Google News: Schweizer Verleger wollen klagen und Konkurrenz bauen
Von Andreas Göldi am 29. August 2007 um 15:51 Uhr Kommentare (13)
Kategorien: Analysen
Erstaunliches vernimmt man aus der Schweizer Medienszene: Der Verband Schweizer Presse, die Dachorganisation der Schweizer Verlage, überlegt sich nach dem Vorbild ihrer belgischen Kollegen eine Klage gegen Google wegen “Nachrichtenklau” auf Google News, falls Google nicht für die Inhalte zahlen will. Und ausserdem überlegt sich der Verband, eine Konkurrenzsite zu Google News aufzubauen.
In Zeiten in denen sich selbst publizistische Urgesteine wie die New York Times, das Wall Street Journal und der Economist immer mehr für Suchmaschinen öffnen, erstaunt das doch ziemlich. Offensichtlich erhofft man sich beim Verband aufgrund des Google-Urteils aus Belgien, dass man wenigstens eine gewisse Chance hat, an ein bisschen Google-Geld zu kommen.
Ein wenig fragt man sich natürlich, warum die Verleger ausgerechnet Google bekämpfen wollen. Wenn man nämlich mal auf einer beliebigen Suchmaschine nach Nachrichtenquellen aus der Schweiz sucht, findet man wesentlich prominenter platziert:
- news.search.ch (gehört der Schweizer Post, also faktisch dem Staat)
- Swiss TXT und Swissinfo.org (gehören beide der Schweizer Radio- und Fernsehgesellschaft, also faktisch dem Staat)
- bluewin.ch (gehört der Swisscom, also zur Mehrheit, äh, dem Staat)
- news.ch und nachrichten.ch, zwei unabhängige Portale des ISPs Vadian.net
Alle diese Sites übernehmen zwar nicht direkt Inhalte von Zeitungswebsites, aber fahren im Gegensatz zu Google News eigene Werbeplätze und dürften damit ja wohl die kommerziell wesentlich relevantere Konkurrenz sein.
Und: Keine dieser Sites bringt durch Verlinkung massiv Traffic auf Zeitungswebsites, wie Google News das tut.
Laut Verbandspräsident Norbert Neininger ist aber gerade der positive Traffic-Effekt von Google eigentlich zu vernachlässigen, da man beim Verband davon ausgeht “dass vielen Lesern die Textanrisse auf news.google.ch genügen, und sie darauf verzichten, den Artikel in voller Länge auf den Newsportalen der Medienhäuser zu lesen”. Ah ja. Den Leser möchte ich mal kennenlernen, der sich durch eine Headline und eineinhalb Sätze ausreichend informiert fühlt. Warum bloss sehen das offenbar die Verleger aus dem englischsprachigen Raum ganz anders?
Nun kenne ich zufällig einen grossen Teil der Herren, die im Präsidium des Verbandes Schweizer Presse sitzen, persönlich (mehr zum Hintergrund hier) und kann darum versichern, dass es sich keineswegs um ahnungslose Ewiggestrige handelt, sondern um intelligente und knallhart kalkulierende Geschäftsleute. Aber diese Verleger herrschen nun leider alle über ein langsam abbröckelndes Kerngeschäft, und da ist es wohl kaum erstaunlich, dass man sich nicht nur verteidigen will, sondern auch gern mal alternative Wege sucht, um die Geschäftsergebnisse etwas aufzubessern. Und natürlich erscheinen da die tiefen Taschen des Suchmaschinengiganten aus Mountain View wohl als äusserst attraktives Ziel.
Verständlich, aber vermutlich langfristig müssig. Wenn nicht mal NYT und WSJ bei Google erfolgreich Geld abgreifen können, wird der Suchgigant denn wohl wirklich den kommerziellen Wünschen der “Schaffhauser Nachrichten” und des “Boten der Urschweiz” nachgeben? Wahrscheinlich wäre es eine wesentlich bessere Strategie, die Trafficgenerierung via Suchmaschinen zu optimieren und so die eigenen Werbeumsätze der Zeitungswebsites zu steigern. Und darauf, dass man auf den Zeitungssites noch das eine oder andere optimieren könnte, habe ich hier ja auch schon verwiesen.
