Die Overhyped/Underhyped-Liste, Sommer 2007

Andreas Göldi, 15. Juli 2007 20:41 Uhr, 12 Kommentare Kommentare

In- und Out-Listen werden von Zeitschriften gern publiziert, wenn den Redakteuren (gerade im Sommer) wieder mal nix anderes einfällt, um das Heft vollzukriegen. Warum sollte man das als Blogger nicht auch dürfen?

Darum ist hier die erste inoffzielle Liste der derzeit am meisten über- und underhypten Themen im Bereich der digitalen Medienkonvergenz. Zur Erklärung: Overhyped sind solche Konzepte/Firmen/Technologien, die meiner Meinung nach viel zu viel Aufmerksamkeit kriegen. Underhyped sind diejenigen, die meiner Vermutung nach mal noch viel wichtiger werden, obwohl sie heute noch weitgehend unter dem Radarschirm der Presse fliegen.

Schreiten wir nun ohne weiteres Zögern zu den Ernennungen (denn Preise gibt’s keine):

3D-Welten
Overhyped: Second Life
Mal im Ernst: Immer, wenn ich mal in Second Life reinschaue, ist nichts los. Zwar sind da theoretisch Millionen von Leuten registriert, aber nur wenige davon tauchen jemals auf. Das hat inzwischen sogar die Werbewirtschaft gemerkt, nachdem sich die Werber zunächst noch darüber freuten, endlich auch virtuell Plakate aufhängen zu können.

Underhyped: World of Warcraft und andere Multiplayer-Games
Multiplayer-Games wie World of Warcraft beschäftigen hingegen tatsächlich Millionen von Leuten intensiv, weil’s da nämlich noch um mehr geht als virtuelles Sightseeing. Wenn diese Spiele noch etwas massentauglicher werden, merkt’s dann auch mal die Presse.

Mobiltelefonie
Overhyped: Mobiles Fernsehen
Sorry, aber kaum jemand schaut sich längere Videos oder Fernsehsendungen auf einem winzigen Screen und mit einer immer wieder stotternden Verbindung an. Und das wird auch so bleiben. Solange die mobilen Netze nicht perfekt und die Screens nicht erheblich grösser sind, bleibt mobiles Fernsehen eine Totgeburt.

Underhyped: Mobiles Web
Nach den WAP-Flops der letzten Jahre ist hingegen das Mobile Web in anhaltende Ungnade gefallen. Mit der neusten Generation der Mobilgeräte, die endlich richtige Browser bieten, wird es aber wieder eine Auferstehung erleben. Denn der Informationszugang unterwegs macht nicht nur Spass, sondern ist auch wirklich nützlich.

Etwa richtig: Das iPhone
Der unglaubliche Hype rund um das iPhone ist gerechtfertigt, aber aus anderen Gründen, als man vielleicht denkt. Das erfolgreiche Wundertelefon von Apple bietet keine neuen Features, die es noch nie zuvor gab. Aber es macht dank seiner wunderbaren Benutzeroberfläche erstmals auch dem Durchschnittsuser klar, was man mit Smartphones eigentlich machen kann. Man glaubt nämlich gar nicht, wie viele Leute nicht wissen, dass man mit Handies auch e-Mail abrufen, im Web browsen, Musik hören oder Landkarten abrufen kann. Das iPhone hat all das ins Bewusstsein der breiten Masse gebracht und ist schon allein darum revolutionär. Ausserdem wird Apple die Mobilfunkbetreiber zu günstigen Datenflatrates zwingen, und das ist genau der Impuls, den das mobile Web braucht.

Online-Werbung
Overhyped: Pay-per-Click (PPC)
Ja. Google verdient damit sein Geld. Und PPC ist viel effizienter als andere Werbung. Aber ehrlich gesagt ist es nicht so spannend, wie viele Leute klicken, denn viele haben sich einfach nur verirrt.

