Blick, die Zeitung der Pensionäre

Der 1959 gegründete Blick ist noch nicht mal 50 Jahre alt. Und doch deutet alles darauf hin, dass er bald in Rente gehen wird. Die nationale Relevanz ist dahin und neue Leser sind keine in Sicht.

Letzthin dachte ich mir: Wer eigentlich liest überhaupt noch den Blick, die ehemals “grösste” und inzwischen “stärkste” Schweizer Boulevardzeitung? Doch dann war ich einkaufen, in einem grossen Schweizer Einkaufscenter, so um zehn Uhr morgens. Und zufällig sah ich nacheinander drei Menschen, die den Blick lasen. Sie hatten drei Gemeinsamkeiten: Sie waren alle männlich, sie waren alle im Rentenalter und sie sassen alle alleine an einem Tisch im Coop-Restaurant.

So liest man den Blick. Aus Gewohnheit. Wegen den Titeln kauft man sich nämlich, einzelne Ausgaben ausgenommen, die Zeitung schon längst nicht mehr. Als Beispiele für die Einfallslosigkeit und Beliebigkeit der Titel können wir die von Montag und Dienstag dieser Woche nehmen:

Blick 09 07 2007

Blick 10 07 2007

Dass Roger Federer schon wieder Wimbledon gewonnen hat, hat jeder Schweizer noch am Sonntagabend erfahren (Live-Berichterstattung Schweizer Fernsehen, Meldung in vielen anderen den Abend begleitenden Sendungen, Radio, Internet, etc.). Dass die Schweiz ein unglaubliches Weltwunder ist, ist irgendwie auch keine Meldung.

Gestern abend räumte dann die Blick Online mit dem angeblichen Mythos der “Myspace-Generation” auf. Um die These etwas glaubwürdig zu untermauern, wurde ein armer Volontär dazu verknurrt, aus junger Sicht gegen diese neue Konkurrenz zu schreiben:

Mythos Myspace-Generation

Möchte man den allgemeinen Klischees Glauben schenken, ist der typische Jugendliche von heute täglich im Internet, schreibt fleissig Blogs, lädt sich Klingeltöne für sein Handy runter und ist jederzeit vernetzt mit seinen Freunden.

Stimmt das? Gibt es die Myspace-Generation wirklich? Eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Planet Edge ergab: Nein. Jedenfalls nicht im allgemein angenommenen Ausmass.

Was ist denn das “allgemein angenommene Ausmass”? Was ist denn das “allgemeine Klischee”? Dass es alle machen und dauernd? Ich kenne niemanden, der sowas behauptet.

Die informativere Originalstory (vom 30.06.2007) gibt es übrigens beim Telegraph. Es fragt sich überhaupt, wie aussagekräftig eine Umfrage ist, bei der nur um die 400 Menschen befragt wurden. Und in der herauskommt, dass zwar 11% der 18-24jährigen Engländer bloggen, aber nur 6% Online Dating machen.

Ja, vermutlich ist das alles ein Hype. So wie diese neuen Gratiszeitungen, die es zwar noch nicht mal zehn Jahre gibt, die aber den Blick sowohl in der Auflage als auch beim Anzeigenvolumen überholt haben.

Alle Bilder: Screenshots blick.ch

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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11 Kommentare

  1. saxou
    schrieb am 11. Juli 2007 um 22:53 Uhr (#)

    Aha. Und sind denn die drei Blickleser von deinem Post so aussagekräftig, um gleich auf die Gesamtheit schliessen zu können?

    Dann doch lieber die 400 befragten Jugendlichen…

  2. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 12. Juli 2007 um 09:18 Uhr (#)

    @Saxou: Es stimmt, 400 Befragte sind aussagekräftiger als drei Beobachtete. Dennoch: Ich kenne, mich ausgenommen, niemanden, der auch nur ab und zu den Blick kauft. Auch das will nichts heissen, klar. Aber eine nationale Boulevardzeitung, die nicht wenigstens ab und zu eine Ausgabe macht, die sich am Kiosk verkauft, ist meiner Meinung nach dem Tod geweiht.

