Sieg der Moralisten:
Öffentlich-rechtliches Aus für die Tour de France
Mitten in der Tour de France stoppen ARD und ZDF ihre Berichterstattung. Auf den Kanälen, die man zwangsläufig bezahlt, ist per sofort nichts mehr über das wichtigste Radrennen der Welt zu erfahren. Wer noch nicht schon längst auf Eurosport umgeschaltet hat, wird es jetzt tun. Und vermutlich nie mehr zurückkehren.
Dafür also zahlt man Gebühren: Für die moralische Hoheit der öffentlich-rechtlichen Sender. Mir nichts dir nichts steigen sie wegen einem Fahrer mit erhöhtem Testosterongehalt mitten in einer Etappe aus. Im Live-Ticker der ARD konnte man das so nachlesen:
13:58 Die Verfolgergruppe rückt Burghardt (TMO) auf den Pelz, beide trennen noch 50 Sekunden.
14:03 Liebe Radsportfreunde!
Aus gegebenem Anlass (Fall Patrik Sinkewitz) wird die Berichterstattung von der Tour de France 2007 zunächst ausgesetzt, bis die Vorwürfe gegen Sinkewitz geklärt sind.
Wir danken für Ihr Interesse!
A bientôt, ihr tour.ARD.de-Team
Meine Damen und Herren, es ist Ihnen wahrscheinlich egal, aber: Ich bin verärgert. Verärgert über die Arroganz, die mir, der ich mich als Fan der Tour de France bezeichne, entgegengebracht wird. Ich interessiere mich für die Radsport-Berichterstattung und nicht für die Doping-Berichterstattung.
Der Verdächtige Patrik Sinkewitz, bei dem am 08.06.2007 ein erhöhter Testosteronwert festgestellt wurde und der nach einem unglücklichen Zusammenprall mit einem 78jährigen Zuschauer am 15.07.2007 in einem Krankenhaus bei Hamburg liegt (faz.net), kam den Verantwortlichen wohl gerade recht, um mal ein Exempel zu statuieren und um die Muskeln spielen zu lassen. ARD-Programmdirektor Günter Struve und ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender verfügten einen Stopp der Berichterstattung “bis zur Aufklärung des Falls Patrik Sinkewitz” (was ungeahnt lange dauern könnte. Der unglückliche Fahrer sagte im Krankenhaus: “Ich? Wieso ich? Davon weiß ich nichts. Das kann nicht sein.”
Stellen wir uns doch einfach mal vor, die ARD und ZDF steigen mitten in der Sendung aus der Lindenstrasse aus, weil Frau Beimer ein Tablettenproblem hat. Oder sie unterbrechen das Finale der Fussball-WM zwischen Deutschland und Brasilien wegen einem Dopingfall und zeigen stattdessen einen Tierfilm. Oder sie stoppen die Tagesschau, weil der Sprecher als Kokser verdächtigt wird.
Ich kann es beim besten Willen nicht verstehen, wenn mitten in der Tour einfach der Stecker gezogen wird. Damit verärgert man alle Radsportfans, verunglimpft alle seriösen Radfahrer, beschuldigt den noch nicht verurteilten Sinkewitz und ordnet alles unter der eigenen, überhaupt nicht über alle Zweifel erhabenen Moral.
Mir hätte so ein Entscheid vor der Tour sicher auch nicht gefallen. Aber immerhin hätte ich dann einsehen können, dass mit dem eingesparten Geld vielleicht andere, ebenfalls wertvolle Sendungen produziert werden können. Nun aber geht es nur um Moral. Um eine zweifelhafte und scheinheilige Moral. Lesen wir doch mal einen kurzen Abschnitt aus einem F.A.Z.-Text vom 14.09.2006:
Man muß sich die Sache noch einmal kurz in Erinnerung rufen, um die Absurdität des Ganzen zu verstehen: Die ARD ist Sponsor des Radrennstalls Team Telekom von 1998 bis 2004 – schon das sollte ein öffentlich-rechtlicher Sender nicht unbedingt sein. Sie schließt – zunächst über den Saarländischen Rundfunk – einen sogenannten ?Mitwirkendenvertrag? mit dem Topsportler der Telekom-Mannschaft, Jan Ullrich. Maximal 195.000 Euro sind da drin. 2002 ruht der Vertrag, weil Ullrich des Dopings überführt wird.
