20 Minuten erfindet neue Orte

Maisfeld bei Neuenfeld? Neuenfelder Mord? Tötungsdelikt am Libanesen in Neuenfeld? Die Fantasie des Online-Portals der Gratiszeitung 20 Minuten blüht.

Neuenfeld Neuenhof Verbrecher der Schweiz

Es gibt verschiedene Arten, wie man zu Bildstrecken, in denen “Switzerland’s Most Wanted” präsentiert werden (und immer mal wieder von einer Werbung für Mobiltelefonabos unterbrochen werden), stehen kann.

Aber es gibt im Kanton Aargau, der heute Gastkanton ist hier in Berlin, nur ein Neuenhof. Und kein Neuenfeld. Ein Neuenfeld gibt es in der ganzen Schweiz keines. Dennoch kann man auf 20min.ch in den Bildstrecken-Unterzeilen mehrmals von diesem ominösen Ort lesen:

Neuenfeld 1

Neuenfeld 2

Neuenfeld 4

Manchmal ist mehr Text da als die drei Zeilen, die standardmässig angezeigt werden. Dann bricht der Text ab. Und der Leser weiss nicht, was “in diesem Tötungsfall” … “wird”.

Wie gesagt gibt es ein Neuenhof. Und Neuenhof ist 20minuten.ch nicht unbekannt, denn noch in der gleichen Bildstrecke taucht das Dorf wieder auf:

Neuenfeld Neuenhof

Von wo die Informationen sind? Natürlich von der Polizei. In dieser Fahndungsliste kann man alle von 20 Minuten aufgeführten Verdächtigen finden. Zu der zusammen mit dem ersten Text abgebildeten Frau heisst es in einem weiterführenden Link der Aargauer Kantonspolizei: “Befragung im Tötungsdelikt vom August 2004 in Neuenhof“. Ein vierter im Mordfall Verdächtiger, ein “belarusischer Staatsangehöriger, 170cm, mittlere Statur, schwarze Haare, Stirnglatze”, wird hingegen nicht aufgeführt. Was die Auswahl der “Switzerlands Most Wanted” zu einer willkürlichen Auswahl von 20 Minuten macht.

Wer überhaupt der von 20 Minuten “halbverwester Libanese” bezeichnete Mensch war, ist mir auch nach längerer Lektüre verschiedener Quellen unklar.

Aktenzeichen XY (ZDF) weiss, dass es sich um Miri Ahmad handelt (31.05.2007):

Bei Mäharbeiten in einem Maisfeld wird am 8. November 2004 in Neuenhof/Schweiz eine Leiche entdeckt. Erst umfangreiche gerichtsmedizinische Untersuchungen führen zur Identifizierung des Toten. Sein Name: Miri Ahmad.

Einer undatierten Meldung der Aargauer Kantonspolizei gemäss soll es sich aber um einen Ali Razzouk handeln:

Wie heute feststeht, handelt es sich bei ihm um den seit dem 7. August 04 in der Asylantenunterkunft in Wettingen vermissten Asylbewerber Razzouk Ali, 1960.
Weitere Ermittlungen im Umfeld des Toten führten zu drei Männern (siehe Bilder), Asylbewerber aus dem Osten. Wie die Polizei heute weiss, standen diese im letzten Jahr in mehr oder weniger enger Beziehung zu Razzouk.

Seit 1999 (und offenbar noch immer) sucht auch die Berliner Polizei einen Libanesen mit dem Namen Ali Razzouk, der nach einem Restaurantbesuch spurlos verschwand. Dieser Ali Razzouk hat aber gemäss der Meldung der Berliner Polizei einen anderen Jahrgang:

Ali Razzouk (geboren 1973 im Libanon) war am 14. Juli 1999 kurz nach 09.00 Uhr, nach einem Urlaub in seinem Geburtsland, in Berlin-Tegel gelandet. Er stellte das Gepäck in seiner Wohnung ab und begab sich anschließend in das Restaurant “Casale” in der Fischerhüttenstraße in der Nähe des U-Bahnhofs Krumme Lanke.

Wie das ist? Ich weiss es auch nicht. Bei undatierten und vermutlich überholten Pressemeldungen der Polizei im Netz handelt es sich jedenfalls nicht um den Idealfall. Selbst wenn es um verstorbene Personen geht.

(Bilder: Screenshots 20min.ch)

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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