Medienmogul Rupert Murdoch steht kurz vor einem Deal mit Dow Jones, der Muttergesellschaft des renommierten Wall Street Journal. Wenn alles klappt, wird Murdochs Firma News Corp. Dow Jones für $5 Mia. übernehmen.
In den USA machte dieser Deal schon seit Monaten Schlagzeilen, da die Eignerfamilie Bancroft sich immer noch windet, die traditionsreiche Firma an den umstrittenen Medienmogul zu verkaufen. Vor allem aber war das Interesse der Medien wohl so gross, weil von den meisten Journalisten befürchtet wird, dass das angesehene Wall Street Journal seine journalistische Eigenständigkeit verlieren könnte. Murdoch als Eigner der rechtsgerichteten Fernsehkette Fox hat diesbezüglich nicht gerade den besten Ruf und steht oft im Verdacht, seine Medienunternehmen für seine eigenen politischen Präferenzen einzuspannen. Und jetzt, so die Mutmassung, nutzt er die Gunst der Stunde, um einen der angeschlagenen Zeitungskonzerne zu übernehmen und für seine Zwecke zu nutzen.
Doch diese Analyse greift wesentlich zu kurz. Erstens ist Murdoch bereit, einen sehr anständigen Preis zu bezahlen, denn vor einigen Wochen war Dow Jones nur gut die Hälfte dessen wert, was Murdoch jetzt auf den Tisch legen würde. Von Notverkauf kann also keineswegs die Rede sein. Zweitens sieht man, wenn man sich mal die Finanzdaten von Dow Jones genauer anschaut, sehr schnell, dass die Firma ihr Geld schon lange nicht mehr mit bedrucktem Zeitungspapier verdient.
Nein, der Löwenanteil der Gewinne von Dow Jones kommt aus dem Segment “Enterprise Media”, das sind Informationsdienste für Firmen, primär in der Finanzbranche. Dort macht das Unternehmen mehr als 100 seiner $150 Mio. operativen Gewinn. Und diese Profi-Medien sind heute natürlich praktisch alle digital.
Ausserdem ist das Wall Street Journal weit und breit die grösste Erfolgsgeschichte für ein erfolgreiches Online-Abomodell. 811′000 Abonnenten zahlen je $99 Abogebühren im Jahr für den Zugang zu wsj.com. Dow Jones sagt zwar nicht, welcher Anteil der Gewinne der Zeitungssparte schon aus dem Online-Geschäft kommt, aber unbeträchtlich ist diese Quote sicher nicht.
Murdoch ist dafür bekannt, für seine Akquisitionen scheinbar hohe Preise zu bezahlen, die sich später als Schnäppchen herausstellen. Als er sich für gut $500 Mio. vor zwei Jahren MySpace kaufte, hielten ihn alle für verrückt. Aber als er diesen Kauf schon kurz später durch einen Riesendeal mit Google amortisierte, verstummten die Kritiker. Und heute halten die meisten Insider die MySpace-Akquisition für den Gelegenheitskauf des Jahrzehnts.
Gut möglich, dass das auch bei Dow Jones und dem Wall Street Journal ähnlich herauskommen wird. Murdoch kauft sich damit eine Firma, die in den digitalen Medien für den lukrativen Finanzsektor exzellent positioniert ist. Dass er damit auch noch eine prestigeträchtige Zeitung mit dazu bekommt, stört sicher nicht. Aber warum sollte er den Wert der Marke Wall Street Journal durch Eingriffe in die journalistische Unabhängigkeit beeinträchtigen? Murdoch ist zunächst Geschäftsmann, und erst dann Ideologe. Und vor allem hat er ein exzellentes Gespür für gute Gelegenheiten.