  3. Sarah
    schrieb am 12. Juli 2007 um 11:08 Uhr (#)

    Nun, Print ist eben doch noch nicht ganz tot. Aber die Bezahl-Boulevard-Zeitung macht es wohl wirklich nicht mehr lange.

    Und doch überschätzen diese Online-Menschen (ich bin da keine Ausnahme) manchmal ihre Reichweite, da sie stets von deren Potenzialen und nicht vom Tatsächlichen ausgehen… So mischen Gratiszeitungen den Schweizer Medienmarkt leider (noch) mehr auf als qualitativ anspruchsvollere Online-Portale.

  4. Neumann Roman
    schrieb am 12. Juli 2007 um 16:06 Uhr (#)

    Der “arme” Volontär bin wohl ich – und nur um meine Kollegen und Vorgesetzten zu schützen: Ich wurde nicht verknurrt. :-)

    P.S. …”allgemein angenommenen Ausmass”. Nun ja: 112’000 seiten, die man allein unter google mit dem suchwort “myspace-generation” findet sprechen ihre eigene sprache…

  5. Chris
    schrieb am 12. Juli 2007 um 22:41 Uhr (#)

    @Roman: Fand deinen Artikel gut. Hast doch vieles in den paar wenigen Onlinezeilen gesagt. Die Studie finde ich noch lesenswert.

    Mich erstaunt eigentlich, dass Ronnie sich über deinen Artikel nicht noch mehr aufgeregt hat. Als ich einmal einen Artikel schrieb mit dem Titel “2.0-Hype relativiert”, fühlte er sich so richtig angesch…

    Lang und detailliert hat er den Text auseinander genommen. Mal Konfuzius zitiert und auf pseudointellektuell gemacht. Viele eigene Zahlen hat er gebracht, die möglicherweise stimmen, aber die Studie, auf die ich mich bezogen haben, hat er (nach eigenen Angaben) gar nie gelesen. Ich solle sie im mailen. Dabei findet man sie auf Google. Er hat einfach mal so richtig wild drauflos getippt. Auch er braucht Geschichten.

    Du musst wissen, dass er es mit Studien nicht so genau nimmt (Plötzlich sagen 3 mehr aus als 400. In meinem Fall weiss es einer besser als ein paar Tausend.). Entweder sie passen ihm oder nicht. Hat er die von Planet Edge wohl gelesen und den Inhalt studiert? Schaut er vielleicht nur auf die Zahl der Teilnehmer? Der Ronnie ist halt ein Schlingel. Und wenn ich das nebenbei bemerken darf:

    “Ich kenne, mich ausgenommen, niemanden, der auch nur ab und zu den Blick kauft.”

    Lieber Ronnie: Schlag dein Zelt mal vor dem Bahnhof Rüschlikon auf oder vor dem Kiosk an der Schaufelbergerstrasse. Um 10 Uhr ist der Blick dort weg. Unglaublich aber wahr. Am Kiosk steht ausser bei CashD nicht: “Gratis zum mitnehmen”. Und in Berikon Mutschellen kenne ich sogar Leute, die den Blick abonniert haben. Das nur so.

    @Roman: Wenn dich Ronnie mit “armer Volontär” betitelt, bist du übrigens noch saugut weggekommen. Das kannst du wahrscheinlich auf den Praktikantenbonus zurück führen.

    Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass der Ronnie locker das Zeug zum Reputationsterroristen hat. Das ist aber eine andere Geschichet.

    Gruss
    Chris

  6. Schreibt hier auf dem Blog Peter Hogenkamp
    schrieb am 13. Juli 2007 um 08:08 Uhr (#)

    Die meisten Leute denken in unserer mit Marktforschungen überzogenen Welt, es gäbe nur quantitative Studien. Das ist natürlich Quatsch. Man darf sich durchaus auch aufgrund einer Beobachtung von drei Personen Gedanken machen, auch von einer. Kauft Euch mal ein Buch über Forschungsmethodik; ich empfehle “Methoden der empirischen Sozialforschung” von Peter Atteslander und lest dort über qualitative Forschung und über Fallstudien.