Underhyped: Pay-per-Action (PPA)
Wenn die Leute hingegen nach dem Klick auch tatsächlich was kaufen oder wenigstens weitere Infos bestellen, ist das sehr relevant. Als Google neulich in den PPA-Markt eingestiegen ist, hat das ausserhalb der Insiderpresse allerdings kaum jemand bemerkt. Das wird sich ändern. PPA ist das neue PPC.

Webbasierte Software / Software as a Service
Overhyped: Komplette SaaS-Suiten à la Salesforce.com und Netsuite
Mietsoftware per Web ist praktisch für den Kunden, aber die Firmen, die solche Dinge anbieten, sind bis heute kaum profitabel. Selbst Marktführer Salesforce.com leidet an extrem hohen Marketingkosten. Netsuite, führender Anbieter einer komplett webbasierten ERP-Suite, steckt tief in den roten Zahlen. Und jetzt steigt auch noch Microsoft mit Kampfpreisen in den Markt ein. Das könnte böse enden.

Underhyped: Entwicklungs- und Hostingplattformen für SaaS-Anwendungen
Hingegen gibt es schon einige Dienste, unter anderem von Amazon, Etelos oder auch von Salesforce.com, die es Entwicklern erlauben, selbst entwickelte Applikationen auf einer professionell gemanagten Infrastruktur zu hosten. Das ist mehr als nur klassisches Serverhosting, denn diese Plattformen bieten typischerweise hoch skalierbare Rechen- und Speicherkapazität an. So hat auch der Hobbyprogrammierer um die Ecke (oder die IT-Abteilung einer Kleinfirma) plötzlich Zugang zu einer riesigen Serverfarm für die eigenen Softwareprodukte.

Open Source
Overhyped: Linux auf dem Desktop
Auch nach vielen Jahren der Entwicklung bleibt Linux auf dem Desktop was für Freaks oder für Firmen, die zu geizig für Windows- oder Mac-Lizenzen sind. Ubuntu ist nett, aber leider nur im Sinn von “Toll, das ist ja wie mein Windows-PC anno 1998″.

Underhyped: Open-Source-Komponenten für Entwickler
Wenn man bei aktuellen Softwareprodukten unter die Haube schaut, staunt man immer wieder, was für ein grosser Teil der Funktionalität aus dem Open-Source-Umfeld kommt. Gerade für webbasierte Anwendungen haben sich die Entwicklungskosten dadurch dramatisch reduziert. Dass viele Entwickler allerdings die genauen Lizenzbedingungen einfach ignorieren, könnte irgendwann zum Problem werden.

Dateninfrastruktur
Overhyped: Mobile Broadband
Dass UMTS ein Flop ist, dürfte inzwischen bekannt sein. Nicht nur die kommerzielle, auch die technische Performance bleibt weit unter den Erwartungen. Klar, man möchte diese Funktionalität nicht mehr missen, aber sie war bei weitem nicht der Erdrutsch, der erwartet wurde. Und auch WiMAX wird das kaum ändern.

Underhyped: Breitband zu Hause
Die Tatsache, dass heute jeder Haushalt für wenig Geld etliche Megabits an Internet-Bandbreite haben kann, hat grössere Auswirkungen, als man sich normalerweise denkt. Online-Musik, Online-Video, Blogging, Social Networks, Skype: All das wäre ohne Breitbandzugänge nicht passiert.

Social Networks
Overhyped: Myspace, Facebook, StudiVZ
Es ist toll, dass alle Teenies und Studis ganz viel Zeit auf diesen Sites verbringen. Aber sobald sie in ein paar Jahren einen Job und Geld zum Ausgeben haben, wird sich das ändern. Die nächste Generation wird wieder andere Online-Zeitvertreibe wollen.

Underhyped: Xing
Ich staune immer wieder darüber, dass in den USA kaum jemand Xing kennt, denn diese europäische Social-Networking-Site für Professionals ist um Längen besser als LinkedIn und Facebook zusammengenommen. Hoffentlich wird sich Qualität da langfristig durchsetzen.