Mitte 2003 wird, rückwirkend zum 1. Januar, die Vereinbarung abermals getroffen, jetzt gibt es sogar ein eingebautes Gratifikationssystem, das Ullrich für seine Bereitschaft, exklusiv der ARD zur Verfügung zu stehen, Extrageld verspricht, wenn er eine Etappe bei der Tour de France, bei der Deutschland-Rundfahrt oder bei den Olympischen Spielen gewinnt. Zuständig ist sein Freund Hagen Boßdorf, die beiden legen gemeinsam vier Bücher auf. Auch mit dem unter Dopingverdacht stehenden Berater Ullrichs, Rudy Pevenage, schließt der Saarländische Rundfunk für die ARD einen Vertrag ab. Er bekommt, wie Chris Carmichael, der Berater von Lance Armstrong, 2004 und 2005 pro ?Leistungstag? zwischen 500 und 1000 Euro (siehe auch: ARD hat auch Ullrichs Berater Pevenage bezahlt). Die Telekom war über das Geflecht, wie ihr Sprecher dieser Zeitung sagte, wenig erfreut. Und die Kollegen aller anderen Medien haben sich gefragt, warum Ullrich immer zuerst oder vielleicht auch nur – bei der ARD auftauchte. Jetzt wissen wir es.
Und so eine Anstalt masst sich an, wegen einem einzelnen Fahrer, der in einer A-Probe zuviel Testosteron aufweist, zack bumm alle, die ein Interesse am Radsport haben, im Stich zu lassen? Hier die Alternativen:
Eurosport, T-Online, Sport1, Le Tour, Live-Radsport, SF, Sport.ch.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.
















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Ich finde es ziemlich unangebracht wie du das Dopingproblem hier und auch im vorhergehenden Beitrag zum Thema verharmlost.
Fans wie du lassen sich vor eine riesige Geldmaschine spannen, bei welcher die aktiven Teilnehmer sich ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit bewusst mit Zeugs vollpumpen um selbst vom Ruhm und vom Geld etwas abzubekommen. Ohne Berichterstattung, ohne die Medien, wird das Geld weniger und auch der Ruhm wird weniger.
Ich applaudiere der ARD und dem ZDF für diesen konsequenten Schritt in dieser Heuchelbranche.
Es ist ja auch nicht so, als ob dieser einzelne Fahrer wieder nur ein Einzelfall wäre. Er zeigt nur, dass sich nichts, aber auch gar nichts verändert. Auch dieses Jahr bin ich überzeugt davon, dass alle Teilnehmer der Tour dopen.
Du bist auch einer dieser Heuchler, der die Augen fest zusammenpresst und sich die Finger in die Ohren steckt, sobald das Wort Doping ertönt. Dass dieser Sport (sicher nicht als einziger, aber am besten “erforschter”) nicht sauber ist, bleibt trotzdem ein Fakt, dass du zwar ignorieren kannst, dass deshalb aber nicht verschwindet.
Die einzige Leistung, welche bei der Tour de France noch eine Rolle spielt, ist wer am besten dopt. Dafür brauch man keine Fahrräder, keine Berge, kein Frankreich – aber dann würde das Geld ja auch nicht so fließen.
“… damit verunglimpft man alle seriösen Radfahrer!”
Die zwei Ungedopten werden das überstehen, glaub mir ;-)
@Martin Hiegl: Ich habe nicht erwartet, dass meine Haltung überall Zustimmung findet. Verharmlost habe ich das Dopingproblem aber, vor allem im ersten Beitrag, nicht.
