Mobile AJAX:
Neuer Standard oder fauler Kompromiss?
Mit Software für Mobiltelefone ist das so eine Sache. Zwar sind die meisten Telefone heute in der Lage, zusätzliche Applikationen laufen zu lassen, aber ein wirklich dominierender Standard hat sich noch nicht etabliert. Es gibt da zunächst mal die grossen Plattformen Symbian, Windows Mobile, Palm und Blackberry, die alle auch noch in je verschiedenen Varianten vorliegen. Daneben existiert eine ganze Reihe von proprietären Betriebssystemen, die typischerweise nur von einem einzigen Hersteller benutzt werden. Ein paar Applikationen gibt es für alle diese Plattformen, aber natürlich sind sie untereinander völlig inkompatibel.
Als einziger gemeinsamer Nenner hat sich bisher Java etabliert, das von der Mehrzahl der modernen Handies unterstützt wird. Die meisten Spiele für Mobiltelefone sind in Java geschrieben, und auch in anderen Anwendungsbereichen gibt es das eine oder andere Programm, beispielsweise Google Maps. Nur nutzt Java gerade bei leistungsfähigen Smartphones so wenig der eigentlichen Gerätepower aus, dass das Benutzererlebnis oft unbefriedigend ist. Und zudem gibt es auch bei Mobile Java viele Kompatibilitätsprobleme zu beklagen.
Daher ist das Angebot an wirklich guten mobilen Applikationen weiterhin bescheiden. Spezialisierte Websites wie Handango listen zwar 10′000 Titel für Palm, 13′000 für Windows Mobile und 7′800 für Symbian auf, aber allzuoft handelt es sich dabei um simple Utilities ohne grossen Nutzwert. Von den 13′000 Windows-Mobile-Programmen sind nur 966 in der Kategorie “Business & Professional” zu finden, aber 2300 bei den Games, und 1300 sind “Themes”, die nur das Erscheinungsbild etwas ändern. Nicht gerade eine grosse Produktivitätshilfe.
Was eindeutig fehlt, ist eine leistungsfähige, gemeinsame Entwicklungsplattform, auf der für die Mehrzahl der mobilen Geräte vernünftige Applikationen entwickelt werden können.
Mobilfunk-Neueinsteiger Apple hat dazu eine Meinung: Für das iPhone, so kündigte Steve Jobs an der Apple-Entwicklerkonferenz, sollen Anwendungen einfach als webbasierte AJAX-Applikationen entwickelt werden. Das ist nicht nur eine schlanke und effiziente Methode, weil Downloads und Installation entfallen, sondern auch noch besonders sicher. Und das iPhone ist rein zufällig eins der ersten Telefone, das standardmässig mit einem AJAX-fähigen Browser geliefert wird.
Klingt ja alles gut, aber ist das wirklich eine vielversprechende Innovation oder einfach nur eine Ausrede, weil Apple derzeit keinen lokal installierten Code auf dem iPhone zulassen will?
Werfen wir mal einen Blick auf die Applikationen, die für das iPhone nach gerade mal einer Woche im Markt zur Verfügung stehen. Der iPhone Apps Manager, eine Liste solcher Applikationen, listet derzeit 62 webbasierte Anwendungen für das iPhone. Bei der iPhone Application List sieht es ähnlich aus. Immerhin. Ganz offensichtlich gibt es bereits eine Entwicklercommunity, die sich an dem neuen Gerät versucht. Dieses Wochenende gab es auch schon das erste Bar Camp mit iPhone-Fokus.
Die meisten Applikationen sind aber noch von eher bescheidenem Nutzen. Da gibt es einen Trinkgeldkalkulator, To-Do-Listen und ein kleines Fahrtenbuch. Daneben natürlich einige Spiele, von Tic Tac Toe bis Sudoku. Am nützlichsten sind eigentlich die Applikationen, die Informationsquellen aus dem Internet in einem iPhone-freundlichen Layout aufbereiten. Da gibt es zum Beispiel ein Interface zu Amazon.com, zu Kinodatenbanken oder zu Sportresultaten, und natürlich kann man auch RSS-Feeds lesen. Und auch kommuniziert wird bereits: Den Bookmarkingdienst del.icio.us oder die Mikrobloggingsite Twitter kann man optimiert vom iPhone aus benutzen. Auf anderen Mobiltelefonen tut man sich da bisher noch eher schwer.

