Pownce und warum es Webangebote aus den USA leichter haben

pownce.gifDeutsche Internet-Startups haben es nicht leicht. Nach einem kurzen Echo in der Blogosphäre, das Interessierte auf einer neuen Seite vorbeischauen lässt, müssen sich die meisten neuen Webangebote danach aus eigener Kraft entwickeln. Nur studiVZ hat es geschafft, durch Skandälchen und PR-Coups dauerhaft im Gespräch zu bleiben. Entsprechend schnell wuchsen die Nutzerzahlen. Die wenigsten anderen Dienste erreichen eine solche Medienpräsenz. Um deutsche Vorzeigeprojekte wie Xing, Mister Wong oder Qype blieb es ruhiger. Entsprechend langsam stiegen die Nutzerzahlen. Xing (früher OpenBC) brauchte immerhin vier Jahre, um die heutigen 2+ Millionen User zu gewinnen. In den USA sieht es dagegen ganz anders aus.

Mehr als dreimal so viele potentielle Benutzer wie in Deutschland plus mehrere Hundertmillionen User aus aller Welt, die des Englischen mächtig sind, schaffen völlig andere Voraussetzungen. Begünstigend wirken sich auch die Risikobereitschaft und Gründungskultur der US-Amerikaner, einflussreiche Investoren- und Gründernetzwerke sowie der “Celebrity-Status” einiger Internetgrößen aus. Die Folge: Täglich gehen zahlreiche neue Angebote an den Start, viele mit innovativen Ideen, die sich durchsetzen. Besonders die Berichterstattung der US-Onlinemedien und -Blogs sorgt dafür, dass manch ein Startup gar nicht erst durch die schwere Anfangszeit gehen muss, in der um jeden Nutzer gekämpft wird. Aktuellstes Beispiel: Pownce.

Der Dienst, der es ermöglicht, in einem Netzwerk von Freunden Nachrichten, Links, Dateien oder Event-Infos auszutauschen, startete vor zwei Wochen die geschlossene Beta-Phase. Seine Ähnlichkeit zu Twitter sowie die Tatsache, dass Pownce das neue Projekt von Digg-Gründer Kevin Rose ist, sorgten für eine überwältigende Berichterstattung. Ähnlich wie früher bei Google Mail und Joost sind die Einladungen zur Beta-Version von Pownce heiß begehrt. Mittlerweile gibt es sie sogar bei eBay.

Alexa verdeutlicht, wie sich die Dimensionen des hiesigen und des US-Marktes unterscheiden:

alexa_pownce.gif

Das Medienecho zu Pownce (rot) führte dazu, dass der Dienst aus dem Stand mehr Traffic generierte als Xing (blau), einem der führenden deutschen Web-2.0-Angebote – im Netz seit 2003. Auch von Twitter (türkis) ist Pownce nicht mehr weit entfernt. Der untere braun-grüne Graph gibt die Trafficentwicklung von Frazr wieder, dem “führenden” Deutschen Twitter-Klon.

Wer Alexa nicht traut, kann einen Blick auf den Chart von Technorati werfen. 600 bis 300 tägliche Erwähnungen von Pownce in Blogs stehen 180 bis 140 Xing-, 800 bis 1400 Twitter- und 3 bis 10 Frazr-Nennungen gegenüber:

technorati_pownce.gif

Welche Schlussfolgerung kann man ziehen? Innovative Internet-Startups haben es auf dem US-Markt relativ leicht, User zu gewinnen, sofern sie über ein gutes Kontaktnetzwerk verfügen. Deutsche Gründer mit einer wirklich guten Idee (Voraussetzung!) sollten sich daher überlegen, auch direkt (oder ausschließlich) den englischsprachigen Markt in Angriff zu nehmen. Pageflakes, Yumondo, iliketotallyloveit.com, Plazes und Mindmeister setzten von Beginn an auf den US-Markt, Qype und Mister Wong haben gerade Versionen auf Englisch veröffentlicht. Bis in Deutschland das vergleichsweise noch geringe Interesse an Internet-Innovationen gewachsen ist, kann zumindest eine Analyse der Marktchancen für einen internationalen Start nicht schaden.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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12 Kommentare

  1. marcel weiss
    schrieb am 8. Juli 2007 um 23:12 Uhr (#)

    “Nur studiVZ hat es geschafft, durch Skandälchen und PR-Coups dauerhaft im Gespräch zu bleiben. Entsprechend schnell wuchsen die Nutzerzahlen.”