Digitale Medien
Overhyped: Online-TV mit User Generated Content (Youtube etc.)
Super, mein iPhone hat auch Youtube. Aber gebraucht habe ich das bisher nur für Demozwecke, denn der meiste Content ist einfach viel zu schlecht. Youtube hat sicher eine anhaltende Karriere als grösste Video-Deponie der Welt vor sich, aber ob sich das auch mal in ein lukratives Geschäft umwandeln lässt, bezweifle ich immer mehr.

Underhyped: Downloads von professionellem Videocontent
Wenn die Filmfirmen nicht so dumm wären, könnten wir alle längst wunderbar Kinofilme in höchster Qualität per Internet herunterladen. Aber die Studios werden ja leider grösstenteils von Anwälten geleitet, und die verteidigen lieber die alten Pfründe, statt neue Märkte zu erobern. Irgendwann wird es aber nicht mehr anders gehen, und dann wird es endlich Zugriff auf umfassende Filmbibliotheken geben. Und zwar zum Download, denn im Zug oder Flugzeug funktioniert Streaming halt leider nicht.

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12 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Richi

    schrieb am 15. Juli 2007 um 22:50 Uhr (#)

    Ubuntu ist nett, aber leider nur im Sinn von “Toll, das ist ja wie mein Windows-PC anno 1998?.

    Bei mir laufen u.a. ein PC mit Ubuntu Linux und ein Uralt-PC mit Windows 98.

    Ich glaube auch, dass Linux auf dem Desktop overhyped ist, aber aus anderen Gründen.

    Zwischen einem aktuellen Ubuntu Linux-Desktop und einem Windows PC anno 1998 liegen Welten.

  2. Matti

    schrieb am 15. Juli 2007 um 22:55 Uhr (#)

    Netter Artikel :) Das mit den Onlinewelten sehe ich auch so…

  3. Marc

    schrieb am 16. Juli 2007 um 06:59 Uhr (#)

    Ich kann mich Matti nur anschliessen.

    Danke für den Kommentar zu SecondLife.

    Ich hoffe, dass dieser Eintrag auch von Journalisten gelesen wird, die seit Monaten immer wieder Artikel zum Erfolg von SecondLife “erfinden”.

    Die Mehrzahl der SecondLife-Accounts sind inaktiv.

    Dafür werden (massiv parallele und massiv erfolgreichere) Multiplayer-Games höchstens bei Beiträgen zu Spielsucht erwähnt.

    Das Fussball-Onlinespiel Hattrick hat mit knapp einer Million Spielern wohl mehr regelmässigen Traffic als SecondLife.

  4. ami

    schrieb am 16. Juli 2007 um 11:44 Uhr (#)

    ich stimme vielem zu - lustig auch nach dem lobgesang auf second life dann die titelzeilen derselben magazine “alles täuschung? viele second life nutzer inaktiv!”

    was facebook angeht, stimme ich nicht zu. ich denke, dass die auf einem ganz guten weg sind und würde ich nicht unbedingt mit myspace in einen topf werfen.

  5. ben_

    schrieb am 16. Juli 2007 um 11:48 Uhr (#)

    Ich könnte weinen, so wahr ist das alles.

  6. Andi

    schrieb am 16. Juli 2007 um 14:48 Uhr (#)

    Auch wenn ich den meisten Aussagen zustimme, so würde mich doch noch interessieren wo der genaue Unterschied zwischen Xing und Facebook liegt?

    M.E. liegt er darin, dass ich bei Facebook besser über die Aktivitäten meines Umfeldes informiert bin und das Design bei Xing etwas “lockerer” wirkt. Zusätzlich ist natürlich die vertretene Zielgruppe zu erwähnen und die Networking-Events, die Xing ausserhalb der Internet-Welt organisiert. Trotzdem halte ich all diese Unterschiede noch nicht für Spiel entscheidend zwischen diesen beiden Plattformen.