Das Dopingproblem befindet sich nicht nur bei den Radfahrern, das Dopingproblem betrifft sehr viele Sportarten. Warum zum Beispiel werden die dicken Oberschenkel gewisser Champions-League-Verteidiger nie thematisiert? Vielleicht, weil es dem Fussball schaden würde. (Gut, Fussball ist weniger anfällig auf Doping als beispielsweise Leichtathletik oder eben Radsport.)
Mich interessiert tatsächlich nicht, was genau die Teilnehmer eingenommen haben und wie genau die Trainingsmethoden sind. Wichtig ist mir, dass alle Teilnehmer die gleichen Voraussetzungen haben und das haben x Jahre, in denen “für sauberen Sport” gekämpft wurde, nicht erreicht.
Fahrer, die sich freiwillig für so eine Tortur wie die Tour de France anmelden, kann man kaum vor sich selbst schützen. Ich denke, sie schaden ihrem Körper auch, wenn sie ohne Doping mitfahren.
Ob es besser ist, wenn Fahrer tot vom Rad fallen oder wenn sie nach drei Wochen als Sieger ins Ziel fahren und dann wegen zuviel Testosteron, einem eingenommenen Ecstasy oder einem Schluck Hustensirup einen Jahreslohn abgeben müssen, weiss ich allerdings auch nicht.
@ Ronnie: Ich verstehe zwar deinen Ärger, aber mich freut die Einstellung der Berichterstattung auch. Es ist ja leider eben gerade nicht so, dass die Fahrer sich noch selber für oder gegen Doping entscheiden können. Wer ungedoped fährt, hat einfach keine Chance mehr. Und da es bei diesem Zirkus wie bei anderen um viel Geld geht (das vor allem dank der Berichterstattung fliesst), ist das Ganze längst zu Gladiatoren-Spielen verkommen. Mittlerweile erinnert mich das an die Formel 1, welche von vielen Leuten ja nur noch in der Hoffnung auf spektakuläre Unfälle verfolgt wird. Die Privaten werden es sich nie nehmen lassen, Gladiatoren-Shows zu übertragen, die werden da nur vom Gesetzgeber gebremst, sonst hätten wir längst live-Hinrichtungen und ähnliches auf diesen Kanälen.
@Mick: Die Frage ist aber auch, ob die Tour de France je etwas anderes war, als eine mehr oder weniger irrsinnige und fragwürdige Reise durch Frankreich. Ich zweifle auch daran, dass die Einstellung der Berichterstattung mitten in der Tour irgendetwas in Richtung “sauberen Sport” bewirkt. Dieser ungeordnete, aber publikumswirksame Rückzug dient eher der Versicherung der eigenen moralischen Einwandfreiheit.
Angefügt werden muss auch, dass der Rückzug ja angekündigt war. Und somit wohl oder übel durchgezogen werden musste. Dennoch handelt es sich nur um einen Verdacht und noch nicht um einen Dopingfall.
Die Frage ist auch, wie die Öffentlich-Rechtlichen weiterfahren. Sind nicht auch Sportarten wie Formel 1, Bodybuilding, Gewichtheben, Schwimmen, Leichtathletik oder Boxen irgendwie moralisch fragwürdig? Wird die Berichterstattung bei Peking 2008 nach dem ersten Dopingfall abgebrochen? Bzw. die betreffende Sportart dann aus dem Angebot gestrichen?
