniel Weber
    schrieb am 11. September 2007 um 23:41 Uhr (#)

    @MDS: Gern geschehen!
    @Ronnie Grob: Medienblogger bekommen gern ein Folio-Gratisabo. Mail genügt: d.weber@nzz.ch

  9. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 12. September 2007 um 07:04 Uhr (#)

    @Daniel Weber:
    Gilt das Angebot auch für Medienblogger in den USA?

  10. Robert Holzwart
    schrieb am 12. September 2007 um 09:38 Uhr (#)

    erstaunlich wie unkritisch die wemf-zahlen herumgereicht werden. leider stützen sich die media-planer ohne viel zu überlegen ebenfalls voll darauf ab. wer einmal ein solche befragung mitmachen (musste, durfte) weiss, da stimmt einiges nicht. stichworte: sich besser darstellen (schlecht für blick), was haben sie gestern gelesen, in der letzten woche (schlecht für publikationen die zweimal in der /im woche/monat/quartal erscheinen). zudem kein unterschied zwischen bezahlt und beim bäcker/im flugzeug untergejubelt und dann kommen noch alle scherzkekse dazu. ich habe den völkischen beobachter unter “übrige” angegeben. “ist das eine deutsche zeitung” – “ja”. ich vertraue auf offene ohren und einen gesunden menschenverstand: wenn man von sechs leuten z.b. ohne zu fragen, die information erhält, dass die weltwoche nicht mehr gelesen wirde, ist das mehr wert, als eine statistisch unsaubere (basis) erhebung mit schielen auf die werbewirtschaft.

  11. mds
    schrieb am 12. September 2007 um 10:26 Uhr (#)

    @Ronnie, Peter: Für Euch «Ausländer» sind die Artikel NZZ-atypisch auch unter http://www.nzzfolio.ch/ verfügbar.

  12. mds
    schrieb am 12. September 2007 um 10:30 Uhr (#)

    wer einmal ein solche befragung mitmachen (musste, durfte) weiss, da stimmt einiges nicht.

    Jene Personen, die für solche Telefonumfragen überhaupt erreichbar sind, stellen wohl eine Zielgruppe für sich dar? wenn sie denn überhaupt Deutsch sprechen.

    ich vertraue auf offene ohren und einen gesunden menschenverstand: wenn man von sechs leuten z.b. ohne zu fragen, die information erhält, dass die weltwoche nicht mehr gelesen wirde, ist das mehr wert, als eine statistisch unsaubere (basis) erhebung mit schielen auf die werbewirtschaft.

    Stimmt. Allerdings staune ich im Bezug auf die «Weltwoche» jeweils, wie viele behaupten, sie nicht (mehr) zu lesen, aber dennoch jeden Satz der aktuellen Ausgabe empört zitieren können.

  13. Jean-Claude
    schrieb am 12. September 2007 um 11:26 Uhr (#)

    Die Aussagekraft der Wemf-Befragungen muss man meiner Meinung nach sehr stark relativieren. Aber es sind nun einmal die einzigen einschlägigen Zahlen und Mediaplaner halten sich sklavisch daran. Sie müssen ja ihren Auftraggeber gegenüber begründen, warum sie wo Anzeigen schalten. Erfolgskontrollen über die Wirkung von Anzeigen gibt es so gut wie keine.

    So sehr ich z.B. Folio schätze, zweifle ich – aus Erfahrung – daran, dass es so intensiv gelesen wird wie die Zahlen aussagen. Jeder NZZ-Leser antwortet doch: KLar lese ich jedesmal Folio und zwar von vorn bis hinten. Will sich doch keiner eine Blösse geben. Wie gesagt: Ich liebe Folio, bezweifle aber die Zahlen energisch.

    Andersherum gehts auch: Kaum ein Befragter würde einräumen, dass er regelmässig Horoskope liest. Macher wissen aber: Es ist einer der mit Abstand am meisten gelesenen Rubriken jeder Zeitung.

    Tiefergehende Leserbefragungen, Copytests usw. sind sehr aufwändig und trotzdem wenig zuverlässig. Ich habe das selber erlebt: Vor dem Relaunch einer Zeitung wurde eine intensive Leserbefragung gemacht. Das Ergebnis bestätigte die Relaunchpläne der Macher voll und ganz. Sie wurden umgesetzt. Bald stellte man fest. Das neue Konzept kam gar nicht an, die Auflage sank spürbar. Man machte eine neue Leserbefragung – mit total konträrem Ergebnis. Der Relaunch würde rückgängig gemacht – die Auflage stieg wieder. Seitdem halte ich Leserbefragungen für Müll.

  14. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 12. September 2007 um 11:50 Uhr (#)

    @mds: Ich bin aber ein Fan von Papier (wenn es gut bedruckt ist)!

  15. Daniel Weber
    schrieb am 12. September 2007 um 15:09 Uhr (#)

    @Peter Sennhauser: Da können wir drüber reden, melden Sie sich doch bei mir.
    @ Jean-Claude: Ich teile die Zweifel voll und ganz. Wenn ich mich richtig erinnere, lautet die Wemf-Frage sogar: “Haben Sie die letzte Ausgabe von XY gelesen oder durchgeblättert…?”
    Aber es ist halt so, wie Sie sagen: Auf andere Zahlen kann sich die Branche nicht abstützen. Und zumindest in der Tendenz sind sie wohl nicht ganz falsch.

  16. Jean-Claude
    schrieb am 13. September 2007 um 10:20 Uhr (#)

    Daniel, ich glaube nicht mal, dass die Tendenz wirklich stimmt. Es ist Kaffeesatzleserei, auf der eine milliardenschwere Industrie aufbaut. Man glaubt es nicht, aber es ist so.

    Mich wundert, dass da niemand genauer dahinter schaut. Zumindest als Anzeigenkunde würde ich genauer wissen wollen, auf Grund welcher Kriterien (ausser den dubiosen Wemf-Zahlen) die Mediaplaner mein Geld verbuttern.

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