Einkaufsliste mal anders: Als AJAX-Applikation auf dem iPhone.
Die ganz Mutigen versuchen sich an wesentlich weitergehenden Funktionalitäten. So hat Zoho, Hersteller einer webbasierten Office-Suite, bereits eine iPhone-kompatible Version herausgebracht, auf der man bisher seine Dokumente aber nur lesen kann. Und gOffice erlaubt gar das Verfassen von kurzen Briefen per iPhone. Das Resultat kann man dann per E-Mail als Word-File verschicken oder von der Firma gegen Gebühr ausdrucken und per Briefpost versenden lassen. Das ist nun alles schon recht nett für den Anfang, auch wenn die Benutzeroberflächen einiger Anwendungen noch etwas holprig daherkommen.
Der grosse Vorteil von Mobile AJAX ist eindeutig, dass im Prinzp jeder ohne grossen Aufwand eine Applikation ins Netz stellen kann. Distributionskosten sind so gut wie Null, und der Entwicklungsaufwand hält sich im Vergleich zu einer vollwertigen Symbian- oder Palm-Anwendung auch sehr in Grenzen. Bereits gibt es aus verschiedenen Quellen (u.a. von Apple selbst) erste Developer-Guidelines, so dass sich hoffentlich auch der allgemeine Qualitätslevel demnächst steigern wird. Und hinsichtlich Sicherheit ist eine browserbasierte Applikation einer lokal installierten auch allemal vorzuziehen.
Aber der grösste Nachteil von AJAX-basierten Applikationen ist auch offensichtlich. Wenn man keinen WiFi- oder Telefonempfang hat, läuft gar nichts. Und mit dem EDGE-Datenfunk im iPhone wird so manche Anwendung zum echten Geduldsspiel. Zudem können AJAX-Anwendungen nur sehr begrenzt auf die Features des Telefons zugreifen. So weiss beim iPhone die Applikation beispielsweise nicht, ob der User das Gerät gerade im vertikalen oder im horizontalen Modus benutzt.
Und wie sieht es mit der Kompatibiltät zu anderen Geräten aus? Auf dem Nokia E61, das ebenfalls über einen AJAX-fähigen Webbrowser verfügt, der sogar mit dem Apple-Produkt eng verwandt ist, funktionierten die meisten iPhone-spezifischen Anwendungen nur sehr bedingt. Entweder sah das Layout komisch aus, oder die Interaktion war nur bedingt möglich. Einige wenige Applikationen versagten gar ganz den Dienst. Dass es aber auch anders geht, zeigte die oben dargestellte Einkaufslisten-Anwendung OneTrip, die auf dem Nokia genau gleich funktionierte wie auf dem iPhone. Hier werden die meisten Entwickler also noch dazulernen müssen.
Eins wird beim Testen dieser ersten Applikationen schnell klar: Mobile AJAX ist auf einem Mobiltelefon kein vollwertiger Ersatz für lokal installierte Applikationen, genausowenig, wie webbasierte Software auf dem PC für alle Anwendungsfälle ausreicht. Für Spiele, Systemtools und die meisten Produktivitätsanwendungen sind webbasierte Applikationen kaum geeignet. Wenn es hingegen um Informationsabruf oder Kommunikation geht, ist ein leistungsfähiger mobiler Browser eine ideale Entwicklungsplattform.








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Norman N
Wo ist Ajax denn sicher? Beruht es nicht zu Teilen auf Scripten?
Kein UMTS kann der große Nachteil werden.
phanthomas
Hi Andreas, als ich nur bis zur Hälfte gelesen hatte, war ich eigentlich ziemlich stinkig, der Rettungswurf gelingt Dir erst am Ende ;)
Wenn ich auch ein wenig dazusenfen darf:
1.) Selbst meine Mutter weiss nun, was AJAX ist. Bzw. dass das “ganz toll” und “von Apple ist“. Tja, schöne neue Medienwelt! Nun weiss sie aber wenigstens, was ich seit rund 2 Jahren mache.. AJAX ist also endlich selbst beim Otto-Normalverbraucher angekommen, Congrats Steve!
