MySpace:
ein Drittel der Nutzer inaktiv?

Martin Weigert, 26. Juli 2007 22:07 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

myspace.gifMySpace-Manager Travis Katz, verantwortlich für das internationale Geschäft des größten Social Networks der Welt, ist in letzter Zeit gleich mehrfach mit der mutigen Vision in Erscheinung getreten, MySpace möchte in zwei Jahren Deutschlands größte Internetseite sein. Erst sprach er mit der FAZ, dann gab er dem FOCUS ein Interview und schließlich kam auch das Handelsblatt zum Zug. Der Tenor: MySpace wird weiter wachsen und hat mehr als 180 Millionen Nutzer weltweit, vier Millionen davon in Deutschland. Entgegen der allgemein verbreiteten Annahme, bei MySpace würden sich hauptsächlich Teenager aufhalten, sind die aktivsten Nutzer laut Katz eher Twens statt Teens mit einem Durschnittsalter von 16 bis 28 Jahren. Seiner Aussage nach hat die Community eine breitere Demographie als andere soziale Netzwerke.

Ich war sicher nicht der einzige, den beim Lesen von Katz’ Aussagen das Gefühl beschlich, die Situation bei MySpace soll angesichts des globalen Facebook-Hypes beschönigt werden. Keine der geäußerten Kernthesen entspricht der subjektiv wahrgenommenen Wirklichkeit. Die Zahl von mehr als 180 Millionen Nutzern mag zwar stimmen, doch wieviele davon sind wirklich aktiv? Zudem sagt sie nichts darüber aus, wo diese User beheimatet sind. Auch verrät sie nicht, auf welche Regionen die weiterhin starken Zuwächse zurückzuführen sind und ob es Länder gibt, in denen MySpace Nutzer verliert. So gern man Katz glauben möchte, dass MySpace tatsächlich über eine breitere Demographie verfügt als andere soziale Netzwerke, so schwer fällt es, betrachtet man die vielen bunten, flimmernden und unübersichtlichen Profile pubertierender Jugendlicher. Erst aus statistischer Betrachtungsweise erscheint seine Behauptung realistisch: Bei mehr als 100 Millionen Anwendern ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich darunter auch ein 100-Jähriger und eine Sechsjährige befinden, größer als bei einem Social Network mit 20 oder zehn Millionen Mitgliedern. Vielleicht hat er es so gemeint?

Die Zahl von vier Millionen MySpace-Accounts in Deutschland kann man glauben, sagt sie doch nichts darüber aus, wieviele deutscher Nutzer tatsächlich bei MySpace aktiv sind. Heutzutage trifft man kaum noch junge oder junggebliebene Menschen in Deutschland ohne studiVZ-Account. Fast alle meine Freunde und Bekannten sind bei studiVZ angemeldet und dort auch regelmäßig eingeloggt, nur wenige dagegen bei MySpace. Ich behaupte, dass ich damit kein Einzelfall bin. Gerade in Anbetracht der Schwerfälligkeit deutscher Internetnutzer hinsichtlich der intensiven Verwendung sozialer Netzwerke und der großen Zahl konkurrierender Anbieter ist nicht anzunehmen, dass MySpace in Deutschland auch unter dem Gesichtpunkt der Nutzeraktivität führend ist.

Spiegel Online verwies heute im Netzwelt-Ticker auf das interessante Ergebnis einer Studie. Die Untersuchung zweier amerikanischer Forscher sollte eigentlich herausfinden, wie unvorsichtig US-Teenager bei der Veröffentlichung sensibler Daten in ihrem MySpace-Profil sind. Nebenbei stellte man jedoch fest, dass von 1475 zufällig ausgewählten, öffentlichen Profilen von Usern unter 18 Jahren (Eigenangabe) ein Drittel schon seit mehr als drei Monaten nicht mehr in Benutzung war. Jedes zwanzigste Profil war seit einem Jahr inaktiv. Diese Zahl spricht eine deutliche Sprache. Jeder Anwender eines Social Networks weiß: Wer sich drei Monate lang nicht einloggt, zeigt definitiv kein Interesse mehr an der Community. Gerade die hohe Zahl von jungen Nutzern, die MySpace damit in den letzten Wochen den Rücken gekehrt haben, zeichnet einen für MySpace besorgniserregenden Trend.

Das Ergebnis der Studie lässt den Rückschluss zu, dass die Attraktivität von MySpace bei Teenagern (in den USA) in den vergangenen Monaten stark abgenommen hat. Da damit auch der Nutzwert von MySpace für Kontakte der inaktiven MySpace-User sinkt und zahlreiche Konkurrenten um die MySpacer buhlen, könnte sich dieser Prozess fortsetzen und verstärken. In Anbetracht der hohen Anziehungskraft, die das prosperierende Facebook auf 20- bis 30-Jährige ausübt, ist auch in dieser Gruppe mit einer ähnlich hohe Zahl inaktiver MySpace-Profile zu rechnen. Angenommen, das Drittel inaktiver Accounts ist zum aktuellen Zeitpunkt über alle Altersbereiche hinweg die Regel, dann läge die Zahl aktiver MySpace-Nutzer “nur” bei rund 120 Millionen weltweit. Das ist zwar nach wie vor sehr viel, doch die hohe Inaktivität ist kein gutes Zeichen für die Zukunft.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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2 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Holger

    schrieb am 26. Juli 2007 um 22:53 Uhr (#)

    Die Zahl 114 Millionen Nutzer stammt nicht von MySpace, sondern ist eine Messung der aktiven Nutzerschaft von Comscore. Insofern sollte die Zahl okay sein. Was aber auffällt: Facebook wächst zurzeit wesentlich schneller als MySpace. Wenn Facebook das Tempo aufrecht erhalten kann, werden sie bald an MySpace vorbeiziehen - was natürlich nicht ohne Folgen für MySpace bleiben wird.

  2. Martin Weigert

    schrieb am 26. Juli 2007 um 23:32 Uhr (#)

    Danke Holger. Mit den Zahlen ist das immer so eine Sache, da kann man sich leicht vertun. Ich habe den Beitrag entsprechend angepasst.


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