Auch spannend ist die Meldung, dass ein Verbund von sieben Schweizer Medienhäusern sich überlegt, eine Konkurrenzsite zu Google News aufzubauen. Da ich selbst einmal die Ehre hatte, ein solches (gescheitertes) Projekt im Umfeld dieses Verbandes zu leiten, kann ich dazu nur drei Dinge sagen:
Erstens: Zeitungsverleger (nicht nur die in der Schweiz) können alles mögliche, aber Kooperation gehört nicht gerade zu ihren Stärken. Die jahrzehntelange Existenz als Quasi-Monopolisten in ihren jeweiligen Regionen zeigt da wohl ihre Spuren in einer ziemlich unterentwickelten Kompromissfähigkeit. Im Vergleich zu einem typischen Verlegertreffen wirkt das aktuelle irakische Parlament geradezu harmonisch und konstruktiv.
Zweitens: Innovation passiert nicht in Verbänden, sondern in Firmen (und zwar am besten in kleinen und flexiblen). Verbände werden gegründet, um den Status Quo zu verteidigen, aber bei Innovationsprojekten geht es gerade darum, den Status Quo zu erschüttern. Wenn Verbände und Konsortien Innovation betreiben wollen, wird erst einmal in endlosen Arbeitsgruppensitzungen versucht, alle firmenpolitischen Interessen unter einen Hut zu bringen. Um das eigentliche Produkt geht es fast nie.
Drittens: Timing und Kundenorientierung sind (wären) wichtig. Dem Medienbericht zufolge diskutieren die Verleger schon seit Monaten über ihre Strategie gegenüber Google und wollen “Mitte September” entscheiden, ob man das mit der Konkurrensite denn nun wirklich machen will. Unterdessen verbessert Google wohl beinahe täglich seine Filteralgorithmen und bietet so ein immer besseres Produkt an, das extrem schwer einzuholen sein wird. Google konzentriert sich auf den Kundennutzen, der Verband auf Politik. Und währenddessen treten auch noch immer mehr Startups wie yigg.de oder Wikio auf den Plan, die das Medienverhalten weiter ändern.
Viel besser als diese Verbandshuberei wäre es zum Beispiel, gemeinsam in einen Venturefonds zu investieren, der gezielt Medienstartups finanziert, entwickelt oder schlicht aufkauft. So bekommt man Zugang zu innovativen Projekten in einer sehr frühen Phase und kann mit der Zeit das Kerngeschäft unterstützen. Aber das wichtigste dabei: Finger raus aus dem Tagesgeschäft dieser Startups! Bei solchen Investments muss es darum gehen, erfolgreiche und eigenständige Firmen aufzubauen, nicht irgendwelchen anderen Zwecken zu dienen.
Zum Schluss noch eine Anekdote aus “meinem” Verlegerverbandsprojekt von damals: Nachdem es in einer Sitzung der beteiligten Parteien wieder mal endlos darum gegangen war, wie man die vielen widersprüchlichen Interessen unter einen Hut bringen und den (noch nicht erzielten) Gewinn verteilen könnte, regte ich an, dass wir doch vielleicht auch mal darüber reden könnten, was denn die zu bauende Internet-Plattform genau leisten wird und was der daraus erzielbare Kundennutzen sein könnte. Nach einem Moment betretener Stille wurde ich von einem bekannten Verlagsmanager zurechtgewiesen: “Herr Göldi, hier geht es nicht um Kunden.”
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13 Kommentare
also der artikel ist eine wirklich gute herleitung zur schlusspointe, die ich genial finde :-)
Thomas
schrieb am 29. August 2007, 18:07 Uhr (Permalink zum Kommentar)Das erklärt einfach alles - herrlicher Artikel! Gratulation Andreas.
bugsierer
schrieb am 29. August 2007, 20:10 Uhr (Permalink zum Kommentar)bravo für diesen text. sehr erhellend. – knalltüten, diese verleger, unglaublich. muss man sich ja schämen …
Thomas Suter
schrieb am 30. August 2007, 12:05 Uhr (Permalink zum Kommentar)Was die Verleger hier verteidigen ist kein Einzelfall. Stellvetretend für diese Mentalität wäre etwa der “Grosshandelsverband der Sanitären Branche SGVSB” zu nennen: Es gibt keine Möglichkeit, Produkte dieser Branche (aus einheimischer Produktion) jenseits der eingespurten Vertriebskanäle zu erwerben, nicht einmal Muster direkt vom Hersteller. Was der ahnungslose Konsument in den Baumärkten vorfindet, ist ausländische Kost, natürlich zum halben Preis.
