Roger Schawinski:
Die TV-Falle Die verbotene Liebe zur Qualität

Medienpionier Roger Schawinski war bis 2006 Senderchef bei Sat.1 in Berlin. Nun hat er über diese Zeit ein Buch geschrieben: “Die TV-Falle”. Wir haben es gelesen und schreiben darüber. Ausführlich.

Die TV-Falle

An jedem Morgen um 8:08 Uhr kamen erste Zahlen per SMS. Keine zehn Minuten später die Details auf dem Blackberry. Jeder Tag von Roger Schawinski, Senderchef von Sat.1, begann mit der Quote vom Vortag. Und mit der Quote beginnt auch “Die TV-Falle”, sein Buch über die Zeit beim großen deutschen Privatsender.

Die Quote. Um sie dreht sich alles. Sie ist der Sachzwang, unter dessen Einfluss Sendungen verschoben, abgesetzt oder wiederholt werden, und sie ist der Grund dafür, dass mächtige Fernsehmanager vor Schauspielern buckeln und für ein Besänftigungs-Abendessen quer durch Deutschland fliegen.

Schawinski, der Nimmermüde, der Marathonläufer, öffnet sein Nähkästchen gleich zu Beginn des Buches. Seriendarsteller wie Ottfried Fischer – und mehr noch seine Frau und Managerin Renate – oder Alexandra Neldel bekommen ihr Fett weg. Anekdotenreich und mit einem gerade noch informativen Namedropping-Niveau (Borchardt, Lutter & Wegner) erzählt Schawinski von aufkommenden Star-Allüren und wie die Sender- (und Budget-) Verantwortlichen ihnen zu begegnen versuchten.

“Einige wenige Sätze als Moderator einer obskuren Sendung irgendeines Senders, und schon ist man ein neuer Mensch mit eigenem ‘Management’, das von nun an gegen eine kräftige Provision jeden beruflichen Schritt begleitet.” (S. 16)

Da hört man die Worte durch, die damals auf den Fluren des Senders gesprochen wurden – und so ähnlich sicher täglich auf den Fluren aller Sender geäußert werden.

“Anhand Beschreibungen von Begegnungen mit Menschen und Situationen sollen möglichst praxisnah Erklärungen über Zusammenhänge und Abläufe der Fernsehindustrie dargestellt werden”,

so schreibt Schawinski noch sehr akademisch in der Einleitung und mausert sich dann schnell zum talentierten Erzähler eines Dramas, das man nicht mehr aus der Hand legen mag. Sein Plot: Schweizer Medienpionier zieht in den Norden und übernimmt Krone und Zepter eines großen deutschen Fernsehreiches. Aber er leidet. Er leidet drei lange Jahre an einer verbotenen Liebe: der Liebe zur Qualität. “Im Seichten kann man nicht ertrinken”, so wird der ehemalige RTL-Chef Helmut Thoma zitiert, und um die Frage, ob das stimmen muss, dreht sich Schawinskis Buch. Man muss kein Hellseher sein, ja, man muss nicht einmal viel fernsehen, um anzunehmen, dass er die Frage eher negativ beantworten wird.

Die Karriere von Roger Schawinski sollte man betrachten, um einige seiner Aussagen in der “TV-Falle” besser einordnen zu können. Der 62-Jährige ist ein Medienmacher, der nach immer neuen Herausforderungen sucht, ein hervorragender Journalist, mit dem Spezialgebiet 1:1-Interviews, der sich nach eigenen Angaben der Wahrheit verpflichtet fühlt, nur manchmal für den Geschmack vieler Zuschauer etwas hart mit anderen ins Gericht fährt. So verließ der Schweizer Parteipräsident Ueli Maurer einmal eine Talksendung, nachdem ihm Schawinski sagte, es sei wohl kein Geheimnis, dass er seinen Job nur dank des Hintermannes Christoph Blocher innehabe (Video, youtube.com, 1:16 Minuten). Ein anderes Mal warf er in einem Anfall impulsiver Art ein Buch der Autorin Catherine Herriger durchs Studio, weil es ihm missfiel.

Schawinski ist in der Schweizer Medienlandschaft bekannt wie fast kein anderer, wurde darum bereits zum Ziel von Parodien. Besonders bekannt wurde Viktor Giacobbo, der sich in sein Outfit kleidete (Bild) und typische Schawinski-Aussagen gebetsmühlenartig wiederholte.

Traditioneller Feind des Gründers des ersten Privatradio- sowie des ersten Privat-TV-Senders der Schweiz ist das Schweizer Fernsehen, die dahinter stehende SRG sowie alle Politiker, die deren Monopolstatus aufrecht erhalten möchten. Erst am Wochenende forderte Schawinski in der Sonntags-Boulevardpresse den Kopf des aktuellen Medienministers Moritz Leuenberger.
Mit Monopolen rechnet er auch in der “TV-Falle” ab. Hier sind es die Öffentlich-Rechtlichen und die Einflussnahmen der Landesmedienanstalten, die ihn auf einigen Seiten regelrecht zürnen lassen. Sie gehören zu den besten Stellen, es sind aber auch die Stellen, an denen man sich manchmal mehr Informationen wünscht. 192 254 Seiten hat die “TV-Falle”, 280, 300 hätten es problemlos werden dürfen.

Mehr über diese 254 Seiten Blicke hinter die Kulissen, über CSI und Verliebt in Berlin, gelungene und gefloppte Experimente – und wie die Marktforschung weder das eine noch das andere erklären konnte – im zweiten Teil unserer Besprechung.

» Zu Teil 2 | Zu Teil 3

Schawinski, Roger: Die TV-Falle. Erscheint im Verlag Kein & Aber, 254 Seiten, ISBN: 978-3-0369-5505-6

Preis: ? 16.90, SFr. 29.80 (amazon.de, books.ch)

Mitarbeit an diesem Artikel: Ronnie Grob

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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1 Kommentar

  1. A. Kuhn
    schrieb am 21. August 2007 um 09:45 Uhr (#)

    “Wir haben es gelesen und schreiben darüber. Ausführlich.”

    Ich freue mich! Wann geht es los?

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