    hmmm,
    1. studivz war schon vorher groß
    2. eklatante Sicherheitsmängel, in einer Masse wie am Fließband produziert, haben keine Verniedlichungsform verdient
    3. studivz war schon vorher groß. die Userzahlen sind durch die Artikel in den Blogs sicher nicht gewachsen

    (Und wenn man Alexazahlen verwendet, sollte man auf die durchaus verzehrte Datenbasis hinweisen. Alexa ist alles andere als repräsentativ)

  2. Martin
    schrieb am 8. Juli 2007 um 23:24 Uhr (#)

    Die Skandale (Verniedlichung aus)und Pannen sorgten dafür, dass studiVZ subjektiv präsent wurde. Auch die Userzahlen stiegen, nachdem alle großen Onlinemedien über studiVZ berichteten. Es spielte für viele User offenbar keine Rolle, dass es sich um Negativ-PR handelte. Good news are no news and bad news are good news.

    Bezüglich Alexa: Ich schrieb “wer Alexa nicht traut….” und gab eine zweite Quelle an. Alexa liefert keine 100-prozentig korrekten Daten, jedoch eine Tendenz. Allein die Tatsache, dass keine absoluten Zahlen angegeben werden sondern nur Prozentwerte, vermittelt dies. Zudem spiegelt der obige Graph genau das wieder, was man sich aufgrund des Geschehnisverlaufes von der Trafficentwicklung erwartet hätte. Ich denke, er erfüllt damit seine Aufgabe.

  3. marcel weiss
    schrieb am 9. Juli 2007 um 13:36 Uhr (#)

    studivz war schon das größte deutsche SN bevor sich der Fons an der Blogbar damit beschäftigt hat. Weder hat das studivz so sehr geschadet, wie es die deutschen Blogger gehofft hatten, noch hat es der Userzahl einen Aufschwung verpasst.
    studivzs Netzwerkeffekt war und ist davon unbeeindruckt und unbeeinflusst am Werkeln. Das mag Dir vielleicht subjektiv anders vorgekommen sein, aber glaub mir: Das hatte nahezu keinen Einfluss. Was medientheoretisch (war ja dann auch auf heise, spon und in einigen Zeitungen) nicht uninteressant ist.

    re:Alexa point taken. Hatte ich wohl überlesen.

    p.s.: frazrs Nichterfolg liegt imho zu äußerst geringen bis gar keinen Anteilen daran, dass es auf deutsch ist. Die haben ganz andere Probleme ;)

  4. Martin
    schrieb am 9. Juli 2007 um 14:16 Uhr (#)

    Ich habe noch einmal ein bissl geforscht. Im Sommer 2006 hatte studiVZ 100.000 Mitglieder, im November 1.000.000, und im März/April wurde die 2.000.000 geknackt. Für dieses Wachstum war natürlich zum großen Teil der Netzwerkeffekt verantwortlich. Dass aber nicht auch die starke Medienpräsenz seit Herbst 2006, die eine Folge der verschiedenen Problem und Skandale war, für das schnelle Ansteigen der Nutzerzahlen mitverantwortlich war (= meine These), da musst Du mich erst mal vom Gegenteil überzeugen ;)

    Siehe auch hier die Anzahl an Technorati-Postings zu studiVZ seit Juli 2006. Gesprächsthema wurde es ab September, und ab da explodierten die Besucherzahlen. Ein bisschen ist das wie die Frage nachdem Huhn und dem Ei. Aber dass die PR (angefangen beim 0815-Blog bis hin zu spon & Co) einen so geringen Einfluss auf die Nutzerzahlen gehabt haben soll, wie Du es angiebst, bezweifle ich. Und um damit zum Blogbeitrag zurückzukehren: Worauf ich hinauswollte, war, dass eine Korrelation zwischen Medienpräsenz und dem schnellen Erfolg von studiVZ besteht – wenn man sich die sehr viel weniger präsente PR anderer Web-2.0-Angebot anschaut, die langsamer Gewachsen sind.

  5. marcel weiss
    schrieb am 9. Juli 2007 um 15:18 Uhr (#)

    Exponentielles Wachstum aufgrund des Netzwerkeffekts ist doch nichts Neues, im Gegenteil das ist doch gerade ein Merkmal davon.
    Ich denke, dass es eher andersrum war als Du es siehst: Durch den durchschlagenden Erfolg von studivz rückte es auch näher in Reichweite der kritischen Augen diverser Blogger, die dann den technisch eher fragwürdigen Zustand von studivz offenlegten.