    Was MySpace angeht, halte ich es ähnliche wie netlog für eine Teeny-Plattform. LinkedIn könnte würde ich aufgrund der Nutzerbasis auch nicht einfach abschreiben, sondern darauf hoffen, dass ihr Design übersichtlicher gestaltet wird. Einige Funktionen, wie etwa die Empfehlungen, halte ich in dieser Plattform für besonders herausragend.

  7. Valentin

    schrieb am 16. Juli 2007 um 15:24 Uhr (#)

    Ich würde dir beim meisten auch zustimmen nur: “Overhyped: Mobile Broadband” das sehe ich nicht so, ich glaube dass sich das langfristig durchsetzt und so wie der “underhyped: breitband zuhause” in ein paar jahren standard ist…

    facebook hat seine plattform auch geöffnet für applikationen und wird sich durchsetzen, weil viele die bei xing sind, sind auch bei facebook:

    xing == professional
    facebook == friends & fun

    am besten wäre noch ein daten austausch für die kontaktdaten, so dass ich nur einmal meine kontakt / job daten ändern müsste… (API’s wären da gut).

    aber ich glaube myspace, studivz etc… werden in ein paar jahren nicht mehr so stark sein (studivz wird bald tot sein wenn sie so weitermachen).

  8. Klaus Eck - PR Blogger

    schrieb am 16. Juli 2007 um 16:08 Uhr (#)

    Eine schöne Übersicht insgesamt, aber Facebook würde ich bei alledem nicht unterschätzen. Es ist längst nicht mehr alleine eine Plattform für “Friends & Fun”, sondern bietet ein enormes Business-Potential, zumal ich via Facebook all meine Web 2.0-Aktivitäten zusammenfassen und intelligent vermarkten kann.

    Ich mag Xing sehr, aber nutze es in erster Linie für mein Adressmanagement. Demgegenüber erfahre ich via Facebook (im Idealfalle), an welchen Projekten meine Kontakte sitzen, in welcher Stadt sie unterwegs sind, was sie gerade bloggen und bookmarken. Und das ist -finde ich - schon eine ganze Menge.

  9. Andi

    schrieb am 17. Juli 2007 um 16:55 Uhr (#)

    Interessant zum Thema “SecondLife” auch folgender Beitrag: http://www.pctipp.ch/webnews/wn/36704.asp?rssnews

  10. Christian

    schrieb am 17. Juli 2007 um 20:00 Uhr (#)

    Danke für diese tolle Zusammenfassung. In den meisten Dingen sprochst du mir aus der Sele.

    Allerdings habe ich gehört das Linux, gerade Ubuntu die Rechnerkapazitäten bei weitem besser nutzt als das Ressourcen-schluckende Windows Vista es Sinn- und Zweckloserweise tut.

    Ob das so stimmt kann ich nicht bestätigen da auf meinem Laptop WinXP vorinstalliert war.

  11. Thomas

    schrieb am 18. Juli 2007 um 16:38 Uhr (#)

    Naja, ob OpenSource Software im Entwicklungsumfeld tatsächlich underhyped ist - ist halt “daily business”, oder? Der Hype war eher vor 4 oder 5 Jahren.
    Und zu Second Life - meines Erachtens ist die Diskussion hier ungenau. Second Life ist ja nur eine Variante von Metaversen. Ich denke, 3D Welten werden schon fester Bestandteil dessen, was wir heute Internet nennen. Wo sonst könnte man tatsächlich einen Online-Shop machen und nicht (nur) einen Online-Katalog?

  12. Frau

    schrieb am 7. Oktober 2007 um 23:53 Uhr (#)

    Der Kommentar zu Linux auf dem Desktop hat meine Gefühle verletzt. Ich nutze Kubuntu seit mehreren Jahren und kaufe neue Peripherie auch nur so zu, dass sicher ist sie läuft unter Linux. Ich bin weder Nerd noch Freak, bei Linux ist das ein wenig wie bei Sojamilch. Erst schmeckt es komisch und dann will man nichts anderes mehr. Geiz? Aha. Warum mehrere tausend Euronen für etwas ausgeben was es auch kostenlos gibt?


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