Die Schweiz ist wahrlich gut durchorganisiert, kartellmässig.
«Google News» könnte den Spiess genaugenommen umdrehen und den helvetischen Verlegern eine Rechnung für die Promotion ihrer Erzeugnisse im Web präsentieren - und damit drohen, den Stecker zu ziehen.
Rafael
schrieb am 30. August 2007, 13:31 Uhr (Permalink zum Kommentar)Warum bezahlt google in Belgien? Ich bin mit Dir einig, dass Verleger nicht unbedingt zu den Innovationstreibern im Mediengeschäft gehören - aber ich sehe durchaus ein, dass es einen Newsdienst von google nur geben kann, weil andere Menschen (nicht google) sich die Mühe machen, News zu produzieren.
Blau heisst nicht zwingend richtig.
marcel bernet
schrieb am 7. September 2007, 10:31 Uhr (Permalink zum Kommentar)salü andreas - danke für deine recherchen. so was habe ich gesucht für meinen post zu facts 2.0: http://bernetblog.ch/2007/09/06/facts-lebt-gerade-geboren-ganz-anders/ - und gleich nachgetragen.
also da klagt man im august gegen google und tamedia macht denn gleich dasselbe, samt auch bei google in den usa kritisierter kommentarfunktion.
Urs Gossweiler
schrieb am 7. September 2007, 20:21 Uhr (Permalink zum Kommentar)Sehr geehrter Herr Göldi
Leider gibt es nicht viele Medienkenner in der Schweiz, die durchblicken und es auch entsprechend formulieren dürfen. Sie gehören definitiv dazu. Danke für Ihrem akutellen Gastkommentar in der WerbeWoche zum Thema «Schweizer Presse versus Google». Tut gut seine Meinung bestätigt zu bekommen!
Schöne Grüsse aus dem Mikrokosmos Jungfrau
Urs Gossweiler, Verleger Jungfrau Zeitung
GENiALi
schrieb am 20. September 2007, 11:27 Uhr (Permalink zum Kommentar)Gut geschrieben. Irgend wie Typisch.
Du Musikindustrie tut/tat sich auch schwer mit den neuen Medien.
Frank Huber
schrieb am 5. Oktober 2007, 16:22 Uhr (Permalink zum Kommentar)Hallo, Herr Göldi - ich habe Ihnen extra einen Blogpost als Antwort gewidmet. Leider erscheint er hier nicht, da Sie entgegen der sonst üblichen Verfahrensweise Trackbacks nicht veröffentlichen.
Dafür jetzt hier meine Antwort auf ihren o.g. Blogpost: http://blog.firstmedia.de/?p=853
Andreas Göldi
schrieb am 5. Oktober 2007, 19:15 Uhr (Permalink zum Kommentar)Der Spamfilter ist wohl etwas sehr streng eingestellt bei Trackbacks, ich werde versuchen, das zu aendern. Naechster Post zum Thema ist in Vorbereitung.
Stefan
schrieb am 10. Oktober 2007, 19:16 Uhr (Permalink zum Kommentar)Toll geschrieben! Macht wirklich Spaß zu lesen, werde wiederkommen :-)
Pete
schrieb am 7. November 2007, 14:28 Uhr (Permalink zum Kommentar)Genialer Beitrag. Ein paar der Herren Verleger habe ich leider auch schon kennen gelernt und rasch gemerkt:
Was es denen an publizistischen Visionen mangelt, machen sie an skrupellosen Interessenspolitik mehr als nur wett.
Da bleibt zu hoffen, dass Google dem Altherrenklub tüchtig einheizt.
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valentin
schrieb am 29. August 2007, 17:42 Uhr (Permalink zum Kommentar)