    Bei der natürlich vorhandenen Korrelation von Medienpräsenz und Erfolg verdrehst Du imho Ursache und Folge: studivz hat am Anfang viel richtig gemacht, was virales Marketing anging (Campuscaptains usw.), was zu einem durchschlagenden ERfolg führte. DIESER brachte dann wiederrum das Medienecho, positiv und negativ, das sicher nicht geschadet hat aber auch nicht der Grund für den Erfolg war.

    Anders gesagt: Studenten die ihre Freunde überreden sich studivz
    zu registrieren, machen und machten den Großteil aus. User, die zu studivz aufgrund von Blogs und Zeitungen gekommen sind, dürften auch in der Hochzeit der Berichterstattung im niedrigen einprozentigen Bereich gelegen haben.

    Wäre es anders gewesen hätte zum exponentiellen Wachstum zusätzlich ein erkennbarer Peak in der besagten Zeit erkennbar sein müssen.

    Deutsche Blogs haben eine geradezu lächerlich geringe Reichweite. Die bewirken gar nix. Und auch die Artikel in Spon und co. haben nur einen Bruchteil der Studenten erreicht. Bzw. der Sachverhalt war ihnen egal.

    Man sollte sich nicht davon täuschen lassen, wie man das selbst erlebt hat.


    Beweisen kann man natürlich weder das Eine noch das Andere. Es sei denn die User geben in ihren Profilen an, wie sie zu studivz gekommen sind und man dann eine der von studivz gezogenen Datenpakete dahingehend analysiert. ^^

  6. Martin
    schrieb am 9. Juli 2007 um 15:48 Uhr (#)

    Du hast sicher Recht, was die beschriebenen Ursachen des Wachstums betrifft. Ich wurde nur den Einfluss der Medienberichterstattung auf ein noch schnellers Wachstum von studiVZ nicht unterschätzen. Hinsichtlich deutscher Blogs habe ich nicht behauptet, diese hätten Einfluss. Leider haben sie im Vergleich zu den USA verschwindend geringen Einfluss. Siehe der Beitrag zu diesen Kommentaren :) Ich beschrieb die Kraft, die Onlinemedien als Ganzes gesehen im Falle von studiVZ hatten. Die Medienpublicity war größer und umfangreicher als bei anderen deutschen Internet-Startups. Um meinen Satz von ganz oben zu zitieren: “Nur studiVZ hat es geschafft, durch Skandale und PR-Coups dauerhaft im Gespräch zu bleiben”. Davon lasse ich mich nicht abbringen :)

  7. marcel weiss
    schrieb am 9. Juli 2007 um 18:28 Uhr (#)

    okay :)

  8. silvio jähnke
    schrieb am 10. Juli 2007 um 22:53 Uhr (#)

    Ich bin auch der Meinung, dass eine gewisse Medienpräsenz ob positiv oder negativ in der Startphase nie schaden kann. Es wirkt sich immer positiv auf die Besucherzahlen aus.

    Wenn das Produkt dann auch noch überzeugt, bleiben Kunden erhalten. Was will man mehr?

  9. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 11. Juli 2007 um 08:57 Uhr (#)

    Genau so läuft das. Wobei offensichtlich nicht immer das Produkt überzeugen muss. Pownce ist wirklich kein Renner und weniger innovativ als Twitter (was ja immerhin etwas Neues war). Trotzdem hat es sich in den USA zu einem Hype entwickelt. Da haben die großen Blogs und Onlinemagazine gute Arbeit geleistet.

  10. silvio jähnke
    schrieb am 11. Juli 2007 um 10:34 Uhr (#)

    Bei der Fußball WM im letzten Jahr war ich im Netz noch nicht aktiv.

    Aber beim Endspiel einen Flizer, mit blustop auf Brust und Rücken so in der 80. Minute
    auf dem Platz, hätte dem Portal bestimmt nicht geschadet.

    Dazu noch die Nachberichterstattung in den Printmedien und wir würden noch heute davon profitieren.

    Einmal richtig präsent, positiv oder negativ und dann reichen schon kleine Pressemitteilungen
    die dann automatisch weiter durch alle Medien gehen.

  11. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 11. Juli 2007 um 12:33 Uhr (#)

    Du kannst diese Flitzeraktion ja zur EM nachholen ;)

  12. silvio jähnke
    schrieb am 11. Juli 2007 um 15:47 Uhr (#)

    Na lass mal, ich glaube, dass es bis dahin auch so schon ganz gut läuft.

    ca. 400 Filme oder Firmen sind ja schon dabei und bis zur em kommen noch 1000 hinzu.

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