Wo stehen wir eigentlich in der Internet-Welle?
Derzeit beschäftige ich mich beruflich gerade stark mit webbasierter Unternehmenssoftware, auch “Software as a Service” (SaaS) gennant. Dieser einst sehr kleine Sektor hat sich gut entwickelt. Pioniere wie Salesforce.com sind inzwischen zu stattlichen Konzernen herangewachsen, und die grossen Player wie Microsoft, SAP und Oracle versuchen mitzuhalten. Selbst Google ist mit Google Apps sehr aktiv. Webbasierte Applikationen werden also zunehmend zu einem wichtigen Teil des Internet-Ökosystems.
In diesem Zusammenhang habe ich mich oft gefragt, ob es historische Parallelen zu dieser Innovation gibt. Bekanntlich wiederholt sich die Geschichte ja nicht, aber oft gibt es doch vergleichbare Entwicklungspfade. Gerade in der Innovationsforschung sind diverse Muster bekannt: Disruptive Technologien, Adoptionskurven, Durchsetzung dominanter Designs usw. Obwohl man trotz dieser Erkenntnisse die Zukunft eines Marktes natürlich nicht genau voraussagen kann, geben solche Analysen doch ein paar interessante Einblicke in mögliche Entwicklungen.
Die letzte grosse Welle in der IT-Branche vor dem Internet war natürlich der Aufstieg des Personal Computers und die vielen daraus folgenden Entwicklungen. Ich habe darum mal versucht, die wichtigsten Phasen und Schlüsselereignisse dieser letzten Welle aufzuzeichnen. Die Achse “Marktdurchdringung” ist nur qualitativ zu verstehen und dient zur Illustration.
Nach einer rein experimentellen Phase in den frühen siebziger Jahren erlebte der PC den Durchbruch mit dem Apple II und der ersten Killerapplikation, dem Spreadsheet Visicalc. 1981 brachte IBM seinen PC heraus und damit das erste Produkt, das auch Mainstream-Kunden (d.h. IT-Abteilungen) problemlos kaufen konnten, weil es eben vom existierenden Hoflieferanten stammte.
Nach einer Krise Mitte der Achtzigerjahre brachte Microsoft mit Windows 3.x schliesslich die Softwaregeneration heraus, die den Massenmarkt wirklich eroberte. In Zahlen: 1990 waren noch ca. 100 Mio. PCs weltweit im Einsatz, heute sind es deutlich über eine Milliarde. Für 2015 rechnen Experten bereits mit 2 Milliarden PCs.
Interessant ist aber, was direkt danach geschah: Mit der Client-Server-Technologie etablierte sich die heute noch dominierend Plattform für Unternehmenssoftware: Ein “Fat Client” auf dem (typischerweise Windows-basierten) PC greift auf Funktionalität auf einem Server irgendwo im Unternehmensnetzwerk zu. Und erst diese Kombination fuehrte wirklich zu einem grossen Wachstum der PC-Softwarebranche, wie die folgende Grafik zeigt:

Die obere Kurve zeigt die kombinierten Umsätze der grössten PC-Firmen (Hardware und Software), während die untere Kurve nur die Hardwarefirmen zeigt. Ganz offensichtlich war bis in die frühen neunziger Jahre die PC-orientierte Softwarebranche noch annährend bedeutungslos, und wir sprechen hier von den Schwergewichten Microsoft, Oracle, SAP und Adobe. Erst nach Windows und nach Client-Server erlangten diese Firmen ihre heutige Grösse (und, nebenbei bemerkt, ihre heutigen exorbitanten Profite).
Passiert im Internet nun eine ähnliche Entwicklung? Wenn man versucht, einige Meilensteine des Web auf ähnliche Weise wie oben aufzuzeichnen, zeigen sich tatsächlich interessante Parallelen:

Nach der Experimentierphase der frühen neunziger Jahre kam 1995 der erste Durchbruch mit Netscape. Als auch noch der damals dominierende Softwareanbieter Microsoft auf die Welle aufsprang und mit dem Internet Explorer 3 ein brauchbares Produkt herausbrachte, fasste das Web auch im Unternehmens-Mainstream Fuss. Nach der Dot-Com-Krise brachte die zunehmende Verbreitung von Breitbandzugang und die neuen Web-2.0-Technologien schliesslich den echten Massenmarkt-Durchbruch, gemessen an Nutzungszeit und Vielfalt der Anwendungen.
Die Frage ist nun natürlich, ob Software as a Service und die damit eng verwandte “Enterprise 2.0“-Welle tatsächlich die dominierende neue Form für Unternehmensanwendungen sein werden. Vieles spricht dafür: Webbasierte Software ist typischerweise kostengünstiger und flexibler, genauso wie der PC günstiger als der gute alte IBM-Grossrechner war. Die Welle hat bisher primär kleinere Unternehmen und Abteilungen von Grosskonzernen erfasst, und das war auch bei Client-Server nicht anders. Und wie der PC den Grosscomputer nicht aus allen Bereichen verdrängt hat, wird auch SaaS nicht den PC verdrängen.
Klar, noch ist nicht alles eitel Freude. Ich habe früher schon darauf hingewiesen, dass webbasierte Applikationen noch an vielen Kinderkrankheiten leiden. Aber das war beim PC auch nicht anders. Man kann sich heute kaum noch dran erinnern, wie viel Zeit man in den Zeiten von Windows 3.1 noch damit verbracht hat, nur allein schon das System am Laufen zu halten. Und doch hat sich diese Technologie durchgesetzt.
Es kann sehr gut sein, dass wir derzeit eine historische Wende in der Geschichte der Softwarebranche erleben. Software wird immer mehr ohne Installation im Netz abrufbar sein. Das Web ist nicht mehr nur Informations-, Publikations- und Partizipationsmedium, sondern wird wirklich zur dominierenden Applikationsplattform. Die Tatsache, dass zum Beispiel Microsoft den Kampf mit Salesforce.com aufgenommen hat, zeigt das deutlich. Und SAP plant Ähnliches. Wenn sich die Grossen der vorhergehenden Welle plötzlich neu orientieren, ist das immer ein gutes Zeichen für eine wirklich wichtige Entwicklung.
Wer die Gewinner einer solchen neuen Welle sein werden, lässt sich schwer vorhersagen. Aber eins weiss man aus der Technologiegeschichte: Es sind praktisch nie die Gewinner der vorhergehenden Technologiegeneration.












Artikel per Feed
Artikel per E-Mail
Artikel bei Twitter
Facebook-Seite
Danke für den Hinweis im alten Feed. Dieser Artikel zeigt wiedereinmal, dass “Medienkonvergenz” mehr wert ist als jeder gedruckte Qualitätsjournalismus und eine eigene Domain mehr als verdient hat. Danke!
Netter Besinnungshinweis :-)
“Durchbruch: Apple 2/ VisiCalc”,
wie schnell man doch auch die ersten eigenen Durchbrüche verdrängt.
Welcher Excelkünstler vermutet heute schon die Urspünge der Tabellenlogik auf dem Apple.