2.) Widersprechen muss ich Dir bei der These, dass JAVA nur einen Teil der Ressourcen nutzt, die moderne Systeme bieten. Das Gegenteil ist der Fall: JAVA ist ein Ressourcenfresser vom feinsten! Ist Dir – Du scheinst ja auch E61 Nutzer zu sein – niemals aufgefallen, dass die Programme ewig zu laden brauchen und der Ressourcenverbrauch im Vergleich mit nativen Symbian-Applikationen gewaltig ist?
Hättest Du “der Möglichkeiten, die..” gesagt, ginge ich mit Deiner Aussage absolut d´accord!
3.) Die Sache mit der “Sicherheit” will ich prinzipiell auch infrage stellen. Ich denke aber, Du meinst “für die Sicherheit des Geräts” – womit Du recht hättest. Ob jedermann aber all seine persönlichen Daten, Spreadsheets, Terminverwaltung usw. über das Web bedienen mag, sei mal dahingestellt. Für mich persönlich gilt: NEIN!
Aber ich sehe es kommen, jeder dahergelaufene Webfuzzi wird nun versuchen “iPhone-Anwendungen” (die keine sind) zu programmieren – und damit wird die Sicherheit in Zukunft deutlich sinken..
4.) Komplett widersprechen muss ich Dir leider bei der Aussage, dass das iPhone “eines der ersten Geräte ist, welches mit einem AJAX-fähigen Browser ausgeliefert wird“. Ich habe mein E61 seit mehr als einem Jahr – die Webdarstellung, AJAX hin oder her, ist annähernd perfekt. Und nicht nur das – das E61 verfügt nicht nur über einen “ähnlichen Browser“.. Es beruht genauso auf dem (Open-Source) Webkit von Apple wie auch der Browser auf dem iPhone! Dennoch funktionieren trotz der engen Verwandschaft einige Sachen wie ZOHO in der Tat (bisher) nicht. Woran auch immer es liegen mag. Aber wirklich funktionieren tut ZOHO ja auch auf dem iPhone bislang nicht.. (Der Editor versagt auch dort völlig!)
Wie “revolutionär” das iPhone in dem Zusammenhang ist, zeigt auf lustige Weise das Video unter http://www.youtube.com/watch?v=MwrE5UCUf7s
5.) Was immer wieder vollständig vergessen wird: Wie soll ein kleiner Entwickler, der bisher seine Progrämmchen für nen 5´er oder so verhökert hat, nun Revenue erzielen? Durch eine Webanwendung bestimmt nicht! Leider killt Apple in diesem Zusammenhang eine ganze Branche. Und wie prickelnd die (webbasierten) Spiele aussehen werden, lasse ich mal gänzlich dahingestellt. Vor allem, da embedded Flash ja auf dem iPhone so toll funktionieren soll ;)
Mein persönliches Fazit zum Thema iPhone/Webapplikationen/Mobile Browser: Toller Werberummel um Altbekanntes und Etabliertes, sowie positive Auslegung der Defizite des iPhones. Allgemein, nicht von Dir!
Trotzdem – guter Ansatz Dein Artikel!
Gruss, Thomas
PS: Alle “Anwendungen” (Wenn man Webservices als solche verstehen möchte) unter http://www.symbian60.mobi/mobilestartpage sowie alle möglichen Google-Funktionen laufen übrigens seit ewig auch super auf allen möglichen anderen Geräten – und da hat noch niemand ans iPhone gedacht ;)
Andreas Goeldi
@Phantomas:
2) Ja, ich meinte natuerlich Moeglichkeiten bzw. Features, nicht Systemressourcen. Ist halt ein Anglizismus, da “Resource” im Englischen oft als Wort fuer Features verwendet wird.
3)Auch das bezog sich auf die Sicherheit des Geraets. Keine Software der Welt kann den Benutzer vor sich selbst schuetzen.
4)Darum hab ich ja geschrieben “eines der ersten” und nicht “das erste”. Bis auf die Nokia E- und N-Serie sind mir da keine weiteren bekannt, die das wirklich aus der Schachtel raus koennen.
5)Mit dem Umsatzproblem kaempfen nicht nur die Kleinen. Aber immerhin hat man bei webbasierten Applikationen kein Problem mit Raubkopierern. Es gibt uebrigens durchaus einige Firmen, die mit nuetzlichen Webanwendungen im Abomodell gute Umsaetze machen (z.B. 37signals), und ich sehe keinen Grund, warum das nicht auch auf mobilen Plattformen gehen sollte.