@Ronnie: Mit den meisten Punkten hast Du durchaus recht. Von einem moralischen Standpunkt aus argumentiert kommen die OR eigentlich mit fast allem in die Zwickmühle, nicht nur beim Sport. Peking 2008 dürfte allein schon darum nicht übertragen werden, weil China die Menschenrechte nicht respektiert. Die meisten Werbeclips dürften nicht mehr gesendet werden, weil die bulimischen Models unsere Teenager in tödliche Gefahr bringen. Und ich sollte aus dem Glashaus heraus nicht mit Steinen werden (ich arbeite bei Radio DRS). Für mich stellt sich schon lange die grundsätzliche Frage, ob die OR-Sender überhaupt noch irgendwas von dem machen sollten, was die Privaten machen. Oder ob man die Gebühren gelder nicht besser für all das aufwendet, das die Privaten nicht, oder schlechter machen, weil es nicht rentabel ist. Aber da sind die Politiker überfordert. Die argumentieren immer mit gegenseitig exklusiven Theorien:
a) mit öffentlichen Geldern muss das gemacht werden, was die Gebührenzahler gerne möchten, nämlich populäre Programme.
b) Wenn die OR nur das machen, was die Privaten machen, brauchen sie auch keine Gebührengelder.
Catch 22 …
@Mick: Der Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen ist tatsächlich sehr schwierig zu definieren. Vielleicht müsste es demokratische Wahlen geben, was unbedingt übertragen werden muss. Eine Hälfte könnte so ermittelt werden und die anderen 50% des Programms für Minderheiten reserviert werden. Ist aber ein schwieriges Thema. Ich würde jedenfalls für die Tour de France und die Fussball-WM voten.
“Ob es besser ist, wenn Fahrer tot vom Rad fallen oder wenn sie nach drei Wochen als Sieger ins Ziel fahren und dann wegen zuviel Testosteron, einem eingenommenen Ecstasy oder einem Schluck Hustensirup einen Jahreslohn abgeben müssen, weiss ich allerdings auch nicht.”
das weiss du nicht? dann finde ich es gelinge gesagt, grob fahrlässig, dass du hier solche kommentare postest. mein gott, welcher schwachsinn im internet verbreitet werden kann.
@Fritz: Spitzensport birgt viele Gefahren. Man kann bei der Tour de France auch ganz ungedopt von der Strasse abkommen und den Tod finden, wie Francisco Cepeda oder Fabio Casartelli. Es ist jeder der Fahrer freiwillig am Start. Dieses Jahr hat sich sogar jeder freiwillig dazu verpflichtet, einen Jahreslohn abzugeben, wenn er von der Organisation dazu überführt wird, etwas eingenommen zu haben, das auf einer Liste steht.
>Und so eine Anstalt masst sich an, wegen einem einzelnen Fahrer …
Und die Leute die auf der Fuentes Liste stehen, was ist mit denen? Die sind jetzt alle sauber? Und die Leute, die bei Checchini waren und bei Ferrari … und der saubere Gerdemann, der hängt die alle auf einer Alpenetappe mal eben ab? Rassmussen, der mit seiner monegassischen Lizenz, der ist sauber?
Bei mir ist es so: Ich bin ein Fan. Ich schaue sowieso immer Eurosport, auch weiterhin, denn es ist ein eigentlich so wunderbarer Sport. Aber ich weiß, dass (fast) jeder dopt, und das sich einige Leute damit ins vorzeitige Grab bringen.
Das muss man z.B. Kindern in der ARD nicht als Ideal verkaufen.
Es ist, wie du ja sagst: Eine mehr oder weniger irrsinnige und fragwürdige Reise durch Frankreich …
Hi, Anti-Moralist(?!) Ronnie Grob,
genau für diese, endlich mal konsequente Reaktion der “Öffentlich-Rechtlichen” zahle ich einmal ganz besonders gerne Gebühren. Es wäre der allerletzte Grund, zu ihrgendeinem Kommerzanbieter zu wechseln!
Obwohl mich die Tour de France aber auch wirklich gar nicht interessiert, schliesse ich mich Ronnies Bewertung an: Was ARD und ZDF jetzt veranstalten, ist scheinheilig und heuchlerisch.
Noch zu reden geben, wird wohl, dass jetzt Sat.1 die Tour de France überträgt.