  7. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 13. Juli 2007 um 09:18 Uhr (#)

    @Chris: Zuerst mal, damit es auch für Aussenstehende klar ist. Es geht um diesen Artikel: “Und daran wird sich auch nichts ändern”.

    Du, Christian, bist damals kurz nach dem Erscheinen des Artikels per Mail auf mich zugekommen und hast Dich, ich will auf keine Details eingehen, mehr oder weniger nach meinem Wohlergehen erkundigt. Ich habe Dir damals vorgeschlagen, doch direkt zum betreffenden Artikel Stellung zu nehmen, was Du aus mir unbekannten Gründen nicht getan hast. Jetzt kommentierst Du diesen Artikel und kommst hier, etwas indirekt, darauf zurück. Werden wir jetzt alle paar Wochen so einen Kommentar lesen müssen?

    Ich will aber deine Vorschläge dennoch beantworten. Ich habe nie behauptet, dass es per sofort keine Zukunft mehr gäbe für Bezahlzeitungen. Ich kann mir auch vorstellen, dass man gute Artikel schreiben kann über Web-Hypes. Was mich eher irritiert, ist, dass solche entwicklungskritischen Texte von jungen Menschen kommen, die mit dem Internet aufgewachsen sind und sich darin auch mehr oder weniger auskennen. Die, wie ich vermute, selbst einige dieser Dienste nutzen.

    Ich hab mir durchaus überlegt, ob Du im Recht bist, wenn Du meinen Angriff, der zwar persönlich war, aber durchaus nicht bösartig gemeint war, kritisierst. Aber wenn jemand dafür bezahlt wird, dass er schreibt, das Benutzerverhalten im Internet werde sich nie ändern, dann darf man auch anderer Meinung sein. Sogar öffentlich.

  8. Chris
    schrieb am 13. Juli 2007 um 11:03 Uhr (#)

    @Peter: Qualitative Forschungsmethodik ist ein gutes Stichwort. Hast du vom Projekt 24seven gehört? Concept Zürich, qualitativer Marketingforscher, züchtet eine geschützte Konsum-Blogosphäre. Spannendes Projekt.

    @Ronnie: Kommentiert habe ich nur, weil der Roman in einer ähnlichen Situation ist. Und zum persönlichen Angriff: Ob bösartig oder nicht. Du darfst dir auch als Blogger zweimal überlegen, was du schreibst. Hast du diese Studie endlich mal gelesen, die du so kritisierst?

  9. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 13. Juli 2007 um 11:38 Uhr (#)

    @Chris: Meine Kritik befasste sich nicht mit dieser Studie, sondern nur mit Deinem Artikel. Und dieser hätte mir doch sicher auch ohne die Lektüre der Studie verständlich sein sollen, oder?

  10. Chris
    schrieb am 13. Juli 2007 um 11:45 Uhr (#)

    @Ronnie: Schon gut. Deine Antwort reicht mir.

  11. Schreibt hier auf dem Blog Florian Steglich
    schrieb am 13. Juli 2007 um 12:59 Uhr (#)

    Man sieht an diesem Beispiel, daß man Aussagen aus solchen Studien leicht passend biegen kann. Ganz abgesehen davon, wie repräsentatitv 400 online Befragte aus 11 verschiedenen Ländern sind – man könnte es etwas unsorgfältig auch so schreiben: Schon 15% aller Jugendlichen in Europa bloggen! Bereits 20% spielen Online-Games wie WoW oder Second Life! Mehr als ein Viertel sind Heavy User neuer Online-Plattformen wie MySpace! Überwältigende 81% der Jugendlichen hören Musik über ihren Computer! 25% hören neue Musik vor allem im Internet! Jeder zehnte kauft neue Technik sofort, wenn sie auf dem Markt ist!

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