Deutscher Herbst im Blätterwald

Die Herausforderung dieser Tage: Ein bekanntes Thema gut aufschreiben, einen neuen Dreh finden, nochmal gründlich nachdenken – und auch: Gut verpacken. Wir zeigen vier Editorial-Design-Beispiele.

Vor dreißig Jahren, im September und Oktober 1977, spielte sich der Deutsche Herbst ab. Folglich ist derzeit publizistisch einiges los. Vorgelegt hat die Zeit, die vergangene Woche ein Interview mit Helmut Schmidt aufgemacht hat (“Ich bin in Schuld verstrickt”).

Die Bilder aus dem Deutschen Herbst sind allgegenwärtig, erst im Frühjahr wieder ins kollektive Gedächtnis gerufen während der Kontroverse um die frühzeitige Haftentlassung Christian Klars. Die Fotos zeigen die immer gleichen Szenen, die immer gleichen Personen und das alles auch noch in körnigem schwarz-weiß. Also was tun?

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Welt am Sonntag, 2.9.2007: Dossier (“Deutschlands Drama im Herbst 1977″) mit Infografik

Ins Detail gehen! Die Deutschlandkarte rechts oben weist den Weg: Die Infografik in der Welt am Sonntag zeigt das Gefängnis Stuttgart-Stammheim, wie es sich den Beamten am 18. Oktober 1977 darstellte. Der Aufriss Tote zeigt detailversessen den siebten Stock der Haftanstalt, die toten RAF-Terroristen in den herausgelöst und vergrößert dargestellten Zellen, auf dem Boden klebt noch Blut. Kleine Texte erklären anhand von Gegenständen (“Bett”, “Tatwaffe”), die in der Illustration durch Nummern angezeigt werden, das Ende der Terroristen.

Die Momentaufnahme gelingt hervorragend, suchend kann man sich durch den siebten Stock tasten und erfährt nebenbei eine große Anzahl Fakten. Dieses Detailwissen ist die offensichtliche Seite der “Mord-Nacht” von Stammheim, für Einordnung und Deutung ist der Artikel zuständig. Die Infografik illustriert also, und erzählt keine eigene Geschichte. “Was genau in dieser Nacht geschah, ist bis heute nicht vollständig geklärt”, sagt der Begleittext zur Grafik. Der Eindruck nach Betrachtung von rund 630 cm² verdichteter Information ist gegenteilig.

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Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: Portrait von Hanns Martin Schleyer (“Gefangen im eigenen Ruf” von Nicolas Wolz)

Hier der Klassiker: Schwarz und Rot sind seit jeher die typischen Farben einer RAF-Geschichte. Ein blutiger Handabruck, viel weniger subtiler kann Schuld gar nicht an einem Menschen kleben. Die FAS bringt zwei große Fotos von Hanns Martin Schleyer – schwarz-weiß – und setzt mit der roten Bluthand einen vorsichtigen Farbakzent.

Die einfache Illustration mit der Signalfarbe Rot funktioniert als Kontrast zu den schwarz-weiß-Fotos und läßt keinerlei Zweifel aufkommen: Gewalt, Blut, Terror. Auf der ansonsten nüchtern-geradlinig gehaltenen Seite fällt diese organische Form sofort auf – ist allerdings fast zu klein, als traute man dem Symbol letztlich doch nicht.

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Neon, September 2007: “Langer Abschied”, Essay von Martin Knobbe

Zurück zum Ort des Geschehens geht die Neon in der aktuellen Ausgabe. Wie haben sich die Orte verändert, deren historisches Abbild medial überall präsent ist? Im Gefängnis Stammheim sitzen heute jugendliche Straftäter, wo früher Schüsse fielen, flanieren heute Spaziergänger – das Leben geht weiter. Wer weiß schon, was an diesen Orten vor dreißig Jahren geschehen ist?

Die Gegenüberstellung von historischem Zeitdokument und aktueller Momentaufnahme holt Geschichte zurück in die heutige Lebenswelt. Da das aktuelle Gegenüber meist an Banalität nicht zu übertrefffen ist, nutzt sich der Aha-Effekt – wichtige Ereignisse fanden hier, mitten in dieser langweiligen Gegend statt – schnell ab. Soviel verändert hat sich augenscheinlich nicht an diesen Orten. Ein interessanter Wahrnehmungsbruch, erschütterte der Deutsche Herbst doch die Grundfesten der Republik.

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taz, 1.9.2007: Satte 12 Seiten Dossier (“Jeder kann dabei sterben”)

Für die taz hat Dieter Jüdt Collagen aus Zeichnungen und Fotos erstellt. Durch die zwölf Seiten ziehen sich die Collagen als visuelles Bindeglied zwischen den verschiedenen Texten des Dossiers. Die bekannten Fotos wurden künstlerisch verfremdet – durch die Überlagerung von gezeichneten und fotografierten Bildern passen mehr Informationen, mehr visuelle Reize in eine Abbildung. Über den Zusammenhalt des Dossiers hinaus wirken sie chaotisch, aufgeregt, konstruiert – und schaffen so innerhalb der knapp bemessenen Bilderrahmen eine Grundstimmung. Um die Collagen herum allerdings triste Bleiwüste, Zitate und Chronik erweitern die Texte um zusätzliche Informationen, sind aber eingeengt und umstellt von Buchstaben.

Wie Artikel um die RAF und den Deutschen Herbst in den nächsten Wochen gestaltet werden, wollen wir hier zeigen. Hinweise gerne in den Kommentaren.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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